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Full text of "Die Inseln der Weisheit : Geschichte einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt"

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Die Inseln 

der 

T^feisheit 



Geschichte einer 
abenteuerlichen Entdeckungsfahrt 

von 

.Alexander Mo^zko^wski 



Ein außergewöhnlich interessantes Buch, 

das für unsere Zeit und für die "Weltliteratur die gleiche Be- 
deutung gewinnen wird wie Jonathan Swifts berühmtes Werk 
„Gullivers Reisen". Auch in diesem Buch geht es wirklich aben- 
teuerlich zu, ja man kann getrost behaupten, verwegener, stürmi- 
scher, radikaler als sonst in Schriften, die uns heute Entdeckungen 
auf dem Erdglobus vermelden. Man wird dies glaubhaft finden, 
wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein phantasiebegabter 
Philosoph wie Moszkowski, sobald er ein neues Fahrt-Abenteuer 
veranschaulichen will, alle Maschinen des Gedanken- 
experiments spielen läßt. Es handelt sich um eine Fahrt 
nach weltcntlegenem Inselgebiet, das dem Verfasser durch 
eine okkulte Prophezeiung des Zauberers Nostradamus ver- 
heißen worden ist. Eine romanhafte, spannende Einleitung 
erschließt die Wege zu diesen nie gesehenen Ländern, deren 
"Wesenheit zuvor auch nicht geahnt werden konnte. Jede Insel 
verwirklicht in der Natur ihrer Bewohner, in ihrer vollen Lebens- 
gestaltung ein Prinzip, sie bietet ein philosophisches, soziales, 
politisches, künstlerisches Problem, und dem Leser wird, wäh- 
rend er die abwechslungsreichen, mit allen Abenteuerlichkeiten 
durchsetzten Geschehnisse auf den Inseln mit durchlebt, eine 
Fülle belehrender Anregung erschlossen, wie er sie in dieser 
Eigenart und spannender Verflechtung sonst kaum wieder findet. 



DIE INSELN 
DER WEISHEIT 



DIE INSELN 
DER WEISHEIT 

GESCHICHTE EINER ABENTEUERLICHEN ENTDECKUNGSFAHRT 

VON 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 



6. BIS 10 TAUSEND 



1922 

F. FONTANE & Co. 

BERLIN 



Dieses Buch wurde für den Verlag 
Fontane & Co.. Berlin, bei 
der Buch- und Kunstdruck Aktien- 
gesellschaft in Berlin-Johannisthal 
gedruckt 



Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten 

Nachdruck verboten 
Amerikanisches Copyright 1922 by F. Fontane & Co.. Berlin 



#&1 



Frau 
HELENE WITTROWSKY 

zugeeignet 



N H 



Seite 

Die Ausfahrt 9 

Baleuto. Die Platonische Insel ! 41 

Vleha. Die Insel der glücklichen Bedingungen 79 

Kradak. Die Insel der Perversionen .... ... 109 

Saragalla. Die mechanisierte Insel 136 

Vorreia. Die rückschrittliche Insel 163 

Helikonda. Die Insel der schönen Künste 161 

Die Zwischen-Inseln 

bei den Zweiflern / Die Relativisten und die Als Ob-Leute 
Insula complicatoria / Die Epikureische Insel • Die Pramiten 

Die Insel des Einsamen 206 

Allalina und O-Blaha. Die Inseln der Pazifisten 243 

Die Heimfahrt 

Was folgt daraus? / Das Prinzip der Prinzipe / Insel- Weisheit 

und Weisheits-Inseln / Haec fabula docet .... . 273 



Die Inseln der Weisheit 

Geschichte einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt 

Vorbereitendes Kapitel 

Die Ausfahrt 

Wirkliche Abenteuer? Über den Begriff möchte ich mich mit 
dem Leser von vornherein verständigen. Wenn es darauf ankäme, 
auffallende, unerhörte, an den Nerven reißende Begebenheiten 
zu häufen, so hieße es Wasser in den Ozean schöpfen, wenn 
man zu den wilden Schicksalen ehemaliger Weltfahrer noch 
neukonstruierte oder selbsterlebte hinzufügen wollte. Ange- 
fangen von den alten Phöniziern über Hanno, Himilko, Herodot 
hinweg bis zu den Zügen Alexanders und der Ptolemäer, dann 
wieder von den Fahrten der Marco Polo, Kolumbus, Vasco bis 
zu den Expeditionen Franklins, Livingstones, Sven Hedins, 
Nordenskjölds und deren Nachfahren bietet sich uns eine unüber- 
sehbare Kette erlebter Reiseabenteuer, die der ergänzenden 
Phantasie kaum noch wesentliche Ausbeute hinterlassen. Falls 
die Phantasie nicht besondere Wege einschlägt, um Dinge zu ge- 
stalten, die auf realen Entdeckungswegen niemals zu verwirk- 
lichen waren. Aber auch die Bücherei der phantastischen Fahrt- 
abenteuer ist grenzenlos geworden, und es könnte sich fragen, 
ob nicht die Erfindung längst alle Möglichkeiten durchquert hat. 
Ich müßte mich auf diesen Einwand gefaßt machen und hätte 
mich insonderheit vor zwei großen Namen zu fürchten, vor 
Rabelais und Swift; wenn nämlich die Abenteuer, die ich erzählen 
will, nichts anderes wären, als Umfärbungen der berühmten 
Geschehnisse im Pantagruel und Gulliver. Ich hoffe indes, nicht 
in diese Gefahr zu verfallen, da das Abenteuer, wie es mir vor- 
schwebt, von Haus aus ein eigenes Kolorit aufweist. Es bestimmt 
sich wesentlich dadurch, daß in die hier zu schildernden Abenteuer 
Gedankenwagnisse hineinspielen, die der neuze tlichen Wirk- 
lichkeit angehören, somit vordem nicht angestellt werden konnten. 

Nicht als ob nun hier die Wirklichkeit im Hintergrund bliebe 
und der Vordergrund einem nebelhaften Schattenspiel überlassen 



werden sollte. Ich darf vielmehr mit gutem Gewissen versichern, 
daß diese Entdeckungsfahrt in ihrer ganzen Anlage nach dem 
Leitziele der Wahrheit orientiert war. Es wird sich, so denke ich, 
zeigen, daß die Wahrheit nicht nur reichlichen Spielraum für das 
Abenteuer gewährt, sondern an sich sogar unter den hier ver- 
wirklichten Voraussetzungen die Form eines Abenteuers anzu- 
nehmen vermag. Im vorliegenden Fall kündigt sie sich dadurch 
an, daß schon im ersten Anlauf, ehe noch hin ausgesegelt wird 
in unentdeckte Gebiete, allerhand Seltsamkeit aufsteigt. 



Die Sache begann anscheinend beziehungslos als ein Zwie- 
gespräch zwischen mir und einem meiner intimen Freunde, mit 
dem ich ganz allgemein das beliebte Thema der Wanderlust 
erörterte; rückschauend in glückliche Tage der Vergangenheit, 
da das Umherschweifen auf dem Erdplaneten noch zu den selbst- 
verständlichen Gepflogenheiten des Kulturbürgers gehörte, als 
die Frau Valuta uns noch keinen Reiseplan versäuerte, als noch 
keine Paß-Schikane uns an den Grenzen festnagelte und zwischen 
Ausland und Freundesland kein sonderlicher Unterschied ob- 
waltete. Ich hatte zwar von Anfang an einen besonderen Trumpf 
in Bereitschaft, der dem Gespräch eine unerwartete Wendung 
geben sollte, hielt mich aber vorerst aus guten Gründen im Fahr- 
wasser allgemeiner Betrachtung. Sieh mal, lieber Donath, sagte 
ich, unsere elegischen Rückblicke sind im Grunde doch nur der 
Ausdruck dafür, daß wir ein neues Reisekapitel anzufangen 
wünschen. Mit den ewigen Heimatgefühlen ist auf die Dauer 
nicht auszukommen. Was mich betrifft, so verspüre ich ein deut- 
liches Heimweh nach dem Ausland, und ich vermute, daß es im 
Gehege deiner eigenen Empfindungen nicht viel anders aussieht. 

„Zugegeben," versetzte mein Freund Donath Flohr, ,,aber 
von der verschwommenen Sehnsucht bis zur Realisierung solcher 
Wünsche ist ein weiter Schritt. Wir können den Faden nicht 
mehr da anspinnen, wo er mit dem Weltkriege abriß. Entsinne 
dich unserer letzten Fahrt auf dem Luxusdampfer Imperator. 
In welchem Tempo ging das von der ersten Absicht bis zur Ver- 
wirklichung! Heute geplant, morgen ausgeführt. Schon flogen 
die Küsten der Fremdländer an uns vorüber, die Welt schien die 
Bestimmung zu erhalten, für uns zum erquicklichen Wandel- 
panorama zu werden. Und mit welchem Stolz fühlten wir in den 

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Planken des Zauberschiffs deutschen Boden unter den Füßen ! 
Das war Genuß, das war Hochgefühl. Mache dagegen heute ein 
Programm! Wie du es auch anstellst, es wird ärmlich und ge- 
drückt ausfallen; es ist ein Fliegenwollen mit zerbrochenen 
Flügeln und ausgerissenen Schwungfedern. Bestenfalls werden 
wir im Ausland die Geduldeten sein. Man wird uns schonend 
behandeln, in der Erwartung, daß wir uns vorsichtig und demütig 
benehmen. Der Kosmopolitismus ist für uns aus der Welt heraus. 
Und selbst in der herrlichsten Landschaft wird uns die Gegenwart 
immer an den Vers Dantes erinnern: Kein größeres Leid, als im 
Elend sich der Glückszeit erinnern!" 

„Dagegen gäbe es vielleicht ein Mittel. Man müßte das Pro- 
gramm so neu und so bedeutend anlegen, daß jeder Vergleich 
zwischen Jetzt und Einst von selbst verschwände. Man müßte 
für die Reise Ziele in Horizonten wählen, denen gegenüber alle 
vormaligen Touristenfahrten zu gleichgültigen Landpartien herab- 
sinken." 

„Ich verstehe dich nicht. Ich glaube, du phantasierst." 

„Schon möglich. Aber wenn ich in dieser Phantasie auch nur 
den Schimmer einer Möglichkeit hindurchspürte, so wäre sie 
immer noch besser als der blanke Verzicht." 

„Also was willst du eigentlich? Was hast du delirierender 
Weise vor? erkläre dich deutlicher." 

„Ich denke an eine Entdeckungsreise. An eine Expedition 
von ganz ungewöhnlichem Ausmaß." 

„Das klingt in der Tat nach Wolkenkuckucksheim. Ich setze 
ganz beiseite, daß wir beide — wenn du mich mitnehmen willst — 
mit unseren Portemonnaies nicht bis zu den nächsten Horizonten 
dringen könnten ; und nun redest du gar von Expeditionen ins Un- 
bekannte? Das ist doch ein Widerspruch in sich selbst ! Selbst wenn 
du ein Kolumbus wärst, mit den Mitteln eines Königreichs in 
der Hand, würdest du auf dem Globus auf nichts Unbekanntes 
stoßen. Die Welt ist doch entdeckt, nach allen Richtungen durch- 
quert, und die weißen Flecke auf den Atlanten mit der Aufschrift 
„Unerforscht" sind längst verschwunden." 

„Das leugne ich durchaus, Gewiß, auf den Festländern ist 
nicht mehr viel zu holen. Dagegen bin ich der Meinung, daß 
die Ozeane noch sehr viele unerschlossene Geheimnisse bergen. 
Man kann dies mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sogar be- 
weisen. Schon vor einem Jahrhundert waren die Meere so gründ- 
lich abgesucht, daß man schwerlich noch große Landfunde er- 

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warten durfte. Aber da segelte einer hinaus, keineswegs vom 
Format des Kolumbus, eher ein Sportfahrer, der nicht viel mehr 
besaß als ein kleines Schiff und große Geduld ..." 

„Von wem sprichst du eigentlich?" 

„Von Otto von Kotzebue. Keine überragende Berühmtheit, 
und doch ein glücklicher Finder; der entdeckte in der Südsee 
Inseln, — rate mal wie viele?" 

„Ach, die Zahl ist ja Nebensache." 

„Doch nicht, wenn man mit Wahrscheinlichkeitsschlüssen 
operiert, um von realen Vergangenheiten auf zukünftige Möglich- 
keiten zu stoßen. Also nicht weniger als 399 Inseln hat er ent- 
deckt!" 

„Imponiert mir gar nicht. Ein Punkt wie der Nordpol ist 
wichtiger als tausend winzige, gleichgültige Inseln." 

„Und eine einzige, kleine, noch unentdeckte Insel kann 
wichtiger werden, als Dutzende von entdeckerischen Funden, 
die geschichtliche Geltung erlangt haben. Falls nämlich das 
Neuland nicht bloß eine geographische oder wirtschaftliche 
Neuheit bietet, sondern eine intellektuelle; falls sie uns mit Er- 
scheinungen und Gestaltungen bekannt macht, die uns unge- 
ahnte geistige Fernblicke eröffnen." 

„Und so etwas hältst du für möglich?" 

„Für nahezu sicher. Erlasse mir vorläufig die Begründung, 
die ich mir mit Vorbedacht noch aufspare. Zunächst genüge der 
Hinweis darauf, daß es auch heut noch nicht aussichtslos ist. 
die Meere zu durchstreifen mit dem Plane, an unberührten Ge- 
staden zu landen. Ich verfahre hierbei, wie bereits angedeutet, 
nach einer sozusagen statistischen Methode. Ich prüfe die Land- 
karten nach der Verteilung und Dichtigkeit der Inselkomplexe, 
um vielleicht eine Spur, den bloßen Schimmer einer Gesetz- 
mäßigkeit wahrzunehmen. Gelänge es auch nur in losester An- 
deutung, irgendwelche Regel herauszubringen, so brauchte man 
nicht mehr ganz planlos in den Zufall hineinzutappen ; man 
hätte einen ersten Ansatz dafür, wohin die Reise zu gehen hat. 
Gleichzeitig zog ich die berühmtesten Seereisen zu Rate, 
deren Linien ich nachzeichnete, um zu ermitteln, ob zwischen 
diesem Strichnetz und der Verteilung der Inselschwärme irgend- 
eine Beziehung bestände. Und da bin ich wirklich auf ein Ergebnis 
gestoßen, wenigstens auf etwas, das ich im ersten Anlauf für ein 
Ergebnis halte: ich fand auf den ozeanischen Karten ein weites 
Gebiet, das mir wie vom Schicksal zur weiteren Durchforschung 

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vorherbestimmt erscheint; insofern es von allen bisherigen See- 
fahrern sehr vernachlässigt wurde, während die Figuration darauf 
hinweist, daß hier noch ganze Gruppen nie gesehener Inseln sich 
unter der monotonen Tünche des kartographischen Blau ver- 
stecken." 

„Zeig' mir doch das mal auf der Karte," begehrte der Andere, 
dessen Neugier zu erwachen begann. 



Ich schlug ihm einen Atlas auf und verwies ihn auf den nörd- 
lichen Teil des Stillen Ozeans, zwischen den Sandwich-Inseln 
und den Aleuten. „Sieh, Donath, das wäre ungefähr mein Terrain. 
Jungfräulich genug sieht es aus, so gut wie unberührt von benam- 
sten Ortspunkten. Und an der Geräumigkeit dieses lediglich von 
Meridian- und Parallelstrichen durchzogenen Meeresfeldes ist 
nicht zu zweifeln. Es umfaßt ungefähr neun Millionen Quadrat- 
kilometer, könnte also annähernd ganz Europa verschlucken. 
Nördlich und besonders südlich davon ein wahres Gewimmel 
von Inseln, die Hawai'schen an der Spitze, und dazwischen die 
bläuliche Öde der Unentdeckten. Bis zum Beweise des Gegenteils 
halte ich daran fest, daß diese ungeheure Fläche darauf wartet, 
mit den Zeichen entdeckerischer Tätigkeit bevölkert zu werden." 

„Und du nimmst einstweilen an, daß hier noch gar nicht ge- 
sucht worden ist?" 

„Das wäre natürlich übertrieben. Dieses Feld war sogar der 
Schauplatz gewisser Expeditionen ..." 

„Und wenn diese nichts gefunden haben, so beweist das . . . 

„So beweist das im Einzelfalle nur, daß nicht gesucht wurde. 
Genauer gesagt, die Leiter dieser Expeditionen suchten keine 
menschlichen Siedelungen, sondern bestimmte Merkmale von 
wissenschaftlichem und technischem Interesse. So veranstaltete 
hier der Kommandant Belknap auf dem amerikanischen Kriegs- 
schiff Tuscarora anno 1874 zahlreiche Tieflotungen, bei denen 
die enormsten Seetiefen bis nahe an neun Kilometern durchs 
Senkblei und Tieflot ermittelt wurden. Er verfuhr also nach 
einem für Zwecke der Kabellegung einseitig festgelegten Pro- 
gramm, hielt sich vorwiegend an die gerade Ost — West — Linie 
der Durchquerung, bog nicht ab, kreuzte nicht, so daß man bei- 
nahe sagen könnte : er vermied jede Länderentdeckung. Immerhin 

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hat seine Expedition diesem ungeheuren Wassergebiet den Namen 
gegeben. Es heißt noch heute die Tuscarora-Tiefe, und wenn 
irgendwo, so müssen auf ihr die Inseln der Verheißung liegen." 

„Allmächtiger! die Inseln der Verheißung — von wem 
denn verheißen?" 

,,Von meiner Ahnung. Eine Fata Morgana, denkst du, und 
ich verüble dirs nicht. Inzwischen laß dir gesagt sein, daß ich 
bereits angefangen habe, für meine Idee zu werben." 

„Mit Erfolg?" 

„Nicht nennenswert, oder präziser ausgedrückt: Erfolg 
vorerst gleich Null." 

„Eigentlich wundert mich das," ironisierte mein Freund, 
„für waghalsige und pathetisch vorgetragene Projekte liegt doch 
sonst das Geld auf der Straße." 

„Ich glaube eher in den Stahlfächern, und deren Inhaber sind 
nur selten Idealisten, wie mein Projekt sie voraussetzt. Ich bin 
also fast durchweg an zugeknöpfte Taschen geraten. Allerdings 
wäre hinzuzufügen, daß ich an einigen Stellen eine gewisse Auf- 
merksamkeit für meinen Plan angetroffen habe. Die Leute sagten 
mir 'nicht etwa einstimmig, daß ich mich in eine Utopie verrannt 
hätte. Allein sie bezweifelten sämtlich meine Legitimation fürs 
Entdeckerfach." 

„Hast du ja auch nicht im geringsten. Du bist in Haupt- und 
Nebenberufen Journalist, Dichter, philosophierender Schrift- 
steller, worauf gründest du also deinen Anspruch?" 

,,Auf die Idee selbst. Übrigens könnte ich mich auf Präzedenz- 
fälle berufen. Man ist immer etwas anderes außerdem, bevor 
man Entdecker wird. Stanley, der Kongo-Erforscher, war Zei- 
tungsmensch, Chamisso unterbrach sein Dichten, um Weltum- 
segler zu |werden und unterwegs recht Erhebliches zu entdecken ; 
Sven Hedin, der uns Ost-Tibet erschloß, kam von der Philosophie 
her. Aber damit drang ich nicht durch. Ich klopfte bei mehreren 
sehr geldkräftigen Zeitungen an; ob sie nicht Lust hätten, eine 
solche Expedition ins Werk zu setzen, wie vormals der New-York- 
Herald und der Daily-Telegraph mit dem Journalisten Stanley; 
das könnte doch eine große, vielleicht sehr rentable Nummer 
werden. Die Verleger wiesen mich höflich ab und verzuckerten 
mir die Pille mit einer freundlichen Zusage; wenn es mir gelänge, 
meine Entdeckungsfahrt anderweitig zu deichseln, wollten sie 
gern einige Reisefeuilletons darüber aus meiner Feder annehmen 
und selbstverständlich mit ansehnlichem Spaltenhonorar ent- 

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löhnen. Nicht viel besser erging es mir bei einigen Großbank- 
direktoren meiner Bekanntschaft. Die Konjunktur, so meinten 
sie, verböte zur Zeit so unsichere Extravaganzen. Nur ein einziger, 
der Bankchef Georgi, erbat sich Bedenkzeit; er wolle nicht rund- 
weg Nein sagen, noch weniger freilich Ja; aber er beabsichtige 
die Sache im Auge zu behalten; vielleicht ließe sich dem Projekt 
ein kolonisatorischer Gesichtspunkt abgewinnen, — und was 
der Redensarten mehr waren, um mich zu vertrösten und den 
Kern der Absage zu verschleiern." 

„Das heißt also, es wird nichts daraus — und du wirst nie 
dahin gelangen, deine Nebelvision zu finanzieren. Beratschlagen 
wir also, wenn schon durchaus gereist werden soll, über eine 
praktisch ausführbare Tour. Vielleicht Thüringen oder Schwarz- 
wald . . ." 

,,Du verlegst dich aufs Höhnen, aber der Spott wird dir bald 
vergehen, das prophezeie ich dir . . ." 

„Laß dir einmal sagen, Alex, deine Zukünfteleien fangen an, 
mir auf die Nerven zu gehen; du sagst an: du verheißt, du prophe- 
zeist, du kommst aus dem Futurismus nicht mehr heraus." 

„Wenn du das Perfektum bevorzugst, so bin ich auch damit 
nicht in Verlegenheit. Ich stelle mich in der Zeitbetrachtung 
um, und anstatt fortzufahren: ich werde entdecken, erkläre 
ich dir vertraulich: ich habe entdeckt!" 

„Die Inseln? In deiner Studierstube?" 

„So ungefähr. Klingt etwas paradox und liegt auch wirklich 
jenseits aller Schulweisheit. Also um beim Perfektum zu bleiben: 
ich befand mich vor einer Woche in einer großen Antiquariats- 
versteigerung, wo kostbare und seltene Altdrucke und Hand- 
schriften angemessene, das heißt, schwindelhafte Preise erzielten. 
Du hast sicher davon gelesen, es war die Auktion bei Knaupp 
und Kompagnie, die Zeitungen brachten ellenlange Berichte 
darüber." 

„Jawohl, ich entsinne mich. Aber ich traue dir nicht den 
Wahnsinn zu, daß du etwa mitgesteigert hast." 

„Das verbot sich von selbst. Nur mit stillem Neid verfolgte 
ich den Fortgang dieser Herrlichkeiten, die aus einer holländischen 
Sammlung stammten und vorwiegend alte Prachtstücke aus Süd- 
frankreich umfaßten, Troubadourblätter mit den entzückendsten 
Zierleisten und Miniaturen in leuchtenden Farben auf goldenem 
und silbernem Grunde. Für die Kenner und Liebhaber war es 

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ein Bacchanal, ein Rausch, für mich eine Orgie der Unerschwing- 
lichkeiten. Ich hörte Wertziffern, bei denen man eher an den 
Verkauf von Rittergütern als an Druckpapiere und Pergamente 
dachte. Der Katalog enthielt aber auch, von allen unbeachtet, 
einen unscheinbaren Band in Quart, der mein Interesse erregte, 
ohne daß ich zu sagen gewußt hätte, weshalb. Niemand wußte 
Auskunft zu geben über den Band, dessen Titel über Autor, Er- 
scheinungsort und Jahreszahl keinerlei Anhalt lieferte. Er sah 
alt aus, zerwühlt und zerbeult, aber seine Antiqua-Lettern er- 
gaben nicht den geringsten Sprachsinn; ja es war ersichtlich, 
daß sie nur zufällige Konglomerate von Buchstaben darstellten 
ohne Beziehung auf irgendwelche mögliche Sprache. Man zuckte 
die Achseln, Heß es liegen, und als es ausgerufen wurde, nur nach 
Nummer, nicht nach Inhalt, — denn es hatte ja keinen angebbaren 
Text — verharrte das Publikum in eisigem Schweigen. Schon 
wollte der Versteigerer das zwecklose Exemplar beiseite schieben, 
als ich mich in einer instinktiven Regung meldete: „Hundert 
Mark!" Das Wort war heraus und ließ sich nicht mehr zurück- 
nehmen. Kampflos fiel mir das Buch zu. Willst du es sehen? 
Hier!" 



Mein Kumpan blätterte, prüfte, stutzte, mißbilligte heftig: 
„Genau um hundert Mark überzahlt ! Eine gräßliche Scharteke ! 
Man könnte an einen schlechtenWitz glauben, den sich der Verleger 
von anno Tobak mit den Lesern geleistet hat. Aber für einen 
Scherz wär's doch zu kostspielig gewesen. Da bleibt nur die 
Vermutung, daß der anonyme Herausgeber komplett blödsinnig 
gewesen ist." 

„Du bist auf falscher Fährte, Donath. Der Autor ist gar nicht 
anonym. Er hat nur seinen Namen künstlich versteckt. Und 
dieser Name gehört zu den berühmtesten der ganzen Geisteswelt: 
Dieses Buch ist von Nostradamus!" 

„Jetzt schnappst du offensichtlich über! Wie kommst du 
bloß auf den?" 

„Durch eine einfache Überlegung. Die Forscher der Vorzeit 
haben es aus Laune, bisweilen aus undurchsichtigen Motiven 
dem Publikum nicht selten etwas schwer gemacht. Sie ver- 
kapselten ihre Mitteilungen in Runen und Rätseln, konstruierten 
Anagramme und Versteckschriften und überließen es den Lesern, 
die Lösung zu finden. Sogar der große Newton hat uns der- 

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artige Rätsel hinterlassen, und von Leonardo da Vinci gibt 
es hunderte von Schriftseiten, deren hieroglyphische Struktur 
kaum auflösbar erscheint. Hier, bei meinem so billig erworbenen 
Bande, den du unter die Scharteken verweist, liegt die Sache 
vergleichsweise einfacher. Er ist von A bis Z chiffriert, und zwar 
nach ein und demselben Schlüssel, dessen Auffindung mir schon 
in der ersten Probierstunde zufiel. Betrachte einmal diesem 
Wort auf der Vorderseite. 

,,Aber das ist doch gar kein Wort, das ist ein Sammelsurium 
von Buchstaben!" — Oberflächlich betrachtet gab ihm der An- 
schein recht; denn hier stand: 

Mnrsqzczltr 

also eine gänzlich unaussprechbare Konsonantenhäufung, ohne 
den mindesten Vokal-Anhalt, die keiner möglichen Menschen- 
sprache zugewiesen werden konnte. Ein formloser Brei, aus dem 
aber sofort glitzernde Kristalle zucken, sobald man jeden Buch- 
staben mit dem im alphabetischen Zyklus nächstfolgenden ver- 
tauscht. Das M verwandelt sich also in N, das n in o, weiterhin 
das z folgerecht in a, und so entwickelte sich, wie aus der plumpen 
Puppe der prächtige Schmetterling, das wohltönende und ver- 
heißungsvolle 

Nostradamus 

Da hätten wir den Schlüssel, und jede weitere Probe ergab, daß 
■er durchweg und restlos paßte. Aus dem unverständlichen Sigel 

Ktf ctmh 
sprang die Lösung 

Lu gd u n i , 

die unzweideutig den Erscheinungsort des Buches bestimmte, 
denn Lugdunum ist nichts anderes, als die klassische Bezeich- 
nung für Lyon; was wiederum im besten Einklang steht zu der 
Tatsache, daß auch die berühmten Schriften des Magiers ihren 
buchhändlerischen Ursprung in Lyon gefunden haben. An das 
Zeichen vollends 

LCK 

brauchte man den Chiffreschlüssel nur eine Sekunde anzusetzen, 
um dafür 

MDL 

zu erhalten, was bei der bekannten Zifferbedeutung von M gleich 

Mtvsjkowski, Die Inseln da Weisheit 2 j j 



iooo, D gleich 500 und L gleich 50 das klare Datum 1550 hin- 
Stellte. Gewiß blieben noch einige Schwierigkeiten zurück. Auf 
die Trage, wieso dieses Exemplar hier als ein plötzliches Unicum 
auftauchte, war eine Antwort nicht zu erzielen. Habent sua 
fata libelli! War es aber wirklich ein Unicum — und daran 
ließ sich bei Prüfung des ganzen Buchtextes nicht zweifeln — 
dann durfte sich der glückliche Besitzer des einzigen Exemplars 
erst recht für beneidenswert halten; auch wenn, wie hier 
der Fall, viele Stellen bis zur Unleserlichkeit verwischt er- 
schienen. Es blieb noch genug des Entzifferbaren übrig — um 
dies gleich vorwegzunehmen — der Salomonische Schlüssel 
fand ein weites Feld der Betätigung, — Zeichen und Wunder 
stiegen auf! 

Mir waren sie schon vor jener Unterredung mit Freund Donath 
sichtbar geworden, und ich durfte mich an den Überraschungen 
weiden, unter deren Stößen der ungläubige Thomas sich zum 
Glauben an eine unwahrscheinliche Fernwelt bekehrte. Allein 
noch waren einige Präludien durchzuspielen, bevor ich es unter- 
nehmen durfte, ihn in die große Fuge des Nostradamus einzuführen. 
Ich hielt ihm daher eine kurze Vorlesung über den Mann 
überhaupt und wiederhole sie hier für den Leser, der längst 
erraten hat, daß die abenteuerliche Schrift des Zauberers von 
Notredame sich irgendwie mit meinem exzentrischen Reiseplan 
ergänzt. 

Die Weisheit des Michel de Notredame, genannt Nostra- 
damus, so etwa erläuterte ich, gründet sich vorwiegend auf 
Astrologie, jener Wissenschaft, die wir längst als mythologischen 
Irrwahn abgefertigt haben, die aber doch viele recht erleuchtete 
Köpfe zu ihren Vertretern zählte. Ich lege weniger Gewicht 
darauf, daß Melanchton zu ihr hielt, betone aber mit Nachdruck, 
daß einer der gewaltigsten Sternforscher, eine Leuchte exakten 
Denkens, nämlich Johannes Kepler, der Astrologie huldigte und 
sie praktisch ausübte. Jedenfalls hat sie dem Nostradamus Ein- 
sichten in die Zeitferne verschafft, zu deren Erklärung wir nicht 
das geringste Mittel besitzen. Seine in Vierzeilern, gereimten 
„Ouatrains", abgefaßten Schriften sind nicht leicht zu lesen. 
Viele wimmeln in ihrem Altfranzösisch mit ihren aus anderen 
Sprachen eingestreuten Brocken und beabsichtigten, in Will- 
kür und Anagrammen gekleideten Dunkelworten von sprach- 
lichen Schwierigkeiten. Bewältigt man sie aber, so gerät 
man an Prophezeiungen, die ein grenzenloses Staunen erregen 
müssen. 

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So lautet einer seiner Quatrains in freier Übertragung: 

„Die Lilie trägt der Dauphin hin nach Nancy 
Dem Kurfürst nach, bis hin an Flanderns Steine; 
Ein neu Verließ dem großen Montmorency 
Für andern Platz geliefert an clere peine." 

Die historischen Bestimmungen der ersten Zeilen weisen 
genau auf das vierte Jahrzehnt des siebzehnten Jahrhunderts. 
Als der Magier schrieb, konnte der historische, große Mont- 
morency, der erst 1595 zur Welt kam, gar nicht geahnt, ge- 
schweige denn beschrieben werden. Aber dessen Schicksal wird 
hier in knappster Form ganz exakt dargestellt: das „neue 
Verließ" ist das Gefängnis im neuerbauten Stadthaus zu Tou- 
louse; an einem anderen Platz wurde Montmorency 1632 hin- 
gerichtet; und der Name des Soldaten, der die Exekution 
ausführte, war Clerepeyne! 

Diesem verblüff enden Beispiele wären viele andere beizuzählen. 
Ich greife es nur heraus, weil es sich auch in dem von mir er- 
worbenen und entzifferten Exemplare befand. Aber ich entdeckte 
auch andere, bisher völlig unbekannte Quatrains, und unter 
ihnen einige, bei deren Lesung ich wie vom Donner gerührt wurde. 
Denn sie enthielten Ansagen, die bis in die allerletzte Neuzeit 
vorstießen und obendrein — — — mich persönlich be- 
trafen ! 

Mich und die geheimnisvollen Gebiete, deren magischen Bann 
ich schon verspürt hatte, bevor noch des Magiers Wort mich 
erreichte ! 

Da standen sie vor mir in leidlich lesbaren Sätzen, die der 
Dechiffrierschiüssel aus dem chaotischen Wust der Buchstaben 
herausholte. 

Ich setze sie hierher, so wie ich sie fand, als gereimte Vier- 
zeiler, losgelöst von allen Rätseln der Umgebung und von mir 
auf besonderem Blatt ausgeschrieben. So gesehen tauchten sie 
bereits aus dem tiefen Dunkel der Urschrift in den Dämmer der 
Verständlichkeit; sie lauteten: 

Quand republic germaine apres detresse 
Se dresse en vingtetun, dit le prophete, 
Grande decouverte des Isles de la promesse 
Jadis cachees en plaine de notre planete 



2* 



19 



Par 6crivain du nom de Mac6doine 
Et par secours de paire americaine 
On trouvera lcs terres transoceanes 
DeVoilant sublime phenomene. 

Donath stierte abwechselnd auf das Blatt, auf's Buch und auf 
mich, mit Blicken, in denen noch Reste von Mißtrauen 
schwammen. Er hatte im Wesentlichen verstanden, getraute 
sich indes noch nicht, es zu bekennen. Um sich von der ersten 
Überraschung zu erholen und Zeit für Einwände zu gewinnen, 
sagte er: 

„Man müßte zunächst versuchen, eine brauchbare Über- 
setzung herzustellen. Ich selbst halte mich ja in Sprachangelegen- 
heiten für ziemlich gewandt, ich meine aber doch, daß hier meine 
Dolmetscherfähigkeit nicht ganz ausreicht. Dem Sinne käme 
man vermutlich näher, wenn man, ohne am Wort zu kleben, 
auch die Form des Originals in die Übertragung hinübernähme." 

„Das ist bereits geschehen," entgegnete ich. „Höre zu, wie 
ich die Zeilen im Rhythmus und Tonfall der Vorlage verdeutsche: 

Einst werden sich, so wird hier prophezeit, 
Die Inseln der Verheißungen entdecken, 
Wenn sich im deutschen Land nach trüber Zeit 
Um einundzwanzig neue Kräfte recken. 

Schriftsteller ist er, mazedonisch klingt 
Der Name dessen, dem das Los zu eigen, 
Mit einem Paare, das ihm Hilfe bringt 
Vom reichen West, dies Phänomen zu zeigen. 

Über die Hauptsache, räume das nur ein, besteht jedenfalls gar 
kein Zweifel. W r ir haben hier die seit Urzeiten verborgenen Inseln 
der Verheißung und deren Entdeckung, angesagt auf das Kalender- 
jahr und mit genauem Hinweis auf unsere Heimat, in der, wie 
sicher zu ergänzen, der Ursprung der Expedition liegen soll. 
Als Urheber des Plans wird ein Schriftsteller bezeichnet, stimmt 
■ebenfalls. Und was den mazedonischen Namen betrifft . . ." 

„Alexander!" 

„Also das ist schon fast ein Übermaß an Deutlichkeit. Ich 
werde mich nicht damit aufhalten, mich mit Erklärungsver- 
suchen zu plagen als Zeuge eines Mysteriums, in dem das Okkulte 
mit dem ersichtlich Wirklichen untrennbar zusammenfließt. 
Genug, es steht da, und du weißt so gut wie ich selbst, daß ich 

20 



die Spur der Inseln bereits aus ganz anderen Erwägungen heraus 
verfolgt habe, als dieses Nostradamusbuch noch in der Tiefe 
eines Antiquariats schlummerte. Aber das Zusammentreffen 
eines eigenen Planes mit dem Auffinden und der Entzifferung 
dieser okkulten Schrift müßte imstande sein, auch den ungläubig- 
sten Thomas ins Extrem des Glaubens hineinzustoßen." 

„Immerhin, Alex, es besteht da doch noch ein dunkler Punkt. 
Hier ist doch von einem amerikanischen Paar die Rede, und 
davon hast du mir auch nicht die leiseste Mitteilung gemacht." 

„Das erklärt sich dadurch, daß ich selbst nicht das geringste 
davon weiß. Dieser dunkle Punkt ist also tatsächlich vorhanden 
und ich verhehle nicht, daß er mich beunruhigt. Denn wenn 
ich auch alles durchgehe, was ich jemals an amerikanischen 
Bekanntschaften besaß, so kommt doch keine einzige für den 
vorliegenden Fall in Betracht. Es waren ausschließlich nach 
Europa versprengte Künstler, Konzertgeber, Musikschülerinnen 
und auch mit diesen hat für mich seit dem Kriege jeder Kontakt 
aufgehört. Daß ich selbst nie drüben im anderen Kontinent ge- 
wesen bin, ist dir bekannt." 

„Wenn du aber so fest an die Prophezeiung deiner Quatrains 
glaubst, so müßtest du vielleicht den hiesigen amerikanischen 
Geschäftsträger aufsuchen ..." 

„Nein. Von den achselzuckenden Herrschaften auf unserem 
Boden habe ich nun wirklich genug. Ich habe mich angestrengt, 
in diesem Nostradamus hier noch irgend welchen ergänzenden 
Hinweis zu entdecken. Und meine Suche war auch nicht ganz 
fruchtlos, allein die Ergebnisse lagen in ganz anderer Richtung. 
Sie betrafen die Inseln selbst, über die sich Nostradamus in den 
allerdunkelst en Wendungen ergeht. Der Magier macht da An- 
spielungen, welche darauf hinzudeuten scheinen, daß sich auf 
dieser Insel die seltsamsten Kulturen verwirklichen; sozusagen 
eigensinnige Kulturen, als ob die Inselbewohner es darauf an- 
legten, ihre Existenz nach philosophischen Prinzipien einzu- 
richten. Aber es ist alles so verschwommen ausgedrückt, daß 
ich daraus nicht klug werde. Und was den für uns zunächst 
wichtigsten Hauptpunkt anlangt, so fehlt hierüber jede weitere 
Notiz. Man müßte sich denn an diese Buchstabenfolge auf Seite 
97 klammern 

lzbkhmsnb. 

Donath Flohr nahm ein weißes Blatt von meinem Schreib- 
tisch und schrieb nach der erörterten Regel, indem er jeden 
Buchstaben mit dessen alphabetischen Nachfolger vertauschte: 

21 



m a c 1 i n t o c 

„Das kannst du dir an die Wand nageln," fügte er hinzu: 
„es klingt wenigstens exotisch und erinnert sogar an einen be- 
rühmten Seefahrer, der dir aber nicht helfen kann, besonders 
weil er längst tot ist." 

„Und dennoch !" rief ich, indem ich trotzend auf das Blatt 
schlug. „Alles Übrige ist so überzeugend, so zwingend, daß ich 
von der Idee nicht mehr loskann. Ich will auch davon nicht los, 
ich habe in mir gar keine Möglichkeit, es zu wollen. Denn mein 
Verstand müßte einfach dabei abdanken. Er müßte sich ent- 
schließen, das alles für ein höhnendes Spiel des Zufalls zu nehmen; 
und das wäre genau so — ich zitiere Cicero — als wenn man an- 
nehmen wollte, das aus dem zufälligen Zusammenschütten von 
Buchstaben ein Gedicht wie die Ilias entstehen könnte !" 

„Also du willst mit dem Kopf durch die Mauer. Schön. Aber 
dann müßtest du wenigstens die Bewegungsmöglichkeit haben, 
und die hast du nicht. Du stehst festgekeilt vor einem finanziellen 
Rechenexempel, und erklärst selbst, daß alle Lösungsversuche 
fehlschlagen." 

„Vielleicht gäbe es einen letzten Ausweg. Dieser Nostradamus 
ist doch jedenfalls vom bibliophilen Standpunkt ein Schatz, jetzt 
wo der Schlüssel zur Lesung ermittelt ist. Wie wäre es, wenn 
ich das Buch verkaufte?" 

„Erstens siehst du nicht aus wie einer, der so etwas verhökert. 
Und dann, selbst wenn, würde der Erlös nicht zum hundertsten 
Teile ausreichen, um deine Expedition zu bestreiten. Hier handelt 
es sich doch im Kostenpunkt um viele Millionen — einfach Wahn- 
sinn. Schluß mit diesen Phantasien ! Ich will dir raten: übersetze 
den ganzen Band in hübsche deutsche Reime, gib sie als Buch 
heraus oder noch besser, halte Vorträge darüber in der Philhar- 
monie und sonstwo. Dann wirst du wenigstens eine gewisse 
Genugtuung von dieser Arbeit haben und das Bewußtsein, etwas 
für die Vergnügungssteuer zu leisten". 

Wir beide hatten es im Feuer der Unterhaltung gänzlich über- 
hört, daß an der Vordertür die Klingel mehrfach gegangen war. 
Mein Hausmädchen huschte ins Zimmer und meldete Besuch. 
Auf der Visitenkarte, die sie mir entgegenstreckte, las ich: 

Mac Lintock — 



22 



Es ist anzunehmen, daß mir die Symptome höchst- 

gradiger Verdutztheit auf dem Gesicht standen, als ich die Ein- 
tretenden begrüßte. Denn es waren zwei Personen, Herr und 
Dame; wie sich aus der Vorstellung ergab: Mr. Mac Lintock 
aus Chicago und seine Nichte Eva. 

Ich hätte hier die beste Gelegenheit, dramatisch zu werden 
und ein redendes Quartettgespinnst zu entwickeln. Ich ziehe 
es indes vor, zunächst episch zu verfahren. An sich betrachtet 
war nämlich das Auftreten der neuen Figuren in seinem Motiv 
zwar seltsam, aber keineswegs wunderbar. Der Amerikaner, in 
seinem Äußeren an das Bild des berühmten Präsidenten Lincoln 
erinnernd, Irländer von Herkunft, aber durch und durch yankee- 
siert, befand sich seit kurzer Zeit in Berlin, um hier einige groß- 
zügig angelegte Geschäfte teils einzuleiten, teils abzuwickeln. 
Diese gingen, selbst nach Dollars gemessen, in die sechs- und 
siebenstelligen Ziffern hinein, wonach sich der Herr ersichtlich 
als eine recht vertrauenerweckende Persönlichkeit darstellte. 
Bei einer seiner Transaktionen hatte er mit dem schon vorer- 
wähnten Großbankier Georgi zu verhandeln, dem nämlichen, 
der mir versprochen hatte, meine Sache „im Auge zu behalten". 
Ich selbst war, wie erinnerlich, nur mit minimalen Hoffnungen 
bei dieser redensartlichen Zusage ; allein wider Erwarten berührte 
der Bankier im Gespräch, so nebenbei das Inselprojekt, mit jener 
Selbstlosigkeit, die sich oft einstellt, wenn das Risiko verschwindet 
und der Andere voraussichtlich die Kosten tragen wird. 

Gestern speisten der Amerikaner, seine Nichte und Georgi 
im Esplanade; zwischen Birne und Käse ließ der Dollarmann 
einfließen, daß er sich seiner Dampfyacht zu entäußern wünschte, 
da er sich darauf bis zum Überdruß sattgefahren habe; sie läge 
elf Monate pro Jahr zwecklos in irgendwelchem Hafen herum 
und fräße bloß Zinsen. 

Hier hakte Georgi ein, um wiederum ganz beiläufig die Inseln 
aufs Tapet zu bringen. Da wäre doch einer, dessen ganze forschende 
Sehnsucht sich auf ein Schiff richtete; und ob nun seine Entdecker- 
pläne eine reelle Basis hätten, ob nicht, so wäre doch hier für einen 
Yachtbesitzer ein gewisser Anlaß für eine schöne Geste. 

Es läßt sich nicht behaupten, daß Mac Lintock etwa mit 
Enthusiasmus Zugriff. Allein er begann doch sich zu informieren, 
und seine Nichte griff ein, um den ersten Funken des Interesses 
weiter anzublasen. Denn deren Geisteshorizont spannte sich 
allerdings viel weiter, als der ihres oheimlichen Partners, und sie 

23 



war imstande, sich auf eine bloße Andeutung hin in einen fernen 

Gedankenkreis einzufühlen. 

,,Ich meine, Onkel," sagte sie, ,, zwischen Ja und Nein ist da 
für uns kein Unterschied. Ich sehe auf der einen Seite ein wissen- 
schaftliches Ziel, das erreicht oder verfehlt werden kann, das 
aber doch einen kleinen Einsatz verlohnt. Und für uns ist das doch 
wirklich eine Bagatelle, da die Yacht dich ohnehin langweilt." 

„Ihr spuken nämlich immer wissenschaftliche Dinge im Kopfe," 
ergänzte der Amerikaner. „Sie hat an der Columbia-Universität,, 
in Grenoble und in Leipzig studiert." 

„Und ich habe in allen Fächern zusammengenommen keine 
Weisheit gefunden, die über den Schopenhauerschen Grundsatz 
hinausgeht: omnes, quantum potes, juva! unterbrich mich 
nicht, Onkel, ich übersetze schon: Hilf allen, soweit du kannst!" 

„Kind, mit dieser Regel wird auch ein Krösus bald genug zum 
Bettler. Aber über einen Spezialfall läßt sich ja reden. Mir fällt 
da eben ein, daß mein Freund Rockefeiler mit einem Federzug 
einen Scheck über sieben Millionen Dollars für Forschungszwecke 
ausgeschrieben hat; allerdings für amerikanische Forschung . . ." 

„Es gibt nur universale, und übrigens, Onkel: wenn du für 
die Expedition dein Schiff stiftest, dann wird sie ja unter ameri- 
kanischer Flagge segeln." 

„Außerdem," bemerkte Georgi, „wird diese Sache ja für Sie 
sehr viel billiger als seinerzeit für Rockefeller. Also, wollen Sie 
mich ermächtigen, dem Herrn morgen zu telephonieren, daß in 
seiner Angelegenheit etwas geschehen ist, und daß er Sie im Espla- 
nade besuchen darf?" 

„So nicht!" korrigierte der andere unter ersichtlicher Zustim- 
mung der Dame, deren Wille nicht erst Worte zu finden brauchte, 
um ihn suggestiv zu beeinflussen. „Wenn ich mich schon ent- 
schließe, die Sache in die Hand zu nehmen, dann will ich wenig- 
stens sofort mein Vergnügen haben. Ich werde ihn morgen in 
seiner Wohnung überraschen, das heißt natürlich wir beide. Du 
willst doch, Evy?" 

„Ich will noch mehr. Er wird ja gewiß bei diesem Überfall 
sehr erstaunen — du vielleicht auch!" 



24 



Nun saßen wir zu Vieren in meiner Arbeitsstube und ich sah 
plötzliches Licht in der Finsternis. Das ganze Vorhaben schien 
in kaum einer Viertelstunde klaren Hintergrund und deutliche 
Form zu gewinnen. Der Amerikaner freilich behandelte es eher 
vom Standpunkt einer Millionärskaprice, mit der Überlegenheit 
eines Mannes, der sich als deus ex machina fühlt; dabei auch mit 
der Empfindung eines Spielers, der an der Roulette eine hohe, 
aber für ihn gleichgültige Summe auf eine einzelne Nummer 
schiebt. Aber da ergab sich ein kleiner Zwischenfall. Die Dame 
bemerkte nämlich auf meinem Schreibtisch das Blatt, worauf 
Donath nach dem stummen Diktat des Magiers mit Blaustift 
notiert hatte: „maclintoc". „Hat Ihnen Georgi etwa doch gegen 
die Abrede telephoniert?" — „Nein. Wir wußten nicht das Min- 
deste von Ihrer Existenz, wie Sie wohl an unserem Verhalten 
erkannt haben. Sie haben also wirklich allen Grund zur Ver- 
wunderung; aber ich muß Ihnen bekennen, die Aufklärung wird 
nicht viel begreiflicher ausfallen als das Rätsel." 

Das ganze Thema von Nostradamus wurde neu aufgerollt. 
Ich erklärte den Gästen den ganzen Umfang der eigenen Über- 
raschung von dem Auftauchen der prophetischen Vierzeiler 
bis zu dem Punkte, auf dem wir an den absonderlichen, für mich 
so bedeutungsvollen Namen gerieten. Der erste, der sich von 
der magischen Überrumpelung erholte, war Mac Lintock selbst: 

„Es hat keinen Zweck," erklärte er, „hier Zusammenhänge 
zu suchen, von denen sich eine Trillion gegen Eins wetten läßt, 
daß sie keiner finden wird. Stellen wir uns lieber auf den Boden 
der Tatsachen. Worin besteht das Faktum? Einfach darin, daß 
es total widersinnig wäre, jetzt noch die bevorstehende Ent- 
deckung zu leugnen. Selbst wenn Nostradamus in vielen Fällen 
ein falscher Prophet gewesen sein sollte, hier ist doch eine Hell- 
sichtigkeit erwiesen in der Vereinigung unserer Namen, also der 
Personen, die hier tatsächlich über das Projekt beraten. Damit 
ist das Vorstadium, so meine ich, definitiv überwunden, und es 
gibt für mich kein Zurück. Verfügen Sie über meine Yacht 
„Atalanta", für deren Ausrüstung ich sorgen werde. Ich knüpfe 
daran die einzige Bedingung, daß die erste wilde Insel, die 
Sie entdecken, auf den Namen Mac Lintock-Eiland getauft 
wird." 

„Ich stelle noch eine zweite Bedingung," meldete sich die 
Dame, in deren schönem und bedeutungsvollem Recamier-Profil 
ein Zug des Trotzes merklich wurde, einer Energie, die von vorn- 
herein jeden Widerspruch ausschloß. 

25 



„L.ißt sich erraten/' s;igte Flohr; „die zweite Insel muß nach 

Urnen benannt werden. Selbstverständlich angenommen, 

du erlaubst doch, Alex, daß ich in deinem Namen rede?" 

„Ich vermute/' sagte ich, „daß unsere Helferin sich damit 
nicht zufrieden geben wird." 

„Allerdings nicht. Ich verlange vielmehr, die ganze Expedition 
mitzumachen." 

„Aber Evy!" rief der Onkel; „was für eine Schrulle! Ich 
habe doch wohl anderes auf der Welt zu tun. Nicht um das Ver- 
mögen von ganz Wallstreet kriegst du mich auf eine so unabseh- 
bare Reise ins Blaue." 

„Kehre du nur ruhig zu deinen Geschäften nach Chicago 
zurück. Hier handelt es sich um mich allein. Und verlege dich 
nur nicht etwa auf Sittenpredigt und Methodistenweisheit. Ich 
kenne ja den Sermon: Das ist unpassend — das schickt sich 
nicht — das verstößt gegen Form und Takt. O heaven! Wie 
lang ist's denn her, daß eine junge Dame keine anatomischen 
Studien treiben durfte? Ich habe auf der Universität männliche 
Leichen seziert, und mein Ruf ist unberührt geblieben." 

„Weil du in einem anständigen Damenpensionat gelebt hast 
und nicht einzeln zwischen Herren und Matrosen. Abgesehen 
davon begibst du dich in Abenteuer und Gefahr. Wissen wir 
denn, an welche wilde Völkerschaften diese Expedition gerät?" 

„Herr Mac Lintock," warf ich ein, „jetzt haben Sie verloren. 
Ihre Nichte macht nicht den Eindruck, als ob ein Appell an die 
Furcht ihren Willen erschüttern könnte." 

Eva lächelte: „Ich fürchte höchstens, daß die Gefahr hinter 
meinen Erwartungen zurückbleiben wird. Die Hauptsache bleibt 
aber, daß wir ein solches Unternehmen nicht bloß subventionieren, 
weil wir reich sind, sondern auch begleiten, weil wir unsere Ein- 
sichten erweitern wollen. Welchen Zweck hatte die „Atalanta" 
bis jetzt? Ich habe auf der Yacht gefaulenzt und gedämmert in 
dem Panorama der Luxusorte zwischen Toulon und Rapallo, 
bei den Azoren, der Küste von Florida, jetzt will ich auf ihr etwas 
erleben! endlich nicht mehr nach Baedeker reisen, sondern im 
Zeichen von Tasman, Franklin, Humboldt! — — Übrigens, 
Onkel, sollst du im Nebenpunkt eine ldeine Konzession haben. 
Ich wehre mich gar nicht gegen weibliches Gefolge; du kannst 
mir so viel Zofen und Stewardesses engagieren, wie dir beliebt. 
Aber ich denke, wir werden jetzt noch Wichtigeres zu verabreden 
haben, als die Hilfskräfte für meine Toilette." 

26 



Ihres Erfolges gewiß erhob sie sich, beugte sich Mac Lintock 
entgegen und streichelte ihm die Stirn. Der biß sich in die Lippen, 
zögerte, ergriff dann ihre Hand und sagte : „Es ist bei uns Ameri- 
kanern nicht Sitte, einen Antrag ohne Amendement zum Gesetz 
zu erheben. Du beantragst die Mitreise — angenommen. Mein 
Amendement lautet: du bleibst in meiner Obhut !" Und zu uns 
Männern gewendet ergänzte er: ,,ich hoffe, Ihr Nostradamus 
wird nicht widersprechen, wenn ich mich anschließe. Der Ent- 
schluß, auf längere Zeit meine Privatgeschäfte zu suspendieren, 
kostet mich mehr, als die ganze Atalanta wert ist. Aber Sie sehen 
ja, ich stehe hier unter sanfter Erpressung meines Lieblings. Ich 
bitte Sie daher, mir auf meiner Yacht eine Kabine zu reservieren." 



Im Prinzip stand nunmehr der Plan fest, und es dauerte nicht 
mehr lange, bis er sich aus dem rohen Umriß herausarbeitete. 
Der Telegraph spielte nach zahlreichen Industriepunkten, Befehle 
flogen hinaus, gespart wurde nur an Zeit, nicht an Geld, die ganzen 
Vorbereitungen* standen unter Spannung und Hochdruck. Man 
konnte mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß die Yacht in 
längstens drei Monaten befähigt sein würde, den leeren blauen 
Fleck auf dem Atlas aufzusuchen. 

Die Einzelheiten der Ausrüstung sollen hier nicht aufgezählt 
werden. Es genügt, im Allgemeinen zu beschreiben, wie ungefähr 
der Organismus aussah, für welchen die Inseln der Verheißung 
als unbestimmtes Richtziel aufgestellt waren. 

Die „Atalanta" mit ihren 1800 Tons Gehalt gehörte keineswegs 
zu den Riesenschiffen, entsprach aber in ihrer Größenklasse und 
Bauart allen Anforderungen, die man an ein Expeditionsschiff 
stellen konnte. Sie leistete bis zu 21 Seemeilen in der Stunde und 
besaß nach Ausweis der Fachleute eine vorzügliche Manövrier- 
fähigkeit. Einen Teil ihrer vormaligen luxuriösen Aufmachung 
mußte sie nunmehr opfern, um sich der neuen Aufgabe anzupassen. 
Sollte sie sich auch überwiegend auf ihr Segelwerk verlassen, so 
wurden doch auch die Bunker erheblich vergrößert, um das Schiff 
möglichst unabhängig von aller Kohlenaufnahme zu machen. Es 
galt ferner, das Schiff gegen etwaige Angriffe durch ausreichende 
Bewaffnung zu sichern. Hier ergaben sich zunächst Schwierig- 
keiten, da die Waffe in Privatbesitz, noch dazu mit dem Charakter 
des Kriegsgeräts, seit langer Zeit auf dem Index der verbotenen 
Dinge steht. Allein schließlich wurde doch die Erlaubnis der 

27 



verschiedenen Regierungen erzielt, da die Bestimmung des Schiffes 
als eine durchaus wissenschaftliche definiert war und anerkannt 
wurde. Eine besondere Fürsorge wurde auf die Füllung der Fracht- 
räume verwendet. Wir versahen uns mit einem ausgiebigen 
Lager von Waren aller Art, vornehmlich im Hinblick auf die 
unbekannten Insulaner, mit denen wir in Verkehr treten sollten. 
Das war wie ein Auszug aus einem modernen Warenhaus in 
Musterstücken der Bekleidungs-, Textilindustrie, in Metallfabri- 
katen, Gebrauchsmaschinen, Schmuck- und Spielwaren. Übrigens 
vertrat Mac Lintock den Standpunkt, daß die Kraft des Dollars 
bis in die entlegensten, gänzlich unerforschten Gebiete reichen 
müßte; und ein Scheck von ihm, ausgestellt auf die Bank von 
New York, würde selbst auf einer Insel in Mondferne nach seiner 
vollen Zahlungsfähigkeit bewertet werden. Und er stand mit 
dieser Auffassung unter den Teilnehmern der Fahrt nicht ver- 
einzelt. 

Der nicht große, aber behaglich ausgestattete gemeinsame 
Salon barg als Hauptschatz eine mit Sorgfalt zusammengestellte 
Bücherei, hauptsächlich wissenschaftlichen Inhalts. Unter 
allen Substanzen, die wir mitführten, war sie, wenn auch nicht 
die unbedingt wichtigste, so doch die erfreulichste, im Hinblick 
darauf, daß eine so lange Fahrt endlich einmal die ungestörte 
Muße zum genußreichen Lesen und Studieren versprach. Schon 
der Entwurf des Kataloges für die Bücheranschaffung bereitete 
mir festliche Stunden, umsomehr, da Fräulein Eva sich daran 
mit Umsicht und Kennerschaft beteiligte. Unnötig, zu betonen, 
daß die „Atalanta" in technischer Hinsicht mit den modernsten 
Hilfsmitteln ausgerüstet war, mit Kreiselkompaß, drahtloser 
Telegraphie und mit den feinsten Apparaten zur Beobachtung 
der Erscheinungen, die uns nach menschlicher Voraussicht unter- 
wegs begegnen konnten. 

Der Personenbestand umfaßte außer der Mannschaft und dem 
bereits bekannten Hauptquartett nur wenige, die eine Erwähnung 
verdienen. Der Kapitän Ralph Kreyher, ein auf zahlreichen 
Fahrten erprobter Deutsch-Amerikaner, war wohl nicht mit 
ganzem Herzen bei der Sache. Wäre es nach ihm allein gegangen, 
so hätte er die „ Atalanta", wie schon so oft vordem, nach vergnüg- 
licheren Punkten gelenkt, als nach ungewissen Inseln. Tatsäch- 
lich unternahm er bald nach der Ausfahrt mehrere Versuche, um 
uns zugunsten des Mittelländischen Meeres umzustimmen, von 
dessen Strandjuwelen Nizza, Bordighera und besonders Monte 
Carlo er im Sinne des Genusses überzeugter war, als von den 

28 



zweifelhaften Schönheiten südlich der Aleuten. Seine Bekehrungs- 
versuche hatten freilich nicht den geringsten Erfolg, wenn auch 
der Amerikaner sich allenfalls mit dem veränderten Programm 
abgefunden hätte. Aber an dem Grundstatut war nicht zu rütteln, 
und dieses fußte auf der parlamentarischen Grundlage der Mehr- 
heit. Also es. gab für diese ganze Expedition keine souveräne 
Bestimmung eines einzelnen, und ich selbst war weit davon ent- 
lernt, mir ein Oberkommando anzumaßen, nachdem Ziel, Sinn 
und Zweck der Fahrt unzweideutig festgelegt waren. Es galt 
sonach für weitere Einzelheiten das Prinzip der Abstimmung in 
einer siebenköpfigen Körperschaft, die sich aus mir, den beiden 
Mac Lintocks, Donath Flohr, dem Kapitän, dem Waffenoffizier 
und dem Arzt zusammensetzte. Dem Offizier Geo Rotteck war 
die sozusagen militärische Sicherheit des Schiffes anvertraut, 
mit der Maßgabe, daß er und die von ihm einstudierten Mann- 
schaften keinen Schuß ohne die äußerste Defensivnot lösen durften. 
Der Arzt, Dr. Melchior Wehner, dessen Kenntnisse über das rein 
Medizinische erheblich hinausragten, begann seine Tätigkeit 
damit, daß er uns mit Impfstoffen gegen alle erdenklichen Zufälle 
immunisierte. Alles in allem ein vortreffliches Septuor, dessen 
Beschlüsse ohne erregte Kammerdebatten zustande kamen. 
Das erste Votum erfolgte im Stimmverhältnis von sechs zu eins, 
und ergab den Sieg der Grundidee über den Spezialwunsch des 
Kapitäns, der übrigens seine abwegige Phantasie schnell genug 
vergaß und sich fortan mit strenger Pflichttreue in den Dienst 
der Sache stellte. Genauer präzisiert ging der Beschluß dahin, 
die kürzeste Linie einzuhalten: also quer durch den Atlantic 
und den Panamakanal zu fahren, dann nordwestlich abzubiegen 
mit dem vorläufigen Richtungsziel der Hawais, nördlich deren 
wir die unbekannten Gelände anzutreffen hofften. 



Die ersten Tage verstrichen ohne nennenswerte Zwischenfälle 
und wir konnten uns einreden, eine vom Wetter begünstigte Er- 
holungs- und Vergnügungsreise zu absolvieren, wenn nicht ein 
gewisses Arbeitspensum auf uns gelastet hätte. Dieses ergab sich 
aus der Sprachfrage: welche Mittel standen uns zu Gebote, um 
uns mit den Menschen zu verständigen, die wir aus ihrem geo- 
graphischen Dunkel aufzuscheuchen beabsichtigten? Und wie 
sollten wir uns mit Idiomen vertraut machen, von denen noch nie 
eine Silbe in unsern Kulturkreis gedrungen war? 



29 



Auch hier galt es nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit 
vorläufige Schlüsse zu ziehen und uns durch bekannte Daten dem 
Verhüllten wenigstens um einige Grade anzunähern. Es stand 
zu vermuten, daß die Sandwich-Dialekte ihren sprachlichen Ein- 
fluß irgendwie weiter nach Norden erstrecken würden, daß man 
also um den Anfang der Schwierigkeit herumkäme, wenn es 
gelänge, sich die Elemente der Sandwichsprachen anzueignen. 

Erster Nutzen der Schiffsbücherei! Der Katalog gab Hin- 
weise, wir begannen Spezi alwerke zu wälzen, insonderheit die von 
Codrington (The Milanesian languages), Gabelentz, Bleek und 
anderer Forscher, die über die Verhältnisse der einschlägigen 
Sprachen, besonders der polynesischen Formen, gute Auskunft 
gaben. Bei aller Verschiedenheit der Idiome wurden Gemeinsam- 
keiten erkennbar, und diese befestigten meine alte Überzeugung, 
daß man beim Studium selbst der entlegensten Sprachen niemals 
ganz ins unbekannte Dunkel hineintappt. Zumal bei den Flaupt- 
wörtern, als dem festen Gerüst der Sprachen, treten überraschende 
Verwandtschaften auf, die das Lernen erleichtern und uns so- 
zusagen Leitseile und Geländer in die Hand geben. Das Malayische, 
das wurzelhaft mit dem Indischen zusammenhängt und von An- 
klängen an Sanskrit durchsetzt ist, stand nun für uns im Mittel- 
punkt der Studien. Und immer klarer trat der Merksatz hervor: 
Wir ahnen, daß einer, der mit gehörigen Kenntnissen gerüstet, 
alle Sprachen der redenden Menschen überschauen und vergleichen 
könnte, in ihnen nur verschiedene aus einer Quelle abgeleitete 
Mundarten erkennen würde und Wurzeln wie Formen zu einem 
einzigen Stamme zurückzuführen vermöchte. Dieser Satz ist einer 
Autorität gerade bei der Ergründung der Sandwichsprachen zu- 
geflossen, also derjenigen Ausdrucksmittel, die uns nach aller 
Voraussicht in noch unentdeckten Inseln zur Verständigung mit 
den Eingeborenen dienen sollten. 

Ich möchte auf gut Glück einige Proben herausgreifen, um 
derartige Zusammenhänge und Verzweigungen zu verdeutlichen: 
Make bedeutet im Malayischen (Sandwich-Hawaischen) töten, 
schlagen, fast genau wie im Ebräischen Maku; eine wohlriechende 
Pflanze heißt im Polynesischen: Aroma; die Sonne: AI (ur- 
verwandt mit Helios); die weibliche Brust: Titi (urverwandt 
mit Zitze, womit auch das französische teton, das althochdeutsche 
tutte (Tütte) zusammenhängt). Im Hindostanischen finden wir 
für Schreibfeder: Kalam — lateinisch: calamus, griechisch: 
kalamos, das Schreibrohr, das Rohr überhaupt, wovon unser 
Kalmus. Hindostanisch schwer: „bari" weist auf das griechische 

30 



baros; der indische Feuergott Agni auf das lateinische ignis; 
trinken: pina auf das gleichbedeutende griechische „pino"; das 
Zimmer: kamira auf kamara, Kammer. Vom Polynesischen 
leiten wiederum Fäden zum Madagassischen und Innerafrikani- 
schen, und hier anscheinend abseits jeder Verwandtschaftsmöglich- 
keit, heißt die Mutter: Ma und Mama, der Vater: Baba und 
Papangue; das Wasser: egua (aqua); ich gehe: ando (genau wie 
im Italienischen); Ja: (in der Bamba-Sprache) : „J — a"; öl 
(in der Bari-Sprache) : Oelet; Tod: Doda; Zehn: Tekke (griechisch: 
deka), u. s. w. Auch wenn man im Klange dem Zufall einen ge- 
wissen Spielraum zugesteht, wird man nicht umhin können, 
gewisse innere Grundverwandtschaften zwischen den Worten 
anzunehmen. 

Einige Untersucher sind in dieser Hinsicht sehr weit gegangen, 
vielleicht über das zulässige Maß hinaus: Swift berichtet über 
die unfaßbare Sprache im Fabellande der „Hauyhn-hnms" und 
bemerkt dazu, daß sie dem Hochdeutschen am nächsten stünde. 
Diese Stelle hatte in mir die leise Hoffnung angeregt, auch in den 
Unwahrscheinlichkeiten der polynesischen Stämme irgendwo 
auf deutsche Sprachsplitter zu stoßen. Aber hieraus ergab sich 
nicht die geringste Hilfe; es blieb wirklich nichts übrig, als das 
Gedächtnis mit Neuformen auf's äußerste zu strapazieren. Wir 
fragten uns auf Grund der genannten Hilfswerke wechselseitig 
ab, es stellte sich heraus, daß mein mit angeborenem Sprachsinn 
begabter Freund Donath in diesen seminaristischen Übungen 
weitaus am raschesten vorwärts kam. Er hat sich auch tat- 
sächlich im Weiteren als Dolmetscher ausreichend bewährt, 
ihm zunächst Fräulein Eva, die sich über manche Schwierigkeiten 
durch feinhöriges Erraten und Kombinieren hinwegzuhelfen 
wußte. Ich lasse es bei diesen Andeutungen bewenden, um mich 
nicht in jedem Einzelfalle beim Sprachlichen aufzuhalten; es 
sei also vorweggenommen, daß wir auf unserer ganzen Reise an 
keinen Punkt gerieten, wo die Verständigung versagte. 



Einige Episoden verdienen Erwähnung. Als wir uns bereits 
im Stillen Ozean befanden, regte Donath die phantastische Frage 
an, ob es nicht angängig wäre, unterwegs unseren Antipoden 
einen Besuch abzustatten; er dächte sich das sensationell, einmal 
mit Berlin zu gegenfüßeln. Der Kapitän zeigte ihm auf der 
Karte, daß dies theoretisch wohl denkbar, praktisch aber im 



31 



Rahmen unseres Programms nicht ausführbar wäre. Mein Freund 
stand hier auch wirklich nicht ganz auf der Höhe geographischer 
Einsichten. Erstlich besitzt Berlin überhaupt keine menschlichen 
Antipoden. Die sogenannten Antipoden-Inseln führen ihren 
Namen entsprechend ihrer Gegenlage zu London, genau zu 
Greenwich, und auch zu ihnen wäre der Weg untunlich gewesen, 
da wir uns j a nördlich vom Äquator befanden. Dafür wurde Donath 
versprochen, daß er andere Gegenpunkte von Berlin erleben 
würde, nämlich in der Hawai-Gruppe, wo er bei 166% Grad west- 
licher Länge den Gegenmeridian von Berlin genießen sollte; 
sofern es ein Genuß ist, sich vorzustellen: hier steht die Sonne 
hoch, ich stelle die Mittagsstunde fest, während daheim die 
Turmuhren mit 12 Schlägen Mitternacht verkünden. — 

Einmal, als wir gerade in die See hinausblickten, wurden wir 
durch eine Detonation aufgeschreckt. Wir waren nämlich in die 
Nähe einer treibenden Mine und diese wiederum in die Dreh- 
kreise schwimmender Tümmler geraten. Die Sprengmine, als ein 
verjährtes, auf unerforschlichen Wegen hierher verschlagenes 
Überbleibsel vom Weltkriege gab uns zunächst die Gewißheit, 
daß wir uns hier, wenn auch weitab von Siedelungen, so doch immer 
noch im Gehege ,, moderner Kultur" befanden. Zudem hatten 
wir Ursache, der Delphinhorde dankbar zu sein, die in ange- 
messener Entfernung jene Explosion auffing; hätte sie sich am 
Kiel der „Atalanta" entladen, so wären die Nostradamischen 
Verheißungsinseln unentdeckt geblieben, und von vorliegendem 
Buche würde, gleich bedauerlich für mich wie für meine Leser, 
nicht eine Zeile existieren. — 

An einem der nächsten Tage überkam mich ein seltsames 
Verlangen. Ich ließ durch den Funk-Apparat in den unbegrenzten 
Äther Morsezeichen auf Englisch hinaustelegraphieren: „Die 
Teilnehmer der Atalanta-Expedition, 15 Grad nördlicher Breite, 
145 Grad westlicher Länge, grüßen die unentdeckten Inseln auf 
der Tuscarora-Fläche." Es erfolgte naturgemäß keine Antwort, 
und die Mehrheit der Gefährten belächelte mich, als sich trotz- 
dem eine steigende Unruhe meiner bemächtigte. Kein Zweifel, 
ich war nervös überreizt, wie unter einem Tropenfieberanfall. 
Unser Doktor Wehner stellte stark erregten Puls fest, gab mir 
Chinin und wollte mir Lagerruhe verordnen. Aber mich trieb 
die Exaltation unablässig umher, und ich kam von dem aben- 
teuerlichen Gedanken nicht los, auf jene drahtlose Sendung 
würde irgendetwas erfolgen. Fräulein Eva versuchte, mich kon- 
versationeil zu beruhigen und womöglich von der absurden Idee 

32 



abzulenken. Ich aber blieb hartnäckig bei dem Thema der draht- 
losen Telegraphie, und verlor mich — wie sie später erzählte — 
in unzusammenhängende Erörterungen über die Großfunken- 
station Nauen, über Schwingungen im Vakuum und über die 
Wellen- Berge, die im Äther erregt würden. Schließlich brach ich 
unter der Emotion zusammen, das klare Bewußtsein setzte aus, 
es rauschten mir abgerissene Stichworte durch den Schädel: 
Anruf — Schwingungen — Wellen — Eva — Nauen — Berg — 

Tuscarora Man bettete mich aufs Lager, und der Doktor 

behandelte mich mit Eiskompressen. Nach etwa einer Stunde 
ging der Anfall vorüber, ich erhob mich, ging umher, trat an die 
Reeling und freute mich der Sonnenstrahlen, die mit schrägen, 
glitzernden Pfählen in die Flut tauchten. Da gab es auf dem 
Schiff eine neue Aufregung. 

Der Offizier Geo Rottek rief mich an das Kabinenhäuschen, 
in dem plötzlich der Funkenempfänger zu spielen begann. Wir 
wurden, unbekannt woher, angerufen und zu unserem maßlosen 
Erstaunen funkte uns eine Nachricht entgegen: 

„Gegengruß von den unentdeckten Inseln. Wählet für Er- 
forschung Ausgangspunkt 15942." 

Was hatte das zu bedeuten? Der Amerikaner war als erster 
mit der Erklärung zur Hand, irgend ein unbekannter Empfänger 
meiner Depesche, auf See oder auf Land, hätte sich mit dieser 
drahtlosen Antwort einen freundlichen Spaß geleistet. Aber die 
Mehrheit widersprach dieser Annahme unbedingt und bekannte 
sich zu meiner Überzeugung, daß wir es hier mit einer durchaus 
ernst zu nehmenden Kundgebung zu tun hätten. Und nun 
fegte ein Sturm von Interpretationen über Deck, deren Grund- 
motiv dahinging: die gesuchten Inseln existieren nicht nur in 
Wirklichkeit, sondern sie verfügen sogar über äußerste technische 
Errungenschaften. Sie verstehen die Kunst, sich mit der Außen- 
welt zu verständigen. Und wenn ihre Bewohner dies bis jetzt 
unterließen, wenn sie heut zum ersten Mal den Schleier ihres 
Daseins lüften, so müssen sie hierfür ihre ganz besonderen, einst- 
weilen unerforschlichen Gründe besitzen. 

Es galt daher als nahezu erwiesen, daß wir uns bei späterer An- 
näherung keinem feindseligen Empfang aussetzen würden. Ein 
Rest von Verdacht blieb freilich bestehen. Dieses Telegramm 
konnte eine Falle sein; ein Manöver, um unser kostbares Schiff an 
ferne Gestade zu locken und dann eventuell zu plündern. Hohe 
Zivilisation und Raublust sind ja nicht kontradiktorisch entgegen- 
gesetzt, sondern wie die Geschichte lehrt, eng verschwistert. 

Moszkowski. Die Inseln der Weisheit. 3 33 



Es gibt sogar eine Theorie, nach welcher die Raublust proportional 
mit dem Quadrat der Zivilisation ansteigt. Aber das beschäftigte 
uns im Moment nicht sonderlich. Wir blieben vielmehr an dem 
Schluß der Kundgebung haften und fragten uns, wie wir uns die 
telegraphische Zahl 15942 zu interpretieren hätten. Hier lag 
offenbar der Drehpunkt der ganzen Angelegenheit, der wichtigste 
Hinweis, den wir erst vestehen mußten, um zu einer Orientierung 
über das Zukünftige zu gelangen. 

Waren die Inseln etwa numeriert? Und gar in die Tausende? 
das schien doch gar zu unwahrscheinlich. Oder sollten die Zahlen 
wiederum eine Chiffre abgeben für einzusetzende Buchstaben? 
Alles dahingehende Probieren ging fehl. Aber inzwischen hatte 
unser Kapitän Ralph Kreyher eine gangbare Spur gefunden. 
Er teilte nämlich mit nautischer Findigkeit die Zahl durch eine 
einleuchtende Zäsur in 159 und 42 und erklärte : Wenn der tele- 
graphische Hinweis überhaupt einen Sinn haben soll, so kann 
er nur bedeuten: Steuert auf den Schnittpunkt des 159. Meridians 
mit dem 42. Breitengrad! Wir können natürlich nicht erraten, 
was wir dort finden werden; aber es steht doch zu vermuten, 
daß dieser Punkt die größte Wichtigkeit für unsere Expedition be- 
ansprucht. 

Auf den Seekarten war dieser Punkt nicht durch die geringste 
Eintragung hervorgehoben. Ein namenloser Punkt in der blauen 
Wasserwüste. Unser Konzilium ergab den Beschluß: dorthin 
wird unter allen Umständen gesteuert ! Ganz direkt, auf der kür- 
zesten Linie, ohne Berührung der Hawaischen Inseln? Nein, 
das wäre doch zu grausam gegen den Genius aller Touristik 
gewesen. Zum erstenmal im Leben befanden wir uns in der 
Nähe eines von großen Weltfahrern in allen Tönen der Begeiste- 
rung gefeierten Paradieses, und wir durften nicht die Sünde auf 
uns laden, an diesem Paradiese einfach vorbeizuhuschen. Wir 
beschlossen also: eine kurze Zeitspanne Verzögerung, um Hawai 
und Oahu wenigstens flüchtig zu sehen und aus den berauschenden 
Lebenswellen dieser Gestade einige Schaumperlen zu schlürfen. 
In den Augen des Kapitäns entzündete sich ein wahres Feuer- 
werk der Vorfreude. Und ich illuminierte es noch weiter, indem 
ich aus Georg Wegeners „Zaubermantel" vorlas, dem Werke, 
in dem die Beschreibungen des hawaischen Zaubers wie Perlen im 
Mantel eingestickt sind. Auch hier war Verheißung und dazu 
baldige sichere Erfüllung. Hochgeschwungene Vulkanketten 
in üppiger Tropennatur, Farbenkomplexe, an die keines Malers 
Traumphantasie heranreicht. Silbern schimmernde Bäche, die 

34 



überall vom Plateaurande herniederhängen, in so dichter Fülle 
von solcher Vielgestaltigkeit und mehrfach von solcher Höhe, 
daß sie die der norwegischen Fjorde in Schatten stellen. Dazu, 
bei Nacht, das Spiel elektrischer Scheinwerfer, die das Grün 
der Büsche bis zum Smaragdglanz steigern; und eingeborene 
Menschenkinder, die sich blütenhaft mit der Landschaft in Ein- 
klang setzen. Sie tragen bei jeder festlichen Gelegenheit — 
jeder Tag wird ihnen zum Feste — bunte Blumenkränze auf den 
Hüten, Blütenkrausen um den Hals, lange, vielfarbige, blühende 
Gehänge an Brust und Rücken, ohne Unterlaß lachend, plaudernd, 
scherzend. 

Dem Kapitän fehlte es wohl nicht an Organen zur Erfassung 
der göttlichen Landschaft, allein er war doch noch empfänglicher 
für die kulturellen Reize, die er in der Hauptstadt der Gruppe 
zu finden hoffte und allem Anschein nach auch wirklich fand. 
Honolulu ist ja nicht nur mit Vegetationswundern gesegnet, 
sondern mit Einrichtungen moderner Kulturzentren; seine 
Ziergärten sind durch elektrische Bahnen verbunden, die an 
einem Museum, einer Bank, an Fabriken und Zeitungsdruckereien 
vorbeifahren. Es gibt Theater, Varietes, Klubräume, Bars, 
welche die Tropennacht noch um einige Grade interessanter 
machen, als es die Leuchtkäfer vermögen, die da draußen zwischen 
den Stauden schwirren. Ralph Kreyher und Donath Flohr hatten 
sich zur Begutachtung dieser Erholungsstätten verbunden, und 
ihr seltsam bleiches, übernächtiges Aussehen bezeugte deutlich 
den Erfolg ihrer nächtlichen Studien. Bald aber trat der Zweck 
der Expedition wieder in ihre Rechte, und die „Atalanta" nahm ihre 
Fahrt auf, um die verdämmernden Berglinien der Sandwich- 
gelände hinter sich zu lassen und dem ozeanischen Punkte 159 — 42 
entgegenzueilen. 



Als wir in dessen Nähe gelangten, stellte der Ausguck fest, 
daß dort allerdings etwas vorhanden war. Ein verlorenes, flaches 
Inselchen, nach Bodenfläche wohl nicht größer als Helgoland, 
das hinter langgestreckten Korallenriffen schlummerte. Die 
mit Seegewächsen durchflochtenen Riffe zeigten nur geringe 
Lücken, unser Schiff hielt sonach weit draußen, und wir versuchten, 
auf einem herabgelassenen kleinen Hilfsboot den Durchgang 
zu erzielen. Das Ergebnis der ersten Orientierung war trostlos. 
Nach dem im Sonnenbrande glühenden Schiefergestein des 
Südufers zu urteilen hatten wir eine ödfläche betreten, die wie 

3* 35 



Salas y Gomez in Unwirtlichkeit starrte. Weiter hinein wurde es 
etwas erträglicher. Wir erblickten spärlichen Pflanzenwuchs 
und etliches Kleinvieh, das traurig dahinweidete. Menschliche 
Spuren schienen nicht vorhanden, und im Pegel unserer Hoff- 
nung, hier Bedeutungsvolles zu erfahren, senkte sich die Erwar- 
tung unter Null. Kreyher hielt den Zeitpunkt für gegeben, seinem 
Mißtrauen einen kräftigen Auspuff zu gewähren: wenn die 
übrigen „Inseln der Verheißung" diesem Anfang ähnelten, dann 
könnten sie sich alle zusammen begraben lassen. 

Wir waren nahe daran, wieder umzukehren, als Eva auf ein 
winziges Hügelchen aufmerksam machte, der einzigen Erhebung 
in der sonst mit einem Blick umspannbaren Ebene. Als wir es 
umgingen, gelangten wir auf der Nordseite an ein menschliches 
Bauwerk. Ein Mittelding zwischen Häuschen und Hütte, äußer- 
lich sauber gehalten, dabei eine Gemüsepflanzung, vor ihr eine 
Holzbank. Aus der Tür trat ein Mann in mittleren Jahren, mit 
gewissen Zeichen der Intelligenz im bebrillten, bärtigen Gesicht, 
in einem Anzug von klimawidriger, unfroher Dunkelheit. Er 
stützte sich mühsam auf einen kurzen Stock und sandte uns mit 
der freien Hand einen kurzen, stummen Gruß entgegen, ohne indes 
das mindeste Erstaunen über unsern Besuch zu verraten. 

Donath nahm als erster das Wort und versuchte es in mehreren 
Unterarten des Polynesischen. Der Hüttenbewohner hörte auf- 
merksam zu und schien zu verstehen. Allein er traf nicht die 
leisesten Anstalten, um uns mit einer Antwort zu bedienen. In 
unseren wechselseitig ausgetauschten Blicken lag die Frage, 
sollte er stumm sein? Aber dann hätte er doch wenigstens mit 
Zeichen reagiert. Nichts von alledem: er wollte nicht ant- 
worten. 

Aber er legte auch unsrer Besichtigung seines Anwesens nichts 
in den Weg. Er duldete es wortlos, das wir das Häuschen be- 
traten, dessen primitive Einrichtung der Behaglichkeit nicht 
ganz entbehrte. Es waren sogar einige Bücher vorhanden über 
Botanik und Zoologie, in englischer und spanischer Sprache, 
mit Zwischenblättern, die Übersetzungen ins Polynesische ent- 
hielten, dies Wort im weitesten Sinne genommen. 

Wir verabschiedeten uns nach einiger Zeit und stellten bal- 
diges Wiedersehen in Aussicht. Er wehrte nicht ab. An Bord 
ergingen wir uns in Mutmaßungen. Nach unseren Eindrücken 
gehörten die Insel sowie der Mann nicht mehr zum Begriff Hawai, 
wohin sie auch in geographischem Betracht nicht unterzubringen 
waren. Eher war anzunehmen, daß dieses Eiland den äußersten 

36 



Vorposten der unentdeckten Gebiete vorstellte. Den Mann 
klassifizierten wir einstweilen als Einsiedler, den irgend ein 
Verhängnis von seinen Volksgenossen fortgetrieben haben mochte. 
Wir wollten versuchen, ihm die Zunge zu lösen und zwar zunächst 
dadurch, daß wir ihm aus unseren reichen Vorräten einige Gaben 
mitbrachten: Gebrauchsgegenstände für Haus und Körper- 
pflege, kleines Handwerksgerät und ein paar Flaschen Burgunder. 

Als wir am nächsten Tage unsere Spenden auspackten, und 
ihm zuwiesen, glitt ein freundlicher Anflug über seine Züge. Er 
nahm an, ohne merklich zu danken. Als er die Gegenstände er- 
griff, bemerkten wir an seinen Händen Handschuhe aus festem, 
gummiartigem Stoff, und ein leiser Karbolgeruch kam uns ent- 
gegen. Doktor Melchior Wehner, der beim ersten Besuch nicht 
mitgekommen war — da ihn die Verletzung eines Matrosen auf der 
„Atalanta" zurückgehalten hatte — und der sonach den Einsiedler 
zum erstenmal jetzt erblickte, trat auf ihn zu, maß ihn mit ein- 
dringenden, diagnostizierenden Blicken, drehte sich dann zu 
uns und sagte mit sicherem Tonfall: „Der Mann hat die Lepra." 

Der Einsiedler wiederholte mit schmerzlichem Ausdruck: 
„Lepra!" Das war das erste Wort, das wir von ihm vernahmen. 
Die Sprache war ihm also nicht versagt, aber es war ein fürchter- 
licher Anfang für eine Konversation. 

Der Arzt, der vordem an unseren Sprachstudien nur un- 
zureichenden Anteil genommen hatte, verfiel auf einen Ausweg, 
um sich mit dem Mann zu verständigen: Wenn einer Bücher 
besitzt, so ist ihm vielleicht mit dem klassischen Esperanto des 
Lateinischen beizukommen. Und er sprach zu ihm, wenn auch 
nicht klassisch, so doch in brauchbarem Fast-Latein: 

„Sine dubio Lepra! Sed non omnino casus desperatus, non 
incurabilis. Est Lepra in primo stadio. Ego sum medicus, velim 
audere sanationem tuam. Intelligisne verba mea?" 

„Intelligo!" sagte der Kranke; und in der Sprache seines 
Landes, die Donath und Eva, in bescheidenerem Grade auch mir 
leidlich verständlich klang, fuhr er fort: 

„Ich wußte es schon. Und ich selbst habe mich als Aussätziger 
aus meiner Heimat verbannt, um hier in Einsamkeit mein Ende 
zu erwarten. Die Ärzte meines Landes sagen: es gibt bei Lepra 
nur periculum contagionis, aber es gibt keine Heilung." 

Der Arzt bemächtigte sich der Leitung, soweit sie das nächst- 
liegende betraf. Vor allem mußte ein Pestkordon um den Kranken 
gezogen werden, Wehner drang auf unsere rasche Entfernung 

37 



und bewirkte sie trotz Evas Einspruch, die als Krankenschwester 
in Funktion treten wollte. Auf der Bootfahrt entwickelte er uns, 
daß die Therapie neuerdings ein Mittel besäße, um die primäre, 
rechtzeitig erkannte Lepra wirksam zu bekämpfen: die Ein- 
spritzung von Tuberkulin; er selbst habe bei zwei Fällen in 
Masuren damit raschen Erfolg erzielt. Als er auf dem Schiff das 
Erforderliche vorbereitet hatte — hierzu gehörte ein Desinfektions- 
apparat, der mit Sublimat- und Formalinwolken das ganze Häus- 
chen durchräuchern sollte — kehrte er zur Öd-Insel zurück, nur 
von einigen Matrosen begleitet, die im Boot verbleiben mußten. 
Der Kranke setzte zuerst den Injektionen Widerstand entgegen, 
er fügte sich aber bald und bot schon nach wenigen Tagen das 
klinische Musterbild rapider Besserung. Die grindigen Flecke 
verschorften sich zusehends, blätterten ab, die Haut regenerierte 
sich, und nach einer Woche konnte die Sperre aufgehoben werden. 
Wir hatten einen Rekonvaleszenten vor uns, dem ersichtlich daran 
gelegen war, Wohltat mit Dank zu vergelten. Und in Folge 
dieser Wandlung gab er uns Auskunft über die Hauptfragen, 
die im Sinne unserer Expedition zu erörtern waren. Hier erschloß 
sich, in theoretischen Anfängen, das geahnte Neuland. 



Der Einsiedler, mit Namen Toraspasch, entstammte der Insel 
Karawuddi, wo er vordem als Naturwissenschaftler und Schul- 
vorsteher gelebt hatte. Was wir durch ihn erfuhren, sei hier in 
kurzen Zügen zusammengestellt: 

Daß die ganze Inselgruppe der Welt bislang verborgen blieb, 
das verdankt sie ihrer sporadischen Anlage im Nord und Nordost 
der Tuscaroratiefe und ihrer relativen Kleinheit. Alles in allem 
sind es etwa ein Viertelhundert Eilande, deren Gesamtfläche 
tausend Quadratmeilen nicht übersteigt, und die somit im Ver- 
hältnis zu der unabsehbaren ozeanischen Umspülung fast völlig 
verschwinden. Sie bilden einen Kosmos für sich mit dem Haupt- 
kennzeichen: die Außenwelt weiß nichts von ihnen — aber 
sie kennen die Außenwelt! 

Selir verschieden in ihren Eigenkulturen und eifersüchtig 
auf die Pflege ihrer Besonderheiten bedacht, fühlen sie sich doch 
zusammengehörig durch Sprache und den gemeinsamen Willen, 
ihre Selbständigkeit aufrecht zu erhalten. Aber sie haben seit 
Urzeiten ihre Sendboten in die Welt hinausgeschickt, deren Auf- 
gabe darin bestand: Nichts zu verraten und Alles zu erfahren; 

38 



Nichts hinauszutragen und Alles hereinzubringen, was mit Wissen- 
schaft und Bildung, mit Geistigkeit und Technik zusammen- 
hängt. List, Verkleidung und Verhandlungsschlauheit halfen 
mit, um dies Programm seit Jahrhunderten durchzusetzen. 
Das einzige, dessen sich die Emissäre draußen entäußern durften, 
waren Edelmetalle, die in den heimatlichen Erdgründen und 
Wasserläufen gefunden werden. Diese Tauschmittel reichten aus, 
um als Gegenwert hauptsächlich Bücherschätze aus Europa zu 
erlangen. Diese bilden den Grundstock der insularen Sonder- 
kulturen. „Wir" — so sagte der Einsiedler — „sind in keinem 
Betracht der Technik hinter der europäischen zurück; dagegen 
haben wir sie in wesentlichen Zügen durch unsere anschließenden 
Erfindungen erweitert und vervollkommnet. Nicht wenige un- 
serer Insulaner können es in Sach-, Begriffs- und Sprachkunde 
mit den berühmten Professoren Ihrer Hochschulen aufnehmen. 
In der Hauptstadt der Insel Saragalla befindet sich eine Bibliothek 
von neunzigtausend Bänden, die zum größten Teil von unseren 
Gelehrten verfaßt, in unseren eigenen Druckereien hergestellt 
worden sind. Aber Sie können auch den Almagest des Ptolemäus, 
den Aristoteles, die Werke der Scholastik und die Enzyklopädisten 
darin finden, bis zu den letzten Ausläufern der neuzeitlichen 
Wissenschaft. 

Aber strenge Abschließung blieb das Hauptprinzip. Wir 
hatten genug von den Segnungen erfahren, die sich für Eures- 
gleichen unter den Deckworten der Mission, der Kolonisierung, 
der Erschließung ferner Länder verbirgt, und wir trugen kein 
Verlangen, an diesen Segnungen teilzunehmen. Neuerdings haben 
sich unsere Ansichten hierüber ein wenig verändert. Es wurde 
uns bekannt, daß Ihr ein neues Schlagwort aufgebracht habt, 
die „Selbstbestimmung der Völker", und wir dachten deshalb 
daran, unser Incognito zu lüften. Darüber wogte bis vor wenigen 
Jahren der Meinungsstreit. Es wäre nunmehr gefahrlos, sich zu 
offenbaren, da unsere nationalen Rechte gewiß respektiert werden 
würden, — so sagten die einen. Andere erhoben ihre warnende 
Stimme: Selbstbestimmung — das bedeute nichts anderes, als 
dass den Inseln das Recht zugestanden würde, selbst zu be- 
stimmen, ob sie mit oder ohne Salutgeknall, mit oder ohne Tedeum 
annektiert werden wollten. Entscheidend wirkte schließlich eine 
in allerletzter Zeit auf unserer Insel Kuakua gemachte Erfindung. 
Wir fürchten uns nicht mehr, weil wir stark genug sind, um uns 
zu wehren. Wir besitzen ein Giftgas, das die festen Körper durch- 
dringt und auf weiteste Entfernung übers Meer hinausgeblasen 
werden kann. Keine Angriffsflotte der Welt dürfte sich an uns 

39 



heranwagen. Als wir daher von der Ausreise eurer Yacht Kenntnis 
erhielten, meinten unsere Führer und Behörden: Die Leute mögen 
kommen, Umschau halten und berichten, eine Gefahr ist heut 
nicht mehr vorhanden. 

Ihr steht nunmehr im Begriff, mit Gestaltungen Bekanntschaft 
zu machen, die von den euch vertrauten vielfach stark abweichen 7 
obschon sie aus Denkweisen der euch vertrauten Kulturen ent- 
wickelt sind. Unsere Inseln sind sozusagen menschliche Versuchs- 
stationen für Prinzipe. In Staatsform und Gepflogenheiten 
werdet ihr bei uns gewisse Prinzipien ausgebaut finden, die aus 
der Philosophie, der Sittenkunde, der Biologie, der Kunst und 
aus anderen Gebieten herstammen. So ist zum Beispiel meine 
Heimatsinsel Karawuddi durchaus optimistisch gerichtet, während 
auf andern der Pessimismus, die Skeptik und besondere Prinzipe 
der Ethik vorwalten. Daneben werdet ihr auch allerlei Seltsam- 
keiten erfahren, die sich darauf gründen, daß die Bedingungen 
zu ihrer Verwirklichung nur bei uns angetroffen werden, sich 
nirgends wiederholen und deshalb von uns als Eigenheiten unserer 
Gruppe gepflegt werden. An Abwechslung wird es so wenig 
fehlen, daß ihr Mühe haben werdet, euch aus den Eindrucken 
der einen auf die der folgenden schnell genug umzustellen." 

Beim Abschied übergab uns der Mann Toraspasch eine Lage- 
karte des ozeanischen Feldes, auf der die Hauptinseln, nur mit deren 
Namen bezeichnet, eingetragen waren. Die Einzelheiten vorweg- 
zunehmen hielt er für unangebracht, diese sollten vielmehr 
unseren persönlichen Wahrnehmungen überlassen bleiben. Er 
empfahl uns indes, mit der Insel Baleuto den Anfang zu machen; 
was wir auch ohnehin getan hätten, denn Baleuto lag uns zunächst, 
und die neue Karte befähigte uns, sie in kürzester Linie zu er- 
reichen. 



40 



Baleuto. 



Die Platonische Insel 

Ich übergehe die Einzelheiten unserer Landung und vertraue 
hierin der Phantasie des Lesers, auf die Gefahr hin, daß in den 
von ihr entworfenen Bildern manches inkorrekt ausfallen sollte. 
Denn es kommt ja nicht darauf an, zu schildern, welchen Eindruck 
wir auf die fremden Menschen machten, als vielmehr darauf, 
welche Eindrücke wir davontrugen. Ich erwähne nur, daß wir 
selbst zwar eine gewisse Neugier, aber keineswegs ein stürmisches 
Aufsehen erregten. Die Seleno-Fernphotographie hatte längst 
vorgearbeitet, und nahe am Kai erblickten wir im Aushang eines 
Ladens die Bilder der Atalanta nebst den Hauptpersonen unserer 
Expedition mit Unterschriften in Landtypen und Antiqualettern. 
Ein Beamter der in sanften Terrassen ansteigenden Hafenstadt 
erwartete uns am Peer und stellte sich uns zur Verfügung. Er 
eröffnete uns in einer Art von Pidgin-Englisch, in der das Ma- 
layische überwog, daß die Gasthöfe der Stadt infolge einer großen 
Landesfestlichkeit überfüllt wären. Uns sei indes im Privathause 
eines Bürgers ausreichendes Quartier bereitgestellt. Es wurde, 
wie übrigens fast durchweg auf dieser Reise, vorausgesetzt, daß die 
Schiffsmannschaft an Bord verbliebe. Natürlich sorgten wir für 
ausreichenden Tagesurlaub, damit die Leute ihren Anteil an den 
Sehenswürdigkeiten und sonstigen Genüssen der neuen Länder 
schichtweise genießen konnten. 

Was sich uns hier schon am ersten Tage entschleierte, war die 
Tatsache, daß die Insel Baleuto und ihre gleichnamige Hauptstadt 
ein Staatswesen nach Platonischem Muster darstellte; genauer 
gesagt, die Verkörperung des Modells, das Plato vornehmlich 
in seinem Werk „Politeia" als das Ideal des Staates hingestellt 
hat. Seit undenklichen Zeiten hatte unter den Intellektuellen 
der Insel das gedankliche Leitmotiv durchgegriffen: Die Euro- 
päer feiern Plato als einen der sublimsten Denker aller Zeiten; 
sie huldigen seiner Ideenlehre und haben ihm selbst den Ehren- 

41 



titel „der Göttliche" verliehen; dieser nämliche göttliche Plato 
hat ihnen in zehn Büchern das auf Gerechtigkeit gegründete Muster 
eines Staates aufgebaut; aber bis zum heutigen Tage ist es 
noch keinem Leiter und keiner Gemeinschaft eingefallen, dieses 
Muster zu erproben und zu verwirklichen. Nicht in Alt-Hellas, 
nicht in Neu-Griechenland, nicht in irgend einem der Länder, 
in denen sich der zum Christentum hinüberleitende Neuplatonismus 
durchgesetzt hat. Hier klafft ein ungeheurer welthistorischer 
Widerspruch, und auf diesen zu allermeist wird es zurückzuführen 
sein, daß sich so viel Not und Elend über die alten Länder er- 
gossen hat. Sie hatten das Rezept zum Idealstaat und verleugneten 
es in der Praxis. In der Beseitigung dieses Widerspruchs liegt 
die Mission der Baleuto-Menschen. Sie sollen und wollen Pla- 
toniker sein, nicht nur in der Idee, nicht nur in philosophischen 
Abstraktionen nach dem Vorbild europäischer Dozenten und 
Studiosen, sondern in Wirklichkeit: als überzeugte und werk- 
tätige Mitglieder des Platonischen Staates. So lautet das reine 
Grundmotiv, das zwar im Zeitenlauf gewissen Wandlungen 
ausgesetzt war — denn wo gäbe es ein System, dessen Schema 
unverbrüchlich gälte? — das sich aber in großen Zügen auf der 
Insel richtunggebend erhalten hat. 



Die uns angewiesenen Wohnräume lagen im zweiten Stock- 
werk eines villenartigen, von hübschen Gartenanlagen umgebenen 
Privathauses, das einem Großdrogenhändler Namens Yelluon 
gehörte. Er empfing uns am Eingang, leitete uns hinauf, ließ 
uns korrekter Weise eine kurze Weile allein und meldete sich dann 
zu einem formellen Besuche: 

,,Ich begrüße Sie, Herrschaften, nicht nur mit der leeren Höf- 
lichkeit, die man Gästen im Allgemeinen schuldet, sondern mit 
jenem Eudämonismus, der von der Schule Piatons ausgehend 
vornehmlich durch dessen Zeitgenossen Aristipp aus Cyrene 
seine deutlichste Prägung erhalten hat. Dieser Eudämonis- 
mus, — man könnte ihn auch, wiewohl philologisch nicht ganz 
genau, als Hedonismus ansprechen, — also das Gefühl und 
die Lehre von der Glückseligkeit, ist in mir lebendig, wenn ich 
den Wunsch äußere, es möge Ihnen in diesem Staate und in 
meinem Hause Wohlgefallen. Wir werden es an nichts fehlen lassen, 
um Sie zu befriedigen, und ich bin um so sicherer, daß uns dies 
gelingen wird, als Sie selbst nach dem ersten Eindruck zu schließen, 

42 



durchaus befähigt erscheinen, die von uns gebotene Verwirk- 
lichung der platonischen Ideen voll zu würdigen. In diesem 
Sinne heiße ich Sie willkommen." 

Wir sahen uns einigermaßen verblüfft an, dann erlaubte ich 
mir, da die anderen schwiegen, das Wort zu nehmen. 

„Empfangen Sie, Herr Yelluon, unseren Dank, zugleich mit 
dem Ausdruck der Bewunderung für die überraschend schöne 
Diktion, die Ihnen zu Gebote steht. Sie erweckt in uns die Emp- 
findung, daß wir hier tatsächlich in ein Land erhöhter Bildung 
gekommen sind. Die Platonischen Begriffe, die hier nach Ihren 
Andeutungen eine so große Rolle spielen, sind uns nicht ganz 
fremd, und wir freuen uns im Voraus auf die Erscheinungs- 
formen der „Kalokagathia", denen wir hier begegnen werden, 
das Wort im weitesten Sinne genommen, nach seinen Grundbestand- 
teilen „Kalos", schön, „agathos", gut, also eine Einheit von 
Schönheit, Wahrheit und sittlicher Trefflichkeit. Hiervon ab- 
gesehen liegt uns aber auch daran, mit Ihnen als unserem Haus- 
wirt einige sachliche Dinge zu erörtern, die uns Fremdlinge nach 
einer so langen Reise notwendig beschäftigen müssen." 

„Diese Notwendigkeiten sollen sofort erledigt werden," ent- 
gegnete der Wirt. „Ich habe deshalb gleich die sieben Meldezettel 
mitgebracht, und bitte Sie um vorschriftsmäßige Ausfüllung." 

Wir begannen zu schreiben, gerieten indes alsbald an eine 
Schwierigkeit. „Sagen Sie, bitte, wie ist das zu verstehen? Auf 
diesen Meldezetteln befindet sich neben Geburtsort, Stand und 
Staatsangehörigkeit auch eine fragende Rubrik: „Philosophie"?" 

„Hier haben Sie einzutragen, Person für Person, welcher 
philosophischen Richtung Sie besonders huldigen, mit kurzer 
Angabe der erkenntnistheoretischen Gründe." 

Als wir zögerten, ergänzte Jener: „Diese Verordnung besteht 
hier schon lange und ist neuerdings durch unser Ministerium 
für philosophische Angelegenheiten in Erinnerung gebracht 
worden. Wir verfahren dabei durchaus nicht engherzig, da den 
privaten Neigungen des Einzelnen jeder Spielraum gewährt wird, 
denn wir setzen voraus, daß bei Jedem ein platonisches Grund- 
bewußtsein vorhanden ist. Nichtsdestoweniger wünscht die 
Behörde möglichst informiert zu werden über die philosophische 
Partei, der jeder Staatsbürger und jeder Fremdling angehört." 

— Ich sollte meinen, das wäre Privatsache und ginge die Re- 
gierung eigentlich gar nichts an. 

43 



„Sie sind im Irrtum, mein Herr, dies ist amtlich durchaus 
nicht belanglos. Meines Wissens werden auch bei Ihnen in Deutsch- 
land auf staatlichen Formularen ähnliche Fragen gestellt. Bei 
Ihnen verlangt man die Erklärung darüber, ob Katholik, Pro- 
testant, Jude oder Dissident, was uns wiederum im höchsten 
Grade gleichgültig erscheint, denn die Konfession ist allerdings 
Privatsache, nicht aber die Philosophie . . ." 

— Mir ist der Zweck der Fragestellung immer noch dunkel. 

„Lassen Sie sich das an Beispielen erklären. Gesetzt, wir 
fänden in unseren Statistiken, daß eine bestimmte Art von Ver- 
gehen oder Verbrechen mit besonderer Häufigkeit auf Personen 
entfällt, die sich etwa zu Spinoza bekennen, so würden wir auf 
theoretische Maßregeln zu sinnen haben, die dem Spinozismus 
entgegenwirken. Fänden wir wiederum, daß die pünktlichsten 
Steuerzahler unter den Anhängern des Cartesius angetroffen 
werden, so wäre uns das ein Wink in unseren Schulen und Aka- 
demien den Descartes zu bevorzugen. Sie dürfen nie aus den 
Augen verlieren, daß diese Insel durchaus nach dem Prinzip 
Piatos eingerichtet ist, der ausdrücklich alle Staatsmacht den 
Philosophen zuweist und der kategorisch verlangt, daß das ge- 
samte Getriebe des Gemeinwesens philosophisch reguliert wird." 

Wir füllten nunmehr die fragliche Rubrik aus. Herr Mac 
Lintock flüsterte mir zu, er wäre hier in Verlegenheit, da er sich 
zeitlebens noch nie um Philosophie gekümmert hätte. Ich gab ihm 
halblaut die Weisung, hinzuschreiben: „Pragmatismus nach 
William James", denn diese neuamerikanische Denkform beruhe 
auf dem common sense, auf der praktischen Nützlichkeit, und 
stünde als philosophische Lehre sicherlich seiner eigenen kauf- 
männischen Praxis nahe. Seine Nichte bezeichnete sich auf dem 
Zettel kurzweg als Schopenhauerianerin; der Kapitän und 
Donath nannten sich Epikuräer; der Offizier und der Arzt be- 
zeichneten irgendwelche andere berühmte Namen, und ich selbst 
schrieb kurzerhand, um uns auf alle Fälle gut Wetter zu machen 
„Plato"; obschon ich überzeugt war und bin, daß man sich 
überhaupt nicht einem einzelnen Philosophen verschreiben darf, 
da jeder nur eine Profillinie der Wahrheit darstellt, deren volles 
Gesicht erst in der Vereinigung aller Philosophien erkennbar 
wird. 

Da es gerade Vesperzeit war, verfügten wir uns auf die Veranda 
zum Kaffeetisch, woselbst sich noch ein Schwager unseres Wirtes, 
Rektor einer Oberschule, angefunden hatte. Die Gattin des 
Herrn Yelluon ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen. Sie 

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lag zu Bett und fühlte sich so angegriffen, daß sie auf ihren sanften 
Kissen die gewohnten Dialoge des Plato nicht in der griechischen 
Urschrift, sondern nur in einer erleichternden Übersetzung zu 
lesen vermochte. Ich schalte ein, daß Baleuto einen Kaffee 
hervorbringt, gegen den die erlesensten Sorten unserer Kontinente 
nur als fade Substanzen zur Erzeugung von Spülichtwasser er- 
schienen. Mir war dieser Umstand nicht ganz nebensächlich, 
denn zu gewissen Tagesstunden neige ich mehr zu einem ex- 
quisiten Jausegetränk in Begleitung einer duftigen Zigarette, 
als zu allen Offenbarungen der Eleaten und der Alexandrinischen 
Schule. Mit dem Rauchwerk freilich hatten wir nun wieder das 
Übergewicht. Denn die Insel war arm an Tabak, und auf der 
Atalanta steckten unerschöpfliche Vorräte Habaneser und Ägypti- 
scher Herkunft. Ich erwähne dies, um einfließen zu lassen, daß 
wir schon auf Grund dieser Ladung ein vorzügliches Tausch- und 
Verkehrsmittel in der Hand hatten; obendrein wurde auch der 
Dollar späterhin als Zahlung angenommen, allerdings zu einem 
Valutakurs, bei dem sich selbst auf dem Haupte eines Dollar- 
königs wie Mac Lintock die Haare sträuben konnten. 

Eine lebhafte Unterhaltung kam in Gang, und der Rektor 
erzählte uns Wissenswertes aus seiner Schulpraxis. Es wäre 
zurzeit sehr schwierig, die Aufmerksamkeit der Schüler zusammen- 
zuhalten, da diese mit ihren Erwartungen sich bereits in die 
bevorstehenden großen Festlichkeiten eingesponnen hätten. 

„Ja, wir haben von dem Fest schon gehört, als wir landeten; 
was hat es damit für eine Bewandtnis?" 

„Es ist das Hundert] ahr Jubiläum unserer Platonischen- 
Akademie, aus der alle unsere Regenten und Minister hervor- 
gegangen sind. Damals, bei der Stiftung, wurde auf unsere Stadt 
der Titel „Über-Athen" geprägt, und diese Bezeichnung ist ihr 
bis zur Stunde erhalten geblieben. Stünden Perikles und Phidias 
heut auf und wandelten sie unter uns, so müßten sie bekennen, 
daß ihr Alt-Athen, einst die Quelle aller Kultur, mit dem unsrigen 
verglichen das reine Banausendorf gewesen ist. Wie gut haben 
Sie es getroffen, daß Sie beim ersten Einblick in unseren Archi- 
pelagus ein solches Fest erleben! Sie werden natürlich an dem 
Aktus in der Aula teilnehmen und vom Balkon der Akademie 
aus den großen Festzug bewundern, bei dem auch die Fröhlichkeit 
zu ihrem Recht gelangen soll .... Ja, wie gesagt, auch unsere 
Schüler sind bei den Proben beschäftigt und mit solcher Leiden- 
schaft dabei, daß ich einen Teil der lateinischen und griechischem 
Unterrichtsstunden ausfallen lassen mußte." 

45 



„Eine Zwischenfrage, Herr Rektor," warf Eva ein, „was be- 
treiben sie eigentlich sonst in diesen Lektionen? Lesen Sie mit 
ihren Schülern auch die Klassiker?" 

„Selbstverständlich. Ich traktiere besonders den Horaz 
und den Homer." 

„Verzeihung, das ist mir nicht ganz verständlich. Ich emp- 
finde hier einen Widerspruch: denn nach Plato dürfen Sie das 
gar nicht. Plato hat meines Wissens für seinen Idealstaat die 
Verbannung aller Dichter ausdrücklich verordnet!" 

„Wie Sie Bescheid wissen, mein Fräulein! Ja, so steht es 
allerdings in Piatons Staatsbuch. Und ich kann nicht verhehlen, 
daß uns dieser Befehl viele Jahrzehnte lang die peinlichste Be- 
klemmung auferlegt hat. Es möge dahingestellt bleiben, ob der 
göttliche Plato seine Bestimmung ganz wörtlich verstanden 
wissen wollte ..." 

„O nein, Herr Rektor," sagte ich, „darüber ist gar kein 
Zweifel erlaubt. Ich habe erst gestern auf unserem Schiff, das 
eine stattliche Bibliothek mitführt, in Piatos grundlegendem 
Werk geblättert und entsinne mich der Stellen ganz genau. Plato, 
vertreten durch seinen Sprecher Sokrates, polemisiert auf das 
heftigste gegen alle bloß der Eitelkeit und der Wollust dienenden 
Personen, Künste und Lebensarten, die eine verdammenswerte 
Üppigkeit befördern und deshalb in seinem Idealstaat nicht ge- 
duldet werden dürfen. Scharf eifert er gegen die Maler und Bildner, 
gegen die Tonkünstler und ganz besonders gegen die Poeten, 
mit ihren Dienern, den Schauspielern, Rhapsoden und Tänzern, 
welche in einem gesunden Gemeinwesen nichts zu schaffen hätten. 
Diese Schädlinge stellt er auf eine Stufe mit den verderblichen 
Gilden der Putzmacherinnen, Haarkräuslerinnen, Bartscherer, 
Garköche und Schweinehirten ..." 

„Daraus ersehen Sie schon," unterbrach der Rektor, „daß 
Plato nicht unerbittlich auf seinem Schein steht, denn er selbst, 
der Mann der Symposien, ließ sich ja wohlschmecken, was aus dem 
Gehege der Schweinehirten entstammte und durch athenische 
Garköche lecker zubereitet wurde." 

— Mit Verlaub, Herr Rektor: Sie kopieren auf Ihrer vortreff- 
lichen Insel nicht Alt-Athen in concreto, sondern Sie wollen das 
Wunder leisten, ein Ideal-Athen aus der Abstraktion in die Wirk- 
lichkeit zu heben. Und da können Sie doch an den klaren An- 
weisungen Piatos gar nicht vorbei: Kein Erbarmen mit den 
Dichtern ! so lehrt er. Homer und Hesiod müssen vertilgt werden ! 

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Ihre Gesänge sind nicht, wie man vordem glaubte, als heilige, 
von den Musen erflossene Eingebungen anzusehen, sondern als 
mit rohen, pöbelhaften Begriffen und Gesinnungen durchsetzte, 
abgeschmackte Märchen, in denen die höchst unsittlichen Reden 
und Taten der Götter eine entsetzliche Moralfäulnis ausstrahlen. 
Und daraus folgt, streng nach Plato: Fort mit Homer und Hesiod, 
fort überhaupt mit aller Poesie und sämtlichen verdammten 
Künsten ! 

Der Schulmann entgegnete: „Wir beugen uns selbstverständ- 
lich der Autorität unseres erhabenen Meisters — soweit es eben 
möglich ist. Allein wir gelangen an den Punkt, wo die Unmög- 
lichkeit beginnt. Denn um Plato und die übrigen großen Philo- 
sophen zu verstehen, bedürfen wir des Griechisch-Lateinischen, 
und dieses Studium würde blöde und stümperhaft ausfallen, 
ohne die klassischen Dichter. Wir lesen sie deshalb aus sprach- 
lichen, das heißt grammatischen Gründen. Wir erziehen unsere 
Jünglinge und Mädchen zur Verachtung dieser Klassizitäten, aber 
wir lesen sie mit ihnen aus gymnasialen Gründen. Ich will Ihnen 
eine Probe dieser Methode mitteilen. Vor einigen Tagen begann 
ich mit den Zöglingen die Ode des Horaz 

Exegi monumentum aere perennius . . 
(Dauerhafter als Erz schuf ich mein Ehrenmal); 

ich nahm die Gelegenheit wahr, um generell meinen Abscheu vor 
Horaz und seiner skandierenden Gilde auszusprechen, und 
wandte mich dem ersten Worte zu: ,, Exegi"; ich erläuterte 
ausführlich die Herkunft des Ausdrucks aus ex und einer griechi- 
schen Wurzel ago, betrachtete dann die Präsenzform exigo mit 
dem kurzen i, das sich im Praeteritum exegi mit elastischer 
Phonetik zu einem langvokalisierten e verzaubert, und erörterte 
dann ausführlich alle Autoren, die außer Horaz das nämliche 
Verbum in zahlreichen Abstufungen der Bedeutung angewandt 
haben; so Cicero, Livius und Varro, welche mit exigo den Begriff 
des Hinausjagens verbinden, während es bei Ovid als Inschwung- 
setzen, und bei Terenz als Durchfallen im Bühnensinne auf- 
tritt. Das exigo bei Quintilian und Tacitus bedarf noch einer 
besonderen Analogie, allein ich hoffe, daß ich in einer der nächsten 
Lektionen bis zum zweiten Wort der Horazischen Ode vor- 
dringen werde, also bis zu „Monumentum", dessen grammatische 
Verwandtschaft mit moneo, als dem Factitivum von memini, auf 
den Stamm mens, mentis und damit auf die Grundwurzel aller 
Geistigkeit überhaupt hinleitet, insofern " 

47 



„Genug!" rief Donath; „es soll uns als erwiesen gelten, daß 
Sie Ihr Programm, die Jungen mit Haß und Abscheu gegen 
klassische Verse zu sättigen, vollkommen erfüllen, zweifellos 
gründlicher und gediegener als irgend ein Magister meiner deut- 
schen Heimat. Aber wir dürfen unseren Hauptzweck nicht aus 
den Augen verlieren, ich schlage deshalb einen Spaziergang 
vor zu einer ersten Orientierung in Ihrer platonischen Stadt, die 
uns neben ihrem antipoetischen Grundzug hoffentlich recht viel 
Schönes und Erbauliches bieten wird." 

Wir erhoben uns, von Erwartung geschwellt, und begaben 
uns auf die Wanderung. Vor uns lag das vorausgeahnte poly- 
nesische Neuland, in erster Probe als ein Staat, der ausschließlich 
von Philosophen regiert wird. Also sicher ein starker Kontrast 
zu allem Erlebten. Ich entsann mich, daß in unseren heimischen 
Ländern der körperliche Schwerarbeiter höher rangiert als der 
Denker, und daß bei uns nur derjenige die Anwartschaft auf 
staatliche Macht gewinnt, der von Philosophie keine Ahnung hat. 

Das erste, was uns auffiel, war die Menge schlechtgepflegter 
Kinder, die sich in den Straßen tummelten, und ich gab der 
Verwunderung Ausdruck, daß sich deren Eltern anscheinend 
so wenig um sie kümmerten. Yelluon erläuterte, der Begriff 
„Eltern" passe eigentlich nicht recht hierher, denn es herrsche 
ja in den meisten Schichten des philosophischen Staates W eiber - 
und Kindergemeinschaft, und infolgedessen eine Komplexität 
der sexuellen Verhältnisse, bei der von einer Elternschaft im 
gewöhnlichen Sinne gar nicht mehr die Rede sein könne. Ganz 
recht ! hier lag ja ein Hauptpunkt der platonischen Verordnungen 
vor, und wenn irgendwo, so hatte sich hier die Philosophie des 
Musterstaates zu betätigen. Es kommt wesentlich auf die Menge 
der erzeugten Kinder an, nicht aber darauf, daß das einzelne 
Kind seine Herkunft von einem bestimmten Papa und einer 
bestimmten Mama herleitet. Denn auch der Mutterbegriff ver- 
flüchtigt sich in einer Gemeinschaft, in der die Mutterpflicht und 
die Mutterliebe vom philosophischen Standpunkt als unwesent- 
lich, ja als störend erkannt worden sind. 

„Aber Herr Yelluon," rief ich, „Sie leben doch nicht in Weiber- 
gemeinschaft, Sie haben doch eine Gattin! und wenn sie auch 
einer Unpäßlichkeit wegen bei Tisch nicht erschien, so existiert 
sie doch zweifellos!" 

„Als weibliches Wesen allerdings, als meine Frau nur in sehr 
beschränktem Grade. Ich bin mit Upanischa — so heißt sie — 
nur so nebenbei, ganz oberflächlich verheiratet. Augenblicklich 

48 



wohnt sie bei mir, was nicht ausschließt, daß sie übermorgen die 
Bettgenossin eines anderen wird, was nicht weiter verwunderlich, 
da sie ja schon durch viele Dutzende von Händen ging; sie war 
auch schon mit dreitägiger Gültigkeit mit dem Rektor und mit 
mehreren Ministern verheiratet, und ich nehme an, daß unter den 
uns auf der Straße begegnenden Männern sich zahlreiche befinden, 
deren Lager sie als Gemahlin bereits erheitert hat, oder demnächst 
erheitern wird." 

„Und das sagen Sie so leichthin ! Sie als Bürger eines Staates, 
der auf absolute Moral gegründet sein soll ! Der Staat ist doch 
auf die Ehe basiert und diese auf die Liebe? Wen lieben Sie 
denn eigentlich? und wen liebt die Dame Upanischa?" 

,,So viele Fragen, so viel Denkfehler, um nicht zu sagen 
Sinnlosigkeiten. Sie übersehen gänzlich das Grundprinzip, die 
Philosophie, und Sie sind noch nicht imstande, diese Linie zu ver- 
folgen, da Sie aus unlogischen Ländern herkommen. Ihnen 
schwebte bei Ihrer Expedition vor: Sie wollten eine Entdeckung 
machen. Nun denn, Sie besitzen Grund zum Jubeln, Sie haben 
wirklich entdeckt! Sie stehen in diesem Polynes zum erstenmal 
auf dem festen Grund der Logik. Der Staat und die Ehe, so wie 
sie Ihnen bekannt sind, setzen allerdings die Liebe voraus, das 
heißt, Sie etablieren eine auf Dauer berechnete Einrichtung 
und stützen sie auf einen nach Minuten abzählbaren Zustand. 
Sie bauen die Staatspyramide derart, daß sie mit der Spitze 
nach unten steht, mit der Grundseite nach oben, und wundern 
sich dann, wenn sie umfällt. Wie kann man etwas Festes, Stetiges 
aus einem bloßen Gefühl entwickeln wollen, das nach aller Erfah- 
rung unstetig ist, flackernd und abrupt ? Plato hat diesen Wider- 
sinn erkannt, nicht euer Plato, auf den Ihr als einen europäischen 
Philosophen pocht, sondern unser Plato, der von uns begriffene 
und realisierte ..." 

— Eine Zwischenbemerkung, Herr Yelluon: Sie mögen ja 
diesen Weltmeister gründlicher erforscht haben, aber auch wir 
besitzen treffliche Interpretationen, von Schleiermacher, von 
Zeller, Überweg . . . 

„Jawohl, und von Wieland, den ich Ihnen besonders empfehle. 
Wie steht es nun mit der Liebe bei dem richtig verstandenen 
Plato? Ist sie etwa „platonisch" im europäischen Sinne des 
Wortes ? Da haben Sie schon den Nonsens, in den ihr euch dauernd 
verstrickt, denn das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Liebe in 
der eigentlichen platonischen Bedeutung des Wortes ist ein 
Zeugungsgeschäft, muß als eine rein physische, tierische Sache 

Moszkowski Die Inseln der Weisheit. 4 49 



behandelt werden und darf deshalb im Idealstaat kein* 1 Stätte 
finden. Da nun aber die Weibe»* für das Zeugungsgeschäft leider 
unentbehrlich sind, so kommt es darauf an, den Schaden, den die 
Weiblichkeit im Staat anrichtet, nach Möglichkeit auszurotten; 
so zu vei stehen, daß der Mann, der einzig dem Staate verpflichtet 
wird, nicht obendrein in Lockungen fällt, die ihn dem Staats- 
intercssc abspenstig machen. In erster Linie dürfen die Kiieger, 
dann weiterhin alle starken Repräsentanten des Staates, nicht 
durch den dauernden Umgang mit den Zauberinnen geschwächt, 
nicht durch Ausübung monotoner Ehepflichten verelendet werden. 
Das von dem Genius Piatos gefundene Hauptmittel, den reizenden 
Schlangen ihr Gift zu benehmen, besteht eben — abgesehen vom 
Kommunismus in Gütern, der sich in weiterer Folge einstellt — 
in der Weibergemeinschaft, durch welche die Ehe überflüssie 
gemacht wird, wenn sie auch in vereinzelten Exemplaren ein !>c- 
scheidenes Dasein weiterfristen mag; durch das Los, in einer vod 
den Archonten geleiteten Ehelotterie, oder auf Zeit, wenn an>- 
einmal die Laune kitzelt, mit dieser oder jener einige Tage und 
Nächte zu verbringen .... Einen Augenblick Pause, mein Herr, 
ich will nur der hübschen Person, die dort drüben spaziert, etwas 
sagen." 

Meine Blicke folgten. Ich bemerkte eine nicht mehr ganz 
junge Dame, die durchaus nicht den Eindruck einer Halbweltlerin 
machte, vielmehr den besseren Kreisen anzugehören schien, und 
die mit züchtig gesenktem Blick dahinschritt. Sie trug ein Gewand 
in schön gebrochenen Falten aus feuerfarbenem, byssusartigem 
Webstoff, das unter ihrem Busen von einem seltsam gestickten 
mit einer Agraffe aus bläulichen Steinen geschlossenen Gürtel 
zusammengehalten wurde; dazu Schnüre von feinen Perlen, 
die sich um Hals und Arme, wie zwischen den Locken in an- 
mutigem Linienspiel bewegten. 

„Eine Freundin Ihres Hauses?" fragte ich, als er nach zwei 
Minuten zurückkehrte. 

„Nein, keineswegs. Es ist möglich, daß ich vor Jahren ein- 
mal flüchtig mit ihr verheiratet war, ich kann mich im Moment 
nicht genau darauf besinnen. Jedenfalls habe ich sie eingeladen, 
mit mir im nächsten Monat auf unserer schönen Nachbarinsel 
Wrohlih eine halbe Flitterwoche zu verleben." 

„Und sie hat zugesagt?" 

„Bedingungsweise. Für den Fall nämlich, daß sie nicht zur 
selben Zeit Nummer in einer Lotterie-Serie werden muß und 
dadurch nach Verfügung Piatos als Ehegewinnst einem Dritten 

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zufällt. Sollte die Dame inzwischen verlost werden, so müßte 
ich mich noch kurze Zeit gedulden." 

„Was Ihnen nach Ihrer Auffassung von der Liebe wohl nicht 
allzu schmerzlich sein wird." i 

„Sie fangen an zu begreifen; und Sie werden allmählich auch 
einsehen, daß der bei Ihnen gültige Liebesbegriff nichts ist als 
Trug und Blenderei. Sie unterliegen hierbei einer Täuschung, 
welche die schöngeistige Literatur und das Theater über Sie ver- 
hängt. Sie übernehmen eine Empfindung, die allenfalls für eine 
Romanze und höchstens für einen Operettenschlager ausreicht, 
in das Leben, wofür es gar nicht paßt. Sie übernehmen es mit all 
seinen traurigen Begleiterscheinungen des Sehncns, Schmachtens, 
der Eifersucht und schleppen sich dauernd mit Kümmernissen, 
deren Summe Sie sich zur Erfreulichkeit umlügen. Die Eifersucht, 
das Alleinhabenwollen, bedeutet in logischem Betracht einen 
Horror für sich. Ich liebe zum Beispiel die Insel Wrohlih mit 
ihren landschaftlichen Schönheiten, allein ich müßte doch hirn- 
verbrannt sein, wenn ich verlangte, daß diese Insel mich wieder- 
liebt, mich ausschließlich, und wenn ich zu toben anfinge, sobald 
die Insel ihre Reize auch anderen spendet. Und genau so wie ich 
bei der entzückenden Landschaft die allgemeine Reizgemeinschaft 
anerkenne, so gilt mir auch die Weibergemeinschaft als das na- 
türlich Gegebene. Wie wohl wäre den Menschen in Ihren Kon- 
tinenten, wenn sie sich zu dieser platonischen Natürlichkeit 
durchzuringen vermöchten ! Aber Ihr denkt nie einen Gedanken 
bis zu Ende und limitiert unablässig das bißchen Vernunft, das 
Eure durch tausend Fehlschläge gekennzeichnete politische Denk- 
weise noch übrig gelassen hat. So stellt Ihr den Grundsatz auf 
„dem Tüchtigen die freie Bahn" ! Das Wort ist gut, denn es 
stammt aus Piatos Ideenkreis. Aber sobald der Tüchtige die 
freie Bahn zu einer Dame fordert, mit der er sich nicht lebens- 
länglich, sakramental und behördlich verkuppelt, verfehmt Ihr 
die Tüchtigen. Euer monogames Prinzip nagelt ihn also auf einen 
Einzelfall fest und verhindert ihn mit aller Gewalt seine Tüchtig- 
keit in höherem Sinn zu beweisen." 

„Das geschieht doch mit Rücksicht auf die Erhaltung und den 
reinen Bestand der Familie. Was wird denn bei Euch mit den 
Kindern? Haben Sie selbst welche?" 

„Ich glaube ja, ich nehme sogar an, eine ganze Anzahl. Ohne 
daß ich mich verpflichtet fühle, hierüber Buch zu führen, da 
ich meine Arbeitszeit für notwendigere Bilanzen brauche. Unter 
den Straßen-Kindern, die dort drüben Haschemann spielen und 

i- 51 



Kreisel treiben, befinden sich möglicherweise auch welche von 
mir." 

„Das wäre zu beklagen, denn die Kinder machen in ihrer ver- 
wahrlosten Kleidung keinen guten Eindruck." 

„Und außerdem" — damit meldete sich Doktor Melchior 
Wehner zum Wort, wobei Donath flüchtig dolmetschte — „außer- 
dem bemerke ich schon auf Entfernung, daß die Kinder sich in 
gesundheitlicher Hinsicht nicht zum besten befinden." 

Er lockte den erstbesten Buben durch eine vorgehaltene 
Leckerei heran und beschäftigte sich einige Sekunden mit ihm. 
Dann erklärte er mit dem Ausdruck starker Mißbilligung: „Der 
Befund ist übel, und um so übler, als ich mir das Kerlchen rein 
auf's Geratewohl herausgeholt habe. Mir ist es unbegreiflich, 
daß man da nicht für Absonderung und sachgemäße Behandlung 
sorgt. Der Knabe leidet ja an Skorbut in höchst unangenehmer 
Komplikation mit Krätze." 

Der Rektor, der mit den anderen hinter uns ging, leuchtete 
philologisch und schaltete ein: „Skorbut, wörtlich genommen: 
Knochenspalt, hängt wahrscheinlich auch mit scorpio zusammen, 
wie Carcinom mit Cancer, Krebs, während Scabies, die Krätze, 
aus dem Griechischen skapto, nachweislich zuerst bei Juvenal 
vorkommt." 

Unser Medikus hörte an diesem Exkurs vorbei und gab seinem 
Unwillen weiteren Nachdruck: „Sie müssen doch in Ihrem 
Musterstaat eine amtlich organisierte Hygiene besitzen!" 

„Sie ist tatsächlich vorhanden," versetzte Yelluon, „und sie 
hat ermittelt, daß gewisse Krankheiten einen höchst wohltätigen 
Einfluß auf den Bestand des Staates ausüben. Sie beugen näm- 
lich der Übervölkerung vor und fügen sich somit vorzüglich in 
das System des Plato, der zwar einerseits reichlichen Nachwuchs 
verlangt, andererseits aber die Verhinderung einer Überzahl. 
Die Hygiene, wie wir sie verstehen, erhält somit die Aufgabe, 
die Mortalität nicht unter eine gewisse Grenze sinken zu lassen, 
das heißt, den Seuchen einen merklichen Spielraum zu gewähren 
und beileibe nicht alle kurabeln Krankheitsfälle wirklich zu heilen." 

„Ich hätte Lust, mich mit eurem Oberhygieniker einmal zu 
unterhalten!" rief der Arzt in sichtlicher Empörung. 

„Sie meinen den Minister der medizinischen Philosophie. 
Wir stehen gerade vor seiner Behausung, allein wir dürfen ihn 
nicht stören, da er seit Monaten unausgesetzt an einem großen 
Werk arbeitet, das den Titel führt: Welche sittlichen Pflichten 

52 



besitzt der Mensch gegenüber den Kokken, die den Milzbrand 
hervorrufen, mit besonderer Berücksichtigung der Leitsätze aus 
de officiis von Cicero. Sie ersehen hieraus die Vielseitigkeit un- 
serer Behörden, die nur dadurch ermöglicht wird, daß sie die 
Nebensächlichkeiten vernachlässigen. Wir haben übrigens noch 
ein weiteres Mittel in der Hand, um der Übervölkerung entgegen- 
zuwirken, nämlich die künstliche Abtreibung, die von Plato 
direkt angeordnet, durch unsere Ärzte zu einem unglaublich 
hohen Grade technischer Vollendung gediehen ist. Interessant 
ist dabei, daß Plato persönlich sich noch höchst abfällig über 
die Hippokratischen Ärzte äußerte und ihnen in seinem Staats- 
werk ihre damalige lebenverlängernde Routine zum Vorwurf 
machte, ja geradezu zum Verbrechen stempelte. Wr haben 
Ursache zu der Annahme, daß Plato die Ärzte unserer Insel weit 
beifälliger beurteilen würde, da diese, wie gesagt, im Abortus 
quantitativ wie qualitativ Epochales leisten." 

„Ich hoffe doch," bemerkte ich, ,,daß diese Prozedur nur dann 
vorgenommen wird, wenn die regelrechte Entbindung für die 
Mutter eine Lebensgefahr darstellt? Sicherlich haben Sie doch 
in Ihrem Strafgesetzbuch einen Paragraphen, der für alle 
anderen Fälle die Vernichtung keimenden Lebens mit harter 
Straie bedroht?" 

„Dieser Paragraph lautet bei uns anders. Er verbietet nicht,, 
sondern er befiehlt den künstlichen Abortus, und er bestraft 
strengstens diejenigen, die ihn unterlassen; wenn nämlich nach 
Lage der Dinge Piatos Wille in Kraft zu treten hat. Denn genau 
so klar wie er anordnet, daß kein Vater und keine Mutter ihre 
leiblichen Kinder unterscheiden noch von diesen unterschieden 
werden können, genau so klar setzt er für Vater- und Mutterschaft 
die Altersgrenze fest, jenseits deren abgetrieben werden muß." 

„Und bei aller Verehrung für Plato erkläre ich das für eine 
Barbarei! Es widerspricht den elementaren Sittenforderungen 
und den heiligsten Empfindungen, die wir für das Leben der 
jungen Generation zu hegen haben." 

„Dann müßten Sie auch Lykurg verdammen, der vielleicht 
noch radikaler als Plato auftrat und auf dessen Rechnung doch 
die Ertüchtigung der Spartaner zu setzen ist. Außerdem über- 
legen Sie einmal, wieviel Menschenopfer an Kinderleben wir 
bringen, und wieviel i h r Europäer ohne Plato-Staat, mit eurem 
humanen Bewußtsein. Vergleichen Sie numerisch die Liste un- 
serer Keimtötung mit der euren, die sich unter dem Motto 
einer Hungerblockade vollzog. Hier sind es wenige Tausende, dort 

53 



Millionen. Hier wird mit raschem Eingriff operiert, dort geschah 
das raffiniert langsame Morden. Hier besteht ein Zweck, der 
letzten Endes auf das Beste der Überlebenden hinauswill, dort 
waltete eine vom kalten Egoismus ersonnene M ^thode. Oder 
lassen Sie lieber die Vergleiche zwischen Euren Ländern und 
der von Ihnen entdeckten Insel, Sie hätten dabei nichts zu ge- 
winnen !" 



B«ttler umschwärmten uns, und ich hielt es für angezeigt, 
hier und da eine kleine Gabe auszuteilen. Wir waren dazu im- 
stande, da wir uns auf unserer Promenade, was ich vorher zu 
erwähnen unterließ, in einem großen Bankhause mit ausreichender 
Münze versehen hatten. Es berührte uns zunächst recht sym- 
pathisch, daß der Dollar überhaupt angenommen wurde, wiewohl 
wir zweifellos die ersten waren, die diese Einheit hereinbrachten. 
Mac Lintock hatte also recht behalten: die überzeugende Kraft 
des Dollars kann wie die Lichtgeschwindigkeit und wie die 
Gravitation als eine Weltkonstante erachtet werden. 

Die für alle Inseln des von uns entdeckten Archipelagos 
gültige Münzeinheit ist die Dragoma, die in je hundert Drago- 
minda zerfällt. Nach ihrer Kaufkraft gemessen würde die Dra- 
goma etwa einem Vierteldollar entsprechen. Wir mußten trotz- 
dem bei der Umrechnung zehn Dollar für den Gegenwert je einer 
Dragoma bezahlen, was den Amerikaner zu lebhaft gestikulierten, 
wiewohl vergeblichen Protesten veranlaßte. So eine Valuta- 
Schneiderei hätte er doch für undenkbar gehalten, und es wäre 
ein Glück für die Leute, daß auf Baleuto noch keine amerikanische 
Gesandtschaft existiere, sonst könnten diese Währungsschieber 
etwas erleben! 

Weitere Enttäuschungen folgten. Einer der Bettler, dem 
ich einige Dragominda geschenkt hatte, warf mir die Münzen 
vor die Füße mit der Motivierung, das sei falsches Geld. Ich 
nahm sie auf, ging nach der Bank zurück und stellte den Beamten 
zur Rede. Der erklärte, das hätte sofort moniert werden müssen, 
auf nachträgliche Reklamationen könnte sich die Bank nicht 
einlassen. Erst ein Geschäft perfekt machen und es nachher be- 
mängeln, das sei unphilosophisch und verstoße gegen Treu und 
Glauben. Übrigens stellte es sich alsbald heraus, daß mindestens 
75 Prozent des Geldes echt war, so daß eine ernstliche Verlegen- 
heit für uns nicht entstehen konnte. — 

54 



Ich beobachtete eine Szene, die im ersten Moment wie ein 
hübsches Genrebild anmuten konnte. Etliche Lazzaroni hatten 
auf Grund der von mir ausgeteilten Münzen an der Straßen- 
ecke ein fliegendes Hasard mit Spielkarten etabliert, eine Art 
von Proleten-Baccarat, das leider sofort in Streit und Hand- 
gemenge ausartete. Messer wurden gezückt, Gliedmaßen getroffen, 
Schreie gellten durch die Luft, und blutig färbte sich* der Boden. 
Gegenüber stand ein behelmtes und bewaffnetes Individuum, 
offenbar ein Polizist, der von diesen Vorgängen nicht die leiseste 
Notiz nahm. Er dachte vielmehr tief nach, und es mußte wohl 
etwas Philosophisches sein, worüber er grübelte. Ich erfuhr 
später, daß auf der Insel zahlreiche und gutexerzierte Wach- 
mannschaften vorhanden waren, die aber an diesem Tage den 
Sicherheitsdienst auf der Straße nicht wahrnehmen konnten, 
denn der Chef der platonischen Gendarmerie hatte sie zu einer 
Razzia auf die Epiker und Lyriker kommandiert, die der Ver- 
fassung zum Trotz in gewissen Spelunken in der Stadt hausten 
und dichteten. Es war also noch immer nicht gelungen, das veri- 
fizierende Gesindel gänzlich auszurotten. 

Wir überschritten eine Brücke und bemerkten darunter ein 
träge schleichendes Mittelding zwischen Bach und Fluß, das 
zwar mit grünlichem Farbenspiel optisch ganz interessant wirkte, 
aber aromatisch stark und nicht erfreulich auf die Nase fiel. 
Als ich unvorsichtig genug auf diesen pestilenzialischen Übel- 
stand hinwies, empfing ich die Belehrung, daß ich die Wichtigkeit 
der Geruchsorgane wesentlich überschätze. Nach der Meinung 
der bedeutendsten Philosophen von Thaies bis Kant sei die 
Nase ein ganz untergeordneter Sinn, auf den praktisch Rücksicht 
zu nehmen denkender Menschen absolut unwürdig wäre. Von 
dieser Maxime ausgehend lehne es die Platonische Republik 
grundsätzlich ab, etwas für die Stromreinigung zu tun, zumal 
es sich gezeigt habe, daß die Flußpestilenz gewisse Krankheiten 
begünstige, auf deren Erhaltung die Apotheker der Republik 
und die Leichenbalsamierer großen Wert legten. — 

Ebensowenig wie dieses fließende, gefielen mir die festen, 
monumentalen Gebilde, die sich auf den Plätzen der Stadt sehen 
ließen. Historisch genommen befanden sich ja die Bildhauer 
und Baumeister von jeher in schlimmer Lage, da sie ursprünglich 
in die allgemeine Verurteilung aller Künste einbegriffen waren. 
Und unter dem Druck dieser Verachtung litten sie natürlich in 
geistiger Hinsicht, selbst als man schon angefangen hatte, sie 
als leidige Unentbehrlichkeiten im Staatswesen zu erachten. 

55 



Phidiasse und Michelangelos können sich nicht entwickeln, wo 
man ihresgleichen nicht verehrt, sondern eben nur duldet. 

Wir standen vor einem Werk, das ein Doppelmonument 
vorstellte und dem Genius des Musterstaates entsprechend einen 
philosophischen Gedanken in bronzener Massigkeit verkörperte. 
Es waren zwei riesige Gestalten, die hier als Dioskuren auftraten, 
so wie Goethe und Schiller in der Rietschel'schen Kolossalgruppe 
von Weimar. Nur daß die beiden Figuren sich hier in anderer, 
and zwar symbolisch gemeinter Anordnung präsentierten. Die 
eine war, wie zu erwarten, Plato, der erhabene Schutzpatron, 
der andere, wie aus der Inschrift hervorging: Immanuel Kant. 
Zum Ausdruck sollte gebracht werden, daß Kant's Philosophie 
des transzendentalen Idealismus sich aus der Platonischen Ideen- 
lehre entwickelt habe, oder anders gesagt, daß Kant auf den 
Schultern Piatos stünde. Das wäre nun in Erz schwer auszu- 
drücken gewesen, wenn nicht der Bildner auf den genialen Einfall 
geraten wäre, die Allegorie ganz wörtlich zu nehmen, das heißt, 
den Königsberger Denker tatsächlich dem Athener über die 
Schultern zu hängen und darauf reiten zu lassen. Dergestalt 
kam die Idee ,, Plato als Träger Kants" ganz klar heraus. Freilich 
blieben noch störende Einwände, so die anatomisch ganz falsche 
Gestaltung beider Männer, die schief eingeschraubten Beine und 
die unmöglichen Proportionen zwischen Kopf, Brust, Rücken 
und Extremitäten, Einwände, die indes in uns auch heimatliche 
Erinnerungen weckten, da wir ähnliche Skulpturen in unseren 
eigenen futuristischen Ausstellungen gesehen hatten. 

Die Philosophie fand in diesem Doppeldenkmal noch ein 
weiteres Symbolbereich, nämlich dadurch, daß der geräumige 
Sockel zu einer Bedürfnisanstalt ausgebaut war. Hierin lag der 
Absicht nach eine Ovation für Kant und seine berühmten Anti- 
nomien, da die reale Bestimmung des Sockels einen antinomischen 
Gegensatz zu der idealen Transzendenz des Oberbaues ausdrücken 
sollte. Außerdem barg die genannte profane Anstalt noch eine 
besondere philosophische Pointe: sie trug die Umschrift „Hera- 
kliteion", zeigte im Innern das Relief Heraklits und darunter in 
griechischer Schrift dessen Hauptsatz jzavva gei (panta rhei, 
alles fließt), wonach nicht zu zweifeln, daß das Gesamtwerk sich 
sehr wohl in einen durchaus von Philosophen regierten Staats- 
organismus einfügte. — 

Was die Baumeister anlangt, so lag für sie die Schwierigkeit 
einerseits in dem Mangel einer Tradition, andererseits an dem 
Platonischen Grundgesetz, welches die Schönheit als unsittliche 

56 



Üppigkeit befehdet. Einige Architekten hatten sich dadurch 
geholfen, daß sie das Verhältnis zwischen Vorderfront und Rück- 
seite umkehrten, indem sie den Privathäusern garstige Fassaden 
gaben, wie Kalkscheunen, während sie ganz hübsche architektoni- 
sche Gliederungen in die von der Straße aus unsichtbaren Hinter- 
fronten versteckten. Bei anderen hatte die Aufsichtsbehörde ein 
Auge nachsichtig zugedrückt. Wir sahen einige Barbierläden, 
Pfandleihen, Schlachthäuser und Abdeckereien, die ihre bau- 
lichen Modelle, wiewohl nur in schüchterner Anlehnung, von der 
Akropolis und vom Parthenon herholten; wogegen allerdings die 
Museen und überhaupt alle Staatsgebäude die strengste platonische 
Kunstfeindlichkeit anstrebten, so daß man sie beim ersten An- 
blick für Kornspeicher, Trödelschuppen oder Ochsenställe halten 
konnte. 

Eines dieser Staatsgebäude wurde uns als das Oberkriminal- 
gericht bezeichnet, und wir hatten das Glück, gerade dem Schluß- 
akt eines aufsehenerregenden Strafprozesses beizuwohnen. Dieser 
spielte schon seit Wochen und empfing seine Wichtigkeit da- 
durch, daß er eine das Staatswohl in seinem Lebensnerv be- 
rührende Angelegenheit betraf. 

Angeklagt war ein Mann, der als Führer einer zwar kleinen, 
aber sehr rührigen Anarchistenpartei galt. Das Programm 
dieser Ultra- Radikalen ging dahin, daß die Hauptnorm des Staates 
umgestürzt und dafür die Kunst, insonderheit die Poesie, als 
Herrscherin aufgerichtet werden sollte. 

Jener Führer, mit Namen Sarasalgo, hatte im Verlauf seiner 
revoluzelnden Ideen einen wahrhaft diabolischen Kunstgriff 
getätigt. Er veröffentlichte ein von ihm verfaßtes hexametrisches 
Lehrgedicht nach dem Vorbild des Lukrez, worin er die Grund- 
gedanken der Platonischen Dialoge dichterisch darstellte und 
rait künstlerischem Schwung verherrlichte. Seine grausame List 
lag also in folgender ideellen Zwickmühle : Da ich den Plato und 
die ideelle Kalokagathie anjuble, so muß mich unser Inselstaat in 
jeder erdenklichen Weise bevorzugen, auszeichnen und sogar zum 
Regenten befördern. Gibt er mir aber die Gewalt, so habe ich 
diese doch nur als Poet errungen, durch meine brillanten, üppigen 
Hexameter, und wenn diese als preiswürdig anerkannt werden, 
so muß in logischer Folge dieser ganze Anti-Poeten-Staat 
zusammenbrechen. 

Der Staatsanwalt, eine Kreatur des Ministerpräsidenten, 
nahm die Zwickmühle genau am entgegengesetzten Ende auf. 
Wir hörten sein letztes Plaidoyer, das in den Worten mündete: 

57 



..Der Angeklagte Sarasalgo geht durchaus fehl in der Annahme, 
daß wir ihm auf den schlüpfrigen Boden seiner Sophistik folgen 
werden. Für uns liegt der Fall evident so: er hat gedichtet, 
und damit ist die Voraussetzung des Strafparagraphen erfüllt. 
Wenn er in seinen Versen anscheinend Plato lobpreist, so er- 
k< nne ich darin nur ein Manöver, um aus dem Hinterhalt und auf 
Schleichwegen Straffreiheit zu ergaunern. Es liegt nicht so, 
daß er davonkommen darf, um den Staat zu ruinieren, sondern 
so, daß wir den Staat retten müssen, indem wir den Mann ver- 
urteilen. Schon haben wir uns einer Unterlassungssünde schuldig 
gemacht, da wir einige Exemplare seiner Dichtung hinausließen, 
anstatt sofort die Leibesfrucht seiner Muse abzutreiben, als sie 
von ihm trächtig wurde. Jetzt aber heißt es: durchgreifen!" 
Er beantragte die höchste zulässige Strafe und schloß mit einem 
an Voltaire anklingenden Kernworte, das soviel besagte als 
Ecrasez Pinfame! 

Und die Infamie des Künstlers wurde wirklich getroffen. 
Das Verdikt lautete auf lebenslängliche Verbannung nach der 
Straf-Insel Krakaturi und Vernichtung aller Exemplare und 
Platten. Das Prinzip der Gerechtigkeit und Sittlichkeit im 
Platonischen Staat hatte gesiegt. 



Am nächsten Tage begaben wir uns in die Aula der Akademie, 
wo die Feierlichkeiten zum Hundert]' ahr Jubiläum ihren Anfang 
nahmen. Als Einleitung gab es eine Festkantate für Soli, Chor 
und Orchester, deren musikalischer Sinn mir, wie ich voraus- 
schicke, unverständlich blieb. 

Plato selbst hat die Stellung der Musik in seinem Staats- 
körper nicht ganz unzweideutig definiert. Als zur Gesamtkunst 
gehörig kann sie ja seiner prinzipiellen Verurteilung nicht ent- 
gehen, nichtsdestoweniger gestattet er in beschränktem Grade 
deren Ausübung, vornehmlich in Verbindung mit der Gymnastik. 
Aus einigen Stellen seines Werkes kann man sogar die Begünstigung 
eines Verfahrens herauslesen, das man als ein symphonisches 
Turnen bezeichnen darf, und wir hatten weiterhin Gelegenheit, 
derartigen Übungen beizuwohnen. Auch hier in der Aula wurden 
im Mittelteil des Festes Sonaten am Schwebereck, Rondos an der 
Kletterstange und kontrapunktierte Fugen am Springbock vor- 
geführt. Darüber hinaus verordnet Plato wörtlich, daß alle 

58 



sanften und weichlichen Tonarten aus seiner Republik zu ver- 
weisen sind, die Musik solle seinen Bürgern weder Freude noch 
Traurigkeit einflößen ; alle jonischen, lydischen und mixolydischen 
Harmonien, alle Trink- und Liebeslieder sind zu verbannen; 
er erklärt die viclsaitigen Instrumente und gewisse Flöten als 
gefährliche Werkzeuge der Üppigkeit, gestattet dem Landvolk 
nur die Rohrpfeife, den Städtern nur die Lcyer und die Zither; 
er beschränkt mithin die tonkünstleris«- ;lichkeiten auf das 

Alleräußerste und drückt die Instrumentierung auf eine Stufe, 
bei der kaum ein Komponist im Lande der Hottentotten sein 
Auskommen finden würde. Es muß festgestellt werden, daß 
die Musiker unserer Insel sich von dieser extremen Strenge bereits 
merklich emanzipiert hatten, weil sie sonst überhaupt nicht im- 
stande gewesen wären, zu ihrem Jubelfeste eine Kantate aufzu- 
führen. Immerhin hielten sich die Insulaner insoweit an das 
Platonische Programm, als ihr Chorwerk keine Freude, sondern 
in der Hauptsache nur eine gewaltige Ohrenpein verursachte, 
wenn ich als Maßstab die Empfindlichkeit unserer eigenen Ohren 
ansetze. 

In der Zwischenpause flüsterte mir Eva zu, sie könne das 
überhaupt nicht mehr aushalten und müsse fliehen. Ich ver- 
suchte, sie zu beruhigen: der Übclklang dieser Musik darf uns 
nicht veranlassen, sie restlos zu verwerfen. Wir haben uns ja 
auch in unseren heimischen Konzerten an allerlei katzenmusi- 
kalische Kakophonien gewöhnt und wissen aus der Kunstge- 
schichte, wie sehr sich die Rezeptivität der Hörer verändert. 
Vielleicht ist uns das große Publikum dieser Aula, das so an- 
dächtig und sichtlich erbaut zuhört, schon um Jahrzehnte oder 
Jahrhunderte im Urteil voraus. 

Eva widersprach: „Niemals werde ich mich überzeugen 
lassen, daß eine wirkliche Musik von den Grundlagen des Taktes 
der Tonalität und der reinen Stimmung abgetrennt werden 
kann. Immer wird ein Unterschied bestehen zwischen Stümpern 
und Könnern, wie zwischen dem Gekrächz eines Raben und 
dem Gesang einer Nachtigall. Mich empört nicht die Tatsache, 
daß diese Leute anders melodisieren und harmonisieren, sondern 
daß sie falsch musizieren, mit Instrumenten, von denen jedes 
für sich und alle untereinander so greulich verstimmt sind. Wenn 
man mir ins rechte Ohr B-dur und gleichzeitig ins linke Ohr 
B-moll bläst, so muß es zum mindesten wirkliches B-dur und 
B-moll sein, nicht aber ein Gequiek wie von ungeschmierten Türen, 
die zufällig in B quietschen." 

59 



,, Liebes Fräulein Eva, auch daran werden wir uns gewöhnen 
müssen, hier und daheim bei uns. Nehmen Sie diese Musik als 
eine Vorbereitung zu den Konzerten, die uns zu Hause erwarten." 

Das Orchester intonierte aufs neue zu einem glücklicherweise 
nur kurzem Finalsatz, in den mehrfach spontaner Beifall der 
bewundernden Hörerschaft hineinbrauste. Dieses Finale wurde 
auswendig vorgetragen, ganz ohne Noten und Dirigenten, und 
ich erfuhr später, daß damit eine ganz besondere Kunstübung 
geboten wurde: Der Komponist hatte vorgeschrieben, daß hier 
jeder der Ausübenden in Orchester und Chor ganz frei improvi- 
sieren sollte, jeder ohne welche Rücksicht auf die I übrigen, was 
und wie es der Moment ihm gerade eingäbe. Sicherlich wird 
dadurch eine weit größere Freiheit erzielt, als in der sklavischen 
Bindung an Partitur und Stimmen jemals erreicht werden kann. 
Da wäre also noch viel zu lernen für unsere europäischen Ton- 
setzer, die von der alten Schablonenfexerei nicht loskommen, 
immer erst aufzuschreiben, was nachher gespielt werden soll. 



Nach Erledigung der Kantate betrat der Magnificus der 
Akademie, Micregent des Staates, das Podium zu einer langen, 
feierlichen Ansprache, die hier auf den zwanzigsten Teil ver- 
kürzt eine aphoristische Wiedergabe erhalten möge: 

Festgenossen! Wäre uns der Homer nicht verpönt und ver- 
boten, so müßte ich mit den Worten beginnen „Andra moi enepe". 
Und die Muse hätte mir zu antworten : der Mann, den du meinst, 
der Mann, der eurem staatlichen Leben den Inhalt gibt, es ist 
Plato, der Imperator unter den Denkern, der einzige und vor 
allem der erste, der gewußt hat, wie man ein Volk herrlichen 
Zeiten entgegenführt. 

Durch ihn sind wir einer Fülle von Segnungen teilhaftig ge- 
worden, wie sie sich — das behaupte ich kühn, weil Ihrer Zu- 
stimmung sicher — über keine andere Menschengemeinschaft 
der Erde ergossen hat. Weil es uns allein vorbehalten war, sein 
System zu realisieren, das für die anderen bis auf diesen Tag 
nur ein Gegenstand scheuen Bestaunens geblieben ist. 

Dieses System beruht auf der berühmten, von aller Welt ge- 
feierten, aber nur von uns voll begriffenen „Ideenlehre". Sie gibt 
uns die Idee als Begriff außerhalb der Erscheinung und, tiefer 
erfaßt: im Gegensatz zur Erscheinung. Aus dem Zufallsding, 

60 



das wir Mensch nennen, abstrahieren wir die Idee der Menschigkeit, 
aus dem Löwen die Leonitas, aus dem Esel die Asinität, aus den 
Gesetzen die Gesetzigkcit. Unsere Aufgabe war es, den eben 
erwähnten Gegensatz zu betonen und zu verschärfen; also di r 
Gesetzigkeit so zu gestalten, daß sie sich vom Gesetz möglichst 
loslöst, und die Gerechtigkeit so, daß sie dem konkreten Recht 
widerspricht. Gelingt dies, so nähern wir uns dem Platonischen 
Staatssystem, welches verordnet, daß nur Philosophen, das sind 
Menschen, welche jene Ideenlehre begriffen haben, die Herr- 
schaft ausüben dürfen. 

Darin erschöpft sich aber ihre Sendung noch nicht. Sie haben 
vielmehr dafür zu sorgen, daß die Philosophie im Allgemeinen 
und ihre Philosophie im Besonderen alle Schichten des Volkes 
durchdringt. Es gibt ein lateinisches Sprichwort „primum vivere, 
deinde philosophari" — erst muß man leben, nachher philoso- 
phieren. Da wir das Prinzip des Kontrastes befolgen, so er- 
klären wir dieses Wort für einen Unsinn und verordnen: zuerst 
philosophieren, dann erst leben ! Der überaus glückliche Zustand, 
in dem sich unser Eiland befindet, beweist deutlich genug, daß 
wir mit dieser Umkehrung das Rechte getroffen haben. 

Schon heute, beim Feste, darf ich es ankündigen, daß wir 
demnächst über das erreichte sehr erhebliche Maß hinaus neue 
Lehrkurse einrichten werden. So für Bartscheergehilfen einen 
Kursus über die philosophische Methode des Parmenides und 
für Rollkutscher eine propädeutische Einführung in die Plato- 
Sokratische Ethik. 

Einige obere Verwaltungsstellen sollen neu besetzt werden. 
Wo viel Licht, da darf es uns nicht Wunder nehmen, daß wir auch 
etliche Schatten bemerken. Es sind uns einige Klagen zu Ohren 
gekommen darüber, daß unser Postdienst nicht ganz exakt 
funktioniert, und daß beispielsweise im vorigen Monat achtzig 
Prozent aller aufgelieferten Briefe spurlos verschwunden sind. 
Um auch in dieser Hinsicht die größtmöglichste Vollendung zu 
gewinnen, wird das Postressort demnächst großzügig erweitert 
und einem Fachminister für Transzendent al-Aesthetik anvertraut 
werden. 

Betreffs der Volksmoral herrscht bei uns nur eine Stimme — 
wenn ich das Häuflein der anarchistischen Plato-Gegner aus- 
nehme, die wir zerschmettern, wo sie uns entgegentreten. Die 
Kriminalität ist, statistisch genommen, fast auf den Nullpunkt 
gesunken, seitdem unsere Gerichte gelernt haben, den Plato- 
Sokratischen Grundsatz richtig anzuwenden: ,, Unrecht leiden ist 

61 



besser als Unrecht tun." Hier kam alles auf Konsequenz an, 
und zu unserer Ehre sei es gesagt, die Tribunale dieser Insel ar- 
beiten konsequent, indem sie das Unrecht leiden. Als äußerst 
vorteilhaft für die Gesamt-Sittlichkeit hat es sieh auch erwiesen, 
daß wir die Verherrlichung der Knabenlicbc aus Piatos Symposion 
und Phädros in unser Staatswesen übernommen haben. Diese 
zwei Elemente, die Päderastie einerseits und die Verlosung des 
Jungfernschaftsbeischlafs andererseits, diese zwei echtplatonischen 
Elemente, sagte ich, haben sich bei uns zur allgemeinen Be- 
friedigung als eine Segensquelle erwiesen, um die uns die ganze 
Außenwelt beneiden wird, wenn erst einmal die Ausländer un- 
getrübten Einblick in unsere Zustände erhalten. 

Hierzu ist nun ein erster Anfang gemacht, und ich entledige 
mich einer angenehmen Pflicht, wenn ich hier als Festredner 
die ersten Fremdlinge begrüße. Sie weilen heut unter uns als 
Entdecker des Eilands, das für sie eine „ultimaThule" darstellt, um 
mit Vergil zu reden, der zwar als Dichter ein nichtsnutziges Sub- 
jekt war, aber mit dieser Bezeichnung ein auch für anständige 
Prosa brauchbares Wort geschaffen hat. Ich hoffe, daß die 
fremden Gäste, für deren gastfreie Aufnahme unsere Stadt- 
verwaltung gesorgt hat, bedeutende Eindrücke davontragen 
werden, zum späteren Heil der Länder, denen sie entstammen. 
Sie werden erzählen, daß sie hier eine Verfassung angetroffen 
haben, die innerlich gefestigt sich seit Urzeit vollkommen bewährt; 
im Gegensatz zu den Verfassungen ihrer Länder, die von Pfuscher- 
händen geformt, fortdauernder Quacksalberei unterliegen. Jetzt 
zum ersten Mal werden sie erkennen, woher es rührt, daß bei 
ihnen zu Haus keine Stetigkeit waltet, und alles in endlosen 
Experimenten drunter und drüber geht. Es rächt sich an ihnen 
fortgesetzt und bitter, daß kein Philosoph mit tiefdurchdachtem 
System bei ihren Staatsorganismen Pate gestanden hat. Viel- 
leicht ist es auch für jene Kontinente schon zu spät, um sich zu 
unserem Ideal zu bekennen, und sie werden in diesem Fall aus 
der Verelendung nicht mehr herausfinden. Immerhin, wenn sie 
auch nur einige unserer Platonischen Einrichtungen zu sich 
überpflanzen, werden sie daraus etliche Öltropfen gewinnen, um 
ihren verrosteten Staatsmaschinen über die ärgsten Reibungen 
hinwegzuhelfen. 

Hierauf verkündete der Vizepräsident der Akademie die 
Verleihung der zum Jubiläum fälligen Staatspreise. Mit Me- 
daillen und Ehrendiplomcn wurden unter anderen die Urheber 
folgender Druckwerke bedacht: 

62 



„Die Homöomerien des Anaxagoras in ihrer Anwendung aui 
die Prüfung der Konsistenz des weiblichen Busens." 

„Warum ist Glaukon, der bei Plato hohnvoll von einer „Schwei- 
nerepublik" redet, nicht hingerichtet worden?" 

„Wenn Plato fordert, daß der Staatsbeschützer schlechter- 
dings Philosoph sein muß, wenn er andererseits feststellt, er 
müsse sich benehmen „wie ein tüchtiger Hofhund", — welche 
Merkmale ergeben sich hieraus für den Logos, die Dialektik und 
die Syllogismen der Hofhunde?" 

„Entwurf einer buntillustrierten Kinderfibel mit den Anfangs- 
gründen der Aristotelischen Topik und Metaphysik." 

Im Anschluß hieran gab der Sprecher bekannt, daß den An- 
wesenden besonders gute Plätze auf den Straßentribünen zur 
Verfügung ständen. Der Festzug begänne morgen nachmittag 
um vier Uhr nach mittelpolynesischer Zeit. Er fügte hinzu: Wie 
alle unsere Veranstaltungen wird auch dieser Zug vom Geiste 
der Philosophie durchweht sein, das Wort im Sinne der Fakultät 
genommen, also mit Einschluß der Physik, Mathematik und 
Astronomie. Er wird dartun, daß auf diesen Gebieten die hohe 
Einsicht sich sehr wohl mit einer liebenswürdigen, eleganten, 
ja sogar heiteren Darstellung verträgt. Dieser Festzug der Wissen- 
schaft soll also zugleich ein Zug der Fröhlichkeit werden. Unsere 
verehrten Gäste werden hier wiederum Anlaß zu Vergleichen 
finden. Es ist uns aus den Berichten unserer Emissäre, wie aus 
bildlichen Darstellungen, die sie mitbrachten, bekannt geworden, 
daß auch in Europa gewisse Züge mit launigem Anstrich ver- 
anstaltet werden, insonderheit zu Zeiten, die sie wegen des Nah- 
rungsmangels Fleichabschied nennen, Carnevale. Derartige 
karnevalistische Umzüge spielen dort namentlich in Rom eine 
Rolle, wie auch in einer hierorts fast unbekannten Stadt Colonia- 
Agrippina, die neuerdings Köln heißt. Es bleibt unverständlich, 
wieso die Europäer daran Gefallen finden können, da sie ihren 
Gruppen grundsätzlich ein ganz verfehltes Programm unterlegen: 
sie glossieren und verspotten darin ihre eigenen politischen und 
sozialen Zustände, mithin Dinge, die gar nicht karikiert werden 
können, da sie ja schon an sich und in natura Karikaturen sind. 
Eine sinnvolle Beziehung ermöglicht sich erst dann, wenn ernste, 
edle, als gültig anerkannte Themen der Parodie und Travestie 
untergelegt werden, also wissenschaftliche Dinge, denen wir eine 
volksmäßig derbe Physiognomie abgewinnen, und die gleichsam 
vom Genius der Heiterkeit bestrahlt, humoristische Schatten 
werfen. — 

63 



Herr Yelluon machte uns darauf aufmerksam, daß wir gar nicht 
nöti^ hätten, uns in eine Tribüne einpferchen zu lassen, da wir 
den Zug weit bequemer von den Fenstern unserer Wohnung aus 
betrachten könnten, bei der er in voller Ausdehnung vorbei- 
käme. Das war uns natürlich sehr erwünscht, schon unserer Dame 
wegen, die auf der freien Tribüne unter den grellen Sonnen- 
strahlen gelitten hätte. 

Ich beabsichtige keineswegs, den ganzen Verlauf des Zuges 
reporterhaft zu schildern. Nur einige wenige Einzelheiten seien 
herausgegriffen. 

Da kam auf einem geschmückten Wagen Demokrit, der 
lachende Philosoph, umgeben von den Bürgern seiner Vater- 
stadt, den Abderiten, welche pappene Schafsnason trugen, während 
sich die schönen Abderitinnen im Federkleid der Gimpel präsen- 
tierten. Hier sollte in einem sinnvollen Auftakt gezeigt werden, 
wie sich ein echter Philosoph aus den Nöten der menschlichen 
Torheit in göttlichem Gelächter befreit. Dieser Demokrit (im 
Zivilberuf Komiker des Staatstheaters von Baleuto) verstand 
nun in der Tat so anhaltend und dröhnend zu lachen, daß er mit 
seinen Explosionen die ganze Bevölkerung ansteckte. Und mit 
dem Krimstecher nahm ich wahr, daß eine der vollbesetzten, 
vom Staatsarchitekten erbauten Tribünen unter der Wucht des 
allgemeinen Lachgeschüttels zusammenkrachte. Was, abgesehen 
von den zahlreichen Zerdrückten und Verwundeten, ein schönes 
Zeugnis ablegte für die Zweckmäßigkeit und Kalokagathie eines 
Gelächters, wie es nur aus den seelischen Gründen eines gereiften 
Weltweisen entströmen kann. 

Die Hauptfigur eines anderen Wagens war der Philosoph 
Empedokles aus Agrigent, der sich bekanntlich um die profun- 
desten Tiefen des Seins und W T erdens zu erforschen, anno 430 
vor Chr. in den glühenden Schlund des Ätna gestürzt hat. Dieser 
epochale Vorgang wurde auf dem Gefährt durch einen Miniatur- 
vulkan wiedergegeben, in dessen Inneren der Staatspyrotechniker 
ein sprühendes und seiner Versicherung nach gänzlich unschäd- 
liches Feuerwerk (flamma frigida) angebracht hatte. Der große 
Empedokles sprang also periodisch oben hinein, kroch unten aus 
einer Klappe wieder hervor und setzte diese erkenntniskritische 
Übung fort, so lange der Zug währte. Oder wenigstens beinahe 
so lange. Denn eine Viertelstunde vor Schluß des Festes zog man 
ihn verkohlt aus dem hübschen, aber, wie sich herausstellte, 
doch nicht ganz ungefährlichen Ätna. Und die Duplizität der 
Ereignisse fügte es, daß sich auf einem anderen Wagen, der den 

64 



Feuertod des Philosophen Giordano Bruno ebenfalls mit flamma 
frigida versinnbildlichte, eine ähnliche Episode ereignete. 

Sehr lustig ging es dagegen auf einem Aufbau zu, der das 
Platonische „Gastmahl" in einer lebensechten, dem Texte Piatos 
nachgeformten Gruppe abbildete. Da saßen sie, die pokulierenden 
Wahrheitsfinder des Altertums, bei denen sich zum ersten Mal 
die ganze Bedeutung des Wortes offenbarte: in vino veritas. 
Man konnte es ordentlich verfolgen, wie der Geist der Getränke in 
den Zechgenossen aufstieg, um in Gasen der Erkenntnis aus ihren 
beredten Mündern herauszudünsten. Mit parodistischer Freiheit 
war dafür gesorgt worden, daß bei diesem akademischen Gelage 
der Sokrates doch noch etwas mehr in sich hineinpumpte, als er 
nach Piatos Erzählung vertrug. Zu den geschichtlich beglaubigten, 
ungeheuerlichen Quantitäten, die er damals konsumierte, tat 
er hier noch ein Übriges, so daß er schließlich wie ein besoffenes 
Schwein unter den Tisch des Agathon fiel ; was ihn nicht hinderte, 
auch noch in diesem Zustande, gleichsam im delirium tremens, 
fortzuphilosophieren und dem Aristo demus die herrlichsten 
Offenbarungen über die Unsterblichkeit der Seele entgegenzu- 
rülpsen. Der Aristophanische Effekt der fahrenden Gruppe 
bewährte sich vollkommen, und ich muß sagen, daß mir aus 
dieser eindringlichen Pantomime die Bedeutung des Symposion 
klarer geworden ist, als aus der Lektüre des Platonischen Originals. 

Auch der Tanz kam zu seinem Recht, und zwar in Verbindung 
mit Geometrie und Astrophysik, also in einem weiten Horizonte, 
der von den Pythagoreern bis in die Neuzeit reichte. 

Auf einer von acht himmelblau lackierten Stuten gezogenen 
Plattform, die das Universum vorstellte, erblickte man als Zen- 
tralkörper die Sonne in Form einer Matrone mit Strahlendiadem. 
In kurzen Abständen von ihr kreisten die Planeten, nämlich 
Merkur, Mars, Jupiter bis Neptun als Jünglinge, während Venus, 
die Erde und die Asteroiden durch entzückend kostümierte, be- 
ziehungsweise entkostümierte Mädchen verkörpert wurden. (Der 
halblaute Zuruf des Doktor Wehner: „Asteroiden mit Krätze" 
machte mir keinen besonderen Eindruck, da j a die Gestirne über- 
haupt nach Hegel nichts anderes sind, als ein leuchtender Aus- 
satz am Himmel.) Hier nun vollführten die Planeten um die 
Sonne Tanzbewegungen, die ganz genau den Keplerschen Gesetzen 
entsprachen, und es war eine Freude zu sehen, wie streng in den 
getanzten Ellipsen die Proportionen zwischen den Quadraten der 
Umlaufszeiten zu den Kuben der Entfernungen herauskamen. 
Auch hier zeigte sich der Segen der von Plato so dringend emp- 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit 5 65 



fohlencn mathematischen Disziplin: als der Knabe Merkur ein- 
mal einen kleinen Verstoß gegen Kepler beging, erhob sich die 
Sonne vom Thron und gab ihm eine zentrifugale Ohrfeige, so daß 
der irrende Stern aus dem Universum hinaus aufs Straßenpflaster 
flog. 



Nachdem wir unsere Studien auf der Insel abgeschlossen 
hatten, erklärten wir unserem freundlichen Herbergsvater, daß 
wir nunmehr unsere Entdeckungsreise nach weiteren Gebieten 
auszudehnen wünschten. Er versuchte auf alle erdenkliche Weise,, 
uns noch zurückzuhalten und machte sich anheischig, den Herren 
für nächste Woche eine Beteiligung an der bevorstehenden 
Jungfern-Lotterie zu verschaffen. Der Kapitän Ralph Kreyher 
schien auch wirklich schwankend zu werden, allein er wurde über- 
stimmt, und wir schickten uns an, mit Dankesworten Abschied 
zu nehmen. 

Wider Erwarten präsentierte uns der Wirt eine Rechnung. 
Wieso ? Wir hatten doch gehört, daß wir uns als Gäste der Stadt 
zu betrachten hatten? Ja, das stimmte schon, allein der vom 
Stadtkämmerer ausgestellte Freischein mußte verstempelt werden, 
und dieser Stempel ging zu unseren Lasten; die Gebühr betrug 
mehr, als der Aufenthalt im ersten Gasthof gekostet hätte. Ad 2 
wurde die Fenstermiete für die Besichtigung des Festzugs auf- 
geschrieben. Denn — so erläuterte jener — die städtische Gast- 
lichkeit erstrecke sich zwar auf Obdach und Verpflegung, aber 
nicht auf Dinge außerhalb der Wohnung; und nach Plato wäre 
zu unterscheiden zwischen der Idee des Fensters an sich und der 
Idee des Fensters als optischen Hilfsmittels. Ad 3 fiel nach einer 
Magistratssatzung der Kaffee nicht unter den Begriff der Be- 
köstigung. Wie ja auch bei Plato die eingeladenen Gäste sehr 
viel vorzügliche Tafelgenüsse, aber niemals Kaffee empfangen 
haben. Dieser wurde daher besonders notiert und zwar pro Tasse 
mit vier Dollars, was nach dem damaligen Weltkurse etwa 940 
Mark ausmachte. Nur das Bewußtsein, daß mich diese Rech- 
nungsbegleichung nichts anging, sondern auf das Mac Lintock- 
sche Expeditionskonto entfiel, bewahrte mich vor dem Schicksal, 
bei diesem Abschied von unserem gütigen Amphitryon aus der 
Haut fahren zu müssen. — 



66 



Während auf der Atalanta die Vorbereitungen zur Abfahrt 
getroffen wurden, versammelten wir uns zu Vieren im Schiffs- 
salon, um das Fazit unserer Erfahrungen zu ziehen. 

— Es läßt sich nicht bestreiten, so begann ich, daß diese plato- 
nische Insel wert war, von uns entdeckt zu werden, wiewohl die 
Gesamtheit der Eindrücke keineswegs als erbaulich anzusprechen 
ist. Hüten wir uns zunächst vor der Einseitigkeit des Urteils, 
das so gern an das Neue und Andersartige die Elle des Gewohnten 
anlegt. Kein Zweifel, die Bewohner von Baleuto fühlen sich in 
überwiegender Mehrheit glücklich. 

— Und da sie sich glücklich fühlen, ergänzte Eva, so haben 
sie auch ein Recht darauf, es zu sein; und das Recht, die Be- 
dingungen ihres Glückes als die allein gültigen zu betrachten. 

Donath: Von diesem Recht machen sie auch Gebrauch. 
Ich hörte im Vorbeigehen zwei Insulaner mit einander reden und 
entnahm ihrem Gespräch den Satz: „Am Baleut'schen Wesen 
wird die Welt einst genesen." 

Der Arzt: Erstaunlich bleibt es dabei, daß diese Leute 
von einem System ausgehen, das man doch beim besten Willen 
nur als total verrückt, als die Ausgeburt einer Hirnverbranntheit 
bezeichnen kann. 

Ich: Somit stehen wir vor der Aufgabe, ergründen zu 
müssen, wieso sich der Weltruhm des Piaton mit der Tatsache 
verträgt, daß wir ihn als einen Verrückten und Hirnverbrannten 
erkennen. 

Donath: Ich glaube, wir können uns die Aufgabe erleich- 
tern, wenn wir von der Annahme ausgehen, daß neun Zehntel 
aller Philosophie überhaupt blanken Blödsinn darstellt . . . 

Eva: Schopenhauer ausgenommen, möchte ich mir doch 
ausbitten. 

Donath: Gerade mit Ihrem Schopenhauer würde ich mich 
darüber gut verständigen. Denn da dieser nur eine Philosophie 
anerkennt, nämlich die seine, und nicht Schmähworte genug 
findet für den größten Teil der übrigen, da ferner Schopenhauer 
auf Kant fußt, Kant auf Plato, so möchte ich eigentlich wissen, 
was noch von der Philosophie übrigbleibt, wenn wir von iftr alles 
Unsinnige abziehen. 

Eva: Wenn man nur wüßte, an welche Instanz man sich zu 
halten hat, um zwischen Sinn und Unsinn zu unterscheiden. 

Donath: Natürlich an den gesunden Menschenverstand ! 

5* 67 



Ich: Aber der ist ja auch schon in Mißkredit geraten, und 
besonders die neuen, auf dem Grenzgebiet zwischen Philosophie 
und Naturkunde arbeitenden Forscher haben ihn uns als einen 
höchst unzuverlässigen, nur von seinen Vorurteilen lebenden 
Gesellen enthüllt. Wir kommen aus diesem fehlerhaften Zirkel 
niemals heraus. Wir verlassen uns zur Wahrheitsprüfung auf unser 
Gehirn, weil es so ausgezeichnete wissenschaftliche Beglaubigungen 
aufweist. Und wir übersehen dabei regelmäßig, daß es doch 
wiederum das nämliche Gehirn ist, das sich alle diese glänzenden 
Zeugnisse ausgeschrieben hat. Von einer höheren Warte gesehen, 
zerfiele vielleicht alles Denken überhaupt in dilettantischen Un- 
sinn und fachmännischen Unsinn. 

Donath: Nur daß der dilettantische Unsinn niemals so 
prätentiös auftritt und sich in bescheideneren, um viele Grade 
einfacheren Formen kundgibt. Da kann einem die Wahl nicht 
schwer werden. Ich für meine Person würde es schon der Ein- 
fachheit wegen Heber mit dem gemeinen Denken halten. 

Ich: Auch das ist schon ausgesprochen worden. Und wenn 
der Klassiker, an den ich denke, sein Bekenntnis auch einem 
Abderiten in den Mund legt, so bleibt es doch ein klassisches 
Zeugnis, das uns wertvoll wird, angesichts der horrenden Bock- 
sprünge Piatos und der Platoniker. Er sagt ungefähr : Die größten, 
gefährlichsten, unerträglichsten Narren sind die wissenschaft- 
lichen Narren. Ohne weniger Narren zu sein als andere, verbergen 
sie dem denkunfähigen Haufen die Zerrüttung ihres Kopfes durch 
die Fertigkeit ihrer Zunge und werden für weise gehalten, weil 
sie zusammenhängender rasen als ihre Mitbrüder im Tollhause. 
Ein ungelehrter Narr ist verloren, sobald er offenbaren, durch 
die Tatsachen sofort widerlegbaren Unsinn lallt. Bei dem ge- 
lehrten Narren erleben wir gerade das Widerspiel. Sein Glück 
ist gemacht, sobald er Unsinn zu reden oder zu schreiben an- 
fängt. Denn die meisten, obgleich sie instinktiv spüren, daß sie 
nichts davon verstehen, sind entweder zu mißtrauisch gegen ihren 
eigenen Verstand, um klar zu erkennen, daß die Schuld nicht an 
ihnen liegt; oder zu eitel, um zu gestehen, daß sie nichts ver- 
standen haben. Je mehr also der gelehrte Narr Unsinn spricht, 
desto lauter schreien die ungebildeten Narren über Wunder, 
desto emsiger verdrehen sie die Köpfe, um einen Sinn in dem 
hochtönenden Unsinn zu finden. Jener, gleich einem durch den 
öffentlichen Beifall angefrischten Luftspringer, tut desto ver- 
wegenere Sätze, je mehr ihm applaudiert wird, diese klatschen 
immer stärker, um den Gaukler zu noch verblüffenderen Sprüngen 

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anzuregen. Und so geschieht es oft, daß der Schwindelgeist eines 
Einzigen ein ganzes Volk ergreift, und daß, so lange die Mode 
des Unsinns dauert, dem nämlichen Manne Altäre aufgerichtet 
werden, den man unter anderen Bedingungen, ohne viel Umstände 
mit ihm zu machen, in einer Idiotenanstalt versorgt haben würde. 

Der Arzt: Mir aus der Seele gesprochen. Die Stelle paßt 
genau auf das von uns erlebte, denn auf dieser Insel ist ja der 
gelehrte Narr Plato ein Lebendiger und seine Theorien haben 
sich hier leibhaftig und gegenständlich ausgewirkt. 

Donath: Und man erfährt doch aus solchen Bekennt- 
nissen, daß der gesunde Menschenverstand nie aufgehört hat, 
gegen die Anmaßungen und Gaukeleien der Fachphilosophie zu 
rebellieren. 

Ich: Das ist allerdings reichlich geschehen. Der eine nimmt 
Plato, Sokrates, die Sophisten oder Aristoteles zum Objekt, 
der andere Fichte, Schelling, Hegel oder Herbart, und rechnet 
man alles zusammen, so ergibt sich das Fazit, daß sich sogar 
viele Philosophen bemüht haben, die akademisch betriebene 
Philosophie als einen Gegenstand verdienter Verachtung hinzu- 
stellen. Einer der Unsrigen, Eugen Dühring, hat hierfür nur die 
schärfsten Ausdrücke gefunden, wenn er Kraftworte gebraucht 
wie: Philosophastischer Cretinismus, Irrenhäuslerei, Paranoia 
paralytica philosophastrix und Philosophatsch. Und wenn uns, 
davon unabhängig, Plato als ein großer Mann und hervorragender 
Denker vorschwebt, weil ihn die Geschichte als solchen ausruft, so 
müssen wir doch gestehen : Im Platonischen Staat wäre ein Plato 
selbst unmöglich gewesen! Er hat Richtlinien vorgezeichnet, 
in deren Befolgung nur Konfusionariusse zu existieren vermögen, 
nicht aber ein Mensch, der imstande gewesen wäre, die Ideen- 
lehre aufzustellen. 

Eva: Der Krebsschaden seiner Theorie scheint wohl in 
seiner krassen Kunstfeindlichkeit zu sitzen. 

Ich: Das kann man bis zu einem gewissen Grade zugeben; 
nämlich falls man nicht als noch tieferen Grund Unwahrhaf tigkeit 
und Heuchelei annimmt. Ich habe allen Grund zu der Annahme, 
daß der göttliche Plato ein philosophischer Falschspieler gewesen 
ist, und bin dessen ganz sicher, daß in hundert Jahren diese ver- 
einzelte Meinung von heute allgemeine Überzeugung sein wird. 
Sein ganzer Sokrates ist eine raffiniert angelegte, und trotz dieses 
Raffinements für Geistesaugen durchsichtige Fälschung. Doch 
das steht auf einem anderen Blatt. Hier haben wir es mit einem 
grell plakatierten Aufruf zur Kunst Verbannung zu tun, und 

69 



dieses Plakat hat er wider besseres Wissen und gegen seine Über- 
zeugung an seine Politeia-Säule geklebt. Denn er selbst war ein 
Künstler mit eingeborenen und gepflegten Schönheitsidealen, 
er selbst hielt sich als Autor der Dialoge für einen Dichter von 
allen Graden. Nicht weil er die alten Dichter mißachtete, wollte 
er sie stürzen, sondern sein eigen Bild wollte er auf die Altäre und 
Sockel setzen; dort standen vorläufig Hesiod und Homer, also 
herunter mit diesen! Wird aber in dem von Plato vorkonstru- 
ierten Staat die wörtlich verstandene Forderung „fort mit den 
Dichtern" durchgeführt, so müssen sich schon daraus allein die 
widerwärtigsten Folgerungen ergeben, weil man von einer Bar- 
barei als Prämisse ausgehend nur zu barbarischen Konsequenzen 
gelangen kann. Es ertöte einer im Volke die Kunstehrfurcht, die 
Liebe zur Dichtung, und es ist unabwendbar, daß das nämliche 
Volk in einen Morast von Widersinn und Unmoral versinkt. An 
den Anfängen des Platonischen Staates stehen schon die Zeichen 
des Bilderwüterichs Savonarola aufgerichtet, der gegen Ovid 
und Tibull, Terenz und Catull wetterte, weiterhin gegen Wissen- 
schaft und Kunst überhaupt bis zum Aufbau von Scheiterhaufen 
in Stufenpyramiden, auf denen bildliche Kostbarkeiten neben 
den Werken des Pulci, Boccaccio und Petrarca verbrannt wurden. 
Nur daß Savonarola weit entfernt von dem fürchterlichen Schwin- 
del des Griechen blieb, der nicht eine Theokratie, sondern eine 
Platonokratie predigte, und daß die Moral Savonarolas immer 
noch turmhoch steht über der, die sich im Platonischen Staat 
brandig durchfressen müßte . . . 

Eva: ... und von der wir ja einige schauderhafte Proben 
erlebt haben. Sie erinnern an Savonarola, und das ist wenigstens 
insofern tröstlich, als Sie dabei über fast zweitausend Jahre 
springen mußten. Es ist vielleicht ein Glück für die Menschheit 
gewesen, daß sich der ausgesprochene Kunsthaß so selten hervor- 
gewagt hat. 

Ich: Er ist eigentlich nie völlig verstummt, und zu aller 
Zeit hat es Ikonoklasten gegeben. Wenn so viele von ihnen un- 
berühmt geblieben sind, so liegt dies daran, daß nicht jeder, 
wie Caligula, einen Sueton als Berichterstatter gefunden hat. 
Und es ist höchst bezeichnend, daß sich Caligula direkt auf Plato 
berufen hat, als er seine Frevel verübte: er vollstrecke nur 
Piatos Anweisungen, so sagte er. Die Bildsäulen berühmter 
Männer, die Augustus auf dem Marsfelde hatte aufstellen lassen, 
ließ er verstümmeln und durcheinander werfen. Er dachte daran, 
Homers Gedichte gänzlich zu vertilgen, dazu den Virgil und, da 

70 



er einmal beim Ausrotten war, auch den Livius. Sagte ich nicht, 
daß Plato sich selbst an die Stelle der gestürzten setzen wellte? 
Caligula hat das für sich buchstäblich durchgeführt. Er gab 
Befehl, die durch Ehrwürdigkeit und Kunstwert ausgezeichneten 
Bildnisse mehrerer Gottheiten, namentlich des olympischen 
Jupiter aus Griechenland nach Rom herüber zu bringen, um 
ihnen die Köpfe abzuschlagen und den seinigen aufpflanzen zu 
lassen. Auch betreffs der Ehegesetze und des Kommunismus 
setzte er manches zu seinem Vorteil in die Tat um, was bei Plato 
nur schriftlicher Wunsch geblieben war. 

Eva: Und in der Neuzeit? 

Ich: ...wühlt die Kunstfeindschaft in anderen Formen, 
aber sie schöpft noch immer ihre Argumente aus asketischen 
Quellen wie ehedem. Sie holt sie aus Savonarola, aus Tolstoj 
und aus dem Pseudo-Asketen Plato. Boccaccio wird noch immer 
verbrannt, nur daß die Prozedur heut nicht von einem Mönch 
beaufsichtigt wird, sondern von einer Priesterin, die sich Zensur 
oder Lex Heinze nennt. Gewänne sie einmal durchgreifenden 
Einfluß, so würde das asketische Grundprinzip in seinen Staats- 
folgen bald zur Verwilderung umschlagen, denn die Kunst und 
die Moral sind Schwestern. Didicisse fideliter artem emollit mores, 
nee sinit esse feros. In der Umkehrung könnte das heißen: wer 
die Kunst fesselt, der verhärtet und barbarisiert die Sitten. Zum 
Glück ist die Kunst stets mächtiger gewesen als die amusische 
Verordnung. Erinnern wir uns einer Erzählung des Herodot: 
Als der Dichter Phrynichos ein milesisches Drama aufführte, bei 
dem das ganze Schauspielhaus in helle Tränen ausbrach, wurde 
er von den Athenern wegen Erregung einer Trauer um tausend 
Drachmen gestraft; gleichzeitig erließen sie ein Gesetz, das jede 
weitere Darstellung dieser Poesie verbot. Was nicht verhindert 
hat, daß nach Phrynichos das Trauerspiel zu höchster Blüte ge- 
langte. 

Donath: Und das Lustspiel erst recht, was noch wichtiger 
war. Der Philosoph gegen den Dichter — der Dichter gegen den 
Philosophen — ausgleichende Gerechtigkeit ! Na, die Komödien- 
schreiber haben es ihm ja auch gehörig eingetränkt. 

Ich: Und sogar mit prophetischem Ausblick. In den 
„Ekklesiazusen" finden wir bereits einen Teil des Platonischen 
Monstrums realisiert, und der Humor der Geschichte hat es ge- 
wollt, daß Aristophanes seine Posse von der Weiberherrschaft 
und Weibergemeinschaft entwarf und aufführte, noch bevor 
Plato seinen idealen Staat aufgeschrieben hatte. Der große, 

71 



der originelle Plato hielt es also nicht unter seiner Würde, später 
mit staatsmännischer Wichtigtuerei im Ernst zu fordern, was 
ihm der Spaßmacher Aristophanes schon ungleich gelungener 
in Spottkarikatur vorgemacht hatte. Denn sein Stück ist wirk- 
lich eine verkehrte Welt. Die Weiber haben in der Volksver- 
sammlung, in der „Ekklesia" durchgesetzt, daß ihre Liebens- 
würdigkeit und die Gesamtheit ihrer Reize ein Allen zuge- 
höriger Schatz sein sollte. Mit derbster Komik entwickelt das 
Oberweib die Idee, wonach Vermögen und Grundbesitz, besonders 
aber Weiber und Kinder zum Gesamtgut bestimmt werden. 
Eine besondere Klausel verfügt, daß die ältesten Weiber den 
Liebesvorrang bei den jüngsten Burschen besitzen, und hieraus 
entwickeln sich Zerrkämpfe, die allerdings in der Komik, nicht 
aber in der Verdrehtheit des Postulats die Platonische Norm 
übertreffen. 

Eva: Ich möchte da eine Einschränkung machen. An 
sich wäre doch ein Staat mit polygamen Einrichtungen durch- 
aus möglich, er hat sich auch im Altertum und bis in die neuere 
Zeit im Orient verwirklicht, ohne im Mindesten der Lächerlichkeit 
zu verfallen. Und Nichts verbürgt uns die ewige Gültigkeit 
unserer heutigen Sittlichkeitsnorm. Wir dürfen doch immer nur 
sagen: unter der heutigen sozialen Ordnung ist die Einehe das 
sittlich Gegebene. Ändert sich die soziale Voraussetzung, so 
kann sehr wohl eine andere Sittenräson platzgreifen. 

Der Arzt: Selbstverständlich. Es braucht bloß eine 
numerische Verschiebung in den Geschlechtern, in den Ge- 
burten einzutreten, was physiologisch durchaus denkbar, und 
der Fall läge vor. Ich möchte nicht die Garantie übernehmen, 
daß in unseren Kulturländern die Monogamie unverbrüchliches 
Gesetz bleibt. 

Ich: Zugestanden. Aber Sie können ruhig dafür bürgen, 
das Plato's Ehemuster, wie es unsere Insulaner hier mit Über- 
stümperung einer Stümperei darstellen, für sinnige Menschen 
ewig ein Gegenstand des Ekels und des Spottes bleiben wird. 
Vergleichen Sie etwa die Vorschriften des Koran mit denen 
unseres Philosophen und Sie werden zunächst bemerken, daß 
in jenen Klarheit, in diesen eine idiotische Konfusion herrscht; 
vor allem aber, daß dort eine erkennbare Moral hervorleuchtet, 
während hier in einem Durcheinander von Polygynie und Poly- 
andrie ein wahrer sexueller Rattenkönig herauskommt; ein 
Hexensabbat, in dem nur ein mit natürlichem Backenrot ge- 
segneter Mandrill nicht zu erröten braucht. 

72 



Eva: Ich glaube, wir haben uns vom Hauptproblem ein 
wenig entfernt : soll der Regent Philosoph sein ? ist es dem Philo- 
sophen, und ihm ausschließlich, vorbehalten, Regent zu werden? 
das war doch der Ausgangspunkt. Wenn nach Platonischem 
Diktat eine Karikatur herauskam, so hätte sich vielleicht nach 
dem Prinzip eines weiseren Philosophen ein wirklicher Muster- 
staat entwickeln können. 

Donath: Ich bin da höchst mißtrauisch. Der Philosoph soll 
bei seinem Leisten bleiben, bei seiner Gedankenschusterei, oder, 
wenn das zu grob klingt, bei seiner Ideenbrauerei. Da mag er 
in seinem Bottich herumrühren, so viel er will und auf Leute 
warten, denen sein Gesöff schmeckt. Aber Hände weg von der 
Staatsmaschinerie. Da gehören Leute hin, die nicht von des 
Gedankens Blässe angekränkelt sind. 

Der Arzt: So schroff möchte ich das doch nicht hin- 
stellen. Selbst hier, wo uns ein Maximum von Verbohrtheit ent- 
gegentritt, hat der Philosoph doch wenigstens ein Gutes ge- 
stiftet : die Menschen scheinen bis zu einem gewissen Grade fried- 
lich erzogen. Die Bestialität, die sich nach innen kehrt, wirkt 
nicht nach außen, und allem Anschein nach haben die Bewohner 
noch niemals einen Krieg geführt. 

Donath: Woran das lag, können wir nicht beurteilen. 
Vielleicht an ihrem kurzen Horizont, ihrer Engbrüstelei, ihrer 
Feigheit, oder an der Gutmütigkeit der Nachbarinsulaner. 

Ich: Damit kommen wir dem Problem nicht näher. Ich 
meine vielmehr, daß jeder Staatsverfassung irgendetwas Philo- 
sophisches zu Grunde hegt, und daß fast jeder Philosoph' letzten 
Endes auf das Regieren abzielt. Nur daß er niemals taxieren kann, 
wohin seine Philosophie hinauswill, wenn sie aus der Gedanken- 
retorte in die praktische Öffentlichkeit tritt, was ihr übrigens 
in den seltensten Fällen gelingt. Meistens bleibt sie in der Retorte 
stecken, als ein phantastischer Wunsch, als eine Kuriosität, wie 
die Staatsromane, die Utopien des Thomas Morus, des Campanella, 
des Fenelon, Bellamy und vieler anderer. Gewinnt sie Einfluß 
wie bei Hobbes, bei Hegel, bei Voltaire und Rousseau, so hört 
sie auf, erkennende Philosophie zu sein und wird Rethorik, Phrase, 
Demagogie. Wenn die Girondisten und Montagnards sich auf 
philosophische Meister beriefen, so war ihr Voltaire der geist- 
reiche, ihr Rousseau der pedantische Räsonneur. Gewiß, es hat 
gekrönte Philosophen gegeben, Marc Aurel, Friedrich; und 
philosophelnde Dilettanten, die es zur Machtstellung brachten. 

73 



Cicero führte den offiziellen Titel „Imperator". Allein dieser 
Imperator, vormals Schönredner und Anwalt, hatte längst sein 
bißchen Philosophie eingepackt, als er befehlen durfte, und in 
seinen Imperatorenbriefen ist davon gar nicht mehr die Rede. 
Unser Plato selbst hat einmal das Experiment unternommen, 
einem allmächtigen Herrscher Philosophie einzuträufeln, und 
er mag sich wohl eingeredet haben, daß der Autokrat imstande 
sein würde, seine Weisheit in die Wirklichkeit zu übersetzen. 
Dionys von Syrakus hörte ihm auch sehr aufmerksam zu, nahm 
das größte Interesse an den Piatoniken, mit dem Endeffekt, 
daß Dionys sich in seiner entsetzlichen Tyrannei bestärkte und 
seinen Terror an der Person des Plato handgreiflich ausließ. 
Man könnte auf die Vermutung kommen, daß in der Welt der 
harten Tatsachen die wirkliche Philosophie nichts zu suchen 
hat, und daß es ihr traurig ergeht, wenn sie sich da hineinwagt. 
Mit Sicherheit muß es ihr so ergehen, wo sie sich als System 
behaupten und die menschlichen Beziehungen systematisch be- 
arbeiten will. Ein System läßt sich entweder nicht durchführen, 
oder führt bei Erzwingung ins Abstruse, verträgt also niemals 
die praktische Probe der Bewährung. 

Eva: Mir scheint, Sie verallgemeinern da allzusehr. Sie 
stehen noch unter dem einseitigen Druck unserer Erlebnisse bei 
diesen Abderiten von der Insel, die wir soeben verlassen haben. 
Vielleicht stoßen wir noch auf Gebiete mit vernünftigeren Systemen 
und besseren Resultaten. 

Ich: Dann will ich mich gern belehren lassen. Einstweilen 
hake ich bei Ihrem Ausdruck ,, Abderiten" ein, um Ihnen zu 
zeigen, wie sogar eine Systemisierung nach Worten in eine Sack- 
gasse führt. Wir unterscheiden seit Alters her zwischen klassi- 
schem Athen mit hoher Intelligenz und närrischem Abdera. 
Ich mache mich anheischig, Ihnen zu beweisen, daß die Ab- 
deriten gescheiter waren, als die Athener. 

Donath: Oho, jetzt wirst du paradox. 

Ich: Nur im Verhältnis zur landläufigen Ansicht, die sich 
immer noch zu dem Dogma bekennt : Alles was ist, ist vernünftig. 
Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt ist ein ungeheures Paradoxon. 
Wir halten es für ausgemacht, daß Abdera eine Brutstätte der 
Dummheit gewesen ist, und die bekannten Beweise genügen uns. 
Folglich ist es vernünftig, die Abderiten für Blödlinge zu halten. 
Ich brauche nur den Gesichtswinkel etwas zu verschieben, und 
die Dinge verkehren sich ins Gegenteil . . . 

74 



Der Arzt: Sie meinen, ein Abderitengehirn wäre gar nicht 
fähig gewesen, so einen Musterstaat wie den platonischen zu 
erfinden ? 

Ich: Es hätte auch keine Veranlassung gehabt, denn sein 
Realstaat war gar nicht so übel. Der ionisch-tejische Volksstamm, 
der Grundstock Abderas, übertraf an natürlicher Begabung weit- 
aus alle Nachbarvölker des Altertums. Hat ein Homer gelebt, 
so stammt er aus Ionien, das auch der Ursprung war des Alkäos, 
der Sappho, der Aspasia, des Apelles, des Anakreon; dieser als 
geborener Tejer kann schon als halber Abderit gelten. Ihnen 
schließt sich eine glänzende Reihe großer Männer an, die erweis- 
lich im echten Abdera zur Welt kamen: Der Philosoph Anaxarch, 
Hekatäus, der Philosoph und Geschichtsschreiber, beide Be- 
gleiter Alexanders des Großen, der geniale Protagoras, und vor 
allem Demokritos. Soll man nun wirklich annehmen, daß so viele 
auserlesene Geister auf einem Boden erwuchsen, der im Übrigen 
nur Trottel hervorbrachte? 

Der Arzt: Aber die Geschichte der Abderiten ist doch eine 
Fabel von Wieland! 

Ich: Sie irren. Wieland hat nur dichterisch frei ausge- 
staltet, was er in guten Quellen vorfand und bei anderen Fabu- 
lierern; im Lucian, im Plutarch, Diogenes Laertius, Athenäus, 
Galenus und besonders im Juvenal. Alles in allem eine systemi- 
sierte Mythologie, die den gebildeten Großstädtern zeigen sollte, 
wie es in einer beschränkten, von zweibeinigen Eseln bevölkerten 
Kleinstadt zugeht. Systemisierte Schiida und Schöppenstedt. 
Unzählige Tausende haben das mit eitlem Amüsement gelesen, 
ohne auch nur einen Augenblick zu stutzen; ohne sich zu fragen: 
wie, wenn das ganze Maßsystem dieser Legende falsch wäre? 
Ich lese das anders ; und aus meiner Art, es zu lesen, entwickelt 
sich die Überzeugung: waren die Abderiten wirklich so wie sie 
geschildert werden, dann repräsentieren sie einen höheren Men- 
schenschlag, und wir haben alle Ursache, sie zu beneiden. 

Erstens einmal: Welche Gesundheit! und als Exponent 
dieser Gesundheit: welche Galerie von Frauenschönheit! Fast 
jede Abderitin, die uns vorgestellt wird, eine Atalanta, eine Juno, 
eine Aphrodite. Das sicherste Merkzeichen einer hohen, in edler 
Geistigkeit wurzelnden Kultur. Es gibt keine Prachtfiguren wie 
Aspasia, ohne Periklesse und Alcibiadesse ringsum. Wer das 

verkennt, der stellt sich selbst um in der alten Redeweise zu 

bleiben — auf den Abderitischen Standpunkt. 

75 



Ferner: In Abdera wohnte ein Künstlervolk von höchstem 
Range. Es besaß ein prächtiges Nationaltheater und pflegte die 
Musik mit jener Leidenschaft, die nur aus ursprünglichem Kunst- 
ingenium emporschlägt. Aber diese Musik — so erfahren wir ja — 
war schlecht, pfuscherisch, närrisch, abderitenhaf t ; sie verfolgte 
nicht die einfache Linie, sondern erging sich in Trillern, Kolora- 
turen und Nachtigallkadenzen. Wirklich? Dann haben die 
Abderiten eine Kunstentwicklung vorweggenommen, die Italien, 
Frankreich und die germanischen Länder erst um viele Jahr- 
hunderte später nachzuliefern vermochten. 

Sie spielten den Euripides und bewogen den Meister selbst, 
seine Andromeda auf ihrer Nationalbühne zu inszenieren. Dabei 
fiel die ganze Republik in einen unerhörten Taumel der Begeiste- 
rung, alle Einwohner wurden zu Deklamatoren, Sängern, Tragi- 
kern, die, wo sie auch standen und wandelten, die herrlichsten 
Stellen des Dramas wollustfiebernd vortrugen. Wie heute nur ein 
gelungenes Couplet, ein reißerischer Gassenhauer die Masse er- 
greift, ja hundertmal intensiver, packten Euripides Verse das 
Völkchen, und Straßen wie Hallen durchbebte das Echo des An- 
rufs „Du aber, der Götter und der Menschen Herrscher Eros!" 
Hätte sich die Legende darauf versteift, uns ein Gemeinwesen 
von tiefster Empfindlichkeit, von höchstem Seelenadel vorzu- 
stellen, so konnte sie kein besseres Ausdrucksmittel finden, 
als die Darstellung dieses künstlerischen Paroxysmus. Wie im 
Falle Euripides, so erwiesen sich die Abderiten auch beim Besuch 
des Arztes Hippokrates als Menschen, denen es Herzensbedürfnis 
ist, großen Erscheinungen zu huldigen. Und nach Schopenhauer 
— nicht wahr, Fräulein Eva? — ist ja die Stärke der Verehrung 
für das Bedeutende zugleich das Maß für den Eigenwert. Sie be- 
wunderten auch den Demokrit, wenngleich sie an ihm mancherlei 
auszustellen fanden; aber um zu beurteilen, wie sie sich mit ihm 
auseinandersetzten, vergleiche man ihr Verhalten mit dem der 
ihnen angeblich unendlich überlegenen Athener. Diese vergifteten 
Sokrates und befleckten sich durch abscheuliche Verfolgungen 
fast aller Größen, die ihnen erreichbar waren; in den Schicksalen 
des Aristides, Protagoras, Aristoteles, Diagoras und vieler anderer 
dünstet es von Borniertheiten, rauchen Brandfanale. Die Ab- 
deriten verbannten nicht, quälten nicht, sie debattierten; oft 
mit naivem Verstände, aber niemals mit dummem Gerede. Wenn 
sie sich gegen die Tierversuche Demokrits auflehnten, so haben 
sie dabei Gelehrte auf ihrer Seite, die in ethischem Betracht 
vielleicht höher stehen als mancher Vivisektor. Es gab neben 
Demokrit Philosophen, in der Stadt Protagoras-Schüler, die drauf 

76 



und dran waren, die letzten denkerischen Geheimnisse aufzu- 
decken. Ihnen waren schon einige Argumente geläufig, die dem 
Ideenkreis von Hume angehörten; sie entwarfen Kosmogenien, 
die in einigen Punkten an die von Kant und Laplace erinnern. 
Daß die Berichterstatter und Fabulierer ihren ewigen Refrain 
„Albernheiten!" dazwischen werfen, beweist nur, daß sie von 
ihrem System, die Leute als Cretins zu verulken, niemals los- 
konnten. Allgemein bezeichnen sie als Gipfel der Trottelosis, die 
ernsten Gegenstände heiter, die heiteren ernst zu behandeln. 
Verfuhren die Abderiten wirklich so, dann haben sie wiederum 
nur eine tiefe Weisheit weit vorausgenommen, die Gleichsetzung 
der res severa mit dem verum gaudium, als deren Urheber uns 
Seneca gilt. Ihr Prozeß um des Esels Schatten zeigt sie als Träger 
rechtlicher Empfindung und als scharfsinnige Advokaten. Nein, 
nein ! brüllt die systemisierte Legende, dieser Prozeß mit seinem 
Gewirr von Spitzfindigkeiten zeigt nur, daß sie selbst Esel waren. 
Man vergegenwärtige sich: „spitzfindige Esel!" Man verleugne 
das System nur auf eine Stunde und man wird erkennen, daß die 
Auseinandersetzungen dieser geschichtlich als Idioten abge- 
stempelten Leute eloquenter waren, interessanter und geistreicher 
als die meisten Plaidoyers des Cicero; daß sie nicht nur spitz- 
sucherisch zu Werke gingen, sondern spitzfinderisch, als die 
Finder feinster Spitzen in der Kunst des Argumentierens. 

Ich übergehe ihren stets regen Patriotismus und verweile nur 
eine Sekunde bei einigen ihrer vortrefflichen Einrichtungen für 
Kunstpflege und soziale Fürsorge. Bei den Abderiten, und wohl 
bei ihnen zuerst, entsagte man dem barbarischen Gebrauch, 
Weiber von Mannspersonen spielen zu lassen; ihre Iphigenien 
und Andromachen waren wirkliche Frauen, die ihre fraulichen 
Reize auf der Bühne voll entfalten durften. Das Theater, als 
staatliche Angelegenheit, wurde aus staatlichen Geldern gespeist, 
dergestalt, daß nicht nur die Schauspieler und das Orchester, 
sondern auch die Dichter und Tonsetzer von Staats wegen reich- 
lich versorgt waren. Und obendrein erhielten die beiden untersten 
Zuschauerklassen zu ihren Freikarten eine Gratisverköstigung 
in Brot und Feigen für die Dauer jeder Vorstellung. Bitte, ver- 
gleichen Sie damit die Maßregeln, die heute für uns Nicht-Abderiten 
gelten; die sich mit der Devise „die Kunst dem Volke" drapieren 
und die sogar den Besuch der Galerien und Museen einer Eintritts- 
taxe unterwerfen. Ja, wir haben schon Grund, die Einwohner 
der thrazischen „Schöpsenstadt" zu bespotten. Weil einer unserer 
Gewährsmänner, Juvenal, tatsächlich für Demokrits Heimat 
den Ausdruck geprägt hat: Vaterland der Schöpse! 

77 



Und nun zur Hauptsache. Die Abderiten waren glücklich. 
Wie ein langgehaltener Orgelpunkt schwingt sich der Grundton 
fröhlicher Zufriedenheit durch alle Darstellung. In ihrem Bewußt- 
seirj lebte es unerschütterlich, daß sie sich aller Welt voraus die 
beste Verfassung, die besten Einrichtungen, Sitten und Denk- 
weisen erschaffen hatten. Der Gradmesser für diese Taxe war ihr 
Glück, und sie hielten ihn für den einzig zuverlässigen. Er ist es 
auch wirklich, er steht als in sich evident außerhalb des Beweises, 
unnahbar für irgend einen Gegenbeweis. Und da uns von keinem 
Staatswesen berichtet wird, das seine Selbstzufriedenheit so 
nachdrücklich bekannt hat, so bleibt uns nichts übrig, als zuzu- 
geben : Abdera war unter allen uns bekannten Staaten der voll- 
endetste. 

Eva: Mit einer Ausnahme, allenfalls. Der Platonische 
Staat von Baleuto schien mir, nach dem Glück der Insulaner 
beurteilt, nicht wesentlich hinter dem Abderitischen zurück- 
zustehen. 

Donath: Sollten wir etwa danach alle unsere Einsichten 
umkrempeln ? 

Ich: Das wird uns nicht gelingen, denn hierzu müßten 
wir einen Betrachtungsstandpunkt außerhalb unserer Person 
gewinnen. Aber der Vorsicht halber wollen wir uns erinnern,, 
niemals unser Urteil abzuschließen. Es gibt immer eine Berufung. 
Diese Menschen, die sich im Zeichen Piatos freuten, erscheinen 
uns als Abderiten. Vielleicht sind sie es im Sinne derer, die in 
Abdera nur ein närrisches Krähwinkel sehen; vielleicht in dem 
anderen Sinne, den ich Ihnen soeben entwickelt habe. Dann 
wären wiederum wir, als Betrachter, die Juvenalischen Abderiten. 
Wie soll man diese Antithesen überbrücken, wie aus diesem 
Circulus sich herauswickeln? Ich weiß es nicht. Aber es ist ja nicht 
unsere Aufgabe, solche Widersprüche erklärend zu lösen, sondern 
sie aufzusuchen. Wenn die erste Insel darin vorbildlich war> 
so läge eigentlich hierin der Zweck unserer Entdeckungsreise. 
Segeln wir also weiter, ich sehne mich nach Abfahrt. 

Mein Wunsch war erfüllt, ehe ich ihn noch ausgesprochen 
hatte. Wir fuhren schon seit einer Viertelstunde, ohne daß ich 
das Loslösen vom Kai bemerkt hatte. Spiegelglatt lag die Tusca- 
rora-Fläche, und in wenigen Tagen erreichten wir ein neues un- 
bekanntes Eiland. 



78 



Vleha. 



Die Insel der glücklichen Bedingungen. 

Ich habe stets die poetisierenden Schriftsteller beneidet, die 
es auf gut Glück unternehmen, eine Landschaft in Worten abzu- 
bilden. Nicht nur wegen des standhaften Glaubens, den sie in 
ihre Kunst setzen, sondern auch wegen der Virtuosität, mit der sie 
ihre beziehungsreichen Bilder aufs Papier zaubern. Aber bis 
zu der Anerkennung, daß es auch nur einem einzigen geglückt 
wäre, eine Kongruenz, oder auch nur Ähnlichkeit zwischen Land- 
schaft und Wortbild herzustellen, kann ich mich nicht versteigen. 
Ich muß dies vorausschicken, da ich selbst sehr bald in die fatale 
Lage geraten werde, einen landschaftsbildnerischen Versuch zu 
unternehmen. Denn mit der bloßen Versicherung, daß das zweite 
der von uns entdeckten Gelände, die Insel Vleha, ein land- 
schaftliches Wunder sei, ist nicht auszukommen. Ich verspüre 
vielmehr die Pflicht und Notwendigkeit, die Besonderheit dieses 
Landschaftswunders herauszuheben, da mir dies für die Dar- 
stellung der dort angetroffenen Menschencharaktere unerläßlich 
erscheint. Was uns als Verfassung, als Geistesrichtung der Men- 
schen entgegentrat, ist so innig mit der Natur verflochten, daß 
ich im ersten Anlauf nicht umhin kann, es auszusprechen: für 
diese Insel hat die Natur selbst die Verfassung aufgestellt ! Alles 
Menschenwesen auf ihr besteht nur in der verschiedenen Ein- 
stellung der Individuen auf sie, auf die Art, in der sie demiurgisch, 
architektonisch, gärtnerisch, physikalisch über den Raum dispo- 
niert hat. 

Aber wie gelange ich zur Schilderung? Ich sehe mich unter 
den besten Mustern des Schrifttums um, fest entschlossen, zu 
benutzen, was nur brauchbar wäre, und ich finde keinen Anhalt. 
Alle Be-schreibungen lösen sich bei näherem Zusehen in Um-schrei- 
bungen auf. Nichts als Gleichnisse, Metaphern, Figuren, die 
projektivisch sein wollen, ohne die Möglichkeit projektivischer 
Gestaltung. Weil Dinge auf einander bezogen werden, die in ganz 

7£ 



verschiedenen Welten liegen. Der Dichter will mir einen Höhen- 
zug, eine Berglinie schildern, und er tut dies mit Metaphern, 
die aus der Musik stammen; er führt mich in ein Labyrinth 
von Felsen und erläutert sie mit Bildern aus der Zoologie ; optische 
Wirkungen, die von bestrahlten oder vernebelten Wiesen und 
Wäldern ausgehen, werden mythologisch auf irgend einen un- 
vergleichbaren Vergleichsboden überpflanzt. Diese Metaphorik 
führt, rein literarisch genommen, zu prachtvollen Ergebnissen, 
und der Leser verwechselt dann regelmäßig den literarischen 
Genuß mit der Anschaulichkeit, die ihm niemals geboten wird, 
noch geboten werden kann. Äußerstenfalls tauchen in ihm Er- 
innerungsbilder an Bekanntes auf, nicht an das Einzigartige, 
Unbekannte, aus dem Schema herausfallende. Nicht dieses wird 
durch die Darstellung enthüllt, sondern das Unvermögen und die 
Verlegenheit des Autors, der sich vor dem Objekt der Land- 
schaft in derselben Lage befindet, wie der Schriftsteller vor den 
Objekten der Tonkunst. Der kann meine Erinnerung wecken, 
wenn er das bekannte Werk analysiert, aber Berge von Metaphern 
helfen ihm und mir nichts, wenn er eine Symphonie beschreibt, 
die nur er kennt, nicht aber ich, der Leser. 

Auch die wirkliche Illustration, das mit akademischen oder 
sezessionistischen Mitteln ausgeführte Farbenbild bleibt kümmer- 
licher Behelf und tastende Andeutung. Wiederum müssen wir 
unterscheiden zwischen dem artistischen Wert und dem Erwecken 
einer sinnlichen Vorstellung, die auch nur in losestem Anklang 
das landschaftliche Original wiedergibt. Ich leugne es rundweg, 
daß irgend ein Landschafter über das rein metaphorische hinaus- 
kommt. Er ergreift ein Stimmungsmoment, übersetzt es in ein 
farbiges Gleichnis und vernachlässigt tausend andere, von denen 
kein einziges fortgelassen werden dürfte. Er arbeitet mit dem 
Auge fürs Auge, das heißt für einen Sinn unter den vielen, die 
der Landschaft gegenüber in Tätigkeit treten. In vielen Fällen 
kann schon das Ohr, als das empfangsfähige Raumorgan und der 
Geruch wichtiger werden. Und zudem: der Mensch besitzt un- 
zählige Sinne, von denen die Physiologie nichts weiß, weil sie sich 
in ihrer Feinheit jeder materiellen Erprobung entziehen. Es gibt 
keine Wissenschaft von ihnen, nur eine unter der Schwelle des 
Bewußtseins dämmernde Ahnung, daß sie vorhanden sind. Und 
erst aus dem Zusammenklingen ihrer aller entsteht das, was wir 
unter dem lebendigen Eindruck einer wirklichen Landschaft be- 
greifen. 

Mit dem Beschreiben ist es also nichts. Man kann nur ver- 
suchen, an vereinzelte Erinnerungen zu appellieren und die Phan- 

80 



tasie anzurufen, die ein Schattenbild dessen gestalten möge, 
was zu formen dem Griffel versagt bleibt. Zumal hier, auf der 
Insel Vleha, die ,, wirkliche Landschaft" gleichsam unwirklich 
erschien, wie eine Unmöglichkeit, der gegenüber aus Träumen 
und Wachen schwer herauszukommen war. Denn sie enthielt 
in engem Umkreis Schönheiten und Gewalten, wie sie sich sonst 
in dieser Weise benachbart nirgends vorfinden. 

Auf einer Grundfläche, die etwa das doppelte der Größe von 
Bornholm betragen mag, vereinigen sich tropische und hochnörd- 
liche Gestalten, diese bedingt durch gigantische, bis in die 
Eisregion starrende, von Hochplateaus durchsetzte Erhebungen, 
jene durch Gebirgsmauern, die ost- westlich verlaufend die Nord- 
winde absperren und wie Sonnenreflektoren das Tiefland mit 
allen Stufen von Wärme bis Glut versorgen. Eine Tour von 
wenigen Meilen erschließt Prospekte wie auf Eiger und Jungfrau, 
man glaubt sich in Wengernalp zu befinden. Doch nein; denn 
nahebei zacken sich Profillinien, die nur der Dolomitenwelt an- 
gehören; Cimone und Saas Maor grüßen herüber, und bei einer 
weiteren Wendung gewahrst du ein glühendes Vulkanhaupt, das 
mit seinem Feuerschein in eine azurene Bucht hinausstrahlt. 
Beschriebe mir's einer, ohne daß ich es gesehen, so würde ich 
vermutlich sagen: stilloses Gemenge; der Eiger muß den Cimone, 
und der Vesuv muß die Jungfrau stören! ich verlange Einheit- 
lichkeit der Landschaft! warum hätte ich das gefordert? weil 
eine aus körperlichen Erlebnissen abgeleitete Ästhetik regiert; 
weil die Allerweltsnatur knausert und wir aus ihrer Not eine 
ästhetische Tugend machen. Wären wir nie weiter gedrungen 
als bis zu den sanften Wellenlinien Thüringer Berge, so würde 
uns schon eine Matte auf dem Rigi mit ihren unendlichen Diffe- 
renzierungen in Nah- und Fernsicht als verwirrend uneinheitlich 
vorkommen. Es hängt alles davon ab, wie die Dinge gegenein- 
andergestellt, miteinander instrumentiert sind. Und da bin ich 
im ersten Anlauf schon wieder bei dem nicht mehr Beschreibbaren. 
Man muß es erlebt haben, um zu beurteilen, was die Natur ver- 
mag, wenn sie es darauf anlegt, sich zu übertreffen. Dann schlägt 
sie unsere bequeme Einheitsästhetik glatt zu Boden und er- 
richtet an deren Stelle etwas Neues, Übergeordnetes, A^ßerwelt- 
liches. Erst ist man betäubt, dann erwacht man zu der Idee, 
daß Ästhetisieren ein kleinliches Geschäft ist solchen Wundern 
gegenüber. 

Aber da wir selbst Organismen sind, so beginnt für uns der 
Vollklang der Natursymphonie erst so recht eigentlich mit dem 

Moszkowski. Die Inseln der Weisheit 6 81 



Oiganischcn, mit der Vegetation. Wir steigen hinab von den 
Bergwänden und haben die Wahl zwischen Wiesen, Gärten und 
Dschungeln. Hat die Natur hier ganz selbständig gewaltet? 
haben Mensc enhände mitgeholfen, um die Üppigkeit noch zu 
überraffinieren? Ansätze von Gartentechnik scheinen vor- 
handen, hier und da schimmert ein Promenadenweg, ein Pavillon, 
ein Springbrunnen durch das Gewirr. Aber diese Nachhilfen 
haben ersichtlich nur den Zweck, zu verhüten, daß eine Schön- 
heit die andere erdrücke; sie sollen dämpfen, nicht erhöhen; 
sie treten nicht mit der Selbstbewußtheit auf, wie in den Land- 
sitzen mit feenhafter Ausstattung, die Tasso und Ariost in ihren 
Gedichten feiern. Man hat sich nicht angestrengt, und man 
brauchte auch keinen besonderen Fleiß aufzubieten, denn hier 
waren schon tausend natürliche Feen am Werke, um den Zauber 
der Kunst über die elementaren Schöpfungen auszugießen. Alle 
Erinnerungen an jemals erlebte Üppigkeiten verblaßten vor dieser 
Verschwendung. Ich versuchte zurückzudenken an die Palmen 
von Bordighera, an die florentinischen Gärten, an die Gärten 
von Pallavicini und von Mortola, allein ich gab es bald auf, Ver- 
gleichspunkte herbeizuholen. Wo blieben die flammenden 
Rhododendren, die ungeheuren Magnolien der Villa Carlotta bei 
Bellaggio? Das waren stammelnde Andeutungen einer Natur, 
die erst hier vegetative Sprache gewonnen hatte. Und welch ein 
Leben zwischen den Fiederblättern der Palmen, über den Dolden 
und Kelchen ! Die Luft jonglierte mit unwahrscheinlichen Schmet- 
terlingen, mit Vögeln, die vom Kolibri die Zierlichkeit, vom 
Paradiesvogel die Pracht, von der Nachtigall den Gesang ent- 
liehen zu haben schienen, mit Geschöpfen, die sich in Zephyr 
badeten, aber nach Gestalt und Eigenart in der uns bekannten 
Klassifikation nicht unterzubringen waren. Wie denn hier nichts 
in die gewohnte Ordnung der Dinge paßte; weder die einge- 
schnittenen Buchten mit nordischem Fjordcharakter, die trotzdem 
Ausblicke auf vorgelagerte Inselchen wie Isola Bella gewährten, 
noch die Einzelheiten, welche die Szenerie belebten. Gewiß, 
es währte einige Zeit, bis wir uns von der Verwirrung erholten 
und unsere Empfänglichkeit auf die neuen Eindrücke umzustellen 
vermochten. Dann aber überkam es uns wie eine zum ersten 
Male erlauschte Sphärenharmonie, wie ein jenseitiges Glück, das 
ins Diesseits übergriff, mit einer Größe und Schönheit des Stils, 
die in uns die Mittätigkeit der unbekannten Sinne erweckte. 

Erst allmählich gelangten wir zu der Erwägung, wie frucht- 
bar wohl die Insel sein müsse, im Sinne des praktischen Nutzens. 
Wenn irgendwo, so war hier das Gelände, auf dem man ernten 

82 



konnte ohne zu säen, und wo das Bibelwort vom Schweiße des 
Angesichts seine Geltung verlor. Ich entsann mich der dürftigen 
Analogien aus dem Boden der alten Welt: in Ceylon wächst 
eine Banane, die 130 mal mehr Nahrungsstoff erzeugt als Weizen 
auf gleichem Boden; aber dieser Multiplikator war sicherlich 
verschwindend gegen die Ergiebigkeit der Gewächse auf Vleha. 
Sonach war anzunehmen, daß die Bewohner, unberührt von jeder 
materiellen Sorge dem Genuß leben durften, höchstens auf Maß- 
regeln bedacht, wie sie sich des wuchernden Überflusses zu er- 
wehren hätten. 

Freilich bemerkten wir zuerst nicht allzuviel von der paradiesi- 
schen Frohlaunigkeit, die bei der Bevölkerung als selbstverständ- 
lich vorauszusetzen war. Allein wir hatten ja anfänglich mit der 
Betrachtung der Naturwunder so viel zu tun, daß wir kaum 
irgendwelche Aufmerksamkeit für die Menschen zu erübrigen 
imstande waren. Es war ja auch nicht nötig, daß diese die Sym- 
bole ihres Glückes wie eine Kokarde heraussteckten, wenn sie 
nur innerlich so zufrieden waren, wie sie bei solcher Freigebigkeit 
des Himmels Ursache hatten, es zu sein. 

Es gibt in der Stadt Vleha leidlich eingerichtete Gasthöfe, 
in der Umgebung Rasthäuser und primitivere Bungalows mit 
und ohne Verpflegung, nach Art der ostindischen, und diese 
Unterkünfte sind den Bedürfnissen einer Reisebevölkerung 
angepaßt, die auf der Insel keine unbeträchtliche Rolle spielt, 
Denn VISha genießt im ganzen Archipelagus verdiente Berühmt- 
heit und lockt aus minder gesegneten Eilanden Touristen, die in 
ihrer Heimat jahrüber hart arbeiten, um hier einige freudige 
Ferienwochen zu genießen. Hieraus erklärt sich auch, daß das 
Gebiet von Verbindungsmitteln durchzogen ist, bis hinauf zu 
Steil- und Drahtseilbahnen, welche die alpinen Herrlichkeiten 
für rasche und bequeme Besichtigung erschließen. Aus eigenem 
Antrieb hätten die Vlehanesen desgleichen wohl kaum angelegt, 
ja nicht einmal an ihnen werktätig mitgewirkt; aber sie hatten 
auch nichts dagegen, daß die „Fremden", will sagen die Insulaner 
aus der Ferne, mit ihren Kapitalien, Maschinen- und Menschen- 
kräften hier eingriffen. Sie selbst benutzten die Kommunikations- 
mittel nur in sehr spärlichem Grade, da sie für Ausflüge, und nun 
gar für Hochgebirgstouren ursprünglich nur geringes Interesse 
besaßen. 

Was uns selbst anlangt, die wirklich Fremden, die Entdecker, 
so fühlten wir uns hier, wie fast durchweg auf unserer Expeditions- 
fahrt, kaum als Objekt der Neugier; wie wir auch reziprok keinen 

G* 83 



erheblichen Anlaß zum Erstaunen hatten, da diese Insulaner 
in Aussehen und Tracht von den uns bereits bekannt gewordenen 
Typen nicht sonderlich abwichen. Sie waren um eine Schattierung 
dunkler als die Baleutenser, in den Bewegungen lässiger, im 
Gesichtsausdruck kühler. Ihre Bekleidung war dem Klima an- 
gepaßt, zumal die der Frauen und Mädchen, auf deren Stoffe die 
Bezeichnung des Petronius paßte: „gewebter Wind". Sie trugen 
ihre gewirkten Nebel mit unstudierter Anmut, ohne sich dessen 
bewußt zu werden, daß von ihnen ein sinnlicher Reiz ausstrahlte. 
Unklar blieb die Optik ihrer Augen, die hin und wieder seelischen 
Ausdrucks fähig, bisweilen gläsern erschienen. Tritt der Mensch 
dem Menschen als eine Ladung von Energien gegenüber, so hatte 
ich den Eindruck, als ob diesen Leuten in ihren Energien eine 
Dimension fehlte. 



Wir installierten uns flüchtig in einem Gasthof, der zufällig 
viel freie Räume darbot, und Herr Mac Lintock hielt es für an- 
gebracht zwei ganze Stockwerke zu belegen, mehr der Repräsen- 
tation als der Notwendigkeit wegen. Denn wir wollten uns wesent- 
lich nomadisch einrichten, unter Mitwirkung von Zelten, für deren 
Transport wir Träger zu finden hofften. Aber der Amerikaner 
wollte auch eine Residenz in der Stadt haben und hier den Leuten 
etwas zu verdienen geben. Er fragte deshalb nach den Preisen 
und stieß auf Taxen von märchenhafter Billigkeit. Da herrschten 
patriarchalische Zustände, im Haus für Wohnung und Verpflegung, 
entsprechend den Marktpreisen, die ich eigentlich in einer Tabelle 
hierhersetzen müßte, um bei den Lesern ein Gefühl wollüstigen 
Neides zu erwecken. Es war wie eine Reise in längstvergangene 
Jahrhunderte, wo man nach den ausführlichen Rechnungs- 
belegen des Albrecht Dürer für etliche Weißpfennige in den Her- 
bergen sich mit Schmaus und Gezech fröhliche Tage machen 
konnte. Mac Lintock erklärte durch Dolmetsch, er behielte sich 
vor, die ihm genannte Taxe merklich zu erhöhen und bei befriedi- 
gender Leistung eventuell zu verzehnfachen. Aber der erwartete 
Effekt blieb aus, unsere Wirtsleute, ein Ehepaar in mittleren 
Jahren, trafen nicht die geringsten Anstalten zu freudiger Dankes- 
äußerung. Im Gegenteil entgegnete der Wirt ganz ruhig: „wenn 
der fremden Gesellschaft die Preise nicht gefielen, so stünde es 
ihr ja frei, anderswo Einkehr zu suchen." 

Donath brachte die Sache rasch und taktvoll in Ordnung und 
erkundigte sich noch nebenbei nach einer Einzelheit, die ihm 

84 



am Herzen lag. Auf einer Insel, die schon von weitem gesehen, 
einen so durchaus tropischen Eindruck machte, müßte man doch 
auch gewisse zoologische Zugaben befürchten, etwa Schlangen und 
Skorpione, und er wünsche zu wissen, wie man sich gegen derartige 
Besuche in den Zimmern am besten schützte. 

Der Wirt begriff die Frage nicht recht, und er konnte sie 
auch nach Maßgabe seiner zoologischen Kenntnisse nicht aus- 
reichend verstehen. Denn die angedeuteten Tiersippen, die sonst 
als so wesentliche Begleiter extravaganter Natur erscheinen, 
fehlen fast gänzlich im Register dieser Insel. Ihre Gebelaune 
findet hier eine Begrenzung, und ihre Fauna reicht eben nur so 
weit, als die Species für den Menschen mit Nutzen und Erfreulich- 
keit in Betracht kommen. Von Schlangen insbesondere erzeugt 
Vl6ha nur eine einzige Art, eine Klapperschlange, die — wie wir 
später erfuhren — in den mit jungem Nachwuchs gesegneten 
Haushaltungen als lebendige Kinderklapper beliebt ist. Gift- 
zähne? ein unbekannter Begriff. Allerdings besäßen diese Tiere 
Zahndrüsen, die eine eigentümliche Substanz absondern, nämlich 
ein Opiat, das sich herausziehen läßt und bei Schlaflosigkeit 
gute Dienste leistet. 

Wir machten uns auf die Wanderschaft, um uns zuerst einmal 
mit den großen Eindrücken zu sättigen, die mit Sicherheit zu 
erwarten waren. Die Bekanntschaft mit den Menschen, ihren 
Denkarten und Einrichtungen, das hatte Zeit und trat für uns 
zurück, besonders für mich, der ich von tiefem Mißtrauen durch- 
drungen bin gegen den Chorsatz des Sophokles „Vieles Gewaltige 
lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch !" Hier vollends 
hätte es heißen müssen „nichts ist nebensächlicher als der Mensch" ; 
seine Kleinheit, seine Schwäche und Unwichtigkeit konnte 
nirgends so evident sein, als in einer Natur, die sich selbst außer- 
menschlich so gewaltig in Szene setzte. 

Auf dem Marktplatze bemerkten wir einen Trauerzug ntit 
einem Wagen in der Mitte,. der zwei mit Blumen umwundene 
Särge trug. Sollten wir das etwa für ein unangenehmes Omen halten ? 
Ich war zu solch trübseliger Erwägung nicht recht aufgelegt, 
zumal ich in dem spärlichen Gefolge die menschenübliche An- 
dacht vermißte. Die Leute schlenderten, und der Kondukt 
verlor sich in eine Seitenstraße, um dort vor einem tempelartigen 
Bau haltzumachen. Wahrscheinlich sollten hier die beiden 
Leichen mit irgendwelchen Formalitäten eingesegnet werden, und 
es wäre interessant gewesen, diesen Ritus kennen zu lernen. 
Allein unser Programm wies uns gebieterisch aus der Stadt 

85 



hinaus und verstattete keine Abzweigung in Raum und Zeit. 
Da waren wir schon bei den letzten Ausläufern des Ortes, die sich 
malerisch am Hügel hinauflehnten. Und hier gab es auch wirk- 
lich, von uns als unverhoffte Bequemlichkeit begrüßt, einen 
Triebwagen, der uns rasch weiter beförderte; erst in sanfter 
Hebung, dann steiler anstrebend zu jenen alpinen Höhen, deren 
Magie jeden Kulturmenschen so unwiderstehlich beeinflußt. 
An einer Haltestelle stiegen wir aus und teilten unseren Trupp. 
Die Mehrzahl der Herren vermutete ganz mit Recht in der Nähe 
noch besondere Aussichtspunkte und begab sich zur Rekognoszie- 
rung über eine Halde, die mit edelweißartigen Sternchen bestickt 
erschien. Ihr Ziel war ein isolierter Gipfel, den der Kapitän, 
nach Augenmaß zu urteilen, als in einer Stunde ersteigbar er- 
achtete. Eva und ich blieben zurück, da sie einen Horizontalweg 
bevorzugte, dessen Eigenart sie noch sympathischer ansprach. 
Die Wiedervereinigung wurde nicht chronometrisch vereinbart; 
Zufall und Laune sollten ein wenig mitspielen, man würde sich 
schon wieder treffen. 

Wir beide überschritten eine Alm und gelangten nach einer 
Pfadbiegung an einen Vorsprung, der einen ganz neuen Prospekt 
entschleierte. Eva meinte, er erinnere weitläufig an einen be- 
stimmten, sehr berühmten Punkt in den Rocky Mountains. 
Was mich betrifft, so meinte ich gar nichts. Mir hatte die Gewalt 
des Eindrucks die Sprache verschlagen. Eine Steinbank lud uns 
zum Sitzen, und die Amerikanerin, die kleines Malgerät mit- 
genommen hatte, schickte sich an, eine Skizze zu entwerfen, was 
mir im Moment ganz erwünscht war, da ich dadurch der Verlegen- 
heit überhoben wurde, Unaussprechbares konventionell in Worte 
zu fassen. 

Nach einiger Zeit kam ein älterer graubärtiger Mann einher, 
auf Sandalen schreitend, in der Tracht der Insulaner; er ging 
barhäuptig, besaß indes eine auf den Rücken zurückgeklappte, 
an einer Halsschnur befestigte Mitra, die auf besondere Standes- 
würde schließen ließ. Beim langsamen Dahinwandern las er auf- 
merksam in einem Buche und er schritt vorüber, ohne von uns 
Notiz zu nehmen, obschon ein flüchtiger Seitenblick verriet, 
daß er uns bemerkt hatte. Nach etwa zwanzig Sekunden zögerte 
er, überlegte, senkte das Buch, kehrte um, blieb vor uns stehen 
und sagte: 

— Beg Your pardon, I was inattentive. I was obliged to will- 
com You. I do it now 

86 



Mit stummer Bewegung erwiderten wir diesen auffälligen 
Gruß. Er ließ sogleich die Erklärung folgen, indem er in leid- 
lichem Englisch ergänzte: 

— Ich weiß, wer Sie sind, und darf nicht annehmen, daß Sie 
unsere Landessprache ausreichend verstehen. Aber ich selbst 
war einstmals draußen in der weiten Welt und habe viel studiert. 

Ich entgegnete, daß seine überlegene Sprachkenntnis uns aller- 
dings sehr willkommen wäre, und daß wir es dankbar begrüßen 
würden, wenn er einige Minuten bei uns verweilen wollte. 

— An Zeit fehlt es mir nicht, sagte der Eingeborene. Meine 
Geschäfte lassen mir sehr viel Muße, obschon sie mich nach euro- 
päischer Auffassung stark beanspruchen müßten. Wofür halten 
Sie mich? 

„Nach Ihrer Mitra zu urteilen, dürften Sie Priester sein; 
andere Anzeichen lassen auf einen weltlichen Gelehrten schließen." 

— Beides ist richtig und wir können es dabei bewenden lassen. 
Aber da Sie uns von weither aufsuchten, um Land und Leute 
kennen zu lernen, füge ich hinzu: ich bin der höchste Beamte 
dieses Landes. 

„Oh, der Präsident von V16ha! — Vorausgesetzt, daß wir uns 
hier in einer Republik befinden." 

— Auf das Wort kommt es nicht an, nicht einmal auf den Be- 
griff. Wir besitzen keine urkundlich niedergelegte Verfassung; 
nur ein gewisses Gewohnheitsrecht, worin der Titel gar keine 
und die Funktion eine variable Rolle spielt. Wollen Sie mich 
Präsident nennen? Nichts dagegen einzuwenden. Ebensogut 
wäre zu sagen: ich bin hier König. 

„Beides geht doch nicht zusammen. Entweder Republik 
oder Monarchie." 

— Oder ein drittes, das keinen Namen hat und keinen zu haben 
braucht. Es ist V16ha, das genügt. Die Gesetze schweben in der 
Luft, und es steht keine erzwingende Gewalt hinter ihnen; aus 
dem einfachen Grunde, weil hier — von unwesentlichen Aus- 
nahmen abgesehen — keine Willensträger existieren, die irgend 
etwas erzwingen wollen. Die Meinungen und Wünsche finden 
sich wie von selbst zusammen, ohne Reibung, ohne Aufregung. 
Einer dieser Wünsche geht dahin, daß einer bestimmten Person 
Verehrung erwiesen wird. Seit etwa dreißig Jahren bin ich diese 
Persönlichkeit. Besäße ich einen Sohn, so würde dieser ver- 
mutlich nach meinem Tode als Objekt der nämlichen Ver- 
ehrung in Betracht kommen. 

87 



„Und damit wäre der Tatbestand der erblichen Monarchie 
erfüllt." 

— Doch nicht. Zu irgend einer Zeit könnte sich jener Ver- 
ehrungswunsch ändern oder gänzlich erlöschen. Sie denken 
gewiß dabei an Verfassungsumsturz oder Staatsstreich. Aber wie 
soll eine Verfassung stürzen, die als solche gar nicht vorhanden 
ist? Ebensowenig wie bei den Singvögeln, die unsere Wälder 
bevölkern und die ganz erträglich dahinleben, ohne eine Magna 
Charta zu besitzen. 

„Das ist doch nicht dasselbe. Sie selbst sagten, Sie seien hier 
König. Sie müssen also königliche Funktionen ausüben und 
beträchtliche Machtvollkommenheiten innehaben." 

' — Nein. Ich bin nur darum König — um bei Ihren Vokabeln 
zu bleiben — , weil auf der Insel kein Mensch lebt, der mehr König 
wäre als ich. Und die königlichen Funktionen beschränken sich 
darauf, daß ich gewisse Dinge anordne, die sich auch ohne mich 
als allgemein einleuchtend und selbstverständlich ergeben würden. 
Man traut mir die Weisheit zu, die priesterliche Begabung, heute 
als zweckdienlich zu erkennen, was morgen von allen anderen 
als zweckdienlich erkannt wird. Es ist also wesentlich eine zeit- 
ökonomische Betrachtung, welche die Leute veranlaßt, mir 
diese Funktion zuzuweisen. Sie glauben, daß ich etwas rascher 
denke, als sie. 

„Und wenn dieser Glaube eines Tages schwindet?" 

— Dann erlischt die Funktion; wie eine Flamme, deren Brenn- 
stoff aufgezehrt ist. Ob zugunsten eines anderen, das läßt sich 
nicht vorhersagen und macht uns auch nicht die geringste Sorge. 
Es wird schon irgendwie weiter gehen. Vorläufig ist es, wie es ist. 
Was vielleicht nach Jahren wird, kann uns gleichgültig erscheinen. 
Lebt doch der Mensch in die Zeit hinein, ohne auch nur die Er- 
eignisse der nächsten Sekunde zu erfassen. Unser Inselboden 
wird unterirdisch geheizt, und diese Heizung kommt in dem 
großen Vulkan Atrato sichtbar zum Vorschein. Während wir 
hier reden, kann uns eine vulkanische Katastrophe überfallen 
und ganz Vleha vernichten. Sollen wir dagegen Vorkehrungen 
treffen ? 

„Das ist doch ein Unterschied," sagte Eva; „im Ablauf der 
Menschenexistenzen ist doch sehr viel voraussehbar, und man 
kann rechtzeitig Maßnahmen ergreifen, um Übles zu verhüten." 

— Unbestreitbar, meine Dame, und wir nehmen auch auf solche 
Maßnahmen Bedacht. Nur daß wir sie nicht in eine Verfassung 
verlegen, in ein Schema von paragraphierten Einrichtungen, 

88 



sondern in die Menschenseele. Wir verhüten das Übel, indem 
wir die Möglichkeit des Übels überhaupt beseitigen. Und dazu 
gibt es Methoden, die sich bei uns seit vielen Jahrhunderten 
vollkommen bewährt haben. — Er hielt inne und bog scheinbar 
ab: — eine Frage, Fräulein, mit was waren Sie eben beschäftigt, 
als mein Vorüberkommen Ihre Hantierung unterbrach? 

„Ich entwarf eine Skizze, oder vielmehr, ich versuchte zu 
skizzieren; denn was man von solcher Landschaft in Strichen 
und Farben festhält, müßte ja selbst dem größten Meister ganz 
ärmlich geraten." 

— Und weshalb versuchten Sie? 

„Um ein Andenken zu behalten. Wer ein bißchen künstle- 
risch veranlagt ist, der wünscht doch ein Abbild zu gewinnen." 

— Das Abbild hätte Ihnen auch ein Spiegel geliefert; und 
ein weit getreueres. 

„Aber ein Spiegelbild kann man doch nicht mitnehmen!" 
— Gerade darin liegt sein Wert. Es zeigt sich dem Künstler bild 
übergeordnet dadurch, daß es sofort verschwindet. Wenn der 
Spiegel denken könnte, so würde er urteilen: es verlohnte sich 
nicht, das festzuhalten; ich verliere es auf immer, und darin ruht 
die Garantie, daß es mich nie wieder behelligen wird. In der 
Seele des Spiegels besteht die Maßnahme, sich von allen Ein- 
drücken, denen sie unterliegt, in der raschesten Weise zu be- 
freien .... 

„Sie wollen vielleicht darauf hinaus, daß auch die Menschen- 
seele eine ähnliche Maßnahme treffen könnte. Erstens bestreite 
ich das, und zweitens, wenn es gelänge, wäre es doch ein uner- 
meßliches Unglück. Der Mensch würde einfach aufhören, Mensch 
zu sein." 

— Er würde anfangen, einer zu werden. Um dies einzusehen, 
bedarf es freilich einiger Umwege. Bleiben wir einstweilen bei 
der Landschaft. Sie schwärmen dafür und saugen aus ihr ein 
Glücksgefühl. Weil Sie sich triebhaft den Eindrücken überlassen, 
und die Intelligenz ausschalten. Spräche nämlich der Intellekt 
mit, so müßte er Ihnen sagen, daß diese Eindrücke sich aus Ele- 
menten zusammensetzen, von denen nicht ein einziges die ge- 
ringste Wesensprobe aushält. Sie sehen zunächst Linien und 
Bergkonturen . . . 

„Und was für welche!" 

— Entzückende, so meinen Sie; absolut gleichgültige, so sage 
ich. Prüfen wir: Zugrunde liegen geometrische Dinge, die sich 

89 



optisch auf Ihrer Netzhaut in Miniaturen abmalen. Diese win- 
zigen Linien und farbigen Flächen sind in Zahlen auflösbar, 
nach Verlauf und Lichtschwingung, ja sie sind überhaupt gar 
nichts anderes als die Verhältnisse der Zahlen, die sich in ihnen 
objektivieren. Hier nähern wir uns der Wahrheit, die ja auch 
ihr Europäer und Amerikaner, wenn es euch gerade so paßt, 
über den leeren Schein stellt. Denn so wie es in Wahrheit unter 
den Zahlen außer dem Größer und Kleiner keine Rangordnung 
gibt, wie die Million nicht wichtiger, nicht edler, nicht schöner 
ist, als die sieben, so beansprucht auch kein Zahlenbild, keine 
Figur einen Vorrang vor einer anderen. 

„Nur dann nicht, wenn im empfangenden Organ die Romantik 
fehlt und die Ästhetik." 

— Also Zustände, die gewisse Kulturmenschen erfunden haben, 
und von denen andere Kulturmenschen nichts wissen. Dem 
Aristoteles galt der Kreis als vollendete Figur, das war die Ästhetik 
des Aristoteles. Ein für Tonschwingung empfänglicher Denker 
preist die Sinuslinie, die Wellenlinie als die edelste aller Figuren, 
das ist die Romantik eines Pythagoräers. Eines so sinnlos wie 
das andere. Unzählige der verständigsten, und auch vergleichs- 
weise glücklichsten Menschen, haben gelebt in den sogenannten 
wundervollsten Gegenden, welche die Eigenart der Berglinien 
nicht einmal bemerkten, geschweige denn würdigten. 

,,Das lag eben an dem Mangel einer noch nicht voll entwickel- 
ten Kultur." 

— Die Sie natürlich inne zu haben glauben, weil Sie zufällig 
zweihundert Jahr nach Rousseau leben, der diese Kulturform 
aufgebracht hat, wie eine geistige Mode, wie eine Tracht für die 
Seele. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß diese Tracht 
in weiteren zweihundert Jahren ins Museum abwandern wird, 
wenn nicht in die Rumpelkammer der Kuriositäten. Denn der 
Ruf „zurück zur Natur!", wenn wir ihm Folge geben, bedeutet 
ja gerade: los von der ästhetisierenden Schwarmgeisterei, zurück 
zum Urzustand der Menschen, also zu einem Zustand, der mit 
Ihrer Verzückung vollkommen unvereinbar ist. 

„Ihre Ansicht scheint aber nicht einmal hier durchzugreifen. 
Wir sind mit einer Steilbahn hier heraufgekommen, also mit 
einer Maschinerie, die ein touristisches Interesse voraussetzt . . ." 

— und an der wir Vlehanesen vollkommen unschuldig sind. 
Sie ist das Werk anderer Insulaner, bei denen nach europäischem 
Vorbild die Landschaftsschwärmerei Eingang gefunden hat; wie 
die Seuche des Alkoholismus und Morphinismus, die auf Momente 

90 



das Lebensgefülil steigert, aber auf die Dauer Gesundheit und 
Sittenbestand untergräbt. Unsere Glückseligkeit hat mit solchen 
Erregungen nichts zu schaffen. 

„Erklären Sie uns nur, Herr Priester, wie Sie zu irgend einer 
•Glückseligkeit gelangen wollen, wenn Sie die Seele gegen die 
angenehmen Eindrücke absperren." 

— Eben dadurch. Wir erstreben den Sieg des Verstandes über 
das Gefühl, um die wahre Bestimmung des Menschen zu voll- 
enden. In dem Bewußtsein dieser Vollendung ruht das, was wir 
einstweilen mit dem ungenauen Namen „Glückseligkeit" be- 
zeichnen; im Grunde ist es noch etwas anderes, Höheres, was 
sich über die Glückseligkeit erhebt, wie die Notwendigkeit über 
den Zufall. ^ 

„Das klingt sehr nihilistisch und scheint auf einen Nullpunkt 
des Daseins hinzusteuern. Aber der ist unter lebendigen Menschen 
niemals zu erreichen. Das Gefühl meldet sich schon, und wenn 
Sie es noch so sehr überwunden zu haben glauben ; es meldet sich 
mit dem Verlangen nach Lust und noch weit stärker mit dem 
Verlangen, die Unlust, den Schmerz von sich abzuwehren." 

— Beides ist identisch und untrennbar wie positiv und negativ 
elektrische Pole. Der seelische Schmerzpol bleibt dauernd wirk- 
sam, so lange dem Lustpol neue Nahrung zugeführt wird. Und 
daraus folgt, daß es nur eine Methode gibt, um den Schmerz zu 
überwinden: Abschneidung der Lustzufuhr, Herabsetzung der 
Lustempfindung bis auf Null. Wird die Seele mit Erfolg hierzu 
erzogen, so verliert sie automatisch auch die Fähigkeit, auf 
Schmerz zu reagieren. Sie wird außerhalb des Leidens gestellt, 
und damit ist die Aufgabe des Verstandes erfüllt, der aus dem un- 
leidlichen Frondienst bei dem Tyrannen „Gefühl" erlöst werden 
will. 

„Halten Sie denn im Ernst eine Unempfindlichkeit gegen 
•den Schmerz für möglich?" 

— Ich wäre nicht der Erste, der diese Ansicht vertritt; wie 
ich ja überhaupt nicht der Erfinder dieser Theorie bin, vielmehr 
deren Träger. Kennen Sie das Problem des Phalaris? 

„Meines Wissens war das nicht ein Problem, sondern ein 
Marterinstrument; ein Moloch in Gestalt eines ehernen Stieres, 
der angeheizt wurde und in dessen glühenden Bauch man lebendige 
Menschen stieß. Es wird wohl aber niemand auf das Problem 
verfallen sein, ob man sich gegen so etwas unempfindlich machen 
kann?" 

91 



— Es genügt, daß die Frage aufgeworfen wurde, und sie ist 
auch tatsächlich von einigen Weisen in meinem Sinne beant- 
wortet worden. Da trat einer auf, der erklärte: „Wenn ein 
Weiser im Stiere des Phalaris gebraten würde, so würde er aus- 
rufen: wie wohl ist mir!" 

„Verzeihung, das kann nur ein Asket schlimmster Sorte 
erklärt haben ! Ein zwischen Wahnsinn und Renommisterei 
taumelnder Säulenheiliger !" 

— Sie sind im Irrtum: das hat Epikur gesagt, also ein Mann, 
der nach Ihrer Meinung gewiß den Lebensgenuß begriffen hat. 
Und ein anderer Weiser, der Stoiker Seneca, pflichtete ihm bei. 

,,Ich entsinne mich der Tatsache," schaltete ich ein; „ich 
möchte mir indes erlauben, Ihr Zitat zu vervollständigen. Seneca 
ergänzte nämlich, daß ein weiser Mann, wenn die Wahl bei ihm 
stände, lieber nicht gebraten werden wolle, nicht wegen der 
Unbehaglichkeit der Sache, sondern weil es der Natur widerspricht, 
daß ein weiser Mann sich ohne Not braten lasse. Gleichviel, aus 
Ihrer Betrachtung geht doch hervor, daß Sie dem Epikur eine 
Autorität zugestehen; und hierin erblicke ich die Möglichkeit, 
mich mit Ihnen zu verständigen. Sollte am Ende in Ihrer Über- 
zeugung ein Rest von Epikurischem Bewußtsein versteckt sein?" 

— Wie Sie es verstehen, nicht im Mindesten. Unser Grundbe- 
kenntnis konzentriert sich vielmehr auf eine ganz andere Größe. 
Es wird Zeit, daß Sie hierüber Aufklärung empfangen: Wir 
sind Buddhisten! 

„Ein neuer Widerspruch! Ihre Insel mit ihren auf höchste 
Lebensfreude eingestellten Naturbedingungen hätte doch ein 
Geschlecht von Genießern hervorbringen müssen, also von Nicht- 
Buddhisten, von Contra-Buddhisten. Wie sind Sie also darauf 
verfallen, sich in einem Schlaraffenlande gerade zur Lehre eines 
Genußbekämpf ers zu bekennen ? Und auf welchem Wege ist diese 
Entsagungslehre aus Indien zu Ihnen gelangt?" 

— Diese Frage muß umgekehrt werden: Nicht zu uns ist die 
Lehre gedrungen, sondern von uns nach Indien. Erfahren Sie 
also: Vor dreitausend Jahren lebte auf unserer Insel ein Mann 
namens Vlaho, der viel später auf dem Wege der Seelenwande- 
rung im indischen Morgenland wiederkehrte und dort die Figur 
und den Namen Buddhas annahm. Hier bei uns hat er zuerst 
seine Lehre geschaffen, wir sind die Träger der Urtradition, ich 
selbst bin in gerader Linie sein Abkömmling und heiße Vlaho 
wie er. 

92 



Diese Mitteilung war nicht geeignet, unsere Stellung in der 
Debatte zu erleichtern. Mit einem Priester oder König konnte 
man sich auseinandersetzen, aber auf einen Weltpropheten waren 
wir nicht eingerichtet. Welche Distanz sollten wir einhalten zu 
einer Person, die sich offenbar im tiefsten Ernst eine göttliche 
Sendung zuwies ? Die völlig davon durchdrungen war, daß eine Welt- 
religion von ihr ausging? 

Der Mann erriet unsere Verlegenheit und kam uns zu Hilfe: 
— Sprechen Sie zu mir, wie zu Ihresgleichen. Ich erwarte Wider- 
spruch in jeder Form, und je schärfer Sie ihn fassen, desto sicherer 
werden wir zur Klärung gelangen. 

„Von dieser Erlaubnis werde ich ausgiebigen Gebrauch machen, 
Herr Vlaho," sagte ich, „und zwar um Ihnen zu eröffnen, daß 
ich Ihre Behauptung für unsinnig halte. Es hat nur einen Buddha 
gegeben, und der war in Indien zu Hause. Sie haben aus seiner 
Lehre etliche Elemente herausgegriffen, vermischen sie mit Brocken 
der Zyniker und Stoiker, und geben das Gemengsei für Original- 
tradition aus. Ja, noch mehr: Sie wollen uns eigentlich vorreden, 
daß Buddha noch immer existiert, und daß wir ihn hier vor uns 
haben. Das geht zu weit!" 

— Wie nun aber, wenn sich das, was Ihnen als Gemengsei er- 
scheint, als eine restlose Einheit darstellt? Buddhas Lehre wurzelt 
doch im Kreislauf der Wiedergeburten, im „Sansara", das nichts 
anderes ist als die ewige Wiederholung des Weltleidens! Und 
so gewiß, als in Ihnen beiden der alte Adam und die alte Eva noch 
lebendig sind, so gewiß hat Buddha verschiedene Formen an- 
genommen, in Seelenwandel und Körperspaltung, um sich 
der Welt zu offenbaren. Die Zyniker Diogenes, Antisthenes, 
Krates, — sie waren Buddha in Wiedergeburt; die Stoiker von 
Zenon bis Seneca, Epiktet, Marc Aurel — verwandelter Buddha; 
in Athen hat er gelebt, in Rom, und als er in Frankfurt wohnte, 
nannte er sich Schopenhauer. Ebenso war auch sein Auftreten in 
Hindostan nur eine Wiedergeburt, nachdem er sich hier, auf 
Vleha, ursprünglich verkündete. Warum hier zuerst? Das ist 
leicht einzusehen: weil er ein solches Eiland brauchte, damit 
seine Entsagung den tiefsten Sinn und die höchste Bedeutung 
erreichte. Nur im Paradiese kann der Baum der Erkenntnis 
wachsen, und nur dort, wo alle Sinne mit Lust umgaukelt werden, 
wird die Erkenntnis zum erlösenden Lustverzicht. Dann schließt 
sich der Ring. Sansara wird überwunden, Nirwana nimmt uns 
auf, als das selige Nichts, worin das Gelüst und zugleich sein ent- 
setzliches W T iderspiel, das Leiden der Welt, verschwindet. 

93 



„Und wie kommt es denn, Herr Vlaho, daß Sie selbst als 
Buddha von heute, leibhaftig vor uns stehen ? Warum haben denn 
Ihre zahllosen Vorgänger das Programm des Nirwana nicht längst 
vollstreckt? Ihre Existenz wie die aller Ihrer Mitbürger beweist 
doch, daß das Sansara, die Wiedergeburt, ganz munter weitergeht, 
daß Sie atmen, Nahrung aufnehmen, sich fortpflanzen, hoffen 
und begehren. Sie zum Beispiel hoffen in diesem Augenblick 
offensichtlich, uns zu überzeugen; Ihre Begierde ist darauf ge- 
richtet, uns der Torheit zu überführen, weil wir naiv genug sind, 
eine himmlische Landschaft als schön zu empfinden und ein ge- 
nießendes Volk voraussetzen, wo die Natur selbst den Tisch so 
üppig gedeckt hält." 

— Ihr Einwurf bezeugt, daß Sie nicht aufgemerkt haben, als 
ich Ihnen sagte, seit dem ersten Auftreten unseres Buddha wären 
dreitausend Jahre verstrichen. Eine kurze Zeit im Ablauf mensch- 
licher Begierden. Gewiß, das Ziel ist noch nicht erreicht, aber es 
kann nicht mehr verfehlt werden. Und wenn ich, als der letzte 
Buddha, Sie zu überzeugen wünsche, so geschieht dies in der Er- 
wartung, daß Sie von Ihrer Gastreise einiges hinaustragen in 
Ihre Heimat; einen Ansatz von Weisheit für die Völker, denen 
Sie angehören; damit auch diese anfangen, sich dem Nirwana 
zu nähern. 

Eva lächelte: „Darauf kann ich Ihnen nicht die geringste 
Hoffnung eröffnen. Es hat sich nämlich bei uns in Amerika und 
Europa gezeigt, daß die Genußsucht um so höher schwillt, je mehr 
Abstinenz gepredigt wird. Jedes Argument zur Bescheidung, 
inneren Einkehr und Entsagung wird vom Volk genau entgegen- 
gesetzt beantwortet, und als Betäubungsmittel im Weltelend 
sucht es nicht eine buddhistische Weisheit, sondern das Amüse- 
ment um jeden Preis. Ich gehe noch weiter : Unsere Volksgenossen 
studieren neuerdings Seneca, Schopenhauer und indische Schriften 
wesentlich aus Amüsiertrieb. Sie verschlingen diese Bücher, 
um sich recht lebhaft die Nachtseiten des Denkens vorzustellen, 
mit denen dann die Lichtseite ihrer Vergnügungen um so freu- 
diger kontrastieren soll. Und ich werde den Verdacht nicht los, 
daß Sie auf Ihrer Insel etwas ähnliches erleben werden. Wenn 
Sie, Vlaho, die Lustventile verstopfen, können Sie eine Explosion 
hervorrufen." 

Da wir einmal im Zuge waren, fuhr ich fort: „Der ganze 
Buddhismus, der nach Ihrer Versicherung hier regiert, ist ein 
System, daß seine Unmöglichkeit bei Überführung in die Wirk- 
lichkeit früher oder später erweisen muß. Auf einem kargen 

94 



Lande wäre er schon an sich unmöglich, da man nicht entsagen 
kann, wo nichts vorhanden ist. Auf einem reichen heuchelt er 
eine Anfangsmöglichkeit hinter einer theoretischen Larve, die 
nichts anderes verbirgt, als ein in Narrheit grinsendes Gesicht. 
Es ist hart, es einem Buddha ins Gesicht zu sagen — aber es 
muß gesagt werden — : der Buddhismus ist eine selbst betrüge- 
rische, papierene Floskel. Das Hohelied der Armut und des 
Bettlertums ! Man erzählt uns, Buddha, der indische, der einem 
reichen Adelsgeschlechte entstammte, eine Art Prinz, habe sein 
Wohlleben hinter sich geworfen, um als Bettler in die weite Welt 
zu ziehen ..." 

— Und Sie wollen leugnen, daß hierin Geistesgröße liegt und 
sittliche Erhabenheit? 

„Für mich ist es eine Geste, die für eine dramatische Szene 
ausreicht, für ein Oratorium, aber nicht für eine Religionsstiftung. 
Im Theater und Konzert vertrage ich jeden mythologischen Un- 
sinn, aber hier frage ich nach dem Sinn der Geste: bei wem hat 
er denn gebettelt?" 

— Selbstverständlich bei den Reichen. 

„Die Existenz der Reichen war sonach die Voraussetzung für 
seine Erleuchtung. Hätte es keine Begüterten gegeben, so wäre 
Buddha verhungert und niemals in die Lage gekommen, seine 
Lehre zu entwickeln. Er wollte also durch Gleichgültigkeit und 
Verleugnung, genau wie Sie selbst, Herr Vlaho, die Wurzel seiner 
eigenen Existenz aus der Welt schaffen. Ein vollendeter logischer 
Zirkel, ein Kreisfehler, aus dem es kein Entrinnen gibt!" 

— Sie selbst verstricken sich in einen circulus vitiosus, indem 
Sie die indischen Anfänge Buddhas mit der Fortsetzung ver- 
wechseln. Er begann mit der Entbehrung, um bei der Beschau- 
lichkeit in geweihten Wäldern zu landen. 

„Machen Sie ihm das nach, Vlaho ! Werden Sie beschaulich 
wie er, indem Sie die Natur anschauen wie er. Soweit wäre das 
Vorbild ganz geeignet. Aber sofort meldet sich ein neuer Unsinn. 
Der gereifte Buddha hat sich nämlich die Haine, in denen er 
meditierte, schenken lassen, wiederum von den Reichen, er 
hatte also seine ursprüngliche Habe fortgeworfen, um neuen 
Reichtum zu erwerben, um sich den verdammten Besitz hinten- 
herum wieder zuzuschmuggeln. Der Hohepriester der Entsagung 
muß also doch am Besitz Freude empfunden haben." 

— Sie deuten das ganz falsch. Im Brevier des Buddhismus is t 
für die Freude kein Platz. 

95» 



„Was Sie mir da erzählen! Meines Wissens wird die Freude 
schon auf der ersten Seite dieses Breviers nachdrüeklich betont 
und empfohlen. Als Buddha aus seinem ersten Jüngerkreise die 
Heilsbotschaft in die Welt sandte, geschah es unter der Formel: 
.,Zum Erbarmen, zum Heile, zum Segen, zur Freude für Götter 
und Menschen !" Er war also nach seinen eigenen Worten ein 
Freuden-Priester. Aber nein! das stimmt auch nicht. Denn 
er wird doch als prinzipieller Pessimist ausgerufen, als ein aus- 
gebrannter Asket, der die Kasteiung bis zum Übermaß trieb, 
durch freiwilligen Hunger, durch Anhalten des Atems, bis zur 
asketisch erzeugten Besinnungslosigkeit!" 

— Das ist allerdings die historische Wahrheit. Sie vergessen 
indes eine Hauptsache : Als Buddha in Selbstmartern besinnungs- 
los wurde, kam ihm in diesem Zustand die Erleuchtung, daß die 
Askese nicht zum Heile führe; er hat sie deshalb seitdem wieder 
verworfen . . . 

„Um die Entsagung desto dringender zu empfehlen. Krasser 
kann die Vernunft nicht auf den Kopf gestellt werden. Überlegen 
wir einmal: ist ein Mensch von Haus aus so stumpf organisiert, 
daß das Fortwerfen des Genusses ihm nichts bedeutet, so bedarf 
er doch keiner buddhistischen Philosophie; denn sein Stumpf- 
sinn ist ja bereits seine Erlösung. Ist er aber so feinsinnig und 
empfindlich, daß ihm die Verdunkelung des Daseins zur Pein 
ausschlägt, dann tritt ihm die nämliche Philosophie mit dem 
Befehl entgegen : du darfst dich nicht peinigen ! Denkfehler ohne 
Ende, was ja nicht zu verwundern, da sie aus jener in Besinnungs- 
losigkeit entzündeten Erleuchtung herauswuchsen Sagen Sie 
mir nun, Vlaho, als Oberhaupt dieses buddhistischen Staats- 
wesens: wie halten Sie es im einzelnen mit der Durchführung 
des Prinzipes? Eine Verfassung brauchen Sie nicht, behaupten 
Sie, also auch keinen Gesetzeszwang, kein Strafrecht. Ich frage 
nunmehr bestimmter: Wie schützen Sie das Eigentum? da 
unten befinden sich doch Häuser und Gärten, und diese Anwesen 
gehören, wie wir schon im Gasthof merkten, bestimmten Per- 
sonen. Was geschieht, wenn der Einzelne seinem Nachbar den 
Besitz fortnehmen will?" 

— Das kommt eben nicht vor. Meine Landeskinder sind seit 
so vielen Jahrhunderten zur Leidenschaftslosigkeit erzogen, 
und keiner trägt ein Gelüst nach dem Eigentum des Nächsten. 
Bei uns ist ein Urzustand der Natur verwirklicht, den Sie auch im 
Verhalten der Vögel beobachten können. Fragen Sie Ihre deutschen 
Zoologen: Wenn in einem Garten Rotschwänzchen und Meisen 

96 



wohnen, so teilen sie die Gartenfläche in zwei Bezirke, ohne daß 
sie hierzu eines Grundbuches bedürfen; der eine Teil gehört den 
Rotschwänzchen, der andere den Meisen, die unsichtbare Grenz- 
linie wird respektiert, und niemals kommt es zu Übergriffen. 
Solchen stillschweigenden Vertrag, den keine Polizei zu über- 
wachen braucht, haben wir in die menschliche Gesellschaft über- 
nommen." 

,,Sehr gut. Ihre Volksgenossen sind Musterkinder in dieser 
Hinsicht. Nur folgt aus Ihrer Darstellung das Gegenteil dessen, 
was Sie als Staats- und Sittenprinzip ausrufen. Was bestimmt 
die Vögel zu ihrer Gepflogenheit? das Gefühl des Eigentums 
und zwar das Gefühl in solcher Steigerung, daß seine Stärke 
ausreicht, um alle Rechte zu gewährleisten. Das Eigentum im 
Grundbesitz ist ihnen so angewachsen wie das Federkleid, es ist 
ein integrierender Teil ihrer selbst. Steckt hierin eine Entsagung, 
eine Verleugnung des Glücks ? nein, es ist die Höhe der egoistischen 
Freude, die über die Besitzeslust des Menschen hinausgeht, kraft 
ihrer selbstverständlichen, absoluten, jeder Sorge enthobenen 
Sicherheit. Dieser Urzustand ist eigentlich weit raffinierter als 
der unsrige, und wenn er über Ihre Insel hinausgreifen sollte in 
die Welt, so führt er zu einem Triumph des Besitzes, von dem 
sich der Kapitalismus noch gar nichts träumen läßt. Er wird 
dann wirklich ,in Souveränität stabilisiert wie ein rocher de 
bronce', denn die Selbstverständlichkeit stützt ihn besser als 
jedes paragraphierte Gesetz, das heute so lautet und morgen ganz 
anders. Was Sie als Neidlosigkeit bezeichnen, als Ungelüst, ist 
eine graue, lethargische Asche, unter der die Besitzeslust schwelt 
und sich mit vielen begleitenden Lüsten zur Eruption bereit hält.'* 

— Sie versuchen mit sophistischen Spitzfindigkeiten in ein Ge- 
biet zu dringen, wo nur der einfache Gedanke waltet: Überwin- 
dung der Materie durch den Geist! 

„Durch den Geist der Apathie, der die Züge eines Gespenstes 
trägt. Die Gleichgültigkeit, die Sie den Wesen einimpfen, ist 
die Frucht einer im Grunde fanatischen Religion, die das Mensch- 
liche im Menschen ausrotten und die Körper in Schatten verwan- 
deln will. Gelänge ihr das, so müßte Ihre Insel zweierlei Gesichter 
zeigen: ein Volk, dessen Männer in Blödheit erstarren, dessen 
Kinder nicht spielen, dessen Mädchen nicht lächeln, in einer 
Natur, die in brausenden Akkorden hinauslacht, und unermeß- 
liche Triebe mit Myriaden von Blütenkelchen hinausläutet. Es 
ist der Geist des Widerspruchs, zu dem Sie sich als Priester be- 
kennen. Oder haben Sie vielleicht noch eine andere Gottheit 

Mosakowski, Die Inseln der Weisheit. 7 97 



zur Anbetung, einen Götzen, einen Moloch wie den von 
Phalaris?" 

— Weder Gott noch Götzen. Beides wäre mit dem strengen 
Buddhismus unvereinbar. Wir vereinigen uns nur hin und wieder 
zu besonderen symbolischen Handlungen, in denen wir unser 
Grundbekenntnis von der Nichtigkeit der irdischen Güter zum 
Ausdruck bringen. Ohne eigentliche Liturgie und gottesdienst- 
lichen Kultus. 

„Aber doch wohl mit irgendwelchen Feierlichkeiten, die 
auf das Gemüt wirken sollen," sagte Eva. „Wir bemerkten heute 
einen Trauerzug, der sich nach einem tempelartigen Gebäude 
hinbewegte. Da müssen doch also die Leichen eingesegnet worden 
sein, und ich vermute, daß Sie selbst dabei priesterliche Riten 
ausgeübt haben." 

— Sie irren sich, meine Dame. Ein Leichenkondukt hat heute 
nicht stattgefunden. 

,,Aber wenn ich Ihnen doch versichere — zwei Särge auf 
einem Wagen!" 

— Ganz recht. Allein Sie mißdeuten den Vorgang: das war 
ein Hochzeitszug! Es ist bei uns Sitte, daß Bräutigam und 
Braut in luftdurchlässigen Särgen zur Trauung befördert werden. 
Ein sinniges Symbol dafür, daß sie in Vereinigung und Zeugung 
ihre Lebenssubstanz einer neuen Generation dahingehen und 
eigener Existenz entsagen. Der Priester oder der Adjunkt er- 
läutert dies mit einem Hinweis auf das Verhängnis des Sansara, 
hilft dem Paar aus den Särgen, und die Neuvermählten begeben 
sich nach Hause, um der Natur das Opfer darzubringen, das sie 
uns unerbittlich abverlangt. 

„Und von den Überwallungen des Herzens, von den Ent- 
zückungen der Liebe kein Wort? !" rief Eva; „es fehlt nur noch, 
daß Sie zum Gegensatz eine wirkliche Trauerfeier mit den Attri- 
buten der Freude umgeben und ein Begräbnis ausgestalten wie 
eine Hochzeit !" 

— Diese Barbarei, sagte der Priester, überlassen wir Ihren 
Nationen, welche die Leichenschmäuse erfunden haben mit 
üppig gedeckten Tafeln, an denen sich lachende Erben vergnügen 
und betrinken. Was uns betrifft, so verbleiben wir im Leben 
wie im Sterben bei der schlichten Disziplin Buddhas, der ein Weib 
nahm, um es zu verlassen, und der die Erde verließ in dem Bewußt- 
sein, daß der Tod nichts bedeutet, wenn man weise genug war, 
der Verlockung des Lebens zu widerstehen 

98 



Der letzte Trumpf der Debatte verblieb sonach einstweilen 
in der Hand Vlahos, der wohl spürte, daß er mit weiteren Ar- 
gumenten nichts zu gewinnen hatte. Er wies mit der Hand nach der 
Berglehne, auf der soeben unsere Freunde niederstiegen, um zu 
bedeuten, daß er beim Erscheinen der Genossen dieses Gespräch 
nicht zu verlängern wünschte. Wiederum verschloß er den 
Blick mit dem aufgeschlagenen Buche und würdevoll schritt der 
König von Vleha zu Tale. 



Die Gesellschaft überbot sich in Exaltationen und selbst der 
Amerikaner erklärte, daß die Extratour sich über alle Maßen 
belohnt habe. Nie hätte er es als älterer Herr für möglich gehalten, 
daß die Empfindung der Strapaze bei einem doch immerhin be- 
trächtlichen Marsch so vollständig verschwinden könnte. Da 
läge noch ein ganz besonderes Wunder in der Luft. Bruchstück- 
weise kam es heraus, wieviel beglückende Sensationen sich hier 
in gedrängter Folge erleben ließen. Der Vulkan in der Ferne 
habe eine Rauchfahne aufgesteckt wie eine wehende Palme, 
so hoch wie der Rigi. Ein Plateau hätten sie durchquert mit einem 
Kranz springender Geiser. Und dicht dabei versinke der Blick 
in einen Canon, gegen den — so meinte Ralph Kreyher — die 
Schluchten von Colorado zum Range ärmlicher Theaterkulissen 
herabsänken. Und nun wieder der Prospekt in das lachende 
Tal mit seiner himmlischen Vegetation! Eigentlich sollte man 
den weiteren Entdeckungsplan gänzlich aufgeben und sich hier 
auf Monate einrichten. Dann würde man für's übrige Leben 
genug haben an der neidvollen Erinnerung. Wahrhaftig! zu 
denken, daß es einige bevorzugte tausend Menschen gibt, denen 
hier ein Fest auf Lebenszeit bereitet wird. Wie glücklich 
müssen diese Insulaner sein! 

Wie sehr dieser Ausruf daneben traf, erfuhren die Herren 
aus unserem Bericht. Eva und ich wiederholten ihnen das Wesent- 
liche aus unserer Begegnung mit dem Priester. Und wenn auch 
die Wiedergabe nicht die überzeugende Kraft des Originals 
besaß, so wurde ihnen doch klar, daß hier die Schöpfung eine 
grausame Anomalie zuwege gebracht hatte: eine Insel der 
glücklichen Bedingungen, bevölkert von einem freudlosen 
Geschlechte. 

Ein kleiner Verdruß ging nebenher: wir vermißten Geo Rottek, 
unseren Schiffsoffizier. Er hatte sich irgendwo auf der Tour 
abgezweigt und war nicht wieder zum Vorschein gekommen. 

7* 99 



Sollte er sich verirrt haben? oder in eine Schlucht gestürzt sein? 
Ich äußerte Besorgnis, allein der Kapitän verschwor sich mit 
allen Eiden, es wäre nichts dergleichen zu befürchten; Rottek 
sei die Umsicht und Gewandtheit in Person, und wenn er sich 
unsichtbar mache, so geschähe es sicher nur, um uns später mit 
eigenen Expeditionsergebnissen zu überraschen. Wir verwarfen 
deshalb den aussichtslosen Plan einer suchenden Streife auf 
unbekanntem Terrain und warteten das Weitere ab, das übrigens 
— wie vorweg gesagt werden soll — die Auffassung des Kapitäns 
als vollkommen zutreffend erwies. 



Als wir in die Stadt zurückkehrten, erlebten wir ein Ge- 
tümmel. Wir erblickten aufgeregte Gesichter, wie sie in das 
vorgezeichnete Gesamtbild des Phlegmas durchaus nicht hinein- 
paßten. Jünglinge und halbwüchsige Burschen drängten sich 
heran, und einige steckten uns beschriebene Zettel in die Hand. 
Wir wurden zuerst nicht klug daraus, bis Donath, der aus- 
führlicher herumgehorcht hatte, die Erklärung brachte. Eine 
Volksversammlung war im Stadthaus angesagt, und die Veran- 
stalter legten Wert darauf, daß wir, die fremden Gäste, uns 
daran beteiligten; nicht nur als stumme Zuhörer, sondern, wenn 
es der Gang derDinge erfordern sollte, mit Abgabe unserer eigenen 
Meinung. Es ginge um Wohl und Wehe der ganzen Insel. 

Es war also ersichtlich, daß in der buddhistischen Aufmachung 
unseres Gewährsmannes eine Unstimmigkeit heraustrat. Und 
wir erkannten auch bald, wo das Loch in der Rechnung saß: 
in dem Widerstreit zwischen Alt und Jung, der durch Jahrhunderte 
unter Druck niedergehalten, jetzt plötzlich durchstieß. Agita- 
toren aus den Nordinseln waren eingedrungen und hatten den 
Samen des Mißvergnügens ausgestreut. Pochte das Glück an die 
Pforte? Nein, das stand noch weit draußen und wagte sich 
nicht heran. Aber in jungen, eingeschläferten Herzen war ein 
Drang erwacht nach einem unbestimmten Ziele. Was dieses 
Ziel versprach, verkroch sich noch hinter Schleiern; nur das eine 
wußten sie, ahnten sie wenigstens: es sollte anderswo liegen 
als dort, wohin der knöcherne Finger des Buddhismus wies. 

Auf der Tribüne stand der Hauptagitator Sterridogg von der 
weitentlegenen Insel Unalaschka, auf der sich schon die klima- 
tischen Einflüsse der antarktischen Region bemerkbar machen. 
Wir konnten seiner Rede gut folgen, da man uns vornan Plätze 

100 



angewiesen hatte. Trotzig genug sah der Geselle aus, wie er aus 
tiefliegenden, verkniffenen Augen die Versammlung musterte, 
und der Eindruck des Trotzes verschärfte sich noch durch ein 
bellendes Organ und durch ruckende Kopf würfe, die seinen 
schütteren Jungbart in Schwingung versetzten. 

Die Senioren der Stadt waren nur spärlich vertreten. Sie 
mochten wohl der ganzen Angelegenheit keine wesentliche Be- 
deutung beimessen und sich darauf verlassen, daß die ruhige 
Beredtsamkeit und die Autorität des einen Vlaho ausreichen 
würde, die gefährdete Jugend bei Raison zu halten. Der saß 
abseits, versteinert, ganz Buddha. Und es schien ein Fluidum 
von ihm auszugehen, wie von einem Gesalbten, in dessen Gegen- 
wart sich keine Stürme erheben dürfen. 

Aber die Bewegung war vorhanden. Eine verhaltene Gärung, 
deren Ursprünge weiter zurücklagen in geheimer Wühlarbeit 
der fremden Aufwiegler. Deren Sprecher begann: 

Vlehanesen ! Jungmannen und Jungfrauen ! Wir sind hierher- 
gekommen, um euch aufzurütteln zur Ergreifung der Menschen- 
rechte, zu einem Menschentum, von dem ihr nichts wißt, nichts 
ahnen könnt, da eure Seelen in Gefangenschaft schmachten. 
Vertiert seid ihr unter der Lehre eurer Väter, die euch Ruhe, 
Entbehrung, Gleichgültigkeit, Entkräftung auferlegt, in einer 
von Kräften strotzenden Welt. 

Auf den anderen Inseln und auf den fernen Kontinenten 
leben Menschen, welche arbeiten und kämpfen, in Kampf und 
Arbeit das Gefühl des Lebens zu erstreiten. Ihr kriecht schleimig 
dahin als schneckenhafte Wesen, ihr habt Blut in den Adern, 
aber es pulsiert nicht. Raffet euch auf zur Blutwallung, werdet 
Kämpfer! Schüttelt ab den Bann, der euch zur Seelenlosigkeit 
verdammt — unterjocht die Unterjocher! 

Wogegen ihr zuerst kämpfen sollt? 

Das will ich euch sagen: Gegen die reiche Natur, die euch 
umgibt, die sich ihre schwelgerische Üppigkeit auf eure Kosten 
angemästet hat. Heuchlerisch scheint sie den Bewohnern alles 
zu gewähren, was des Lebens Notdurft verlangt, sie überschüttet 
sie mit Blüten und Früchten, sie bettet sie in landschaftliche 
Wonne, aber hinter dieser Freigebigkeit lauert der Verrat : Indem 
sie euch die Arbeit ersparte und in reglose Beschaulichkeit ein- 
lullte, dämpfte sie die Lebensgeister, sog das Mark aus den Hirnen 
und Nerven. Und nur in also entseelten Seelen konnte sich jene 
Verderblichkeit entwickeln, die man euch als Philosophie und 

101 



Religion aufschwatzt : die entbehrende Buddhalehre. Dort hockt 
er, euer neuer Buddha, dessen eingefrorenes Gesicht nicht euer 
Erbe werden soll. 

Ja, kämpfen wir gegen den Urgrund seiner Lehre, gegen 
die verweichlichende, geistdämpfende Natur, in der wir die Wurzel 
des Seelenelends erkennen. Nicht mehr mit Gleichgültigkeit 
wollen wir ihr begegnen, sondern mit Haß und Zorn. Ausrotten 
wollen wir ihre Fülle und Schönheit, hinter der sich der Satan 
verbirgt; ein Dämon, der auf Vleha die schlimmste Form des 
Lasters verbreitet hat, die Verblödung. 

Zornbewehrt werden wir die Natur umgestalten, dieses ver- 
ruchte Klima, das den Boden schwängert, um den Menschengeist 
mit Unfruchtbarkeit zu schlagen. Eine schwere Aufgabe ? Wohlan, 
laßt erst euren Haß emporschwellen, daß er gewaltiger werde, 
als die Schwierigkeit. Laßt uns Bresche schlagen in jenen Ge- 
birgswall, ein Tor öffnen den rauhen Nordwinden, daß sie mit 
eisigem Hauch das Gelände überfluten! Erprobung tausender, 
kräftiger, arbeitsbegieriger Männerarme! Seid ihr bereit? 

Das Echo geriet nicht so volltönig, als der Agitator erwartet 
hatte. Nur ein leises Murmeln des Einverständnisses wurde ver- 
nehmbar, dann meldete sich ein junger Mann: 

„Ich heiße Sergasch, bin Schwesternsohn unseres Königs und 
sitze auf einem Gütchen, das mich mühelos ernährt. In der 
überreichen Muße, die auf mir wie ein Alp lastet, habe ich mich 
dem Bücherstudium überliefert; und es geschah mir beim Lesen, 
als würde ich aus einem fürchterlichen Traum aufgeschreckt. 
Mit allem Respekt vor meinem Oheim sei es gesagt, daß mir seine 
Lehre schon lange verdächtig war. Sehr verständig hat der Send- 
bote Sterridogg gesprochen, den das Mitleid von seiner steinigen 
Insel Unalaschka hierher treibt, um uns die Augen zu öffnen. 
Heraus aus dem Dämmer der Apathie, hinein in die Leidenschaft ! 
Wollen wir nicht verdorren, so müssen wir uns den Zwang zur 
Tat schaffen. Aber der vorgeschlagene Weg ist ungangbar. 
Wohl haben die Europäer natürliche Fesseln zerbrochen, in Suez 
und Panama, wo sie Kontinente zersprengten, um Meere zu ver- 
einigen, allein derartige Menschengewalten vermögen wir In- 
sulaner nicht aufzubringen. Wir können unser Gebirge nicht 
öffnen, um das Klima hart zu machen. Sinnen wir daher auf andere 
Mittel. Wir brauchen den Notzwang, und wir werden ihn haben. 
Not! Befruchterin der Intelligenz, Mutter aller Erfindungen, 
Nähramme aller Tugenden, komme zu uns! Stehen dir die in 
Geilheit strotzenden Felder und Fruchtbäume im Wege, so 

102 



werden wir sie beseitigen. Vernichtung den Hindernissen ! Feuer 
herbei I" 

„Feuer an die Plantagen !" — so erschollen Zurufe aus jugend- 
lichen Kehlen. 

Jetzt erhob sich Vlaho, dem es allmählich klar wurde, daß er 
mit einer priesterlichen Geste den Sturm nicht mehr zu be- 
schwichtigen vermochte : 

„Meine Kinder ! Zum erstenmal in einem langen, von Heils- 
wahrheit gesegneten Leben fühle ich die Notwendigkeit, aus der 
Gelassenheit herauszutreten. Welch ein Geist ist in euch ge- 
fahren! Ihr hört auf die Verführung neidischer Fremdlinge, die 
eure Seelen verwirren und ihnen die eingepflanzte Köstlichkeit 
entreißen wollen: die Unnahbarkeit, das Gleichmaß, die Uner- 
schütterlichkeit. Leidenschaft, Haß und Wut wollen sie euch 
einimpfen, jene Erbübel, die da draußen ihr giftiges Wesen 
treiben und die ganze Weltgeschichte zu einem Register schrei- 
enden Jammers gemacht haben ! Wollt ihr werden wie die Euro- 
päer von heute mit ihrem verzweifelten Kampf aller gegen alle, 
wollt ihr euch überschwemmen lassen von Schweiß und Blut, dann 
rufet die Not, beschwört ein Geschick herauf, gegen das wir 
Alten euch mit eiserner Brustwehr zu schützen beflissen waren. 
Denn das war der Sinn unserer Lehre, die man buddhistisch, 
zynisch, stoisch nennen mag, euch außerhalb des Schicksals 
zu stellen, durch weise gepflegten Gleichmut. Wir hielten die 
Eitelkeit der Freuden von euch fern, um euch mit Unempfind- 
lichkeit gegen den Schmerz zu waffnen; euch das zu gewähren, 
was die weisesten der Griechen als ,Ataraxia' gepriesen haben; 
die Unangreifbarkeit des Geistes, der in der Einsicht von der Leer- 
heit der Genüsse sich zum Herrn über den Körper aufschwingt. 
Jetzt aber werft ihr die Ataraxie von euch, stürzt in die Arme 
des Schmerzes und hofft in dieser Umarmung eine Wollust zu 
erleben ."..." 

. . „Weil es keinen anderen Weg zu ihr gibt" — rief Sterridogg 
dazwischen — „als den Umweg über Not, Schmerz und saure 
Arbeit. Dieser Priester dort, der uns mit griechischen Brocken 
kommt, der in aller Literatur so genau Bescheid weiß, warum 
unterschlägt er uns die W r eisheit des alten Zoroaster und des 
neuen Zarathustra? der die Not gepriesen hat mit den Worten: 
Im Schmerz ist so viel Weisheit wie in der Lust, er gehört gleich 
dieser zu den arterhaltenden Kräften ersten Ranges! daß er 
weh tut, ist kein Argument gegen ihn, es ist sein Wesen ! Menschen 
gibt es, die beim Herannahen des großen Schmerzes wachsen, die 

103 



nie stolzer, nie glücklicher dreinschauen, als wenn der Sturm 
heraufzieht; ja! der Schmerz selber gibt ihnen die größten 
Augenblicke ! Das sind die heroischen Menschen, die großen 
Schmerz bringer der Menschheit; jene Seltenen, welche dieselbe 
Apologie nötig haben, wie der Schmerz überhaupt; es sind art- 
erhaltende, artfördernde Kräfte ersten Ranges! Begreift ihr's, 
unglückselige, verkümmerte Genossen, daß ihr diesen Großen 
nachzueifern habt? Begreift ihr's, daß die Prediger der anderen 
Lc hre nichts anderes sind als Quacksalber, die euch mit Haschisch 
betäuben?" 

„Feuer an die Plantagen!" antwortete es in verstärktem 
Chore. Vlaho war zurückgesunken, Eva meldete sich mit einem 
Zeichen, daß sie zu sprechen wünsche, und aller Blicke hefteten 
sich auf sie: 

„Vlehanesen ! Nicht um zu entscheiden, richte ich das Wort 
an euch, denn wir sind Gäste ohne Richterbefugnis; sondern 
um dem maßlosen Erstaunen Ausdruck zu geben, das uns befällt, 
angesichts dieser Vorgänge. Es ist wahr, wir kommen aus Ländern, 
in denen die Menschen durch Leid, Kampf und Arbeit von der 
Freude abgedrängt werden. Hier zum erstenmal fanden wir einen 
Erdflecken, den die Natur in rosiger Laune erschuf, um sich in 
einem Ausnahmefalle ihrer natürlichen Grausamkeit zu ent- 
äußern. Hier wäre der Boden für ein paradiesisches Geschlecht, 
das nur nötig hätte, seine Sinne offen zu halten, um glücklich zu 
sein. Und was haben wir angetroffen? Zwei Parteien zwischen 
Entsagung und Schmerzenssehnsucht, zwischen Gleichgültigkeit 
und Haß. Wir allein, wir Fremden, konnten hier des Weltelends 
vergessen, konnten uns auf einige Stunden im Glücke sonnen, 
das ihr nach zwei Methoden von euch abwehrt. Darf ich euch 
einen Rat geben? fahret hinaus zur Betrachtung der euch un- 
bekannten Welt, wie wir hinausfuhren zur unbekannten Insel, 
erlebet den Kontrast, und bei der Heimkehr werden eure beiden 
Parteien verschmelzen zu einer einzigen, der selbstverständlichen 
Glückseligkeit. Ihr werdet nicht mehr Buddhisten sein und Anti- 
buddhisten, sondern frohe Menschen auf der Insel der glück- 
lichen Bedingungen." 

,,Nach Auswandern ist uns schon lange zu Mute," rief Sergasch 
dazwischen; „so wie sich Odysseus von der Zauberinsel der 
Kalypso fortsehnte nach dem steinigen Ithaka. Aber vorher 
wollen wir Rache üben an der Natur, hinter deren Engelsmaske 
wir den Belial erkannt haben !" 

104 



Ein greller Feuerschein züngelte durch die Fenster in den 
Versammlungsraum. Einige Verwegene hatten sich schon vorher 
beim ersten Aufruf des Priesterneffen entfernt und ihr Werk be- 
gonnen. Als wir hinauseilten, war es bereits in vollem Gange. Die 
Pflanzungen brannten und Flammen leckten nach den Ausläu- 
fern der Ortschaft. Alte Einwohner standen umher, starrten auf 
Vlaho, wie in Erwartung eines Signals, ob sie sich auch dieser 
Katastrophe gegenüber als gleichmütige Stoiker zu betragen 
hätten. Eine Stunde später befanden wir uns auf der „Atalanta", 
vollzählig, denn auch der vermißte Geo Rottek hatte sich in- 
zwischen wieder angefunden; nach einem nicht unfreundlichen 
Erlebnisse, das er uns erzählte während sich das Schiff von der 
illuminierten Insel entfernte. 

Die Episode des Offiziers lieferte zu unseren Erfahrungen 
eine sozusagen lyrische Ergänzung. Er war bei dem erwähnten 
Aufstieg tatsächlich vom Wege abgekommen, verlockt durch 
das Erscheinen einer seltsamen Springgazelle, die am Waldes- 
rand sichtbar wurde, im Buschwerk untertauchte, wieder auf- 
schnellte, sich umblickte, so daß Geo der Versuchung nicht 
widerstehen konnte, der Spur zu folgen. So verlor er den Kon- 
takt mit den anderen und sah sich beim Fortwandern plötzlich 
auf einer mit Pinien umstandenen Matte, die einen Blick auf Tief- 
land und Meeresbucht freigab. Auf einer Moosbank saß ein 
etwa zwanzigjähriges Mädchen, dem er unter den Sehenswürdig- 
keiten der Insel sogleich eine besondere Stellung anwies. Ja, 
ihm erschien in diesem Moment der ganze Zauber der elyseischen 
Umwelt nur als die Fassung zu diesen einem versprengten Edel- 
stein. Er blieb stehen, fragte nach dem Wege zur Stadt, erhielt 
Auskunft, schlug aber den Weg nicht ein, setzte sich vielmehr 
auf die Bank neben die junge Person und hatte die Genugtuung, 
daß diese Kühnheit sie nicht aufscheuchte. Jetzt betrachtete 
er sie eindringender, mit einer unbewußten, aber ergebnisreichen 
Analyse der Einzelheiten, die sich hier zur Gestaltung einer exoti- 
schen Hebe zusammenfanden. Und mitten in die stumme Ent- 
zücktheit hinein fiel eine Enttäuschung: die Augen, so schön 
sie geformt waren, so reizend sich Iris und Pupille vom zart- 
geäderten Weiß abhoben, zeigten keine optische Resonanz. 
Es ging keine Schwingung von ihnen aus, nichts, was auf ein 
Spiel der Nerven deutete, und es kam ihm in Erinnerung, was 
der Doktor in den ersten Minuten des Aufenthalts zu ihm gesagt 
hatte: „diese Menschen haben keine Seele." 

Er versuchte eine Unterhaltung anzubahnen. „Wie heißen 
Sie?" — „Wrogella". — „Ein melodiöser Name; freuen Sie sich 

105 



der Herrlichkeiten um uns?" — Sie verstand nicht. — »Emp- 
finden Sie nichts beim Anschauen dieser Landschaft?" — „Die 
Landschaft ist überall dieselbe." — ,,0 nein, sie ist überall ver- 
schieden, sie bietet alle Arten von Schönheit; so wie auch Sie 
verschieden sind von Ihren Schwestern auf der Insel. Wissen 
Sie, Wrogella, daß Sie schön sind?" — Ein leises Vibrieren in 
ihren Zügen gab Antwort; schnell genug verschwand es, und sie 
sagte mit klangloser Stimme: „es ist verboten, das zu wissen." 

Eine großartige Erscheinung zeigte sich am Himmel. Hinter 
zarten Dunstwölkchen offenbarte sich das Halo-Phänomen, 
das sonst nur in der Polarregion sichtbar wird. Weitgeschwungene 
Kreise um die Sonne mit Neben- und Gegensonnen, mit hell- 
farbigen Berührungsbogen an den äußeren und inneren Bogen. 
,, Wrogella," rief er, „blicken Sie dorthin! Tausend Jahre könnte 
ein Mensch alt werden, ohne daß es ihm vergönnt wäre, solches 
Wunder zu erleben!" Und in der Ekstase ergriff er ihre rechte 
Hand, die sie nicht zurückzog. 

Aber sie blickte auch nicht zum Himmel, an dem das Phänomen 
nach wenigen Sekunden verschwand. 

Kein Zweifel, er saß neben einer Undine, und erriet intuitiv, 
daß diese undinenhafte Verfassung das .wesentliche Merkmal 
der Rasse von Vleha bilden müsse. Aber er hielt doch ihre Hand, 
aus deren Fingerpolen ihm etwas entgegenströmte, wie eine 
Emanation. 

Das ist wenigstens ein Vorteil ilirer Empfindungslosigkeit, 
dachte Geo; sie wehrt sich nicht, wenn ich ihre Hand liebkose. 
Und während er sie abwechselnd streichelte und an die Lippen 
führte, fragte er: „Wrogella, sind Sie verlobt? haben Sie einen 
Freund, einen Geliebten? Wissen Sie überhaupt, was Liebe ist?" 

Sie antwortete nicht. Aber in ihren Augen ging etwas vor, 
mit kristallischen Reflexen, verschleiert im Dunsthauch von 
Tränen. Und auf einmal öffnete sie ihre Arme und flog ihm an 
die Brust. Wie ein junges Vogelherz pochte es ihm entgegen. 
Diese eine Buddhistin war entzaubert zu einem Nirwana, das 
ihr besseres versprach, als die überlieferte Mystik. 

— Das ist der Anfang eines Romans, lieber Rottek, sagte 
Mac Lintock; wie denken Sie sich die Fortsetzung? 

„Fortsetzung?" entgegnete jener, „ich dächte, wir wären 
schon seit ein paar Stunden über den Schluß hinaus. Ich auf 
dem Schiff, das Mädchen auf der brennenden Insel ! Der Vorhang 

106 



ist gefallen und wird nach menschlichem Ermessen nie wieder 

gehoben." 

— Das soll man nicht verschwören. Sie machen mir nicht den 
Eindruck, als wenn der rasche Triumph des Abenteuers Ihnen 
genügte. Bei einem Helden, der Brünnhilde erweckte, kann auf 
den Siegfried-Schluß der Anfang der Götterdämmerung folgen: 
Zu neuen Taten! 

„Sie sind ein Menschenkenner, Herr Mac Lintock. Tatsächlich, 
ich verspüre heftige Reue. Ich hätte auf Vleha bleiben oder 
Wrogella mitnehmen sollen." 

— Es gäbe noch eine dritte Möglichkeit. Sie können eines Tages 
zurückkehren und mit ihr den unterbrochenen Kursus wieder auf- 
nehmen. Ich denke mir das um so vorteilhafter, als ich selbst 
beabsichtige, in späteren Jahren hier eine Ferienkolonie für uns 
alle zu begründen. 

„Glänzende Idee!" rief Donath, „aber die Pflanzungen sind 
doch vernichtet?" 

— Ich halte diesen Brand für ein Theaterspektakel. In einem 
Jahre blüht und fruchtet hier alles wie zuvor. Das einzige wirk- 
lich Eingeäscherte wird der Buddhismus sein, und der verdiente 
nichts anderes, denn er ist eine Donquichoterie. Ich taxiere: 
wenn wir einmal wiederkehren, dann herrschen hier die soge- 
nannten geordneten Zustände, mit Katasterämtern, Steuerbüros 
und sonstigen Behörden, die den Leuten das Leben genau so 
sauer machen, wie bei uns. Aber man wird wenigstens wissen, 
an wen man sich als Businessman zu halten hat. Und wenn in- 
zwischen die Preise nicht gar zu arg hochgeschnellt sind, dann 
kaufe ich die ganze Insel und gebe sie der hübschen Wrogella 
zur Mitgift. 

Was aber würde unser deutscher Buddha gesagt haben, 
wenn er mit uns von der Partie gewesen wäre? 

Vermutlich folgendes: 

Hier auf der Insel der glücklichen Bedingungen war der beste 
Ansatz vorhanden für das Verwirklichen der Verneinung des 
Willens zum Dasein. Die Sehnsucht nach Sansara, die Ataraxie, 
Senecas Doktrin und mein Pessimismus hätten hier auf engem 
Boden das Zweckdienliche geschafft, die Überwindung der Gat- 
tungsexistenz. Dann hätte ein goldenes Zeitalter beginnen können, 
worin sich die Natur allein auslebt, ohne die störende Mitwirkung 
der Menschen, welche in keinem Betracht in den Kosmos hinein- 
passen. Fast waren sie so weit, dieser schnöden Mitwirkung 

107 



in freiwilligem Verdorren zu entsagen. Da erhob sich ein neues 
Gewühl zu dem blöden Zwecke, sich das nämliche Joch, das sie 
eben abwerfen wollten, frisch aufzubinden, mit aller Festigkeit, 
daß es ihnen den Nacken recht gründlich wundscheuere. Und 
mitten in dem Getümmel sehen wir die Blicke zweier Liebenden 
sich sehnsüchtig begegnen, — und warum so heimlich, furchtsam 
und verstohlen? Weil diese Liebenden die Verräter sind, welche 
heimlich danach trachten, die ganze Not und Plackerei zu per- 
petuieren, die sonst ein baldiges Ende erreichen würde. 

Die letzten Zeilen stehen so wörtlich in Schopenhauers Haupt- 
werk. Noch viele gleichwertige wären daraus zu zitieren, lapidare 
Gedanken, die Satz für Satz wahr, sich insgesamt zu einem gran- 
diosen Fehlerkreis zusammenschließen, zu einem Zirkel, von dem 
uns soeben die am Horizont verglühende Insel ein lebendiges 
Abbild geliefert hatte. 



108 



Kradak 



Die Insel der Perversionen. 



Eigentlich ist es eine Gruppe dreier benachbarter Inseln, die 
man nach ihrer gegenseitigen Lage mit den Borromäischen im 
Lago maggiore in Vergleich bringen könnte. In ihren Wesens- 
zügen treten Verwandtschaften hervor, die es mir nahelegen, 
sie gemeinsam zu behandeln, wie wir denn auch unseren Aufent- 
halt nach Zeit gemessen ziemlich gleichmäßig zwischen ihnen 
verteilten. Als Ausgangspunkt diente uns die mittlere Insel, 
Kradak, die mit den anderen einen unablässigen Bootsverkehr 
unterhält. Sie war, als wir landeten, der Schauplatz einer Ver- 
kaufsmesse, richtiger gesagt eines bunten Jahrmarkts und zeigte 
lebhaftes Treiben auf den Straßen, wie in der Karawanserei, 
in der wir Unterkunft fanden. Manche Auffälligkeiten traten 
uns im ersten Anlauf entgegen, sie waren indes nicht hervor- 
stechend genug, um unsere Aufmerksamkeit erheblich zu fesseln; 
sie erschienen eher als launische Zufallsprodukte, denn als Zeug- 
nisse für einen besonderen nationalen Geistestypus. Äußerlich 
betrachtet erinnerte die Ortschaft an Honolulu; freilich waren 
die Maße verkleinert, auf bescheidenere Verhältnisse reduziert, 
und das ganze hatte einen Stich ins Abenteuerliche, Verschrobene, 
Inkommensurable. Man könnte sagen: Honolulu ist die mittlere 
Proportionale zwischen einer europäischen Residenz und Kradak ; 
jedenfalls blieben hier Einflüsse der uns vertrauten Kulturen, 
wenn auch in Verdünnung, deutlich erkennbar. 

Nachdem wir uns eingerichtet, fanden wir uns im Speise- 
raum der Karawanserei zusammen, deren schwer aussprechbarer 
Name sich sinngetreu mit „Palace-Hotel" übersetzen läßt; 
und insofern auch sachgetreu, als tatsächlich ein gewisser Luxus 
vorhanden war, der die anheimelnde Bezeichnung rechtfertigte. 
Man aß an kleinen Tischen, und wir wurden deshalb getrennt; 
was uns nichts ausmachte, da wir gar keinen Wert darauf legten, 
dauernd zusammenzukleben. Wir verteilten uns also auf gut 

109 



Glück und erwarteten die kulinarischen Genüsse, mit denen 
uns das „Palace-Hotel" segnen würde. 

Ein Vorzeichen der Erf reuüchkeit : Bedienung von zarter 
Hand. Ich persönlich hege die größte Hochachtung vor dem 
Kellnerstand, mit dem Vorbehalt, daß mir die einfältigste Hebe 
Heber ist als der tüchtigste Ganymed. Zwischen Tafelbedienung 
und Männerhand liegt für mich eine sexuelle Dissonanz. Diese 
Unstimmigkeit wurde hier vermieden. Die Dissonanzen und 
Querstände waren nichtsdestoweniger vorhanden, allein sie ent- 
luden sich, wie man bald sehen wird, nach ganz anderen Seiten. 

Eine Bedienerin schwebte heran und pflanzte eine Schüssel 
mit angenehm duftendem und offenbar sorgsam präparierten 
Salat vor uns auf. Als wir, Donath und ich, uns anschickten, 
auf gut Homerisch gierig die Hände auszustrecken, erhob sich 
vom Nachbartisch ein Ortseingesessener, trat auf uns zu und 
sagte: „Ich warne Sie, meine Herren, und möchte Ihnen emp- 
fehlen, diese Warnung an Ihre Gesellschaft weiterzugeben. Dieser 
Salat nimmt unter unseren Volksgerichten die erste Stelle ein, 
er setzt indes eine Gewöhnung voraus, die man bei Landfremden 
nicht annehmen darf. Er ist nämlich aus den Blättern des Koka- 
Strauches zubereitet, der hier überall wild wächst und überdies 
in verfeinerten Kulturen massenhaft gezüchtet wird." 

„Wir sind Ihnen sehr verbunden," sagte Donath, „obschon 
mich die Neugier lockt, wenigstens eine kleine Kostprobe zu 
nehmen; vorher will ich allerdings unsere Reisegenossen von 
Ihrer Mahnung verständigen." — Als er nach einigen Sekunden 
zurückkehrte, hatte ich den autochthonen Herrn bereits ge- 
beten, bei uns Platz zu nehmen. Der Mann gefiel mir, denn er 
zeigte weltmännischen Schliff und eine Ausdrucksweise, die auf 
weitreichende Erfahrung schließen ließ. Die besaß er in der Tat. 
Er war seit zehn Jahren höherer Beamter im Wohlfahrts- 
ministerium der Inselgruppe mit dem Range etwa eines Staats- 
sekretärs; vordem hatte Herr Trelloar, (so hieß er) als Emissär 
im strengsten Incognito ausgedehnte Reisen unternommen, 
und wir merkten bald, daß ihm unsere Kulturzentren recht gut 
bekannt waren. „Ich reiste," berichtete er, „unter der Maske 
eines finnischen Kaufmannes . . ." 

„Also mit gefälschtem Paß?" 

— Mit gar keinem Paß. Inkommodiert wird man in Ihren 
Ländern nur dann, wenn man sich überhaupt auf Ausweise ein- 
läßt. Verzichtet man darauf grundsätzlich und ersetzt man die 

110 



Sprache der Schriftstücke durch das Esperanto klingender Münze, 
so verschwinden alle Verkehrsschwierigkeiten von selbst. Um 
nun auf unser Thema zurückzukommen .... 

Die Bedienerin hatte inzwischen auf sein Zeichen verschiedene 
andere Speisen aufgetragen, gegen deren Genuß Trelloar nichts 
einzuwenden hatte; Gerichte, die mit gewissen Abweichungen an 
die uns geläufigen erinnerten. Jedenfalls waren wir ganz gut 
versorgt und sonach disponiert, während des Mahles den Aus- 
führungen unseres Partners zu folgen. 

— Daß in den Koka-Blättern dieses Salates das wichtige Alkaloid 
Kokain steckt, ist Ihnen natürlich bekannt. Ebenso, daß diese 
Substanz nicht nur als schmerzstillendes und verhütendes Mittel 
gebraucht wird, sondern auch zur Betäubung in weiterem Sinne. 
Und indem es betäubt, weckt es gleichzeitig seltsame nervöse 
Zustände nach Art der Narkotika, qualitativ modifiziert, quan- 
titativ stärker, besonders in solchen Mengen genossen wie hier. 
Unser Kokain — ich sagte Ihnen schon, daß wir die Pflanze 
nach besonderen Verfeinerungsmethoden pflegen — umhüllt 
den Genießer mit den angenehmsten Visionen und Phantasma- 
gorien; nämlich dadurch, daß es den Schmerz aufhebt, der mit 
dem Dasein selbst verknüpft ist, sagen wir: den Existenzschmerz. 

„Gut umschrieben," bemerkte Donath Flohr, ,,aber ich als 
Europäer würde das direkter bezeichnen: der Kokaingenuß an 
sich ist eine Perversität und erzeugt Perversionen. Also glattweg 
ein Laster. Schon in winzigen Dosen, eingespritzt oder geschnupft, 
untergräbt er die sittliche Konstitution. Ich kann mir einst- 
weilen noch gar nicht ausmalen, was aus einem Volk wird, daß 
sich dieses Zeug gewohnheitsmäßig aus vollen Schüsseln ein- 
verleibt." 

Trelloar entgegnete : — Lassen wir es einstweilen bei Ihrem Aus- 
druck Perversion. Sie werden vielleicht, und ich hoffe es, dahin 
gelangen, diesem Begriff eine neue Bedeutung abzugewinnen. 
Was unter gewissen Bedingungen pervers erscheint, kann unter 
anderen die Form einer harmlosen und durchaus naturgemäßen 
Gepflogenheit annehmen. Sind Sie Raucher? 

„Heftig. Mit Leidenschaft. Ich qualme sogar im Bett." 

— Nun stellen Sie sich vor, Sie allein rauchten, Sie allein be- 
säßen Tabak, kein Mensch außer Ihnen. Dann wären Sie zweifel- 
los ein Perverser. Die Mediziner würden konstatieren, daß Sie 
dauernd ein starkes Gift schlucken, an dem Sie unabwendlich 
in wenigen Wochen zugrunde gehen müssen. Sie würden vielleicht 

111 



auch an Moralprediger geraten, die nach historischem Vorbild 
beantragen, Ihnen die Nase abzuschneiden, weil sie kraft höllischen 
Feuers mit dem Satan im Bunde stehen. Aber im modernen 
Kulturkreis sind Sie durchaus kein Perverser, sondern ein Raucher 
unter Millionen, der gedeiht, der als sittliche Persönlichkeit 
hundert Jahr alt werden kann .... 

. . . ,,und dem der Tabak," schaltete ich ein, „die besten 
geistigen Inspirationen zuführt. Soweit bin ich ganz einver- 
standen mit Ihnen, Herr Trelloar. Man müßte nur erfahren, welchen 
besonderen Gepflogenheiten sich Ihre Genossen hingeben, und als- 
dann prüfen, ob es wirkliche Perversionen in jedem Betracht sind, 
oder bloß Abweichungen vom Normalgebrauch." 

— Beginnen wir mit Kleinigkeiten. Ich bemerke vorweg, daß 
ich selbst nur geringes Gewicht auf sie lege, weil sie nur die Äußer- 
lichkeiten, nicht die Tiefe des Lebens betreffen. Dort drüben 
sitzt ein Bürger von Kradak, der sich eben einen eigenartigen Gang 
schmecken läßt ; Sie können sämtliche Speisekarten zwischen Nord- 
kap und Palermo durchgehen, ohne auf das Gericht zu stoßen: 
es ist Ziegenkäse mit Sardellen, am Spieß gebraten. Sein Nachbar 
ißt Krähenzungen in Vanille, nachdem er vorher Kaviar mit 
Schlagsahne konsumiert hat. Sein Nachbar trinkt getrüffelten 
Kaffee, und was er darin eintunkt, ist kein Kipfel oder Hörnchen, 
sondern Salzgurke. Träten diese Dinge vereinzelt auf, so könnte 
man sie als feuilletonistische Scherze und die Personen als perverse 
Sonderlinge betrachten. Es steckt aber ein Programm darin. 
Wir auf Kradak sagen uns, daß wir die Tafelmöglichkeiten ver- 
tausendfachen, wenn wir an keinem Menuzwange festkleben. 
Wir haben unsere Geschmacksnerven auf eine Vielfältigkeit ein- 
gestellt, die den Europäern fremd ist, da Ihr aus der Unerschöpf- 
lichkeit der Eßkombinationen nur ein Minimum herausholt. 
Genau genommen haben Sie alle, ob Amerikaner, Deutsche, 
Franzosen, Schweizer, Skandinavier, alle zusammen nur eine 
Speisekarte, bestenfalls vier Seiten lang, und Sie unterliegen mit 
Ihren Tafelfreuden dem ewig Gestrigen, wie Ihr Dichter sagt, 
das morgen gilt, weil's heute hat gegolten. Wer darüber hinaus 
will, von Euch aus gesehen, hat einen perversen Geschmack. Salz- 
gurke in süßem Kaffee oder Blindschleiche in Schokolade, das 
chmeckt abscheulich, so meint Ihr; aber das ist genau so, als 
wenn Ihr eine Klangmasse oder eine Tonfolge für gräßlich er- 
klärtet, die früher einmal dissonierte; morgen wird sie kon- 
sonieren, und ein Ohr, das sich damit befreundet, ist nicht pervers, 
sondern nur in der Zeit voran. 

112 



„Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie auf Folgendes 
hinaus: Gewisse einzelne Perversionen, die vorläufig nur sympto- 
matisch auftreten, sollen sich zu einem System zusammenschließen, 
und hierin soll zum Ausdruck kommen, daß man dem Leben 
erheblich mehr Reizungen abgewinnen kann, als man gemeinig- 
lich annimmt." 

— Sie sind auf dem Wege zum Verständnis ; allein Sie werden 
den ganzen Umfang der Reizvermehrung erst dann begreifen, 
wenn wir auf das geistige Gebiet gelangen. Ja! wir sind aller- 
dings zu der Einsicht gelangt, daß der Mensch im allgemeinen 
von den Variationsmöglichkeiten, die ihm die Natur selber er- 
öffnet, nur einen ganz kümmerlichen Gebrauch macht; und daß 
er der Erstarrung anheimfallen wird, wenn es ihm nicht gelingt, 
sich aus der Umklammerung des Formalismus zu befreien. Das 
Kennzeichen des Lebens, wie es sich da draußen und besonders 
bei Ihnen in Europa abgewickelt hat, ist die Monotonie. Un- 
beschadet der Wechselfälle in Krieg und Frieden, in Revolution 
und sonstiger historischer Gestaltung unterliegen Sie alle der An- 
passung an eine Normale, die Ihnen als Internationalismus oder 
Kosmopolitismus vorschwebt, die aber im Grunde nichts anderes 
ist, als eine entsetzliche Gleichmacherei, in welcher die Besonder- 
heiten untergehen, die gewesenen und noch viel mehr die zukünf- 
tigen. Das Grundgesetz der Natur, daß es so viele Empfindungen, 
Daseinsmöglichkeiten, ja Logiken gibt als Einzelmenschen, wird 
durch den Anpassungstrieb gewaltsam außer Kraft gesetzt. Die 
Dampfwalze der Nivellierung geht über alles hinweg. Ich stand 
in London und betrachtete jene endlosen Straßen, in denen jedes 
Haus dasselbe Bauschema verfolgt, jeder Bewohner dasselbe 
Leben absolviert, zur nämlichen Stunde das nämliche ißt, trinkt, 
hantiert, denkt, erledigt, abhaspelt. Und ich fragte mich: warum 
sind das Millionen, wenn sie in ihrer numerischen Überfülle nichts 
anderes aufzeigen als irgend ein Dutzend ? Dann stand ich wiederum 
in Paris, Wien, Berlin, Stockholm, Florenz, New York, Kalkutta, 
und bemerkte zwar nationale Abtönungen, andere Baustile, aber 
das Grundprinzip blieb dasselbe : die Unterdrückung der Variation 
zugunsten der Uniformität. Und wenn ich mir die Leute ansah, 
so war der Eindruck vorherrschend: es gibt bei euch nur noch 
einen Typus, den langweiligen Kosmopoliten, der überall dieselbe 
Figur machen will und der sich in längstens einem Jahrhundert 
zum öden Allerweltsschema durchgesetzt haben wird. 

„Erstens wäre das noch kein Unglück; und zweitens über- 
treiben Sie, indem Sie die gemeinsamen Merkmale allzusehr 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 8 113 



hervorheben. Gewiß waren in Vorzeit die Differenzen zwischen 
einem Karaiben und einem Athener hervorstechender als heut- 
zutage die Unterschiede zwischen den Bürgern und Arbeitern der 
Hauptstädte. Aber eine Verähnlichung in Geschäften, Denk- 
weisen und Lebensgestaltungen ist doch noch nicht eingetreten." 

— Sie übersehen das Wesentliche, die Empfindung, die aller- 
dings in allen Zonen einen bedauerlichen Grad der Egalisierung 
erreicht hat. Jedermann, er wohne wo er mag, will aus der Un- 
annehmlichkeit heraus in die Annehmlichkeit, er will dies unab- 
änderlich auf Grund seiner ärmlichen fünf Sinne, deren Spiel 
anscheinend nur geringer Modulation fähig ist. Was dem Lon- 
doner angenehm ist, als Sinneseindruck, das berührt alle ange- 
nehm, was auf ihn peinvoll wirkt, das wird in der ganzen Welt 
als peinvoll empfunden. Ihr alle sprecht und empfindet wie 
der Jude Shylock in eurem Shakespeare: mit derselben Speise 
genährt, mit denselben W T affen verletzt, denselben Krankheiten 
unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet 
von demselben Winter und Sommer, — wenn ihr uns stecht, bluten 
wir nicht? wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Religion und 
Philosophie ändern nichts an diesem Grundbestand. Aber da 
kommt eine neue Erkenntnisfrage: Wie wenn wir aus dem Miß- 
gefühl ein Wohlgefühl herausentwickeln könnten, aus dem blutigen 
Stechen einen angenehmen Kitzel? Wenn wir in unseren Emp- 
findungsapparat eine neue Mechanik einzusetzen vermöchten, 
die uns den Schmerz ganz direkt zur Lust transformiert? 

„Herr Trelloar, das wird masochistisch." 

— Allerdings, und ich füge hinzu, daß wir uns auf diesen Inseln 
in beträchtlicher Zahl dem Masochismus überliefert haben. Und 
um die Sache fürs Gespräch zu erleichtern, bleibe ich bei dem 
Ihnen geläufigen Ausdruck. Also wir huldigen der Perversion 
des Masochismus in allen Formen, sind uns aber dessen bewußt, 
daß wir damit den Lebenskreis erweitern und klar zum Ausdruck 
bringen, was auch im Unterbewußtsein des kosmopolitischen 
Philisters schlummert. Dem Philister fehlt die Fähigkeit und 
der Mut, eine angedeutete Gefühlsmöglichkeit zu verfolgen und 
auszugestalten. Nur beileibe nicht aus dem gradlinigen Normalen 
heraus! Wir verfahren also zunächst jedenfalls ehrlicher als er, 
indem wir uns nicht hinter angeblichen ethischen Hemmungen 
verkriechen, sondern offen zu dem bekennen, was wir sind. 

„Verzeihung, das tun wir ja auch; wir sind eben Nicht- 
Masochisten und betonen dies nachdrücklich." 

114 



— Das heißt, ihr betont eine Unwahrheit, gelinde gesagt eine 
Unwahrhaftigkeit, denn euer ganzes Verhalten dem Weibe gegen- 
über ist auf Masochismus eingerichtet, auf eine verhaltene, unein- 
gestandene, mit tausend Kunstmitteln verfälschte Perversität. 
Erlauben Sie mir, daß ich zum Beweise etwas aushole, um Ihnen 
die Bezieming der Geschlechter im Gedankengang einer Person 
zu definieren, die Sie wohl auch als Autorität gelten lassen; 
weil sie die einzige war, welche die Philosophie der Liebe theo- 
retisch wie praktisch vollkommen beherrschte. Diese Person 
also, in deren Umarmungen Liebe und Erkenntnis zusammen- 
flössen, — erraten Sie, von wem ich spreche? 

„Es könnte Aspasia sein." 

— Getroffen. Wiederholen wir uns ihre Weisheit; die Männer, 
als die Inhaber aller Machtvollkommenheit, haben alles aufge- 
boten, um uns, die Frauen — sagt die Griechin — des bloßen 
Gedankens einer Empörung gegen ihre unrechtmäßige Herrschaft 
unfähig zu machen: sie fordern zum Preis aller Vergewaltigung, 
die wir von ihnen erleiden, unsere Liebe: wenden alle erdenk- 
lichen Verführungen an, uns zu überreden, daß sie ohne uns 
nicht glücklich sein können, und bestrafen uns gleichwohl dafür, 
wenn wir zie glücklich machen. Und wir, die Frauen, verdienen 
bestraft zu werden, wenn wir blöde genug sind, die Feinde unserer 
Ruhe, die Tyrannen unseres Lebens unsere Überlegenheit nicht 
spüren zu lassen. Warum bedienen wir uns nicht der Vorteile, 
die uns die Natur über sie gegeben hat ? Wir sollten das schwächere 
Geschlecht sein, sie das stärkere ? Die lächerlichen Geschöpfe ! 
Wie fein steht es ihnen an, mit ihrer Stärke gegen uns zu prahlen, 
da die schwächste aus dem Kreise der Weiber es in ihrer Ge- 
walt hat, jeden Helden, ja jeden Halbgott, mit einem lächelnden 
oder säuerlichen Blick zu ihren Füßen zu legen ? ! Auf die rhe- 
torischen Fragen der Aspasia gibt das Verhalten der Männer die 
Antwort; sie unterwerfen sich tatsächlich, sie erhöhen instinktiv 
die Weibertyrannis über ihre eigene Tyrannei. In aller Lyrik, 
in allem Troubadourwesen, in aller Galanterie steckt das Be- 
kenntnis und der Wunsch, Gewalt zu spüren vom andern Ge- 
schlecht. Das ist der erste Auftakt des Masochismus, der sich 
mit ideellen Fußtritten und transzendenten Geißelungen begnügt. 
Wenn wir in der Praxis weiter gehen, und die Wollust nicht 
gerade da kupieren, wo sie eben anfängt merkbar zu werden, so 
üben wir nur jene Konsequenz, die ihr ja sonst als männliche 
Tugend feiert. Ihr verfahrt mit eurem verdünnten Masochismus 
wie einer, der in die Küche hineinriecht und sich das Essen ver- 
sagt. Ihr laßt nicht gegenständlich werden, was seiner ganzen 

8» 115 



Natur nach wie alles Sexuelle auf die Realität hindrängt, und in 
dieser Resignation — so könnte man sagen — seid ihr die Per- 
versen, da ihr den natürlichen materiellen Verlauf nach der 
entgegengesetzten Richtung umbiegt, also ganz wörtlich ge- 
nommen, pervertiert. 

„Wir sind da sehr weit auseinander. Zugeben will ich Ihnen, 
daß ein Drang nach Selbstunterwerfung existiert, der dem na- 
türlichen Willen zur Macht in gewisser Weise widerspricht. 
Zugeben will ich ferner, daß die ganz unerläßliche Lebensfeinheit 
der Galanterie ihren Sinn verliert, wenn wir im Zuge zeitlicher 
Anforderung die politische und soziale Gewalt mit den Frauen 
teilen, das heißt, die Macht preisgeben. Aber die von uns ge- 
pflegte Galanterie, mag auch ein Rest von freiwilligem Sklaven- 
tum in ihr stecken, ist doch himmelweit verschieden von der 
potenzierten Sklaverei des richtigen Masochismus. Ganz banal 
ausgedrückt: wirkliche Fußtritte und Geißelschläge tun doch 
weh, wie können Sie so pervers sein, ein Vergnügen dabei zu 
empfinden?" 

— Die Tatsache spricht für sich, und sie steht nicht vereinzelt. 
Es läßt sich sozusagen geschichtlich erweisen, daß Orgiasmus 
und Schmerz Erscheinungsformen ein und desselben Vorgangs 
sind, und daß es in gewissem Grade nur von uns abhängt, sie so 
oder so zu empfinden. Die alten Hexen- und Folterberichte 
wimmeln von Bestätigungen. Ich besitze eine ganze Sammlung 
davon und habe mir erst heute eine bezeichnende Stelle dieser 
Art ausgeschrieben." — Er zog ein Blättchen hervor und las: 
„Ein beglaubigter Gewährsmann*) von 1730 beschreibt wie ein 
der Hexerei angeklagtes Mädchen mit einem 30 Pfund schweren 
Feuerblock in der Magengegend so bearbeitet wurde, daß der 
Block bis zum Rücken vorzudringen schien, und daß man hätte 
meinen sollen, sämtliche Eingeweide wären unter der Wucht der 
Schläge zerschmettert. Das Opfer aber rief nur dem Peiniger 
zu: Das tut gut! Mut, mein Bruder, schlage noch mehr, wenn 
du kannst!" 

„Das ist Hysterie." 

— Sie setzen nach alter Gewohnheit ein Wort für die Sache 
und sind dann fertig mit dem Problem. Wir fassen es tiefer. 
Wenn auch nur in einigen Fällen der Schmerz als Lust wahr- 
genommen wird — die Fälle sind zu Hunderten erwiesen — 



*) Carre" de Montgeron; zitiert in Placzeks Werk „Das Geschlechtsleben 
der Hysterischen". 

116 



dann' sind die Kategorien Schmerz und Lust überhaupt nicht 
in Trennung aufrecht zu erhalten. Mit der neuen Kategorie 
aber, mit dem Lustschmerz oder der Schmerzlust gewinnt der 
Mensch eine Unzahl von Emotionen, die im alten Register voll- 
ständig fehlen. Und wenn wir unsere sensiblen Nerven hierzu 
trainieren, so erreichen wir damit Variationen, in denen sich 
ein gesteigertes Lebensprinzip ausspricht. 



Wir traten auf die Straße, da Trelloar uns ein wichtiges Staats- 
gebäude zeigen wollte. Wir beide hatten uns Zigaretten angesteckt, 
und Donath hielt auch ihm sein Etui anbietend entgegen. Allein 
der Kradaker bevorzugte seine eigene Sorte und entzündete sich 
einen Stengel, dessen Aroma wir im geschlossenen Speiseraum 
schwerlich ausgehalten hätten. — Sehen Sie, sagte er, auch im 
Rauchen sind Sie beim ersten, leisen Perversitätsansatz stecken 
geblieben, da Sie an dem unvariablen Dogma festhalten: „Nur 
Tabak!" was ungefähr dem primitiven Standpunkt des Säuglings 
entspricht, dessen Dogma lautet: ,,nur Milch I" Ich habe hier in 
meiner Dose zwölf verschiedene Sorten, und unsere Industrie 
erzeugt hunderte, unter denen der Tabakstyp höchstens zu fünf 
Prozent vorkommt. Die Zigarette, an der ich mich eben delektiere, 
ist aus den Blättern des Bilsenkrauts gewickelt, in den andern 
befindet sich Löwenzahn, Euphorbium, Schierling, Fingerhut, 
Meerzwiebel, Taumellolch, und so weiter, lauter Giftpflanzen, 
deren Alkaloide es mit Ihrem Nikotin getrost aufnehmen können. 

„Pfui Teufel!" rief Donath; ,,wenn Ihre Giftnudeln so schmecken 
wie sie duften, dann möchte ich diese Perversion allerdings nicht 
mitmachen." 

„Ich zwar auch nicht," sagte ich, „aber trotzdem bist du hier 
offenbar gegen unseren Mentor im Unrecht. Wir dürfen — 
so viel habe ich von seiner Lehre schon begriffen — den Stand 
unserer Gaumen- und Nasennerven nicht als den alleingiltigen 
ansprechen, da wir sonst in denselben Urteilsfehler verfallen 
würden, wie der absolute Rauchfeind gegen den Raucher. Ich 
halte es für durchaus möglich, daß uns die Kradaker auf diesem 
Gebiet, wenn auch nicht überlegen, so doch in der Zeit mächtig 
voraus sind." 

— Ich freue mich, daß Siesich bemühen, das Prinzip als solches 
zu würdigen, bemerkte Trelloar. Und ich verkenne Ihre An- 

117 



strengung um so weniger, als wir ja selber mit allen Einzelheiten 
des Prinzips noch nicht im Reinen sind. Wir befinden uns in 
vieler Hinsicht noch im Versuchsstadium, da wir erst seit wenigen 
Generationen die Wohltat der Variation und die Unwürdigkeit 
der Monotonie erkannt haben. So sind wir zum Beispiel mit dem 
Trachtenwesen immer noch in gewisser Abhängigkeit von den 
alten Stilen . . . 

„Das sieht man auf den ersten Bück," äußerte Donath weg- 
werfend, indem er die Jahrmarktsmenge mußterte. „Es ist ein 
Durcheinander aller erdenklichen Bekleidungen, die auf unsereinen 
chaotisch, barbarisch und grotesk wirkt. Die Gruppe dort sieht 
aus wie aus einem Apachenball hierher verschlagen; Mädchen 
in Zwittertracht zwischen einer friesischen Magd und Indianerin, 
zwischen Bonne und Kokotte. Der junge Mann dabei trägt ein 
Schurzfell, ein Spitzenjabot und einen blanken Zylinder mit 
Gemsbart und Spielhahnfeder. Das alles ist Potpourri, 011a 
potrida, aber keine Nationaltracht." 

— Wir wünschen auch gar keine, denn damit würden wir uns 
schon wieder der Schablone überliefern. Vergegenwärtigen wir 
uns, daß in aller Mode, aller Trachtenbildung zwei Elemente 
stecken, ein revolutionäres, das uns aus der Kralle der vorigen Mode 
befreien will, und ein konservatives, das die neue Mode wie eine 
sakrosankte Herrscherin ausruft. Man befreit sich nur aus einer 
Kralle, um in eine neue zu fallen, man vertauscht Fesseln mit 
Ketten. Ein dunkler Trieb sagt uns: befreit euch endlich vom 
Diktat der Schneider und Konfektionäre, und jedesmal, wenn 
wir eben daran sind, den Zwang abzuschütteln, akzeptieren wir 
schon ein neues Ultimatum . . . 

„Nicht übel! Man kann allerdings den Modezwang als ein 
System von Sanktionen auffassen, worin unsere wehrlose Körper- 
fläche die Rolle des besetzten Gebietes spielt. Man kann machen 
was man will, es werden immer neue Fahnen und Fähnchen 
aufgepflanzt, wir bebürden uns mit den Besatzungskosten, 
werden nie Herren unserer selbst und tragen, was andere uns 
auferlegen." 

— Das ist die eine Seite. Andrerseits aber wickelt sich alle 
Modeflucht in einem traurigen Turnus ab, der heute modern 
macht, was schon anno Olim modern, inzwischen aber verpönt 
war. Warum verpönt? weil das Schreckenswort „geschmacklos" 
sich aufbäumte. Da drüben gehen einige Insulanerinnen mit 
Krinolinen . . . 

„Gräßlich." 

118 



— Jawohl, finde ich auch. Aber die nämlichen Tonnenröcke 
hatten in Europa vier Mal lange Blütenperioden und können noch 
heute, ballettartig stilisiert, entzückend wirken. 

„Ich wiederhole trotzdem: gräßlich, weil sie die schöne weib- 
liche Linie vollkommen unterdrücken und zu einer komischen 
Bauschkurve karikieren." 

— Es fragt sich nur, ob die weibliche Naturlinie wirklich schön 
ist. Ich brauche mich gar nicht anzustrengen, um die Linie 
einer Medusenglocke schöner zu finden. Wie ja auch andere 
Trachten, die Ihnen sympathisch sind, auf die weibliche Linie 
nicht die mindeste Rücksicht nehmen. Der weite Ärmel bauscht 
den Arm zum Flügel, die Schleppe nimmt ihr Modell vom Pfauen- 
schweif oder vom Fisch. Desinit in piscem mulier formosa superne. 
Aber die umfangreiche Afterflosse stört uns durchaus nicht, wir 
finden sie formos, obschon sie die Naturlinie der Extremitäten 
vergewaltigt. Die Hauptsache ist und bleibt, daß eure europäische 
Mode immer auf eine tyrannische Einheit hindrängt, während 
wir auf eine freiheitliche Vielheit hinsteuern. Was ihr nur verein- 
zelt, etwa auf einem Kostümfest erlebt, das erheben wir zur Regel. 
Wir versteifen uns nicht auf eine Nationaltracht, wir mischen 
die Stile, machen uns unabhängig von Jahr und Datum. 

„Und ich glaube, man muß sehr viel Kokain im Leibe haben, 
um das erträglich zu finden . . ." 

— Oder einen sehr trägen Puls, um sich nicht aus dem Trachten- 
zwang hinauszuwünschen. 

Wir waren bei einem weitgestreckten Gebäude angelangt, 
und Trelloar erklärte: Dies ist unser Institut für verdiente 
Gelehrte und überhaupt für Männer, denen wir eine Erweite- 
rung der Anschauungen zutrauen. Ihre Aufgabe ist es, die 
Schablone zu überwinden, neue Denkwege zu erschließen. 

„Perverse Denkwege natürlich." 

— Bleiben Sie meinetwegen bei dem Ausdruck; aber erkennen 
Sie es an, daß diese Leute hier auf Staatskosten verpflegt und 
unterhalten werden. Es ist, sozial betrachtet, wie ein Prytaneion 
und hat zugleich einen klösterlichen Anstrich wie der Port Royal, 
worin forschende Einsiedler vom Format eines Pascal gänzlich 
frei von materieller Sorge Ihren Studien leben. Gestehen Sie nur, 
daß Sie dergleichen in Deutschland nicht besitzen. 

„Unsere Geistesarbeiter erheben auch gar nicht solche An- 
sprüche; sie sind schon zufrieden, wenn der Staat sie im Genuß 
ihrer Schmachtriemen ruhig vegetieren läßt. — Aber ich hätte 

119 



Lust, und mein Gefährte gewiß ebenso, mich mit einigen ihrer 
Gelehrten zu unterhalten. 

Dies lag auch im Programm unseres Führers. Nach wenigen 
Minuten standen wir im Privatgemach eines philosophischen 
und theosophischen Forschers, der uns als der Magister Fordax 
vorgestellt wurde. 

, »Dürften wir uns erkundigen," fragte ich, „was Sie augen- 
blicklich bearbeiten?" 

— Einige okkulte und abwegige Fragen, deren Erhellung im 
Interesse der Menschheit liegt. Mit geradem Verstände sind 
sie nicht zu lösen, folglich müssen sie mit taumelnder Vernunft 
angefaßt werden, im Zickzack, exzentrisch. 

„Zum Beispiel?" 

— Jetzt eben behandle ich folgendes Problem: Ist Gott im- 
stande .... 

„Halt! der Anfang klingt blasphemisch. Selbstverständlich 
ist Gott zu allem imstande. Und es wäre Widersinn und Läste- 
rung, an seiner Allmacht zu zweifeln." 

— Dann ist er also auch imstande, etwas Geschehenes un- 
geschehen zu machen? 

„Ein zweiter Widersinn. Sie konstruieren absichtlich eine 
Unmöglichkeit, um sie gleichzeitig in eine Möglichkeit umzufäl- 
schen. Das geht nicht. Übrigens hat schon die alte Scholastik 
diese Frage aufgestellt, und wir wollen doch nicht in den Unsinn 
von vor siebenhundert Jahren zurückfallen. Die Scholastiker 
operierten mit einer entarteten Dialektik . . . ." 

— Mit dem Geiste des Aristoteles, den Sie sonst in allen Ton- 
arten preisen. Habt ihr Europäer nicht auch die Alchymie durch 
Jahrhunderte für Unsinn erklärt? Und was ist eure moderne 
Chemie anderes als Alchymie? Ihr verwandelt das Element 
Radium in das Element Blei, ihr seht die weitere Verwandlung 
in das Element Gold voraus, ihr seid wieder Alchymisten ge- 
worden und werdet wieder Scholastiker werden. Ich bin es schon 
heute und erkläre sonach: Gott ist imstande etwas Geschehenes 
ungeschehen zu machen. Vermag er dies aber, dann ist es nach 
dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit so gut wie sicher, daß er 
diese Allmacht schon in unzähligen Fällen ausgeübt hat, an un- 
zähligen Geschehnissen, die wir als historisch betrachten. Cäsar 
ist ermordet worden, und der erste Kreuzzug hat stattgefunden, 
so lernen wir aus den Büchern. Wenn Gottes Allmacht inzwischen 
anders beschlossen hat, so ist Cäsar nicht ermordet worden, 

120 



und der erste Kreuzzug hat nicht stattgefunden. Somit ist die 
ganze Wissenschaft der Weltgeschichte eine hohle Seifenblase, 
die in Nichts zerstiebt, wenn wir sie nur mit der Spitze meiner 
Frage berühren. 

„Perversität des Denkens! Wir können doch unser Wissen 
nachprüfen und jede Tatsache durch andere Tatsachen kon- 
trollieren." 

— Nein, das können Sie nicht. Sie kontrollieren immer nur 
Berichte an Berichten. Sie sind überzeugt, daß der Kongo in 
Afrika fließt. Weil es Ihnen in vielen Worten und Schriften 
versichert worden ist. Und weil Sie in diesem Moment Ihrem 
Gedächtnis vertrauen, das Ihnen versichert, Sie hätten das 
wirklich gehört und gelesen. Sie stehen auf dem Boden der 
Glaubwürdigkeit, das heißt, Sie glauben an den Kongo, wie 
an die Richtigkeit eines Dokumentes, das hundert Historiker für 
echt erklären, und das sich nachher dennoch — wie die berühmte 
Königinhofer Handschrift — als gefälscht erweist. Außerdem 
glauben Sie aber an die Allmacht Gottes, der, ohne Sie um Er- 
laubnis zu fragen, vor einer Stunde den Kongo und ganz 
Afrika aus der Liste aller heutigen und obendrein aller jemaligen 
Existenzen gestrichen haben kann. 

„Sie leugnen also jedes Wissen überhaupt?" 

— Bis auf eines : Ich etabliere die Wissenschaft des theurgischen 
Widerspruchs, die unendlich reicher ist, als die von Ihnen ge- 
pflegten monotonen und in sich zusammenfallenden Wissen- 
schaften. 

„Ein wahres Glück, daß Sie bei aller Exzentrizität wenigstens 
das höchste Wesen gelten lassen." 

— Tat ich das ? dann muß ich natürlich in der Linie des Wider- 
spruchs mystagogisch weiterfolgern: Ist Gott allmächtig, so 
konnte er, wenn er wollte, sich selbst abschaffen. Und da wir 
von seinem Willen nichts wissen, so ist eine Welt ohne Gott 
möglich. Nun sind im Universum alle Möglichkeiten verwirk- 
licht, somit führt die strengste Orthodoxie zum Atheismus . . . 

Ich kann mich für die Wörtlichkeit seiner Schlußäußerung 
nicht verbürgen, denn wir hatten uns schon vor seinen letzten 
Silben mit einem raschen Sprung durch die aufgeklinkte Tür 
seinen weiteren Denkwagnissen entzogen. Auf dem Korridor 
begegneten wir unseren Expeditionsgefährten, die von einem 
anderen Führer geleitet ebenfalls den Weg in dieses Prytaneion 
gefunden hatten. Mac Lintock sah sehr aufgeräumt aus, ich 

121 



vermutete, daß ihn der Kostümwirbel auf der Straße belustigt 
hätte. Erstlich das, gab er mir zu verstehen, dann aber habe ich 
für alle Fälle auf dem Markt bei einem Grossisten so und so viel 
Doppelzentner Kokablätter franko Schiff gekauft. Direkt ge- 
schenkt. Das ergab, zu Newyorker Kokainpreis umgesetzt 
einen Nutzen von schwindelerregenden Ziffern. Doktor Wehner 
war mit seiner Taxe betreffs des Geisteszustandes der Insulaner 
nahezu fertig: „eine verkehrte Welt; Paranoia!" — während 
Eva beschäftigt schien, der methodischen Linie dieses Wahnsinns 
nachzuspüren: Wir möchten nicht unterlassen, einen bestimmten 
Gelehrten des Institutes, den sie soeben interviewt habe, zu be- 
suchen. Ihr sei freilich mancherlei unklar geblieben, allein sie 
glaube doch, daß man die scheinbaren Fäulnisse dieser Denkart 
nicht mit dem billigen Urteil ,pervers* einfach abtun dürfe. 

Ich hatte mich inzwischen von dem Theosophen soweit er- 
holt, daß ich mich in der Verfassung fühlte, ein weiteres Kolleg 
über mich ergehen zu lassen. Ich folgte daher dem Wink der 
Amerikanerin, und wir begaben uns zu dreien in die Räume des 
Magisters Curaxo. 

Alles wies darauf hin, daß wir einem Vertreter der exakten 
Wissenschaft gegenüber standen. Man erblickte Laboratoriums- 
gegenstände, und im Hintergrund am Fenster schien ein junger 
Assistent mit Experimenten und teleskopischen Beobachtungen 
beschäftigt. 

Schon nach kurzer Einleitung waren wir beim Hauptthema, 
beim Wesen aller Dinge, bei der Zahl. Und ich erfuhr, daß die 
bekannte Methode, mit Zahlen zu operieren, in diesem akademi- 
schen Gehege keine Geltung hatte. 

— Die Physik, sagte Curaxo, beruht auf quantitativ messen- 
den Ergründungen, mithin auf dem Rechnen. Wer falsch rechnet, 
kann zu keiner richtigen Naturkunde gelangen. 

„Das ist unbestreitbar, Herr Magister. Unsere Arithmetik, 
wie wir sie in den europäischen Schulen betreiben ..." 

— ... ist in den alten Euklidischen Formeln stecken ge- 
blieben, also gelinde gesagt, antidiluvianisch. Schon die Starrheit 
eures Zahlengerüstes wirkt auf einen Vorgeschrittenen empörend. 

„Also Sie haben ein biegsames Zahlensystem?" 

— Ein vollkommen elastisches, in der jede Zahl mit jeder ver- 
tauscht werden kann, getreu unserem Grundsatz, daß der Sche- 
matismus überwunden werden muß, um der freien Variation 
Platz zu machen. Ich gehe davon aus, daß 2 mal 2 gleich 5 ist. 

122 



„Der Scherzbeweis ist mir bekannt; er beruht auf einem 
Trugschluß."*) 

— Ich werde Ihnen zeigen, daß es ein Ernst-Beweis ist, und 
daß Sie sich selbst betrügen, wenn Sie dem Schluß und seinen 
unabsehbaren Folgen ausweichen. 

„Sachte, Herr Magister! Jener Beweis fußt auf richtigen, 
identischen Gleichungen, worin der geschlossene Ausdruck 
auftritt : 3 + 4 — 7- Diesen Ausdruck heben Sie beiderseitig 
durch Division fort, und das dürfen Sie nicht; denn 3 + 4 — 7 
ist Null, und es ist in der Mathematik streng verboten, durch 
Null zu dividieren." 

— Der richtige Europäer ! Wir verhandeln Mathematik, und 
er kommt mit der Polizei, — man darf nicht! er verbietet eine 
Rechnungsart, so wie er die Päderastie verbietet, während er 
die ganze äquivalente Tribadie erlaubt! Aber man hat auch 
durch Jahrhunderte die Rechnung mit imaginären, mit irratio- 
nalen Größen, ja sogar mit Negativzahlen verboten und sich 
schließlich doch dazu aufgerafft. Ja, Sie hätten überhaupt keine 
Algebra ohne die so lange verpönten Imaginärgrößen. 

„Das ist nicht dasselbe, Herr Magister; denn mit Ihrer Null- 
Division gelangen Sie zu einem evident falschen Resultat." 

— Eine schöne Logik! Sie erklären das Resultat für falsch, 
weil es Ihnen nicht einleuchtet. Aber dem großen Newton hat 
sie eingeleuchtet, denn er glaubte an die Trinität, an die Drei- 
einigkeit, also an 3 gleich 1. Und aus 3 gleich 1 läßt sich durch 
die einfachsten, auch von Ihnen gebilligten Operationen direkt 
ableiten 4 = 5, obendrein 4 = 2, und wenn ich diese Zahlen 
wiederum geometrisch verwende, so gewinne ich etwas ganz 
Neues, nämlich den elastischen Pythagoreischen Lehrsatz. Nehmen 
Sie etwa das Dreieck mit den Seitenlängen von 3, 4 und 5 Zoll: 
ist das rechtwinklig? 



*) 7 = 3+4 I identische 

4.3 +4.4 —5.7 = 4.3 + 4.4 -5.7 / Gleichungen 

durch Addition ergibt sich wiederum identisch: 

4.3 + 4. 4 - 4.7 = 5.3 + 5. 4 - 5.7 

oder anders geschrieben: 

4 (3 + 4 - 7) = 5 (3 + 4 - 7) 

links und rechts befindet sich multiplikativ derselbe Klammerausdruck; di- 
vidiert man ihn beiderseitig fort, so erhält man 

4 = 5 
2 mal 2=5. 

123 



„Zweifellos: denn 3 im Quadrat plus 4 im Quadrat ist gleich 
5 im Quadrat." 

— Da ich nun, wie eben gezeigt, die 3 durch 1 und die 4 durch 
2 ersetzen kann, so bleibt auch das Dreieck 1 — 2 — 5 rechtwinklig: 
und hier ergibt die Quadratur offensichtlich: das Quadrat über 
der Hypotenuse ist 5 mal so groß, als die Summe der Katheten- 
quadrate. Ändert sich aber der Pythagoras nach meinem Be- 
lieben, so ändert sich das gesamte Weltbild, das heißt; ich bin 
in jedem Moment befähigt, alle Geometrie, alle Physik, alle 
Anschauung überhaupt in größter Freiheit umzuformen. Be- 
greifen Sie nun die geistige Engnis, zu der Sie sich selbst ver- 
urteilen, weil Sie an dem verrotteten Strafparagraphen mit dem 
Nullverbot festkleben? 

„Ihre Variationslust, Herr Magister, imponiert mir durch die 
rücksichtslose Konsequenz, mit der Sie sozusagen bolschewistisch 
an den Denksäulen rütteln. Ich bin nunmehr auf Ihre neue 
Physik gespannt." 

— Sie haben einen guten Moment abgepaßt, sagte er, während 
ein unheimliches Freudenfeuer in seinen Augen glomm: denn 
wir sind eben dabei, eine epochale Versuchsreihe abzuschließen. 
Und zu dem jungen Assistenten gewandt, der im Hintergrund 
hantierte, fragte er; Sind Sie fertig, Paraspo? 

„Sogleich!" rief dieser. „Ich bin eben dabei, die Ergebnisse 
tabellarisch zu ordnen. Es stimmt alles aufs Haar nach Ihren 
Voraussagungen, Magister !" 

— Es geht hier um keine Kleinigkeit, ergänzte der Forscher. 
Ich habe nämlich den Raum und die Zeit definitiv ergründet, 
weit über alle Relativitäts-Theorie hinaus. Ist es Ihnen bekannt, 
daß jedes Atom genau so gebaut ist wie das ganze Sonnensystem ? 

„Freilich, das ist ja nach den Untersuchungen der modernsten 
Forscher ganz exakt festgestellt." 

— In dieser Linie bin ich vorgeschritten und habe per analogiam 
ermittelt, daß unser Sonnensystem nichts anderes darstellt 
als das kleinste Atom; was sich auch in bester Übereinstimmung 
mit meiner Zahlentheorie befindet. Ursprünglich galt das Uni- 
versum als unendlich groß, nach der Relativitätstheorie wurde 
es endlich begrenzt, und nun vollziehe ich den letzten Schritt 
mit der Ansage: das Universum ist unendlich klein, ist Null; 
das will sagen: der Raum existiert überhaupt nicht. 
Das ist aber erst der Anfang. Ich habe durch einen von mir kon- 
struierten Fernseher festgestellt; alle Sterne spiegeln. Blicke 

124 



ich nach dem Polarstern, so sehe ich auf ihm ein Spiegelbild der 
Erde. 

„Das wäre theoretisch denkbar." 

— Und ist praktisch beweisbar. Da nun der Polarstern, wie die 
Astronomen sagen, 40 Lichtjahre von uns entfernt ist, und da 
der Lichtstrahl für Hin und Her die nämliche Zeit braucht, so 
sehe ich heute in diesem Spiegel die reflektierte Erde, nicht wie 
sie jetzt ist, sondern wie sie vor achtzig Jahren war: ich werde 
Zuschauer und Teilnehmer der geschichtlichen Vorgänge von 
1841. In derselben Minute kann ich aber auch von entfernteren 
Sternen das irdische Spiegelbild auffangen, das mir die Völker- 
wanderung zeigt, die Gründung Roms, den Trojanischen Krieg, 
den Bau der Cheopspyramide, die Steinzeit, die Entwicklung 
des Erdplaneten aus seiner feuerflüssigen Urgestalt. Mithin 
schrumpfen in diesem Erlebnis alle Epochen zusammen, die 
Zeit verschwindet, und es gibt hierfür nur die eine erkenntriis- 
theo retische Erklärung: die Zeit existiert überhaupt nicht. Nun 
beruht aber alle Physik auf der mechanischen Ergründung der 
Bewegungen, die sich in Raum und Zeit vollziehen, und wenn 
diese Elemente fortfallen, so ergibt sich unweigerlich; es gibt 
keine Bewegung, keine Mechanik, keine Physik! 

„Das wäre der vollendete Nihilismus. Sie wollten mir doch 
aber gerade das entgegengesetzte Prinzip beweisen, nämlich 
die Variationsfreiheit, die Vielfältigkeit Ihres Denkens gegenüber 
unserem, in der Schablone erstarrten?" 

— Das habe ich auch restlos getan. Wenn in der Welt, wie 
ich bewies, keine Physik regiert, so ist sie kein Kosmos, sondern 
ein Chaos, anarchistisch, gesetzlos. Und was Ihnen an uns Kra- 
dakern als pervers erscheint, ist nur der Ausdruck dafür, daß 
wir diese Gesetzlosigkeit der anarchischen Natur auf uns Menschen 
ausgiebig übertragen. 

In diesem Augenblick kam der Assistent her angesprungen, 
um seine Ausarbeitung dem Magister zu überreichen. Curaxo über- 
flog das Manuskript, lächelte befriedigt und erklärte; „Ganz 
vorzüglich, das verdient eine Belohnung!" Und zur Bekräftigung 
seiner Freude zog er aus dem W r ams eine Karbatsche, mit der er 
dem Gehilfen einige krachende Hiebe verabfolgte. Der jauchzte 
auf und verzog sich mit seinen Verzückungen wieder in den 
Hintergrund. 

Nur eine Sekunde lang war ich perplex, dann begann ich zu 
kombinieren; sollte hier die Synthese zweier Fehltriebe vor- 

125 



liegen? der Lehrer Sadist — der Schüler Masochist? — Trelloar 
fing meinen fragenden Blick auf und nickte bestätigend. Der 
Magister wollte uns zum Abschied die Hand reichen, allein Donath 
und ich verzichteten nach dem erlebten perversen Idyll auf die 
Berührung. 



Wir verließen das Staatsinstitut und verfügten uns in den 
Gasthof zurück, wo wir die Genossen antrafen, die sich inzwischen 
auf eigenen Beobachtungswegen getummelt hatten. Herr Trelloar 
äußerte den Wunsch, bei uns zu verbleiben, und wir hatten nichts 
dagegen, knüpften indes eine Bedingung daran; er sollte uns 
im Hotel einen hübschen Extrasalon verschaffen und darin 
einen richtigen Tee servieren lassen: einen Tee ohne Wenn und 
Aber, ohne Narcotica, Aphrodisiaca und sonstige Ungehörig- 
keiten. Dies wurde ebenso prompt zugesagt wie erfüllt, und 
nach einer Viertelstunde erhob sich bei regulär duftenden Tassen 
ein angeregter Disput. 

Trelloar: Vor allem, sehen Sie jetzt schon etwas klarer 
in das Getriebe unseres Organismus? 

Donath: Ich denke ja, und ich denke auch, es war die 
höchste Zeit, das wir ihn kennen lernten; denn wenn Sie bei 
Ihrem ruinösen Prinzip bleiben, wird diese ganze kleine Inselwelt 
durch nervöse Überreizung aussterben. 

Trelloar: Sie sind im Irrtum. Wir besitzen schon heute 
eine günstigere Mortalitätsziffer als die meisten Länder Europas, 
und sie wird sich noch weiter verbessern. Ihre Verurteilung 
beweist nur, daß Sie das Prinzip unseres Gemeinwesens noch gar 
nicht begriffen haben: Was Ihnen als die Insel der Perversionen 
erscheint, ist in Wahrheit 

Die Insel der Hinaufpflanzung! 

Dr. Wehner: Machen Sie sich nicht lächerlich! Das wird 
ein schöner Menschentyp werden, der sich aus einem Prinzip 
der gepflegten Abnormität entwickelt! 

Eva: Wir müssen versuchen, die Sache zu klären. Vielleicht 
gelingt es, zwischen unseren widerstreitenden Anschauungen 
eine neutrale Linie aufzufinden. Daß ich Ihre ethischen Hem- 
mungslosigkeiten auf's äußerste mißbillige, versteht sich ja von 
selbst, und ich bitte mir aus, daß diese Verirrungen aus der De- 

126 



batte ausscheiden. Allein ich halte es trotzdem nicht für un- 
möglich, daß in Ihrem Prinzip irgendwo ein berechtigter Kern 
steckt. Die Abnormität an sich befremdet mich zwar, aber sie 
erschreckt mich nicht mehr als sonst ein Kuriosum, und ich 
meine sogar, wenn es überhaupt eine Hinaufpflanzung gibt — 
was freilich zu bezweifeln — so kann sie nur mit Hilfe der Ab- 
normität zustande kommen. 

Mac Lintock: Aber Eva! was für eine Sprache! Du hast 
empört zu sein, wie wir alle! 

Ich: Gestatten Sie mir, Ihre Nichte in Schutz zu nehmen. 
Mit der blanken Empörung kommen wir nicht durch. Und 
ihre Bemerkung, daß die Hinaufpflanzung irgendwie mit der 
Abnormität zusammenhängt, ist doch wohl nicht ganz absurd. 
Wir müssen jedenfalls hören, was sich ein Kenner der hiesigen 
Verhältnisse denkt, wenn er für seine Insel einen solchen Ehren- 
titel in Anspruch nimmt. 

Trelloar: Ja, das will ich Ihnen jetzt erklären, in einzelnen 
Etappen. Zunächst werden Sie mir zugeben, daß jede Empor- 
züchtung eine Auslese voraussetzt, und zwar die Auslese gewisser 
Individuen, die vom Normaltypus abweichen. Erst durch dieses 
„Nicht ganz normal" erhält jede Züchtung überhaupt einen 
Sinn Und alles Organische stünde heut noch auf der Stufe des 
ersten Protoplasmaklümpchens, wenn sich nie etwas anderes 
durchgesetzt hätte, als das Normale. Es wird gezüchtet, na- 
türlich und künstlich, um die Abnormität zu vervielfältigen 
und zugleich, um immer neue unvorhergesehene Abnormitäten 
hervorzubringen. Hierauf beruht alle Entwickelung, aller Fort- 
schritt. Und wer das nicht einsieht, der beweist nur, daß er nicht 
mit den Augen der Zukunft zu sehen vermag. 

Dr. Wehner: Das ist nur bedingungsweise richtig. Die 
Abnormität bedroht uns mit zwei immensen Gefahren. Erstlich 
kann sie einen Rückfall in Vergangenes darstellen, zweitens 
eine krankhafte Art, die den ganzen Gattungstypus gefährdet. 

Trelloar: Beide Gefahren werden durch eure europäischen 
Methoden und Wünsche heraufbeschworen, da ihr gleichzeitig 
das Optimum der Masse und das Ideal des „Übermenschen" 
ersehnt. Das eine ist ein Hinunterdrücken in etwas Vorzeitliches, 
Untermenschliches, Insektenhaftes, das andere ein Hinaufwollen 
in ein Vakuum, worin jede körperliche Existenz unmöglich wird. 
Zum Glück ist euer Übermensch eine Utopie. Ihr habt ein ganz 
gutes Wort: Nullum ingenium sine dementia. Nun hat es sich 

127 



eklatant gezeigt, daß in der Fortpflanzung der Genialen das 
Ingenium verschwindet, und wesentlich nur der Schwachsinn 
übrig bleibt; falls nicht die blanke Unfruchtbarkeit jede Zu- 
kunftslinie abschneidet. Der Übermensch, wie ihr ihn denkt, 
wird nicht existieren, weil sein vorgestellter Urahn entweder 
gar nicht zeugungsfähig war oder nur seine Minderwertigkeiten 
vererbte. Euch schweben Grundtypen vor: Alexander der 
Große, Cesare Borgia, Napoleon, Goethe, Bismarck — verlängert 
die Liste wie ihr wollt, ihr findet in der Deszendenz entweder 
Nichts, oder weniger als Nichts, nämlich die platte Gewöhnlich- 
keit. Nein, so geht es nicht; auf diesem Wege wird keine Hinauf- 
pflanzung. 

Der Arzt: Also wie sonst? Etwa durch Ihre gewaltsamen 
Exzentrizitäten ? 

Trelloar: Ja, das klingt sehr sonderbar; wird aber trotzdem 
als unabweislich herauskommen. Sind Sie aufgelegt zu einer 
philosophischen Betrachtung der letzten Dinge? 

Eva: Oh, freilich! Aber ich ahne schon: Sie wollen die 
Grundnatur des Menschen verändern. 

Trelloar: Ihre Ahnung kommt mir entgegen. Ja, darum 
handelt es sich. Der Mensch ist nämlich zweiseitig gestaltet, 
wie fast alle Tiere, bilateral, und auf diese anscheinend unüber- 
windliche Organisation ist es zurückzuführen, daß er aus seiner 
Erbärmlichkeit nicht herauskann, wenigstens bis jetzt noch nicht 
herauskonnte. 

Ich: Die Zweiseitigkeit steht fest — die hat ja übrigens 
unser Forscher Haeckel schön und ausführlich behandelt — 
die Erbärmlichkeit will ich Ihnen auch konzedieren, aber über 
den Zusammenhang dieser beiden Dinge müssen wir uns noch 
auseinandersetzen. 

Trelloar: Sie sind tatsächlich untrennbar. Unsere Zwei- 
seitigkeit nach Rechts — Links, Vorn — Hinten, Oben — Unten, 
die ursprünglich eine rein körperliche Angelegenheit ist, hat auch 
unserem gesamten Denken und Fühlen jenes unheilvolle Zweierlei 
aufgedrängt, worin alles Elend der Menschheit wurzelt. Wir 
kennen immer nur das Entweder — Oder, das So oder So, das 
polar Entgegengesetzte. Durch unsere Seele läuft eine feste, 
unveränderliche Achse, nach dieser orientiert sie sich mit ihrem 
Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahr und Falsch, Gott und 
Teufel, Liebe und Haß, Ehre und Schande, Recht und Unrecht, 
Tugend und Laster, kurzum mit der Zweiseitigkeit, die all und 

128 



jedes wie mit scharfem Messer entzweispaltet. In dieser Polarität 
vegetieren wir, denkerisch, sittlich, politisch — leben wir, wie in 
zwei reibende Mühlsteine eingeklemmt. Erbarmungslos zer- 
quetschen uns von rechts und links die Begriffe, Freund und 
Feind, Partei und Gegenpartei, vor allem das gräßliche Begriffs- 
paar Ich und Nicht-Ich, worauf der schaurige Kampf ums Dasein, 
der Kampf aller gegen Alle sich gründet. Milliarden von Mög- 
lichkeiten, in denen vielleicht Tausende von Wonnen, von wahren 
Übermenschlichkeiten verschlossen liegen, dringen uns niemals 
ins Bewußtsein: das könnten sie aber, wenn wir vielachsig und 
vielseitig konstruiert wären. 

Eva: Wenn! Wo in der Welt zeigt sich auch nur ein Ansatz 
zu diesem Wenn? 

Trelloar: In der sogenannten niederen Tierwelt, die uns 
in diesem Betracht weit voraus ist. Bei einem kugelförmigen 
Infusor ist nicht mehr zwischen Rechts und Links zu unter- 
scheiden, und in dessen Bewußtsein wäre deshalb kein Platz für 
die fatalen Entwederoder, die unser ganzes Dasein verschlammen 
und verseuchen. 

Dr. Wehner: Allgütiger! So weit hinunter wollen Sie also 
mit uns, bis zu den mikroskopischen Aufgußtierchen, die Sie 
doch selbst als die niedrigsten Lebewesen bezeichnen! 

Trelloar: Finde ich denn einen anderen Ausdruck in unserer 
Sprache und Anschauung? „Höher und Nieder" — da haben 
Sie wieder so eine blöde Polarität, die unser gesamtes Denken 
anthropomorph versimpelt. Was verschlägt es uns, daß solch 
Infusor, eine Monere, die sich vor unseren Augen unabsehbar 
teilt und vervielfältigt, das lebendige Sinnbild der Unsterblichkeit 
bietet ? Wir, die Sterblichen, die mit Verwesungsfluch belasteten, 
retten unsere Ansprüche in den Anthropomorphismus und klassi- 
fizieren nach dem einfältigen Schema Oben — Unten, das nicht 
der Ausdruck der Wahrheit, sondern nur des menschlichen 
Dünkels ist. 

Eva: Aber diese Zweiseitigkeiten sind doch nicht nur natur 
gewollte Erscheinungen, sondern es läßt sich doch nach den 
Meistern der Entwicklungstheorie direkt beweisen, daß sie so 
entstehen mußten! Die zweiseitige Grundform, mit Gleichge- 
wicht der rechten und linken Körperhälfte, erklärt sich doch 
auf die einfachste Weise durch die Selektion: denn sie ist unter 
allen denkbaren Grundformen die tauglichste für regelmäßige 
Fortbewegung in einer beständigen Haltung und Richtung des 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 9 129 



Körpers. Daher sind ja auch alle unseren künstlichen Bewegungs- 
mittel, Schiffe, Wagen, Flugzeuge, nach derselben Grundform 
gebaut, damit die Last möglichst gleichmäßig auf die beiden 
symmetrischen Hälften verteilt ist. 

Trelloar: Ausgezeichnet, mein Fräulein! Man hört aus 
Ihnen förmlich die Meister sprechen, die sich auf menschliche 
Instrumente berufen, um menschliche Dürftigkeiten zu be- 
schönigen. Sie vergessen dabei bloß die kosmischen Bewegungs- 
maschinen, die Planeten, Sonnen, kugelförmigen Sternhaufen,, 
die doch im Universum etwas mehr bedeuten als unsere Karren 
und Droschken. Alle diese überlegenen Fahrzeuge kennen kein 
Rechts und Links, keine Zweiseitigkeit, und deshalb kommen 
ihnen diejenigen Organismen am nächsten, die sich wie sie der 
Kugelform nähern. Das Ideal wäre sonach, den Menschen in 
derselben Richtung zu entwickeln, um ihn von seiner Bilateralität 
zu befreien. Dieses Ideal ist durch körperliche Züchtung nicht 
zu erfüllen, aber vielleicht bis zu merklichem Grade durch geistige; 
durch Überwindung der feststehenden Achsen im Intellekt, durch 
Häufung der Variationen im Denken und Fühlen, kurzum durch 
das, was wir auf Kradak betreiben, um möglichste Abweichungen 
und Vielfältigkeiten zu erzielen, auf die Gefahr hin, daß unsere 
Gepflogenheiten Ihnen als Perversitäten erscheinen. 

Ich: Von dieser Taxe loszukommen ist auch äußerst schwierig 
und bedenklich. Aber ich will mir einmal Gewalt antun und mich 
wie eine Ordensnovize auf den Standpunkt stellen „credo quia 
absurdum". Also ich glaube — interimistisch und auf Widerruf — 
daß zwischen Wahr und Falsch tausende von Zwischengliedern 
liegen, die wir mit unserer ererbten Zweiseitigkeit nicht be- 
merken, und die Sie und Ihre gelehrten Genossen vom Institut 
durch abnormes Denken bemerkbar machen. Aber wie kommen 
Sie nun weiter? Sie sprechen doch von Hinauf pflanzung? 

Trelloar: Tatsächlich versuchen wir, die erworbenen Eigen- 
schaften in Steigerung zu vererben. Auf unserer Nebeninsel 
Gulliu wird gezüchtet. Dorthin kommen unsere abnormsten 
Exemplare, Männer und Weiber, um sich zu paaren. Nach unserer 
Verfassung hat das oberste Staatsamt, das Auslese-Ministerium, 
gar keine andere Aufgabe, als die hervorstechendsten Typen 
zu ermitteln und sie auf Gulliu zum Zweck der Fortpflanzung 
anzusiedeln. Ergeben sich Sprößlinge, so werden diese abermals 
nach dem Prinzip der Exzentrizität durchgesiebt, und die vor- 
züglichsten gelangen zu weiterer Pflanzung nach einer dritten 
Insel unserer Sondergruppe. Durch diese Methode begünstigen 

130 



wir eine progressive Steigerung der Anomalien, und in einer 
Reihe von Generationen werden wir, das steht zu hoffen, einen 
neuen Menschenschlag erzielen: die Zukunftsmenschen mit 
beweglichem Koordinatensystem im Denken und Fühlen, Uni- 
versalmenschen, losgelöst von der starren Axialität, die uns so 
unleidlich versklavt. 

Ich: Solche Menschen würden außerhalb der Kausalität 
stehen, und bei weiterem Verfolg Ihrer Ausführungen müßte 
man dahin gelangen, die Natur selbst als- unkausal aufzufassen. 

Trelloar: Das ist sie auch. Nur wir, auf unserer heutigen 
Denkstufe tragen die Ursächlichkeit, die Gesetzmäßigkeit in 
sie hinein. Die Natur selbst weiß gar nichts davon. Sie ergeht 
sich in Myriaden von Gesetzlosigkeiten, die dem Verstände ent- 
schlüpfen, und macht uns nur ganz vereinzelte Zusammenhänge 
wahrnehmbar, die wir dann zu einem Naturgesetz umstempeln. 
Dem chaotisch denkenden Zukunftsmenschen, den wir Kradaker 
aufzüchten wollen, wird die Anarchie der Natur direkt einleuchten 
und das wird ein Fortschritt sein. 

Eva: Wenn dies eine Möglichkeit ist, so müßte sie sich doch 
nach Darwin durch natürliche Auslese von selbst verwirklichen ? 

Trelloar: Absolut nicht. Darwins Prinzip ist das unbe- 
holfenste und unfähigste von der Welt und bewirkt an sich nur die 
Verschlechterung der Arten und Rassen. Nirgends in freier 
Natur findet eine Auslese der Besten statt, vielmehr werden die 
Besten durchweg von den Mittelmäßigen und den Minderwertigen 
überwuchert. Nur wenn der Mensch praktisch nachhilft, kann das 
Darwinsche Prinzip etwas leisten. Aber wie wird in Ihren Kul- 
turländern nachgeholfen? Direkt kontraselektorisch, da Ihre 
Moral und christliche Humanität gerade den Schwächlichen 
und Unfähigsten das Leben verlängert und die Fortzeugung 
ermöglicht. Was hilft es, daß eure Naturforscher das Kunststück 
zuwege bekommen, einem blinden Olm künstliche Augen an- 
zuzüchten? Das sind zwecklose Tricks. Experimentiert doch 
lieber am Menschen und versucht seinen Sinneshorizont zu er- 
weitern ! Die Grottenlurche sind sehend geworden, aber eure Hirne 
und Nerven bleiben blind. 

Eva: Ich muß hier widersprechen: Die Experimente am 
Menschen werden auch bei uns betrieben, und der Begriff des 
Züchtungsstaates ist uns nicht fremd. In einer deutschen Ge- 
lehrtenstadt, in Jena, ist eine Menschenzucht-Anstalt unter dem 
Namen „Mittgart" begründet worden, in der iooo gutgewachsene 

9* 131 



Frauen und ioo kräftige Männer zur Züchtung künftiger Edel- 
menschen angesiedelt und gepaart werden. Also im Prinzip 
beinahe wie bei Ihnen, ein Menschengestüt. Nur mit dem Unter- 
schied, daß unsere Methode — wir nennen sie Eugenik — die 
Kraft und die Schönheit betont, während in Ihrer Hinaufpflan- 
zung von diesen Qualitäten gar nicht die Rede ist. 

Trelloar: Weil wir längst erkannt haben, daß die Muskel- 
kraft eine rein animalische Angelegenheit und die Schönheit 
ein ganz einfältiger Selbstbetrug ist. Nehmen wir den Einzelfall: 
für Ihren Menschengarten Mittgart werden ganz bestimmte 
Frauen und Männer mit geraden Beinen ausgesucht . . . 

Eva: Zweifellos; wir wollen doch nicht O- oder X-Beine 
züchten. 

Trelloar: Wir denken weiter. Für uns ist das gerade Bein 
nur eine Interimserscheinung, und auch das kaum. Das Grund- 
gesetz der Ästhetik müßte lauten: Zwischen zwei Punkten 
ist die gerade Linie die langweiligste. Die Natur kennt sie über- 
haupt nicht, da sogar, wie Sie wohl wissen, der Lichtstrahl ge- 
krümmt ist. Und in der Körperwelt der Organismen kommt 
sie gar nicht vor. Legen Sie nur einmal das Lineal an das beste 
Skelett. Sie werden weder im Oberschenkelknochen noch in 
dessen Fortsetzung zum Schienbein die gerade Linie antreffen. 
Es ist mir bekannt, daß ein holländischer Professor darüber 
eine Statistik aufgenommen hat. Er fand unter 200 Frauen 
und Mädchen der Großstadt nur 40 mit geraden Beinachsen, 
auf 75 mit X-Beinen und 85 mit O-Beinen; weil er nämlich 
unter „gerade" galanterweise nichts anderes verstand, als „schwach 
gekrümmt". Eine strenge Statistik findet nicht 80, sondern 
100 Prozent geschweifte Extremitäten. 

Auch der Apollo von Belvedere und die mediceische Venus 
sind krummbeinig. Seit ein paar Jahrtausenden schwebt den 
Menschen die niemals verwirklichte Gradbeinigkeit als ein Schön- 
heitsideal vor: der Edelmensch der Zukunft wird vielleicht 
elliptische oder zykloidische Beine besitzen, und unser Ideal 
wird ihm ein Abscheu sein, wie uns ein ungeschweifter Mund 
oder ein ungebogener Busen. In noch fernerer Zeit wird unser 
gesamter Schönheitstyp revidiert und als veraltet erkannt werden. 
Warum unabänderlich zwei Ohren, zwei Augen, ein Mund? 
Warum immer nur die geringe Verschiebung der nämlichen 
Elemente mit den nämlichen zwei Nasenlöchern? Ein Mädchen 
ist hübscher als das andere, es repetiert aber immer dasselbe. 
Eure Franzosen haben eine leise Vorahnung; plus ca change, 

132 



plus <pa reste la meme chose. Sie sagen auch ; c'est sa laideur qui 
fait sa beaute. Man wird einmal anfangen, die Häßlichkeiten 
selektiv zu permutieren, um aus der Langeweile der ewigen Wieder- 
kehr des Gleichen herauszukommen. Vorläufig begnügen wir uns 
mit dem uns Erreichbaren. Wir schalten die Rücksicht auf 
die körperliche Schönheit aus, da sie als Gegenstand heutiger 
Erkenntnis gar nicht existiert. Desto intensiver betreiben wir 
die geistige Auswahl und Züchtung, nach dem Prinzip der 
Anomalie, die dem auf die Galeerenbank des normalen Denkens 
angeschmiedeten Menschen die Befreiung bringen wird. 

Eva; Ihre Auslese der Begabten hat mit dem, was wir 
darunter verstehen, recht geringen Zusammenhang. 

Trelloar; Sie ist diametral entgegengesetzt. Die Begabten, 
die Sie auf der Schule durch Prüfung ermitteln und im Fort- 
kommen begünstigen, das sind die Höchstnormalen, die auf der 
Zwangsbank der Galeere exakter und ausdauernder rudern, 
als die anderen. Und Sie übersehen dabei völlig, daß von den 
wenigen, denen Sie wirkliche Fortschritte verdanken, kaum 
einer die Begabtenprüfung bestanden hätte. Fünfundneunzig 
Prozent Ihrer Größen waren schlechte Schüler und haben die 
Schule als ihren Feind bezeichnet. Wie ganz natürlich, da die 
Schule jede Perversität unterdrückt, während jeder Große pervers 
auftritt. Waren die Taten des Kopernikus, des Gauß, des Riemann 
nicht pervers? Galten nicht Newtons Fernkräfte sogar noch in 
den Augen von Huyghens und Leibniz als Perversitäten? 

Ich; Und Sie übersehen wiederum, daß wir in allen Irrungen 
uns schließlich doch zurechtfinden und dem Genie auch in seine 
Abwegigkeiten folgen. Nur hüten wir uns vor dem Trugschluß, 
der durch alle Ihre Ausführungen hindurchbricht: das Genie 
ist absonderlich, mithin ist das Absonderliche genial. Nein, 
das Absonderliche bleibt verdächtig und hat sich erst durch 
tausend Proben zu rechtfertigen, bevor es in die Klasse der 
Gültigkeit eintreten darf. Mit diesem Mißtrauen bewehrt halten 
wir Umschau unter den Exzentrizitäten, die uns oft genug Ver- 
gnügen gewähren. Denn der Trieb zum Abnormen ist auch 
bei uns vorhanden, zwar nicht wie bei Ihnen als die herrschende 
Macht, aber als ein Faktor des Reizes und der Farbigkeit im 
Leben. 

Trelloar: Ich drücke dies etwas anders aus: Ihr Trieb 
zum Abnormen ist die Karrikatur des unsrigen, er äußert sich 
fast durchweg in geistlosem Getue und in Snobismus. Er bleibt 
verkleidetes Philistertum, schwingt sich nie zum Schauspiel auf, 

133 



verkümmert beständig im Variete und in der Clownerie. Weil 
ihm die Einsicht und der Mut fehlt, sich im Entscheidenden 
zur Anerkennung des Abnormen zu verstehen, gibt er sich in 
kleinlichen Lächerlichkeiten aus. Euer ganzes Leben ist davon 
durchsetzt. Auf allen Gebieten stellt Ihr Rekords auf, vom 
Luftschiffer und Radfahrer bis herab zum Wettraucher und Wett- 
klavierspieler : die schnellste Leistung, die größte Ausdauer, 
die kürzeste Zeit; die Abnormität wird bestaunt. Aber es ist 
gar keine Abnormität, sondern nur die stumpfsinnige Verlänge- 
rung einer alten Linie. Oder das Abnorme wird aus dem Wider- 
spruch konstruiert: im Januar werden Kirschen gegessen. 
Schmecken sie besser, auch nur anders als im Juli? Nein; aber 
die Absonderlichkeit kitzelt den Snob, der weiter nichts erlebt, 
als eine kalendarische Verschiebung. Er könnte mit dem gleichen 
Genuß seine Julikupons zum Januar abschneiden. Ein neues 
Buch wird herausgebracht, sehr unterhaltsam, weil abnorm 
in der Ausstattung. Sein Einband ist mit Metallspangen ver- 
riegelt, man kann es nur mit größter Anstrengung öffnen, und 
wenn es gelingt, so erblickt man den Druck in abnormen Buch- 
staben, die kein Mensch lesen kann, am allerwenigsten der Snob, 
der das Buch gekauft hat. Es wird ermittelt: welcher Ort am 
Menschenkörper ist der ungeeignetste zum Anheften einer Uhr: 
man stellt fest: die Kniegegend; sogleich meldet sich die Ab- 
normität mit der Schrulle: die Uhr wird am Strumpfband ge- 
tragen. Die nämliche Dame begehrt einen Fächer; dessen Zweck 
ist: Windzufuhr. Aber er soll ja abnorm sein; folglich ist er so 
porös und luftdurchlässig, daß er bei keiner Bewegung Wind 
erzeugt. Sobald seine Unbrauchbarkeit erwiesen, ist die Dame 
befriedigt, denn sie hat sich aus der Gewöhnlichkeit herausge- 
hoben. Man will sich amüsieren und erinnert sich der Tatsache, 
daß es nichts Unangenehmeres gibt als Magenbeschwerden, 
Übelkeit, Gehirntaumel und Seekrankheit. Lösung des Problems : 
ein Vergnügungspark, der mit seinen Rutschbahnen und Rotier- 
scheiben den einzigen Zweck verfolgt, jene Greuel für schweres 
Geld zu verkaufen. Also zugestanden, der Trieb zur Perversität 
ist auch bei Euch vorhanden, andeutungsweise und in engem 
Horizont. Noch keine Spur im Bewußtsein, daß die Perversion, 
zum System erhoben, auf einen neuen Menschenweg hinweist. 
Wollt ihr euch darüber beklagen, daß euch auf diesem Eiland 
eine Ahnung zugeflogen ist? 

Eva: Wir werden darüber nicht weiter debattieren, denn 
es gibt Dinge, die mit Gründen und Gegengründen eben nur bis 
zur Grenze der Ahnung verfolgbar sind. Nur noch eine letzte 

134 



sachliche Frage: Wenn Sie zum Zweck der Hinauf Züchtung 
Ihre extremsten Individuen zusammenpaaren, lassen Sie denn 
da die Neigung irgendwie mitsprechen? 

Trelloar: Die Neigung? erotisch genommen? in unserem 
Statut steht nichts davon. Sie würde, wenn sie zufällig aufträte, 
kein Hindernis bilden. Sie ist aber in unserem Prinzip ganz 
entbehrlich, wie übrigens auch in ihren Kulturländern, sofern 
wir die Aussage Ihrer größten Persönlichkeiten gelten lassen. 
Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen einige Worte vorzutragen, 
die sich mir eingeprägt haben: „Ich halte die Liebe für einen 
Schädling der Gesellschaft und des persönüchen Glückes der 
Menschheit ; es würde eine einer gütigen Göttin würdige Wohltat 
sein, die Welt von diesem Übel zu befreien. . . . 

Ich: Das könnte ein Enzyklopädist gesagt haben. 

Trelloar: Höher hinauf! Es ist von dem anerkanntesten 
Übermenschen, von Napoleon. Und ich bin unbeschadet meiner 
sonstigen Eigenheiten höflich genug, um in Gegenwart europäischer 
Gäste das Urteil einer solchen europäischen Autorität nicht in 
Zweifel zu ziehen. 

Damit entfernte sich unser Mentor, während wir nachdenklich 
zurückblieben. In uns wogten die Leitmotive: Jenseits von 
Wahr und Falsch — jenseits von Weisheit und Absurdität — 
Jenseits von Norm und Entartung, bis sich diese Polaritäten 
in den übereinstimmenden Wunsch auflösten: in einer Stunde 
wird die Expedition fortgesetzt, jenseits der perversen Inseln I 



135 



Sarragalla 



Die mechanisierte Insel. 

Wir waren noch eine tüchtige Strecke von der Insel entfernt, 
die eben in blaugrauen Umrissen am Horizont auftauchte, als 
der Funkapparat uns eine Nachricht zurief: ,, Fahrt verlang- 
samen !" Bald darauf erschien in der Luft ein bewegter körper- 
licher Punkt, der sich in rascher Annäherung zu einer mensch- 
lichen Figur entwickelte. Um es kurz zu machen: wir erhielten 
Besuch aus den Lüften. Der Apparat des Fliegers zeigte ein 
uns unbekanntes Modell von verblüffend kleinen Dimensionen; 
es umspannte ihn so eng, daß Flieger und Maschine wie eine Ein- 
heit erschienen. Es war also ersichtlich, daß ihm zum Antrieb 
und Flug ganz außergewöhnliche Kräfte zur Verfügung stehen 
mußten. Der Mann schien wirklich fliegen zu können, während 
unsere Luftkünstler, vergleichsweise betrachtet, hocken und 
sich von einem Apparat schleppen lassen. 

Er landete auf Deck, entledigte sich seines motorischen An- 
hängsels und stellte sich vor: Forsankar, Ingenieur; beauf- 
tragt, uns zu begrüßen und uns schon während der Seefahrt 
einige Besonderheiten seines Inselgebietes zu erläutern. Auf 
diesem, wie wir sogleich erfuhren, spielt die Technik die aus- 
schlaggebende Rolle; damit verbunden die Anspannung der 
Produktionsmethoden und die Zeitersparnis in jedem Betracht. 
Herr Forsankar betonte gleich zu Anfang, daß ihm andere Per- 
sönlichkeiten der Eilandgruppe als Erfinder noch überlegen 
wären; immerhin dürfe er sich als einen Exponenten seiner 
Heimat Sarragalla bezeichnen, zumal er auch zu den Spitzen 
der republikanischen Regierung zähle. 

„Ihr Besuch erfreut uns," sagte der Kapitän, „obschon wir 
eigentlich die Absicht hatten, Sie zu entdecken, während es 
jetzt beinahe so aussieht, als würden wir von Ihnen entdeckt. 
Sie werden also unser Schiff „Atalanta" früher besichtigen, als 
wir die Insel Sarragalla. Bis dahin haben wir, so taxiere ich,. 

136 



noch gute fünf Stunden; das bedeutet also für Sie eher ein Zeit- 
opfer, als eine Zeitersparnis." 

— Rechnen wir genau, versetzte der Ingenieur ; mein Haupt- 
zweck ist doch, Sie möglichst rasch zu informieren, und da Sie 
sieben Hauptpersonen sind, so stehen bei Ihnen 35 Stunden 
Zeitgewinn gegen nur 5 Stunden Zeitverlust bei mir, somit ...» 

„Sie rechnen sehr liebenswürdig," unterbrach ich, ,,mit 
dieser Bevorzugung unserer Überzahl. Nur steht zu vermuten, 
daß Ihre Zeit kostbarer ist als die unsrige, da Sie ja Ihre Arbeit 
unterbrechen mußten, um uns zu belehren, während wir als 
Teilnehmer einer Expedition eine wunderschöne Seefahrt ab- 
solvieren und gar nicht ängstlich auf die Uhr zu blicken brauchen." 

— Trotzdem. Sie werden bald bemerken, daß ich unserem 
Prinzip der Zeitersparnis auf meine Weise sehr zweckentsprechend 
diene. Ich habe keinen Grund zu verhehlen, daß hier noch ein 
besonderes Motiv zu Grunde liegt; ein Motiv, daß mich sogar 
veranlassen wird, für die volle Dauer Ihres Aufenthalts meine 
Berufsarbeit zu vernachlässigen, um Ihnen meine freie Zeit 
zu widmen. 

„Hört, hört! Hier wird uns ein Rätsel aufgegeben." 

— Dessen Lösung allein in Ihrer Hand liegen wird. Für jetzt 
nur soviel, daß wir schon in wenigen Tagen, vielleicht Stunden 
mit einer großen Bitte an Sie herantreten werden. Und wir 
versprechen uns die Erfüllung dieser Bitte um so eher, je schneller 
es uns gelingt, Sie von den Vorzügen unserer Einrichtungen zu 
überzeugen. 

Wir entschlossen uns in aller Höflichkeit, die weitere Auf- 
klärung abzuwarten. Zunächst unternahmen wir einen kurzen 
Rundgang auf der „Atalanta", für deren Besichtigung unser Gast 
Interesse an den Tag legte. Mancherlei gefiel ihm, zumal die 
Ausstattung der Wohnräume. Allein bei den Maschinenanlagen 
änderte sich seine Haltung, wenngleich er bestrebt war, den Ton 
wohlwollender Beurteilung festzuhalten. 

— Vorzüglich konstruiert, sagte er, wenn man bedenkt, 
daß Sie gezwungen sind, nach den Erfordernissen der alten 
Mechanik zu arbeiten. Daß dieser Typus an sich nicht mehr 
standhält, ist ja Ihren Gelehrten längst bekannt, denn er beruht 
auf der ungeheuerlichen Vergeudung an Brennstoff. Sie sind 
nicht die Herren, sondern die Sklaven des Materials. Äußersten 
Falles holen Sie aus einem Kilo Kohle 4000 nutzbare Kalorien, 
während Sie Billionen davon ungenützt darin stecken lassen. 

137 



Ihre Kohle verhält sich wie ein Arbeiter, dem Sie mit unge- 
heurer Raumverschwendung Wohnräume bereiten, und der dafür 
pro Tag nur den Bruchteil einer Sekunde arbeitet. In dieser 
Hinsicht sind wir erheblich weiter. 

„Wie, Herr Ingenieur!" rief ich, „sollte es Ihnen wirklich 
schon gelungen sein, durch Atomzerspaltung die ungeheuren 
Energien aus der Kohle freizumachen, die wir darin nur ver- 
muten, ohne sie entwickeln zu können?" 

— Nicht alle Energien, aber einen sehr lohnenden Teil, rund 
eine halbe Million Kalorien aus dem Kilogramm, also mehr als 
das Hundertfache Ihrer Leistung. Und wir brauchen dazu nicht 
einmal Kohle, jede beliebige Substanz liefert uns diesen Arbeits- 
effekt; wie Sie ganz richtig voraussetzen, durch Zermalmung 
der Atome. Wir benützen hierzu eine von uns entdeckte neue 
Strahlenart, die radioaktiven „Lambda-Teilchen", die uns in 
unermeßlicher Fülle zu Gebote stehen. Diese Lambdas haben die 
Fähigkeit, Atome zu zerfallen, zwar nicht restlos, aber doch soweit, 
daß der eben genannte Effekt zu Tage tritt. Und Sie können 
sich vielleicht vorstellen, was unsere Maschinen bei solcher 
Energieentfaltung zu leisten vermögen. 

„Nein, das kann ich mir vorläufig absolut nicht vorstellen; 
obschon uns ja Ihr eigener Flugapparat eine anschauliche Probe 
geliefert hat. Aber wenn Sie dermaßen im Großen wirtschaften, 
wo kriegen Sie die vielen „Lambdas" her? Alle radioaktiven 
Mittel sind doch nur in minimalen Mengen vorhanden und un- 
erschwinglich teuer; Hegt denn das Radium bei Ihnen auf der 
Straße?" 

— Sozusagen. Zwar nicht direkt bei uns, wir beziehen es viel- 
mehr von unserer Nachbarinsel Vorreia. Dort sind die Minerale 
Thorium und Uran in unerschöpflichen Lagern vorhanden, 
die dortige Erde ist der niemals auszuleerende Kraftspeicher, 
aus dem wir die Radioaktivität in beliebigen Mengen gewinnen. 

In Mac Lintocks Augen begann es wieder einmal kalkulierend 
zu züngeln. Spottbilliges Radium? Wo man in Amerika und 
Europa schon für ein tausendstel Gramm tief in die Tasche 
greifen muß — das eröffnete unabsehbare Aussichten. 

Forsankar ergänzte: Ich muß hinzufügen, daß diese Nach- 
barinsel uns nicht nur materiell, sondern auch ideell ganz her- 
vorragend befruchtet. Unsere besten Methoden und Erfindungen 
stammen von dort. Sie sind in der Mehrzahl dem Kopfe eines 
Mannes entsprungen, der auf Vorreia lebt. Er heißt Algabbi, 

138 



und vereinigt in sich alle Genialitäten des physikalischen Forschers 
und Technikers. Eine Kombination von Lionardo, Faraday und 
Edison in erhöhter Potenz. Er war es auch, der als Geologe die 
radiumhaltigen Mineralschätze der Insel erschlossen hat, die 
Energiereservoire, die auf der Welt nicht ihres Gleichen haben. 

„Verzeihen Sie, Herr Forsankar, — dann wäre es doch für 
uns eigentlich ratsamer, direkt nach Vorreia zu steuern. Bei 
aller Hochachtung vor Ihnen und Ihrer engeren Landesge- 
nossenschaft scheint mir doch nach Ihren eigenen Superlativen 
die Insel Vorreia wichtiger; um doch vor allen Dingen einen 
Mann wie diesen Algabbi kennen zu lernen, von dem Sie solche 
Wunder erzählen." 

— Das wird leider nicht so einfach sein. Algabbi ist alt und 
launisch, und es hält schwer, zu ihm vorzudringen. Mir persön- 
lich wäre das ganz unmöglich; vielleicht macht er mit Ihnen 
später eine Ausnahme, wenn Sie zuvor erfahren haben, worauf 
es ankommt; und hierzu ist es eben unerläßlich, daß Sie Ihren 
ersten Besuch unserer Insel Sarragalla widmen, auf der die 
technischen Impulse jenes Mannes ihre weiteste Ausbreitung 
gewonnen haben. 

Auf dem Bodensatz unserer Unterhaltung blieb nach wie vor 
ein ungeklärter Rest. Wir stellten natürlich unsere Neugier zu- 
rück, und es fiel uns nicht schwer abzulenken, da der Ingenieur 
den Wunsch äußerte, unsere Schiffsbücherei ein wenig genauer 
zu betrachten. Sie war zuvor nur gestreift worden, und uns selbst 
lag daran, diese Schätze vor dem Besucher paradieren zu lassen. 
Seine Sprachkunde ermöglichte ihm eine ausreichende Würdigung 
der Büchersammlung, und er verstieg sich zu der schmeichel- 
haften Äußerung, daß wir in dieser Hinsicht wenigstens keinen 
Wettbewerb zu scheuen hätten. 

„Die Bücher stehen für die Zeit unserer Anwesenheit zu 
Ihrer Verfügung," sagte Eva. 

— Ich werde vielleicht davon Gebrauch machen, entgegnete er, 
— oder vielmehr, da ich gewohnt bin, sehr rasch zu lesen, so 
würde mir die Vergünstigung genügen, darin eine Viertelstunde 
blättern zu dürfen. 

Wir ließen ihn eine Weile allein und begaben uns auf Deck, 
angesichts der inzwischen sehr nahegerückten Insel. Als wir 
zurückkehrten, trat er uns mit einem aufgeklappten Bande ent- 
gegen und rief frohlockend: — Denken Sie nur, ich habe hier 

139 



einige Hinweise gefunden, die in wenigen Zeilen auf das Programm 
unserer Insel deuten .... 

Und ich werde Ihnen auswendig sagen, worin Sie gelesen haben, 
erwiderte ich : in den Werken von Walther Rathenau. Ein Zufall 
für Sie, keiner für mich, denn die Kombination liegt nahe: Wenn 
Ihr Land wirklich im Zeichen der höchstentwickelten Technik 
steht, so möchte ich es schon jetzt als „die mechanisierte Insel" 
bezeichnen. Und der Begriff der Mechanisierung ist von keinem 
Autor so schön und tiefgründig erörtert worden, als eben von 
Rathenau. Er hat ihm gleichsam Flügel gegeben und ihn be- 
fähigt, die ganze konkrete Wirklichkeit zu durchfliegen. 

Donath meldete sich: Dann schlage ich vor, einige Kernworte 
daraus vorzulesen; wenn man nur wüßte, welche; ich weiß in 
diesen Schriften nicht Bescheid. 

Der Ingenieur reichte mir den Band hin, ich ergänzte ihn 
noch durch einen andern und wählte auf gut Glück etliche Stellen : 

„Gegeben ist die Quantität der menschlichen Einzelleistung, 
gegeben die bewohnbare Erdoberfläche, gegeben, aber praktisch 
fast unerschöpflich und nur an den menschlichen Arbeits- 
effekt gebunden, ist die Menge der greifbaren Rohprodukte, 
praktisch unermeßlich sind die verwertbaren Naturkräfte. 
Aufgabe ist es nun, für die zehnfach, hundertfach sich ver- 
mehrende weiße Bevölkerung Nahrung und Gebrauchsgüter 
zu schaffen .... Dies war nur auf einem Wege möglich : wenn 
der Effekt der menschlichen Arbeit um ein vielfaches gesteigert 
und gleichzeitig ihr Emanat, das produktive Gut, auf das voll- 
kommenste ausgenutzt werden konnte. Erhöhung der Pro- 
duktivität unter Ersparnis an Arbeit und Material ist die 
Formel, dieder Mechanisierung der Welt zugrunde liegt..." 
„. . . . Wenn ich einen Brief zur Post trage, kostet dieser Brief 
mich fünf Arbeitsminuten; trage ich sechzig Briefe auf 
einmal zur Post, so kostet mich jeder Brief fünf Arbeits- 
sekunden . . . ." 

,,.... Dem wirtschaftlich Betrachtenden erscheint die Mecha- 
nisierung als Massenerzeugung und Güterausgleich; dem 
gewerblich Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitshäufung 
und Fabrikation; dem geographisch Betrachtenden als Trans- 
port- und Verkehrsentwicklung und Kolonisation; dem tech- 
nisch Betrachtenden als Bewältigung der Naturkräfte; dem 
wissenschaftlich Betrachtenden als Anwendung der Forschungs- 
ergebnisse; dem sozial Betrachtenden als Organisation der 

140 



Arbeitskräfte; dem geschäftlich Betrachtenden als Unter- 
nehmertum und Kapitalismus; dem politisch Betrachtenden 
als real- und wirtschaftspolitische Staatspraxis . . ." 

„Die Mechanisierung erscheint als eine ungeheure, nie en- 
dende Vorbereitung; Geschlechter werden erzeugt, ernährt, 
vermehrt und ins Grab geworfen, ohne Aufschauen, ohne Aus- 
blick, und die Bewegung schreitet weiter, zu vergrößerten 
Zahlen, erhöhten Dimensionen und gesteigerten Kräften. 
Diese Not ist mit keiner zu vergleichen, die früher war. Denn 
sie ist nicht von den Elementen gesendet, wie Kälte, Dürre, 
Flut und Sterbe, sie ist vom eigenen Willen der Menschheit 
entfacht und hochgetrieben . . ." 

„ Hieraus folgt, daß eine gewaltige Zunahme jener 

Weltbewegung, die ich Mechanisierung genannt habe, uns 
bevorsteht .... daß die intellektuale, seelenlose Geistigkeit 
der Mechanisierung, ihren Zenith noch lange nicht er- 
reicht hat."*) 

— Ganz gewiß, schloß der Ingenieur an, ist damit die Linie 
der Notwendigkeit vorgezeichnet, und wir ziehen auf unserer 
Insel die vorläufig letzten Konsequenzen. Sie werden somit 
wie in einen Zauberspiegel blicken. Wenn schon ein Zenith der 
Mechanisierung erreichbar ist, dann dürfen gegen diesen Aufstieg 
keine Bedenken auftreten. Denn sie ist und bleibt eine geistige 
Angelegenheit, worin der Intellekt triumphiert; der Intelligenz 
geoffenbart in einem Höchstmaß der Technik wie wir sie, den 
Spuren Algabbi's folgend, zum Regulativ und durchgreifenden 
Prinzip erhoben haben. 

„Wenn es so ist, wie Sie sagen — und die Vorzeichen sprechen 
ja dafür — dann liegt für uns genug Anlaß zur Bewunderung 
vor. Ein Land der erhöhten Technik ist nach üblichem Maßstab 
ein Land der erhöhten Kultur. Es wäre nur zu erörtern, wie 
Technik und Mechanisierung in den Grundwurzeln zusammen- 
hängen. Ergäbe sich hier eine Identität, so müßte man ja auch 
in der Mechanisierung des Lebens selbst den größten Fortschritt 
anerkennen. Und ich verhehle Ihnen nicht, daß sich hiergegen 
etwas in meinem Innern sträubt. Mir ist die Mechanisierung bei 
uns zu Lande, in Europa, in mancher Hinsicht schon so wider- 
wärtig, daß ich der Hochspannung dieses Prinzips nur mit Bangen 
entgegensehe." 



*) „Mechanik des Geistes" und „Kritik der Zeit" von Rathenau. 

141 



— Uns gilt als Hauptsache, daß Ihnen die Gestaltung imponiert, 
und daß Sie Ihre Kenntnisse erweitern. Darin liegt doch ein 
geistiger Gewinn, den Sie gerechterweise nicht verkennen werden. 
Übrigens sind wir jetzt am Peer, und wenn Sie nichts dagegen 
haben, bleibe ich in Ihrer Gesellschaft. 



Die Ortschaft bot den Anblick einer ganz modernen belebten 
Fabrikstadt mit Anflügen aufgetünchter Eleganz, ohne Hinter- 
gründe einer geschichtlichen Vergangenheit. Kein Edelrost lenkte 
in dieser versteinerten Gegenwart den Sinn auf etwas Gewesenes, 
und schon beim ersten Aspekt spürte man, daß es da keine ver- 
lorenen Winkel geben konnte, in denen sich etwa Spuren von 
Romantik versteckt hielten. Es sei aber vorweggenommen, 
daß die Menschen aus hellen Augen um sich blickten und keinen 
gedrückten Eindruck machten; der revolutionierende Typ des 
murrenden Fronarbeiters trat nur in ganz vereinzelten Exemplaren 
auf. Es bestand also eine gewisse Harmonie zwischen Stadtbau 
und Bevölkerung, insofern sich die Fassaden nach keiner Ver- 
gangenheit, die Menschen nach keiner Zukunft sehnten; alles 
war auf die zu erlebende Minute eingestellt. 

In den meisten Straßen gab es keinen Warenverkehr, sie 
waren vielmehr den Fußgängern vorbehalten, die man aber 
genauer als Fußfahrer bezeichnen müßte. Denn der ganze Straßen- 
bau war beweglich und glitt unablässig, in der Mitte geteilt, 
nach den beiden Richtungen. Was auf einigen europäischen 
Ausstellungen als „Trottoir roulant" gezeigt wurde, war hier 
nicht eine belustigende Kuriosität, sondern eine ständige Ver- 
kehrseinrichtung. Es gehörte eine gewisse Körpertechnik 
dazu, um sich aus dem Zustand der stehenden Ruhe auf die 
schnell dahineilende Plattform zu schwingen und sich im Augenblick 
ihrer Geschwindigkeit anzupassen. Allein wir lernten es rasch, 
und selbst unser wenig gelenkiger Amerikaner, der zuerst über 
die verdammte Akrobatik schimpfte, kam nach einigen grotesken 
Anläufen in ein leidliches Gleichgewicht. Und schon bei der 
zweiten Fahrt meinte er, dies wäre eigentlich die ideale Lösung 
des Beförderungsproblems: ein Automobil von Meilenlänge, 
jeder Mensch Autobesitzer, jeder Punkt Haltestelle, keine Sekunde 
Stillstand, und was doch auch mitspräche: durchweg Gratis- 
fahrt, also eine soziale Wohltat für die unteren Klassen. Tat- 

142 



sächlich war das Ganze eine staatliche Einrichtung, die einmal 
vor Jahren konstruiert, nur sehr geringe Unterhaltungskosten 
beanspruchte; da ja all das, was wir unter Betriebsspesen ver- 
stehen, vermöge der Atomspaltung beinahe auf Null zusammen- 
schrumpfte. 

Der fahrbare Boden beschränkte sich nicht auf die Haupt- 
stadt, sondern erstreckte sich weit über die Vororte; während 
tiefer ins Land hinein eingleisige Eisenbahnen führten. Denn 
die Insel Sarragalla besitzt eine bedeutende Ausdehnung, und 
der Handelsverkehr von Ort zu Ortschaft, von Fabrik zu Markt, 
entspricht in seiner Lebhaftigkeit den Größen der Warenpro- 
duktion. Zu neun Zehntel werden die Güter erzeugt, weil und 
damit man sie verlangt, und sie werden verlangt, weil und damit 
sie erzeugt werden, so daß Nachfrage und Angebot zusammen 
eine Schraube ohne Ende bilden. Trotz dieser Massenhaftigkeit 
des Konsums und der Offerte genügt die eingleisige Anlage 
der Bahnen, ja das „Geleis" dient hier nur in Form einer ein- 
zigen Schiene als Grundlage. 

Wir fanden das erstaunlich. „Wieso fallen die Züge nicht um, 
wenn sie mit nur halber Räderzahl auf einem einzigen Stahl- 
strang rollen?" 

Der Ingenieur erläuterte: Die Ihnen geläufige Anordnung 
mit Rädern rechts und links auf der Doppelschiene gehört für 
uns zu den Unbegreiflichkeiten der altväterlichen Technik. 
Jedes Straßenkind, das seinen Kreisel peitscht, hätte Ihnen 
sagen können, daß ein sausender Schwerkörper sogar in einem 
einzigen Punkte die genügende Gleichgewichtsunt erläge findet, 
weil die Rotation eine widerstandskräftige Achse erzeugt. Es 
ist also lediglich eine Aufgabe vorgeschrittener Mechanik, in dem 
Zuge so starke Rotationskräfte wirken zu lassen, daß ein Über- 
kippen zur Rechten oder Linken der einzigen Mittelschiene 
ausgeschlossen wird. Sobald nun ein Gegenzug signalisiert wird, 
senken sich vorn und hinten zwei gebogene Tangentialflächen 
herab, die, wie der ganze Zug, gleichfalls mit einer Mittelschiene 
versehen sind. Dann fährt der Zug B über den Zug A glatt hinweg; 
und wenn man unseren Insassen erzählte, daß man zu derselben 
Prozedur anderswo vier Stränge samt einer Menge von Weichen 
und Stellwerken braucht, so käme ihnen das wie eine schnurrige 
Anekdote vor. 

„Und der Gefahrfaktor ? Bei der allergeringsten Inkorrektheit 
in so heikler Maschinerie müssen sich doch bei Ihnen die ärgsten 
Katastrophen ereignen!" 

143 



— Aus dieser Befürchtung spricht wieder die Rückständigkeit 
eines Bürgers, der noch in den Kinderschuhen der Mechanisierung 
steckt. Auch Sie besitzen eine Feinmechanik, allein Sie ver- 
wenden sie hauptsächlich zu zwecklosen physikalischen Spielereien, 
mit denen man Studenten im ersten Semester verblüfft: etwa 
um in eine Glastafel unsichtbare Gitter zu ritzen, die sich unter 
dem Mikroskop als schön quadratisch entpuppen, oder um eine 
Wage für das Gewicht eines Staubkorns empfindlich zu machen. 
Daß man aber die Feinmechanik mit der Starkmechanik in 
einem Apparat verschmelzen kann, das geht euch nicht ein. 
Werden sie so verschmolzen, wie Sie es hier erleben, dann 
funktioniert eben die Großkraftmaschine selbst auf schmälster 
Unterlage mit absoluter Unfehlbarkeit, und Sie können eher er- 
warten, daß der Erdplanet, als daß einer unserer Züge auf seiner 
Bahn entgleist. 

Dieser Äußerung folgte eine Bewegung, die wir nicht recht 
verstanden. Herr Forsankar griff nämlich in seine Tasche, zog 
seine Uhr, sah aufs Zifferblatt, hielt sie an den Mund und lispelte 
hinein. „Was machen Sie da?" fragte Rottek: „Sie sprechen mit 
Ihrer Uhr?" 

— Ich habe soeben eine wichtige Unterredung mit meinem 
Ressortchef geführt, der zu dieser Stunde meinen Anruf er- 
wartete. Das Instrument ist allerdings auch eine Taschenuhr, 
aber kombiniert mit einem drahtlosen Telephon in der nämlichen 
Goldkapsel. Warum soll man zwei Gegenstände mit sich schleppen, 
wo einer genügt? 

„Und eine wichtige Besprechung erledigen Sie in einer halben 
Minute?" 

— Durch Breviloquenz. Es ist mir sehr wohl bekannt, wie 
Sie in Europa trotz der ungeheuerlichen Fernsprechtaxen tele- 
phonieren. Sie, und besonders Ihre Damen hängen sich viertel- 
stundenlang an den Hörer zur Erörterung und Beplauderung 
der gleichgültigsten Angelegenheiten; weil Sie eben so wenig 
mechanisiert sind, daß Ihnen der kostbarste, gar nicht ersetz- 
liche Rohstoff, die Zeit, für nichts gilt. Unser Prinzip der Zeit- 
ersparnis hat uns dazu geführt, eine neue, überaus kompendiöse 
Kurzsprache zu erfinden. Wir sprechen brachistoünguisch; 
in Abkürzungen, die ich natürlich nicht anwenden darf, wenn 
ich mich mit Ihnen unterhalte, die aber bei uns von jedermann 
vestanden werden. 

„Diese Methode ist uns nicht ganz fremd. Wir sagen Hapag, 
Ufa, AEG, Aboag, Sipo und viele derartige Abbreviaturen, die 

144 



längere Wortgebilde ersetzen. Wir haben auch im Telegramm- 
verkehr ein Register von Chiffreworten zur Ersparnis längerer 
Sätze. Wenn ich an ein Hotel telegraphiere „Belab Gransera" 
so versteht der Empfänger ohne Weiteres: Ich wünsche für 
heute zwei Zimmer mit zwei Betten und gedenke zwischen sieben 
Uhr abends und Mitternacht dort einzutreffen." 

— Sie haben also eine dunkle Ahnung vom Prinzip, dessen 
Ergiebigkeit Ihnen völlig verborgen bleibt. Es ist so, als wären 
Sie beim ersten elektrischen Lichtbogen zwischen zwei Kohlen- 
spitzen stehen geblieben, ohne zu vermuten, daß sich darin die 
Beleuchtungstechnik für die ganze Welt versteckt; oder als 
hätten Sie eine Erzader angeschlagen und begnügten sich mit 
den ersten paar Kilogramm, während dahinter Millionen von 
Tonnen des kostbaren Minerals lagern. Mit einem Wort : diese 
Breviloquenzen, wenn Sie zur Zeitgewinnung wertvoll werden 
sollen, müssen das Hauptprinzip der ganzenVerkehrssprache werden. 
Tatsächlich läßt sich der längste Sinn durch Fortlassung alles 
Entbehrlichen und durch Komprimierung der Sätze, Worte und 
Silben auf Elementarlaute in den knappsten Ausdruck pressen. 
Sie würden staunen in unseren Ministerkonferenzen und Kammer- 
debatten; von der ersten Vorbereitung eines Gesetzes bis zur 
Annahmen ein Vormittag. Maximale Sprechdauer eines Redners 
35 Sekunden. 

„Wir würden das Durchpeitschung in drei Lesungen nennen." 

— Das sind mindestens zwei Lesungen zuviel; denn wenn man 
sich zuvor zwischen Ministern und Abgeordneten ausreichend 
drahtlos verständigt hat, genügt eine breviloquente Sitzung 
von kürzester Dauer. In der Zeit, die Sie für eine Zeile der Ge- 
schäftsordnung brauchen, verbunden mit den persönüchen Be- 
schimpfungen der gegnerischen Parteien, erledigen wir einen 
ganzen Jahresetat. Und wenn ein Gesetz bei Ihnen im amt- 
lichen Druck zwanzig Seiten verschlingt, so kommen wir mit 
einer halben Spalte aus; und proportional hierzu mit einer 
winzigen, leicht zu besoldenden Beamtenschar. 

„Wir halten eben auf Genauigkeit im Gesetzestext, während 
sich doch bei Ihnen leicht Mißverständnisse einstellen können." 

— Umgekehrt, verehrter Herr! Wir sind ja über eure Ver- 
hältnisse gut unterrichtet, und wir wissen, daß sich bei Ihnen 
das Volk über den Inhalt der Paragraphen genau so den Kopf 
zerbricht wie die Behörden, die das Gesetz auszuführen haben. 
Weil Unklarheit und Mißverständnis die natürlichen Kinder 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 10 145 



der Weitschweifigkeit sind. Ihr Deutschen insbesondere seid 
ja ein Volk der Dichter und der Denker, das heißt, ihr habt 
auch in das Gesetz wesen von den Dichtern den Schwulst und 
von den Philosophen die Dunkelheit übernommen. In jedem 
Deutschen steckt ein dunkler Heraklit, da er im Grunde wenig 
mechanisiert ist. Wäre er wirklich auf Exaktheit eingerichtet,, 
so hätte er längst die Kunst der Stenologie, der Formelsprache, 
des zeitsparenden Ausdrucks erfunden. 

„Können Sie uns nicht einige Proben dieser Kunst aufsagen?" 

— Sie würden sie kaum verstehen, weil Sie von Natur aus 
gewöhnt sind, in breiten, grammatisch konstruierten Sätzen 
zu denken. Aber oberflächlich will ich Ihnen andeuten, worauf 
es ankommt. Ich knüpfe dabei an die überaus seltenen Fälle an, 
in denen Sie selbst die Vielwörterei als lästig und unökonomisch 
empfinden, die Verkürzung — Aposiopese oder Ellipse — dagegen 
als eine Wohltat. Im Virgil beschwichtigt Neptun die Winde 
mit dem berühmten Kurzruf ,,Quos ego !" Kein Substantiv, kein 
Verbum, keine Spur eines Satzes. Die Drohung bedeutet aber: 
Hört mal, ihr Winde, wenn ihr jetzt nicht Ruhe gebt, dann will 
ich euch meine Macht fühlen lassen, daß euch das Blasen ver- 
gehen soll! Hat nun die Kürze die Deutlichkeit beeinträchtigt? 
Im Gegenteil, sie hat sie verstärkt. Oder stellen Sie sich vor,. 
Sie kämen auf den Bahnhof einer Provinzstadt und läsen dort 
die Bekanntmachung: ,,Da hier erwiesenermaßen viele Taschen- 
diebe verkehren, die sich das Gedränge zunutze machen, um ihr 
unsauberes Handwerk auszuüben, so wird das Publikum aufge- 
fordert, mit geschärfter Aufmerksamkeit auf seine Wertsachen 
Acht zu geben, damit es keinen durch die Langfinger verursachten 
Verlust beklage, wobei zu bemerken, daß diese Warnung 
nicht nur den Reisenden selbst gilt, sondern überhaupt allen 
Personen, die sich zu irgendeinem Zwecke in den Hallen dieses 
Bahnhofes aufhalten." Wie umständlich! würden Sie denken, 
wie langatmig, zweckwidrig, vorsintflutlich! da doch die zwei 
Worte „Achtung Taschendiebe!" ganz dasselbe besagen. Nun, 
genau so wie Sie dieses Provinzplakat taxieren, so beurteilen 
wir Ihre gesamte Verkehrssprache. Und wohl verstanden: mit 
der Fortlassung der entbehrlichen Worte ist es nicht getan;, 
es müssen tausende von Formeln erfunden und durch Verab- 
redung eingebürgert werden, tausende von Sigeln, die in wenigen 
Silben lange Gedankengänge aufnehmen ; sowie die kurzen Formeln 
der Fallgesetze alle erdenklichen Möglichkeiten des freien Falles 
umspannen. Daraus ergeben sich Ersparnisse, die sich auf euro- 

146 



paische Dimensionen übertragen zu Milliarden von Arbeits- 
stunden summieren würden. Und nun überlegen Sie, welche 
Unsummen Sie durch Ihre Longiloquenz vergeuden, und mit 
wie geringem Recht Sie sich den Titel mechanisierter Völker 
beilegen. 

,,Aber soeben unterhielten Sie sich doch durch Ihr Taschen- 
telephon. Sie können, wie es scheint, beliebig anrufen und an- 
gerufen werden; und hieraus folgt doch, daß bei Ihnen Jedermann 
die Zeit Jedermanns beanspruchen darf." 

— Das wäre ein Fehlschluß. Unsere ganze Erziehung ist auf 
den Respekt vor der Zeit eingerichtet, und die Sekunde des 
Nebenmenschen wird mit Ehrfurcht behandelt. Vielleicht liegt 
gerade hierin der größte Vorteil unserer durchgreifenden Mechani- 
sierung. Jeder hat freilich die technische Möglichkeit des Anrufs, 
allein ehe er sie ausübt, wartet er auf das Gebot der dringendsten 
Notwendigkeit. Wir kennen keine telephonierenden Zeiträuber, 
von Person zu Person herrscht betreffs der Zeit sozusagen Eigen- 
tumsbegriff, und ohne meinen Willen wird aus meinem Zeit- 
tresor nichts herausgenommen. 

„Das hört sich ja ganz moralisch an. Aber wie halten Sie es nun 
mit Ihrer „freien Zeit", die ja danach recht erhebliche Maße 
erreichen muß." 

— Wieder ein Fehlschluß. „Freie Zeit" ist, recht betrachtet, 
ein Unding. Der mechanisierte Kulturmensch hat sie nicht, 
vermißt sie nicht, und wenn er sie hätte, so würde er versuchen, 
sie mit Arbeit zu füllen. Der Mensch ist das Integral seiner 
Lebenserscheinungen, und diese wissen nichts von freier Zeit. 
Der Atem, der Blutumlauf, die Erneuerung der Gewebe, die 
Verdauung, sie sind die idealsten Arbeiter, kennen keine Pause 
und machen keinen Feierabend. Der Mensch hat die mechanischen 
Vorbilder in sich selbst, warum sollte er ihnen nicht nacheifern? 

„Weil er müde wird und sich erholen muß." 

— Je mehr er sich mechanisiert, desto weniger ermüdet er. 
Das Werk einer Uhr braucht nicht in die Ferien geschickt zu 
werden; ja wenn es technisch vollendet ist, bedarf es kaum einer 
Kraftergänzung. Diese Taschenuhr ist zum letzten Mal vor 
sieben Jahren aufgezogen worden, und sie geht heute noch. 
Gewiß, zu solcher Leistungshöhe wird sich der Mensch mit seiner 
animalischen Struktur niemals erheben, und um den leidigen 
Zwang der Schlaf pause kommen wir nicht herum; aber unsere 
Physiologen sagen uns, daß sie auf dem besten Wege sind, Im- 

10* 147 



pulse herzustellen, die auch den schlaflosen Menschen nahezu 
in ein perpctuum mobile verwandeln werden. Was nun die Er- 
holung betrifft, die vergnügliche Muße, so glaube ich, daß sie 
aus der Zeit der Sklaverei stammt und eines freien Mannes gar 
nicht würdig ist. Ruhe haben, das heißt für Unsereinen: Ruhig 
und ungestört arbeiten können; und wer über Nervosität 
klagt, der soll dafür nicht die Übermüdung, sondern die Über- 
schonung verantwortlich machen. Bei sinniger Tätigkeit kann 
der Drang nach Kurzweil gar nicht auftreten, da er ein Symptom 
des Irrsinns bildet; denn Zeit und Raum sind gleichwertig, 
und wer sich mit Absicht, technisch zwecklos, die Zeit verkürzt, 
ist nicht anders zu beurteilen, als einer, der sich mutwillig den 
Raum verengt. Außerdem schlägt ihm der Effekt fast durchweg 
zum Gegenteil aus, denn niemals wird die Zeit so lästig, als wenn 
man sich amüsiert. Einem echten Arbeiter bietet das Amüsement 
nichts anderes als kristallisierte, glitzernde Langeweile. 

„Aber Sie pflegen doch wohl auch die Künste und haben, 
wie wir im Vorbeigleiten bemerkten, Unterhaltungsstätten 
gebaut?" 

— Für die kleine Minderheit der Genossen, die den Wert der 
Eigenarbeit noch nicht vollkommen erfaßt haben und deshalb 
vermuten, daß es außerhalb ihrer noch ein Vergnügen geben könne. 
In dieser Hinsicht sind wir tolerant und lassen ein Ventil offen, 
das sich bei völliger Durchmechanisierung der Bevölkerung von 
selbst schließen wird. Übrigens werden auch unsere Theater 
dem Prinzip der Kurzsprache unterworfen, so daß unsere längsten 
Schauspiele — beiläufig gesagt, sehr gediegene Werke — nicht 
länger dauern als bei Ihnen ein Sketch. Wir beginnen in der 
Regel um sechs Uhr nachmittags und schließen um halb sieben, 
wonach zwischen Theater und Nachtschlaf immer noch einige 
wertvolle Stunden für die Abendarbeit herauskommen. 

„Bravo!" mußte ich unwillkürlich ausrufen. „Unser Im- 
pressionismus und Expressionismus verblaßt vor dem Kom- 
pressionismus, wie Sie ihn in Szene setzen. Ich muß Ihnen ge- 
stehen, daß ich die Länge der Kunst schon seit Jahrzehnten als 
eine Tortur empfinde, und daß ich im Konzert noch heute nicht 
weiß, mit welchem Recht ein Symphoniker mich stundenlang 
auf den Platz festnageln darf." 

— Auch hier wird die Mechanisierung die erlösende Maßregel 
finden. Unsere Musikveranstalter haben bereits mit der „Bre- 
visonanz" begonnen; das ist eine neumetronomisierte Tonkunst, 
die sich dem veränderten Zeitempfinden der Hochkultur an- 

148 



paßt und vor allem die in der Altmusik grassierende Wieder- 
holung der Phrasen, Takte und Noten vermeidet. 

„Kann ich mir vorstellen. Wenn zum Beispiel Beethoven 
in seiner siebenten Symphonie den Ton E mindestens zwanzigmal 
hintereinander anschlägt und gar nicht davon loskommt, so ge- 
nügt Ihnen an dieser Stelle ein einziges E; und wenn Sie dazu 
thematische Abbreviaturen einführen und das Tempo im Ver- 
hältnis von Blitzzug zu Postschnecke beschleunigen, so wird sich 
zu der Symphonie ein ganz erträgliches Verhältnis gewinnen 
lassen." 

— Sie wollen ironisieren und schildern doch ganz getreu eine 
zukünftige Gewißheit. In dem Wort vita brevis ars longa ist 
allerdings ein Mißverhältnis ausgesprochen, das sich der Kultur- 
bürger späterer Jahrhunderte ganz gewiß nicht mehr gefallen 
lassen wird. Er wird wirklich nur die Wahl haben, solche Sym- 
phonie als hinderlichen Ballast auszuwerfen, oder sie auf den 
Maßstab seiner Emfangsorgane zu setzen. 

„Wohl mir, daß ich kein Enkel bin!" sagte Eva; „womit 
ich mich durchaus nicht gegen eine beschleunigte Bewegung 
ausspreche; ich wäre jetzt sogar für ein Prestissimo — raten 
Sie mal wohin, Herr Ingenieur ..." 

— Sie meinen Ihren Gasthof und die Mahlzeit, die uns im 
„Hotel Experiment" erwartet. Einverstanden. Ihr Wunsch 
deckt sich nebenbei mit meinem Programm, denn ich wollte 
eben anfangen, Ihnen über die Ernährungsverhältnisse der 
Insel Vortrag zu halten. Da kann sich nun das Theoretische 
mit dem Praktischen bündig vereinigen. 

„Ich vermute, es wird Fische geben," bemerkte Eva, ohne 
ihren Scharfsinn sonderlich anzustrengen. Denn Fische scheinen 
auf einer Insel mit ausgedehntem Seebetrieb selbstverständlich, 
und wir hatten zudem bei einem Durchblick auf Meer und Hafen 
zahlreiche Fahrzeuge erblickt, die zu je zweien mit Netzwerk 
bespannt waren. Trotzdem stimmte die Prognose der Gefährtin 
nicht mit den Tatsachen. Es gab keine Fische, sondern Plankton. 

Ausschließlich Plankton. Das Nationalgericht der Sarra- 
gallesen und zugleich das Lebenselement, worauf das soziale 
Gleichgewicht der Insel sich gründet. 

Es ist anzunehmen, daß noch keiner meiner Leser eine richtige 
Planktonmahlzeit genossen hat. Ich möchte indes schon hier 
ansagen, daß unsere Nachkommen das von den Vorfahren ver- 
säumte milliardenfach nachholen werden; und daß es ihnen 

149 



dann wie eine trübselige Legende vorkommen wird, wenn sie 
vernehmen, daß in grauer Vorzeit so etwas wie eine ,, Ernährungs- 
frage" die Menschheit beunruhigt hat. 

Die Naturgeschichte des Planktons läßt sich kurz erläutern. 
Es ist ein in unermeßlichen Mengen vorhandener, sich beständig 
erneuernder Meeresauftrieb, der unorganische Substanz in or- 
ganische umsetzt. Bei Filtration liefert es einen Rückstand 
von einzelligen Pflanzen und kleinsten Tieren in immenser Anzahl. 
Auf einen einzigen Kubikmeter Wasser entfallen ungefähr drei 
Millionen Organismen, winzige Algen, Diatomeen, Peridineen 
und viele Tausende von kleinen Krebschen. Alle Nahrungs- 
ernten auf dem festen Lande verschwinden in Quantität voll- 
ständig gegen die Planktonernte, die sich bei geeigneter Kon- 
struktion der Erfassungsmittel aus dem Ozean gewinnen läßt*). 

Die zwischen den Schiffen ausgespannten, versenkbaren Netze 
gehen auf ein Urmodell zurück, das vor langer Zeit in Europa 
von Palombo erfunden wurde. In seiner Vervollkommnung durch 
Algabbi löst es das Problem derartig, daß die Planktonernte 
direkt in die Schiffe gelangt, fertig vorgebildet für eine kurze 
chemische Behandlung, welche die ozeanische Substanz in einen 
für Menschen und Tiere geeigneten Nahrungsstoff verwandelt. 
Er enthält Eiweiß, Kohlehydrate, Fette und Nährsalze in Prozent- 
sätzen, die sich nach dem Willen des Chemikers beliebig verändern 
lassen. Da die Bearbeitungskosten gering sind, und das Material 
an sich von der Natur selbst in Unerschöpflichkeit geliefert 
wird, so begreift es sich leicht, daß diese hochwertige Nahrung 
auf Sarragalla fast so wohlfeil ausfällt wie Luft und Trinkwasser. 

Das Plankton ist aller Aggregatzustände fähig; es läßt sich 
als Flüssigkeit genießen, als Brei, als Streifen und Scheiben 
von beliebiger Konsistenz. Aber hier erhebt sich der Einwand: 
wird nicht ein Löffel, ein Bissen so schmecken wie der andere? 
und wo bleiben die feineren Anforderungen, die sich auf Varietät 
des Genusses richten? 

Aber gerade hierin offenbart sich der Triumph dieser Er- 
nährungsmethode. Er bedeutet zugleich einen Erfolg der Wissen- 
schaft, den wir nach dieser Seite vordem für unmöglich gehalten 
hätten: eine hohe Messe, die von der letzten Physik zelebriert 
wurde, über Grundakkorde, die schon Lord Kelvin, Helmholtz, 
Faraday und Hertz vordem leise angeschlagen hatten. 



*) Der erste, der in Europa auf die Zukunftsmöglichkeiten des Plank- 
tons hingewiesen hat, war der Tiefseeforscher Fürst Albert von Monaco. 

150 



Während wir Europäer nur über die Bedingungen der Ge- 
schmacksempfindung etwas wissen, nichts aber über die Art, wie 
sie zustandekommt, haben die Physiker der Insel deren eigent- 
lichen Grund aufgedeckt. Sie schlugen die Brücke von den op- 
tischen und akustischen Erscheinungen zu den hier obwaltenden 
und haben ermittelt: der Geschmack beruht auf Wellenerregungen, 
auf Schwingungen der Elektronen in den Atomen der Zungen- 
und Gaumennerven. Saporische Kraftfelder wurden entdeckt, 
in denen die Phänomene der Interferenz, der Polarisation und der 
Induktion auftreten. Die Geschmacksnuancen wurden in eine be- 
stimmt verfolgbare Reihe aufgelöst, wie die der Farbe und des Tons. 
Und so wie sich eine schwingende Saite auf eine gewollte Tonhöhe 
einstellen läßt, so gelang es hier, jeder eß- oder trinkbaren Sub- 
stanz jede gewünschte Geschmacksschattierung zu induzieren. 
Das Instrument, das dieses Wunder leistet, ist der „Telegusto". 

Es arbeitet mit einer Präzision, die dem verwöhntesten Fein- 
schmecker genügen muß. Bevor die einzelne Planktonplatte 
tafelbereit aufgetragen wird, durchläuft sie den Wirkungsbereich 
des Telegusto, der in hundertfältigen Abstufungen die saporische 
Beeinflussung bereit hält. Sämtliche Früchte und Gewürze 
sind darin vertreten, dazu alle Geschmäcke von Wild, Fisch, 
Haustier, von allem was für Küche, Brauerei und Weinkultur in 
Betracht kommt. In dem Register des Telegusto gibt es keine 
Lücke. Auf einen Fingerdruck liefert er nach Bedarf ebenso die 
Auster, die Languste, den Sterlett, wie das Rehfilet, das Backhuhn, 
wie das Vanilleeis, die Schlagsahne, wie irgend einen Edelwein. 
Auf dem Wege der Illusion ? Die Frage hat keinen rechten Sinn, 
denn unser Geschmack arbeitet auch im normalen Genußbetriebe 
mit einer Fülle von Illusionen. Außerdem hat sich hier ein Seiten- 
zweig der Technik der Angelegenheit bemächtigt: die Maschine 
greift ein, um die Figur, die Härtegrade, die Farbe der Gerichte 
dekorativ zu modeln. So verwirklicht sich hier durch Wissenschaft 
und Instrument das Märchen vom Tischleindeckdich. Und wenn 
Fräulein Eva zuvor Fisch vermutet hatte, so war ihr Instinkt 
doch nicht ganz auf falscher Fährte: als dritter Gang erschien 
ein Gericht, das man nach üblichem Sinnenmaß für Aal in Kapern- 
sauce nehmen konnte, optisch, haptisch und saporisch. Auch 
der Chemiker hätte kaum widersprechen dürfen, höchstens 
der Biologe mit der Feststellung: eigentlich ist es Plankton, 
und in der Substanz besteht zwischen diesem Fisch und diesem 
Gemüse kein Unterschied. 

Mit einer leisen Dissonanz entlud sich Mac Lintock beimN ach- 
tisch. Er erklärte: ihn könne man nicht täuschen, er spüre bei 

151 



diesem Fruchtgelee ganz deutlich den Planktongeschmack auf 
der Zunge. 

— Höchst merkwürdig! entgegnete Forsankar; Sie sind 
nämlich der einzige Tafelgast, der wirkliches Fruchtgelee ohne 
Plankton bekommen hat. Ich ließ es auf Ihren Teller schmuggeln, 
um einen Kontrollversuch anzustellen ; dessen Ergebnis beweist, 
daß wir allen Grund haben, mit der Illusion wie mit einer Wirk- 
lichkeit zu rechnen. 

Es schmeckte uns ausgezeichnet, und der Gedanke, daß alle 
Insulaner ohne Ausnahme sich solcher ebenso vorzüglicher wie 
billiger Genüsse erfreuen durften, stimmte uns über sonstige 
Lebenshöhe. Denn der Neid wurde hier niedergehalten durch 
die elementare Freude an der erreichten Kulturhöhe. Sarragalla 
in der Welt voran! Ein Land, in dem sich die Gedanken frei 
auswirken können, da der Kopf von der drückendsten aller Sorgen, 
von der Magennot entlastet wird ! 

„Mir wird jetzt mancherlei klar," sagte ich, „und vor allem 
sehe ich die Mechanisierung in neuem Lichte. Wenn es der Technik 
gelingt, das Ernährungsproblem in so großem Stil zu lösen y 
dann hat es gewiß längst das Gespenst der sozialen Frage ver- 
scheucht." 

— Nicht längst. Denn auch wir befinden uns noch in einem 
sozialen Übergangsstadium. Richtig ist, daß wir die Morgenröte 
einer neuen Zeit erlebt haben, deren Licht dem sozialen Gespenst 
das Umherspuken gewaltig erschwert. Allein wir leiden doch noch 
an gewissen Nachwehen einer dunklern Vorzeit, die durch mangel- 
hafte Technik und also auch durch soziale Mißstände charakteri- 
siert war. Richtig ist vor allem, daß unsere Arbeiterschaft allen 
Grund zur Zufriedenheit besitzt, und daß die Lohnkämpfe auf 
der so schön bereiteten Ernährungsgrundlage nahezu allen Sinn 
verloren haben. Wo noch unausgeglichene Reste zwischen An- 
spruch und Bewilligung existieren, da finden wir uns in der Regel 
leicht auf einer mittleren Linie. Denn unsere Arbeiterschaft 
besitzt, wie begreiflich, einen Zug ins Geistige, sie hat fast durch- 
weg die Stufe des Frondienstes überwunden, um in die Edel- 
arbeit hineinzuwachsen. Jeder Gedanke unserer Forscher setzt 
eine Unsumme von Arbeitskräften in Bewegung, die sich im 
Experiment, an der Maschine, zu praktischem Behuf betätigen 
müssen, um den Gedanken zu allseitig brauchbarer Wirklichkeit 
auszufolgern. Wenn ein Mechanismus bedient wird, so wiederholt 
sich nicht ein und derselbe Handgriff in trostloser Unendlichkeit , 
sondern die Tätigkeit selbst differenziert sich erfinderisch in der 

152 



Hand des Arbeiters. Wissen Sie, was uns schon passiert ist? 
Wir hatten in einem bestimmten Betrieb für die Arbeiten den 
Achtstundentag von Staats wegen eingeführt. Da regte sich die 
Unzufriedenheit, es entstand eine Bewegung unter den Leuten .... 
„Dergleichen ist uns bekannt; sie wollten Verkürzung auf 
sieben oder sechs . . . ." 

— Nein, Verlängerung auf zwölf Stunden. Und zwar ohne 
gewinnsüchtige Absicht, denn sie waren ohnehin am Ertrage 
reichlich beteiligt. Allein sie erklärten, sie hätten soviel Interesse 
an der Arbeit, soviel geistigen Genuß, daß sie sich dieses Ver- 
gnügen nicht durch ein knappes Limitum beschränken lassen 
wollten. Unsereiner kann das ja nachfühlen, denn ich zum 
Beispiel, den die geistigen Obliegenheiten bis in die Träume hinein 
verfolgen, ich kann mich getrost auf einen zwanzigstündigen 
Normalarbeitstag berufen; und ich würde direkt in Geistesnot 
geraten, wenn mir mitten im Tage mit einem Klingelzeichen 
Schluß befohlen würde. 

„Das könnte zu einer neuen Auslegung des Trägheitssatzes 
von Galilei führen: der geistige Mensch arbeitet unausgesetzt, 
weil ihm die Trägheit, das Beharrungsvermögen dazu zwingt; 
er ist zu träge, um aufhören zu können." 

— Klingt ein bißchen paradox, ist aber richtig. Die Haupt- 
sache im mechanisierten Staate bleibt, daß sich der Muß- Arbeiter 
zum Will-Arbeiter umbildet. Innerhalb der Kohlewirtschaft 
ist das unmöglich. Allein da wir uns durch die Lambdakräfte 
von der Kohle emanzipiert haben, so werden wir dieses Ziel in 
wenigen Jahrzehnten auf der ganzen Linie erreichen. Erst jetzt 
beginnt man zu fühlen, daß die Intensität der Arbeit Selbstzweck 
ist; daß die Zeit reif wird zur Überwindung des Millionär-Kapi- 
talismus, um den geistigen Kapitalismus an seine Stelle zu setzen. 
Das alles verträgt sich sehr gut mit einer Sozialisierung, in der 
die Individuen der Unterschicht ganz von selbst in die intellektu- 
elle Oberschicht hineinwachsen. Die Freude an der Bewältigung 
der mechanischen Probleme, Jedermann als Teilhaber des Lust- 
monopols, der Staat als Freudenversorger, die Mechanisierung 
und der Sozialismus als rein geistige Angelegenheit, — das sind die 
Dinge, auf die es ankommt. 

„Sind Sie denn nun mit der Sozialisierung wirklich fertig 
geworden?" 

— Noch nicht, oder vielmehr, wir beabsichtigen gar nicht, es 
zu werden. Denn sie ist un vollendbar ; es gibt kein Finale und 
keinen Schlußpunkt. Aber es wird Sie interessieren, einiges 

153 



aus den Zwischenstadien zu erfahren, in denen allerdings viel 
experimentell Unfertiges zu Tage trat. Da waren Schwarmgeister, 
die nicht nur die Betriebe, sondern auch die Ehe und die Familie 
sozialisieren wollten. Das Reservat des Einzelnen an die Frau 
sollte beseitigt werden. Andere begnügten sich nicht damit, 
die Liebe aus dem Privatbesitz auszuschalten, sie wollten sogar 
die Freundschaft in Kommunalverwaltung überführen. 

„Das ist ein hübscher Gedanke. Der Staat als Monopolist 
aller seelischen Neigungen, der die Bedürfnisse des Gemütes als 
ein Rechenexempel behandelt. Er ermittelt die Summe der 
vorhandenen Liebes- und Freundestriebe, dividiert sie durch die 
Kopfzahl und weist jedem sein Quantum zu. Eigentlich wäre 
diese Rationierung ganz korrekt; denn es ist ja nicht nötig, 
daß der eine als ein Krösus an Freundschaften und zarten Be- 
ziehungen dasteht, während sein Nebenmensch um ein bißchen 
Zuneigung betteln muß. Man könnte die Idee noch weiter spinnen. 
Ich denke es mir beispielsweise gar nicht übel, wenn das Sanitäts- 
wesen gründlich sozialisiert würde." 

— Dafür haben wir in der ganzen Welt die Ansätze im Impf- 
zwang, in der Krankenversicherung und anderen Einrichtungen. 
Wir hatten allerdings vor zehn Jahren radikale Reformer mit 
weit schärferem Programm. Sie behaupteten, es müsse der medi- 
zinischen Technik gelingen, die Einheitsarznei herzustellen und 
verlangten die gleichmäßige Verteilung dieses Medikamentes 
an sämtliche Patienten; auch dürfe keinem Kranken eine kräf- 
tigere Diät oder eine längere Bettruhe verordnet werden als dem 
andern. So weit ließ sich die Nivellierung natürlich nicht durch- 
führen, ebensowenig auf gewissen anderen Gebieten. Einige 
Extremisten versuchten sich an der Kunst; sie forderten das 
sozialisierte Theater und Orchester. Der Dirigent, so sagten sie, 
ist ein Monarch mit autokratischen Befugnissen; also fort mit 
ihm. Die Musikkapelle ist eine soziale Einheit, in der jedem Teil- 
nehmer das gleiche Recht an Taktzahl, Tonschwingung und Klang- 
stärke zusteht. Ähnlich im Theater. Wie kommt eine Heroine 
dazu, sich oben zehnmeterweis in Raumwillkür auszutoben, 
während unten die Souffleuse bewegungslos im engen Käfig hocken 
muß? Warum soll ein prominenter Schauspieler mehr Beifall 
und Lohn beziehen als ein Kulissenschieber? Tatsächlich ist 
dieses Extremprogramm sehr weit verfolgt worden; bis wir 
merkten, das wir über all diesen Organisationen, Tarif fragen und 
Gewerkschaften die Kunst doch allzusehr aus den Augen ver- 
loren .... 

154 



„Es gibt kein ,allzusehr', sollte ich meinen, in einem Staate, 
der doch ohnehin auf die Kunst keinen entscheidenden Wert 
legt. Entweder man sozialisiert, oder man unterläßt es . . ." 

— Oder man sucht die gesunde mittlere Linie, wie ich bereits 
betonte; auf die Gefahr hin, mit diesem Suchen niemals zu Ende 
zu gelangen. Genug davon! Ich möchte Sie jetzt einladen, mir 
in das Experimentier-Institut zu folgen. Sie werden dort Ein- 
blicke in Experimente gewinnen, die zum Teil in eine großartige 
mechanische Zukunft hinweisen. Dort werden Sie auch erfahren, 
daß gewisse Sorgen uns bedrücken, zu deren Linderung Sie bei- 
tragen können. Sie entsinnen sich, daß ich Ihnen bereits auf 
dem Schiff davon sprach. 

„Jawohl. Und wir verstehen Ihre Andeutungen jetzt ebenso- 
wenig, wie vorher. Aber gleichviel. Sie halten unserer Neugier 
eine neue Verlockung vor, — also zu den Experimenten 1" 



Wir gelangten in eine Abteilung für technische Versuche, 
von denen die Mehrzahl den Zweck verfolgte, unbeachtete Energien 
in nutzbare umzuwandeln. Hier galt das Prinzip: es darf nichts 
verloren gehen; und selbst wenn es sich um unerhebliche Be- 
träge handelt, sind wir verpflichtet, das Brauchbare aus ihnen 
herauszuholen. Das gehört zu den moralischen Erfordernissen 
der Mechanisierung. 

Als wir uns in den Experimentiersälen umsahen, bearbeitete 
einer der Hauptforscher, Professor Dnali, gerade das Problem 
der menschlichen Kinnbacken. Er hantierte mit etlichen Ver- 
suchspersonen, an denen er mittels sinnreich konstruierter Ap- 
parate folgendes konstatiert hatte: ein erwachsener Mensch 
von durchschnittlicher Körperanlage leistet mit seinen Back- 
zähnen bei einmaligem Kauen eine Kraft von rund 90 Kilogramm. 
Zur Verarbeitung der Nahrung braucht er aber nur 10 Kilogramm 
Kraftaufwand. Mithin werden bei jeder Kaubewegung 80 Kilo- 
gramm nutzlos verschwendet, welche der Allgemeinheit dienst- 
bar gemacht werden können. Die Aufgabe besteht also darin, 
einen Mechanismus zu konstruieren, der die überschüssige Kau- 
kraft auffängt und in zweckdienliche Arbeit umsetzt. Die Schwie- 
rigkeit liegt wesentlich darin, diesen Mechanismus so zu ge- 
stalten, daß er den Esser bei der Mahlzeit nicht behindert, ja 
von ihm gar nicht bemerkt wird. 

155 



Dies bewirkt Professor Dnali durch Telekinese. Das ist ein 
Verfahren der neuesten Technik, Kraft durch Projektionen 
und Effluvien in die Ferne zu verpflanzen. Eine Erweiterung 
der drahtlosen Kraftübertragung, bei der die Elektrizität durch 
vitale Schwingungen ersetzt wird. In ihren Prinzipien ist 'die 
Telekinese viel zu abgründig, als daß sie hier erörtert werden 
könnte. Genug, sie ist vorhanden, wir sahen ihre Effekte, ohne 
die physikalischen Zusammenhänge ergründen zu können. Und 
diese Effekte waren erstaunlich: hier saß eine Reihe von Leuten 
beim Essen — dort, auf Distanz und kausal scheinbar abgetrennt, 
wurde Holz gespalten und industriell verarbeitet. Die Kraft- 
quelle aber lag in den Kinnbacken. 

Ein Assistent Dnalis exerzierte im Nebenraum mit Tänzern 
und Tänzerinnen. 

Unabhängig von dem Tanzvergnügen, das man den Tänzern 
willig gönnt, werden diese selbst im Sinne der Forschung und 
Technik als Rotationsmaschinen betrachtet. Man berechnet: 
so und so viele Umdrehungen in der Stunde, so und so viel Meter- 
kilogramm Kraftarbeit, die nicht nutzlos in die Welt verfliegen 
darf. Dieser Energiebetrag ist aber bei einem Ball von Durch- 
schnittsfrequenz ein ganz ungeheurer. Und wiederum tritt die 
Telekinese in Funktion. Irgendwo in der Ferne werden Pfähle 
gerammt, Schienen genagelt, Granitblöcke behauen. Wer rammt, 
nagelt, behaut? Die rotierenden Tanzpaare mit ihrer aufge- 
fangenen und fortgeleiteten Kraftabgabe. Hierin liegt es auch 
begründet, daß man auf der Insel in den Tanztouren selbst die 
kräftigen Urformen bevorzugt, den Galopp und andere Arten 
mit stampfenden Rhythmen. Während wir beobachteten, wurde 
die überschüssige Tanzkraft gerade dazu benutzt, um zwischen 
zwei Häusern der Stadt einen Wohnungsumzug mit sehr er- 
heblichem Möbeltransport zu bewerkstelligen. 

Der genannte Professor hat es sogar ermöglicht, die Tanz- 
musik zur Arbeit heranzuziehen; freilich nur, um die Theorie 
zu stützen, denn es handelt sich hierbei um sehr geringe Beträge. 
Eine Kalorie ist nämlich äquivalent der Energie eines eben 
noch hörbaren Tones von zehntausend Jahren Klangdauer. 
Professor Dnali hat nun gezeigt, daß die Klangwucht eines voll- 
besetzten, den ganzen Abend hindurch spielenden Ballorchsters 
ausreicht, um einen Löffel kalte Planktonbrühe aufzukochen. 

Aber auch die geistigen Funktionen kommen für die Energie- 
Umwandlung in Betracht; und hier geraten wir in ein Gebiet 
der Zukunftsmechanik, in der die Praxis mit der Theorie noch 

156 



nicht gleichen Schritt zu halten vermag. Die seelische Güte zum 
Beispiel, die Geduld, die Ungeduld, das Hoffen, der Neid, sind 
nach Dnali Naturkräfte wie die Elektrizität. Wir müssen hier 
in eine neue Tiefendimension der Natur hinabsteigen und es zu 
erfassen suchen — was übrigens auch schon ein europäischer 
Gelehrter angedeutet hat — daß Elektrizität und seelische 
Funktion nicht nebeneinander in der Fläche, sondern hinter- 
einander in der Perspektive liegen. Wonach also der Mensch im 
Wirkungsfeld artverschiedener, horizontal und vertikal wir- 
kender Energien steht. Hier nun greift die Zukunftsmechanik 
ein mit der Forderung, die Arten ineinander zu überführen, 
das heißt also: Güte, Haß, Hoffnung, Neid und so weiter in 
Elektrizität zu verwandeln und damit eine Glühbirne zu speisen 
oder einen kleinen Motor anzutreiben. Die angestellten Experi- 
mente eröffnen hierfür die beste Aussicht, und vielleicht schon in 
einem Jahre wird man die ersten greifbaren Resultate erblicken. 
Dann wird man zum Beispiel imstande sein, eine unverhoffte 
Freude als Staubsauger zu verwenden oder mit einem bestimmten 
Quantum Langeweile ein Brett zu hobeln. 

„Da kann ich nicht mehr mit !" bemerkte Eva, als dies aus- 
einandergesetzt wurde. „Möglich ist ja auf Ihrer Insel alles, 
aber diese Entwicklung führt doch in eine Schreckenskammer 
der Wissenschaft; hier erlebt man ja eine mechanische Verge- 
waltigung des Seelischen." 

— Ich kann das nicht finden, entgegnete der Forscher, denn 
die Seele selbst ist etwas durchaus Mechanisches und verlangt 
als solches Eingriffe von außen. Das läßt sich beweisen. Ver- 
gegenwärtigen Sie sich einen historischen Fall: der große Pascal 
wurde in einer Nacht von heftigem Zahnweh gequält und griff 
zu dem Hilfsmittel einer Betäubung; nicht durch eine narkotische 
Substanz, sondern durch eine innere Vergewaltigung; er dachte 
angestrengt nach und fand in derselben Nacht eine große mathe- 
matische Wahrheit, nämlich das Gesetz der Cycloide. Also Ur- 
sache: der Zahnschmerz, Effekt: eine Erkenntnis. 

Dieselbe Wirkung hätte sich vielleicht eingestellt, wenn 
der Schmerz ausgeblieben und statt dessen dem Gehirn eine 
winzige Dosis Phosphor zugeführt worden wäre. Mithin war 
der Zahnschmerz äquivalent einer gewissen Phosphormenge. 
Da haben Sie schon den Übergang von der Psyche zum Stoff. 
Denn jene Phosphormenge vermag Kalorien zu erzeugen, sie wirkt 
chemisch mit meßbarer Energie, und ich bin sonach berechtigt, 
den nämlichen Energiebetrag dem Zahnschmerz zuzuschreiben. 

157 



Er hat etwas gehoben, hat eine Arbeitsleistung vollbracht. Ich 
selbst verwende in meinen Instrumenten das Cykloidenpendel 
und die cykloidische Konstruktion für Zahnräder, die einen 
technischen Effekt ausüben; und selbst in diesen Effekten 
steckt noch ein Nachklang von Pascals Zahnschmerzen. 

Forsankar unterbrach diesen Kursus mit dem Antrag, ihm 
in den Seitenflügel zu folgen, wo der Professor Japanurro medi- 
zinisch operiere. 

„Will der am Ende die sozialisierende Einheitsmedizin her- 
stellen?" fragte Eva. 

— Keineswegs. Er individualisiert sogar; aber er behandelt 
die Kranken nach einem neumechanischen Prinzip, das die 
gesamte Therapeutik außerordentlich vereinfacht. 

Wir gelangten in einen weiten Saal, an dessen Wänden hunderte 
von kleinen Wachspuppen aufgestellt waren. Jede Puppe bot das 
porträtähnliche Abbild eines bestimmten Insulaners und galt mit 
diesem als identisch in klinischer Hinsicht. Sobald nun jemand 
erkrankt, wird nicht "der lebendige Mensch, sondern sein Wachsab- 
bild in Behandlung genommen, es unterliegt besonderen chirur- 
gischen Eingriffen, mit dem Effekt, daß sich die Heilwirkung 
auf den wirklichen Patienten überträgt. 

Dieses Verfahren, hier real ausgeübt, wurzelt in einem ur- 
alten Zauberglauben der Griechen und Römer, die abergläubisch 
den schrecklichen Empusen die nämliche Fähigkeit beimaßen, 
die nunmehr mit dem Rüstzeug der Wissenschaft bewehrt vor 
uns auftritt. Wie ja zahlreiche Märchenwunder der alten Welt 
durch die moderne Technik nicht nur verifiziert, sondern sogar 
überholt worden sind. Die Empuse, so glaubte man, setzt ein 
Wachsbild dem Feuer aus, während gleichzeitig das Herz des 
lebenden Originals sich erweicht und dahinschmilzt. Para- 
c eis us hat diese Idee gedankenexperimentell weiter verfolgt, 
Charcot gab ihm das wissenschaftlich experimentale Gerüst, 
und auf Sarragalla wurde die Methode bis zur unbedingten Brauch- 
barkeit vervollkommnet. Sie heißt „Telurgie" und verhält 
sich zur alten Medizin wie die Funkentelegraphie zum urväter- 
lichen Briefbotendienst. Der noch zu erwartende Fortschritt 
bezieht sich lediglich auf die numerische Ausdehnung des Ver- 
fahrens; denn wir erblickten doch nur eine Minderzahl von 
Objekten, während die Regierung beabsichtigt, sämtliche Ein- 
wohner in Puppen zu reproduzieren. Ist dies erreicht, dann wird 
sich die gesamte Heilpraxis des Staates in einem einzigen großen 
Gebäude bewältigen lassen 

158 



Der telepatische Rapport wird durch magnetisierte Spiegel 
und eine besondere Strahlenart, Sigma-Strahlen, hergestellt. 
Mit deren Hilfe erfährt der Arzt schon an der Puppe ein etwa 
erst beginnendes Leiden, oft genug, bevor noch der lebendige 
Mensch die schmerzhaften Symptome wahrnimmt. Eben war 
der Professor Japanurro dabei, eine Darmoperation auszuführen, 
während ein Assistent der benachbarten Puppe den Magen 
auspumpte. Die Ausdrücke sind nicht ganz wörtlich zu verstehen. 
Es handelt sich vielmehr um höchst minutiöse Eingriffe der 
ärztlichen Feinmechanik, für die ich den groben Ausdruck an- 
deutend verwenden muß, da unser Sprachregister das zutreffende 
Wort noch nicht enthält. Jedenfalls unterliegt die telurgische 
Wirkung keinem Zweifel: das lebende Original wird durch die 
Operation geheilt und erfährt erst später, bisweilen sogar über- 
haupt nicht, daß seine Puppe mit Instrumenten bearbeitet 
worden ist. 

Auch das Prinzip des Ausgleichs und der Transfusion kommt 
zur Anwendung. Zeigt sich zum Beispiel an einer lebenden 
Person Hypertrophie, an einer anderen Atrophie desselben 
Organs, so werden die entsprechenden Puppen durch Überleitung 
des Plus auf das Minus ausgeglichen, wodurch sich bei den zwei 
Originalen der Normalzustand automatisch einstellt. 

Zahlreiche Fragen bestürmten uns, und immer größer er- 
schien die Schwierigkeit, in dieser Welt einer gesteigerten Mechanik 
das Leitseil der Erklärung in der Hand zu behalten. Man stelle 
sich einen Menschen der Steinzeit vor, der plötzlich in die moderne 
europäische Technik gestellt wird und hier mit seinem primitiven 
Warum und Weil aus einer Unbegreiflichkeit in die andere ge- 
schleudert wird. So ähnlich war uns zu Mute. Unsere Maßstäbe 
reichten nicht aus, das Schema unserer Erklärungsmöglichkeiten 
versagte. Uns blieb nur die Zuflucht in den waghalsigen Gedanken : 
Alles was mechanisch ausdenkbar ist, läßt sich auch mechanisch 
verwirklichen. Und es gibt nur eine Unmöglichkeit, nämlich 
die: etwas mechanisch Unmögliches zu ersinnen. 



Man bat uns, in ein Konferenzkabinett einzutreten. Hier 
erwartete uns der Sektionschef, mit dem unser Ingenieur, wie 
erinnerlich, durch die Taschenuhr telephoniert hatte. Er empfing 
uns mit höflicher Begrüßung und steuerte sofort auf den Haupt- 
punkt : 

159 



— Als Sprecher der Regierung bin ich beauftragt, Ihnen 
für Ihr Interesse an unseren Einrichtungen zu danken. Sie legt 
Gewicht auf die Meinung unserer fremden Gäste, zumal von dem 
Grade Ihrer Wertschätzung sehr Bedeutendes für uns abhängt. 
Wir befinden uns nämlich in der Lage, Ihre Hilfeleistung 
anrufen zu müssen. 

Wie Ihnen bekannt geworden, basieren unsere technischen 
Errungenschaften vorwiegend auf der Verwendung der Lambda- 
und der Sigma-Strahlen, die aus den Uran- und Thoriumlagern 
unserer Nachbarinsel Vorreia gewonnen werden. Fast alle Be- 
triebe sind hierauf eingestellt, da sie mit den sublimen Kräften 
arbeiten, die jene Strahlen durch Atomzerfällung aus der Materie 
herausholen. Aber auch unsere Feinmechanik, die Sie bestaunten, 
beruht letzten Endes auf den Wirksamkeiten der Lambdas und 
Sigmas, und sonach hängt unsere ganze Zukunftsentwicklung 
von dem Bezug jener Grundsubstanzen ab, die uns die Nachbar- 
insel bis vor Kurzem in ausreichenden Massen geliefert hat. 

Bis vor Kurzem, heute nicht mehr ! Denn seit vier Monaten 
hält sich Vorreia gegen uns wie mit einem undurchdringlichen 
Panzer abgesperrt und läßt keine Unze der Substanz hinaus. 
Unsere Vorräte gehen auf die Neige, wir arbeiten schon jetzt nur 
noch mit Drittelenergie, die Krisis steht vor der Tür. Gelingt 
es nicht, auf irgend eine W T eise die Sperre zu durchbrechen, so ist 
die Katastrophe unabwendbar. Eine Umkehr zur alten Technik 
ist für uns schon deshalb unmöglich, weil wir nicht einmal Kohlen 
besitzen, dann aber vornehmlich, weil ein Volk wie das unsrige 
das Abwelken seiner mechanischen Blüte gar nicht überleben 
würde. In längstens einem Jahre stünden wir vor unserem geisti- 
gen Tode. 

„Mir drängt sich die Vermutung auf," sagte ich, „daß der 
gelehrte Algabbi auf der Nachbarinsel diese Sperre verhängt 
oder verursacht hat." 

— Ja, er selbst. Er ist zwar politisch genommen nicht der 
König der Insel, übt aber dort eine geistige Autokratie aus, 
der man sich beugt. Und er hat wissen lassen, daß die einmal 
verfügte Sperre bestehen bleiben müsse, so lange er noch einen 
Atemzug in der Brust habe." 

Von unserer Seite kam die Frage, was ihn wohl zu dieser 
verhängnisvollen Sperre veranlaßt haben könnte, und ob da 
vielleicht ein Konkurrenzneid mitspräche. 

— Kaum anzunehmen. Das läge nicht im Charakter dieses 
Forschers. Wir kennen seine Motive nicht und betrachten sie 

160 



bis auf weiteres als ein Gewebe unergründlicher Altcrsschrullen. 
Algabbi selbst verweigert jede Auskunft. Wir haben alles Erdenk- 
liche aufgeboten in Verhandlungen, Deputationen, Bittschriften — 
ganz vergeblich. Seit einer Woche läßt er von uns überhaupt 
nichts mehr an sich heran, keinen Menschen, keine Zeile. Und 
nun kommt das Erstaunlichste: Als Sie noch auf hoher See 
waren, empfingen wir von ihm eine ganz unvermutete radio- 
graphische Botschaft, als Antwort auf unser letztes Gesuch vom 
vergangenen Monat. Ich will Ihnen den Wortlaut dieser Bot- 
schaft vorlesen: 

„Ich verbleibe auf meiner Weigerung, so weit sie sich auf 
die Regierung und die Angehörigen der Insel erstreckt. Da- 
gegen wäre es mir erwünscht, mit den fremden Gästen Fühlung 
zu nehmen, die demnächst bei Euch landen. Ich bin bereit, 
den Urheber der europäisch-amerikanischen Schiffsexpedition 
zu empfangen. Algabbi." 

Sie können sich vorstellen, wie diese Mitteilung bei uns einschlug. 
Sie bedeutet für uns den ersten Pfeiler zu einer Brücke der Ver- 
ständigung. Ja, vielleicht haben Sie es jetzt in der Hand, unser 
Schicksal zu wenden. Zunächst ist es wohl selbstverständlich, 
daß Sie der Aufforderung Folge leisten. Dann aber könnte doch 
der betreffende Herr den Anlaß wahrnehmen, um Algabbi zu 
unseren Gunsten umzustimmen. Er sollte es wenigstens auf den 
Versuch ankommen lassen, in Sachen der Sperre etwas auszu- 
wirken, da er der einzige ist, der dort zu Worte kommt, der einzige, 
der unser Retter werden kann. Dies ist der Inhalt unserer 
Bitte, die Ihnen Freund Forsankar bereits auf dem Schiff an- 
gedeutet hat. 

„Herr Minister," entgegnete ich, „Sie legen eine gewaltige 
Verantwortung auf meine schwache Schulter. Ich verspüre 
den Druck umso stärker, als ich eben erst anfange, mich in dieser 
mit so vielen Erstaunlichkeiten durchsetzten Welt ein wenig 
zu orientieren. Es ist mir deshalb sehr zweifelhaft, ob ich im- 
stande sein werde, einer überlegenen Größe wie Algabbi gegen- 
über geeignete Argumente aufzubringen. Wenn ich, wie doch 
wahrscheinlich, un verrichteter Dinge zurückkehre, wenn ich be- 
treffs des Uran- und Thorium-Exports nichts ausrichte, so wird 
mich entweder der Verdacht treffen, mein Wille hätte versagt, 
oder eine höchst peinliche Abschätzung meiner Fähigkeit als 
Parlamentär. Nichtsdestoweniger erkläre ich mich bereit, unter 
einer Bedingung: wenn der von mir erzielte Bescheid abschlägig 

Moszkowski. EMe Inseln der Weisheit. 11 161 



ausfällt, so entbinden Sie mich von der leidigen Verpflichtung, 
Ihnen den Inhalt meiner Unterredung mit dem Manne ausführ- 
lich mitzuteilen; ich bringe dann nichts zurück als das ein- 
fache „Nein"." 

— Ich verstehe Ihre Bedenken. Sie argwöhnen, daß Algabbis 
Motive vielleicht noch niederdrückender sein könnten, als die 
harte Maßregel an sich. Also bleibe es bei dieser Bedingung. 
Man benachrichtigt mich soeben, das ein kleines Boot unterwegs 
ist und in wenigen Minuten hier anlegen wird, um Sie an Bord 
zu nehmen. Das ist ein verheißender Anfang. Algabbi läßt Sie 
abholen! Daraus ist zu schließen, daß er sich Ihnen gegenüber 
nicht auf absolute Unerbittlichkeit festlegen wird. 

Die Gefährten begleiteten mich zur Abfahrt. Unterwegs 
brachte Mac Lintock eine praktische Anregung zum Vorschein; 
falls es mir nämlich gelänge, betreffs der radioaktiven Substanzen 
etwas zu erzielen. Sein Gedankengang war wie schon wiederholt 
sehr einleuchtend: auf Vorreia herrscht Überfluß an diesem 
Stoff, in New York wird das Gramm Radium, wenn überhaupt 
erlangbar, mit ioo ooo Dollars bewertet. Die Konklusion für 
den nüchternen Geschäftsverstand lag nahe. 



162 



Vorrcia 



Die rückschrittliche Insel. 

Die Fahrt zur Überquerung des vierzehn Kilometer breiten 
Meeresstreifens währte nur wenige Minuten. Der Fährmann, 
der die Bootsmaschine bediente, geleitete mich als auch Führer 
durch die stille, provinziell anmutende Ortschaft. An mehreren 
Stellen bemerkte ich Fabrikschornsteine, die nicht rauchten, 
Leitungsdrähte, die außer Funktion zu sein schienen, da sie 
zerrissen oder zerschnitten herabhingen. Ich erkannte die Anlage 
eines rollenden Straßenpflasters, das sich außer Betrieb befand, 
und in dessen Fugen junges Unkraut sproß. Die Menschen be- 
wegten sich ohne Hast, blieben vielfach stehen, sahen in den 
Himmel, machten den Eindruck von Leuten, die nicht recht 
wußten, was sie mit dem Tage anfangen sollten. In verschiedenen 
Vorgärten saßen Gruppen bei der Mahlzeit, anscheinend beim 
Frühstück, obschon sich die Sonne dem Untergang zuneigte. 
Zwischen Bäumen auf der Straße spannten sich Hängematten, 
in denen sich Männer und Weiber wiegten. Auf einem Geleise 
stand ein unbenutzbarer Trambahn wagen, aus dessen Fenster 
Trockenwäsche in den Wind hinauswedelte. 

Wir waren am Wohnhaus des Forschers angelangt, und mein 
Begleiter verließ mich. Ich kann nicht behaupten, daß ich be- 
sonders feierlich empfangen wurde. Eine Magd, die die Treppe 
fegte, wies mich mit nachlässigem Fingerzeig nach oben. Eine 
Entreeklingel war nicht vorhanden, allein die Tür war nur lose 
angelegt und sogleich stand ich in einem behaglichen Gemach, 
dem Manne gegenüber, der sich mühsam vom Lehnstuhl erhob, 
und mir die Hand reichte. Sein Äußeres entsprach dem Bilde, 
das ich mir von ihm entworfen hatte. Ein Leonardo da Vinci 
in bebrillter Ausgabe. Die Vorhänge waren geschlossen, und 
der Raum lag in der matten Beleuchtung einer Hängelampe. 
Nichts deutete auf Laboratorium oder Versuchswerkstatt. Auch 
die Bücherstapel und Skripturen verrieten kaum mehr, als daß 

U. 163 



man sich eben bei einem Geistesarbeiter befand, der darum 
durchaus noch nicht eine Leuchte der Wissenschaft zu sein 
brauchte. Aber von der Person ging ein Fluidum aus, etwas 
Transzendentes, wie eine magische Welle, deren Strömung man 
im Finstern verspürt hätte. 

Minder transzendent war die erste Anrede: „Sie sehen an- 
gestrengt aus, wie erklärlich, da Sie von Sarragalla herkommen. 
Die dortige Gesellschaft wirkt strapaziös. Also ruhen Sie sich 
zunächst einmal gründlich aus. Sind Sie hungrig?" 

Ich verneinte. 

— Dann leisten Sie mir beim Schlafen Gesellschaft. Damit 
kann man nie früh genug anfangen und spät genug aufhören. 
Hier ist ein breites Sofa, darauf sollen Sie sich bequem aus- 
strecken. Morgen wollen wir weiter reden. 

Ich wagte keinen Widerspruch und fügte mich seiner An- 
ordnung. Ich hatte Herzklopfen und sah der Nacht mit Bangen 
entgegen. Der Andere war in seinen Sessel zurückgesunken, 
und seine ruhigen Atemzüge rhythmisierten die träge schleichen- 
den Minuten. Schließlich löste sich meine innere Spannung, 
und ich unterlag der Müdigkeit. Als ich erwachte, war die Lampe 
erloschen, der Tag leuchtete durch die offenen Fenster. 

Gegen neun Uhr saßen wir am Tisch, der recht einladend mit 
Tee, Milch und Früchten besetzt war. Anheimelnd und gemütlich. 
Er bot mir eine schlanke Zigarre, während er sich selbst eine 
behäbige, auf Dauer berechnete Pfeife zurechtmachte. Ein paar 
Mal hatte ich angesetzt, um das große Thema aufzurollen — 
denn ausschließlich um zu schlafen und zu essen war ich doch 
nicht von Berlin bis Vorreia gefahren — aber eine abwinkende 
Handbewegung meines Wirtes bedeutete jedesmal: hat noch 
Zeit; nur keine Überstürzung. Endlich kam er meiner Ungeduld 
entgegen : 

— Sie sind zu mir gekommen, Heber Herr, weil ich Sie ein- 
geladen habe und weil Sie sich eines Auftrages von da drüben 
entledigen wollen. Dieser Auftrag wird uns nicht lange beschäf- 
tigen, wenigstens soweit er das Endergebnis betrifft. Dieses 
steht unverrücklich fest: die Sperre bleibt bestehen. Weit wich- 
tiger indes als diese Tatsache sind die Motive, die mich zu dieser 
Maßregel bewogen haben. Denn die Sperre ist nur eine lokale 
Angelegenheit zwischen zwei Inseln, die Motive aber betreffen 
die ganze Welt. Und es liegt mir daran, daß sie so weit als möglich 
hinausgetragen werden. Deshalb habe ich in meinem gestrigen 
Funkspruch Ihren Besuch beantragt. 

164 



„Herr Algabbi !" sagte ich, „gestatten Sie mir das Geständnis, 
daß ich einen Teil Ihrer Motive errate und würdige. Nichtsdesto- 
weniger möchte ich mich der Hoffnung nicht verschließen, daß 
es mir gelingen könnte, Sie umzustimmen. Die Insel, deren Ein- 
richtungen unsere Bewunderung erregt haben, befindet sich in 
offenbarer Not. Aus den Mienen des Ministers, der mir Ihre 
Einladung übergab, las ich die Furcht vor der Vernichtung. Wie 
auch die Dinge liegen mögen — zwischen Schuld und Sühne 
besteht hier kein Gleichgewicht. Und je höher Sie als Geistes- 
mensch emporragen, desto lebhafter muß Ihnen Ihr sittliches 
Bewußtsein zurufen, daß Sie nicht grausam sein dürfen." 

— Sie werden gut tun, die Begriffe grausam und mild ganz 
beiseite zu lassen. Nicht einmal der Begriff der Gerechtigkeit 
paßt hierher. Ich richte nicht, sondern vollziehe eine Notwendig- 
keit. Gewiß, ein Verhängnis steht bevor, aber ein ganz anderes 
als die da drüben vermuten. Die reden von Vernichtung, denken 
an körperlichen Untergang. Glauben Sie das nicht. Die Leute 
werden nicht verhungern. Äußersten Falles würde aus einem 
übervölkerten Lande ein unter völkertes werden, und das wäre 
für die Übrigbleibenden kein Unglück. Maximum ist ganz bestimmt 
kein Optimum, und wenn Hesiod gesagt hat, die Hälfte ist mehr 
als das Ganze, so ergänze ich: ein Zehntel lebt besser als zehn 
Zehntel. Das Verhängnis, dem ich einen Riegel vorschieben 
will, liegt in der Mechanisierung selbst, die nicht nur die Bevölke- 
rung der Gegenwart, sondern auch die der Zukunft verwüstet ; um 
so rascher und radikaler, je weniger die Menschen Zeit behalten, 
darüber nachzudenken. Zwei Jahrzehnte der Besinnung würden 
vielleicht genügen, um die schlimmsten Folgen abzuwehren. 
Indem ich Ihnen das Mineral absperre und ihre diabolischen 
Maschinen zum Stillstand bringe, verschaffe ich den Menschen 
die Atempause zur Besinnung; und darauf kommt es mir an. 

„Meister Algabbi,' rief ich, „Sie legen Maschinen still, die 
Sie selbst geschaffen haben, die gar nicht existieren würden ohne 
Ihr Genie ! Und Sie fallen Menschen in den Arm, die nur Ihre 
eigenen Impulse ausfolgern und praktisch fortsetzen!" 

— Ja so, ich bin inkonsequent. Aber die Konsequenz gilt mir 
als keine Tugend. Ich befinde mich in der Lage jenes Bildhauers, 
der seine eigene Skulptur mit dem Hammer zerschlägt, weil er 
und nur er allein, die Fehler seines Werkes erkannt hat.*) Oder 



*) Der grosse Naturforscher Swammerdam wurde von Grausen über seine 
eigenen Entdeckungen erfasst. Er erbaute aus seinen Werken, der Arbeit 
»eines Lebens, einen Scheiterhaufen und verbrannte alle seine Manuskripte. 

165 



in der Lage des großen Papstes Pius-Piccolomini, dessen Haupt- 
leistung darin bestand, daß er eine feierliche Bulle gegen sich 
selbst schleuderte. Newton, der Vater der Mechanik, bekannte 
sich schließlich zum Concursus Dei, also zum übernatürlichen 
Eingriff in das natürliche Fundament der Mechanik. Voltaire, 
der Kirchenzertrümmerer, endete als Kirchenerbauer mit Emp- 
fang der Sakramente, mit Beichte und Absolution. Ja, ich zog 
aus als Saulus und bin Paulus geworden, ich habe meinen Tag von 
Damaskus erlebt. Und in diesem Erleben liegt die Erkenntnis 
beschlossen: die mechanische Kultur muß abgebaut werden. 
Herunter mit dem Götzen der Zwangsläufigkeit, Umsturz der 
Altäre, die wir mit so vieler Kunst errichtet haben, um diesen 
Moloch hinaufzupflanzen ! 

„Dieser Kampfruf würde bedeuten: fort mit der ganzen 
Technik ! denn sie ist doch die Ursache der Mechanisierung, 
die wiederum dem Bedürfnis nach Fortschritt entspringt. Ich 
gebe zu, daß es schwer ist, das auseinander zu halten; man 
könnte ebenso sagen: der Wille zur Verbesserung läuft voran, 
und die Technik muß folgen." 

— So oder so — jede technisch überwundene Not erzeugt 
eine größere. Wir erfüllen einen Moment mit Befriedigung, um 
augenblicklich neue Nöte heraufzubeschwören, die zuvor gar 
nicht existierten. Wir kratzen mit den Nägeln in juckenden 
Wunden, die nur durch Ruhe ausheilen könnten. Das Ganze ist ein 
abscheulicher Circulus vitiosus; ein dummes Karussel. Sie 
kennen das Kinderspielzeug, Hund und Hase auf der gedrehten 
Kreisscheibe. Der Hund verfolgt den Hasen. Aber selbst das 
stupideste Kind begreift, daß da ebenso der Hase den Hund 
verfolgt. Nur die erwachsenen Menschen verrennen sich in die 
Ultrastupidität, hier nach Vorher und Nachher zu fragen. Tat- 
sächlich spielen Technik und Mechanisierung, Erfindung und 
Bedürfnis, die Rolle von Hund und Hase, die im Kreise wirbeln. 
Jedes jagt und wird gejagt, flieht und verfolgt. Ja, wenn es 
nur bei der blöden Betrachtung bliebe ! aber nein ; dieses wert- 
lose Spielzeug erscheint uns. so großartig, daß wir den höchsten 
Preis dafür aufwenden. Was es auch koste, gleichviel; wir be- 
zahlen es mit uns selbst, mit dem Einsatz unserer Persönlichkeit, 
mit unserem ganzen Leben. Noch mehr : wir stellen einen Schuld- 
schein auf die Existenz unserer Kinder und Enkel aus, mit der 
Verpflichtung, daß auch diese niemals aus dem Wirbel heraus- 
kommen sollen. Eine Sanktion bis ins Unabsehbare, niemals 
zu tilgen ! 

166 



„Die Zwangsläufigkeit der Prozedur darf gewiß nicht ver- 
kannt werden. Aber wir haben doch unsere Triebe nicht ge- 
schaffen, vielmehr sie in uns vorgefunden. Einer dieser Triebe 
drängt zu verstärkter Arbeitsleistung in Zeitersparung. Und da 
ist es doch evident, daß Erfindung und Technik diese Aufgabe in 
glänzender Weise bewältigen." 

— Die Erfindung an sich hat damit gar nichts zu tun; so wie 
ich sie verstehe als eine geistige Arbeit, die auf der Entdeckung 
beruht. Wenn ich teils intuitiv, teils experimentell Substanzen 
untersuche, neue Strahlungen aus ihnen entwickele, deren Wir- 
kung berechne und ausprobiere, so betätige ich mich als Ent- 
decker, der des Wissens Umfang erweitert. Vorerst denke ich 
nicht im Mindesten daran, daß der Techniker späterhin meine 
Strahlen vor seinen Karren spannen wird. Ebensowenig wie 
Oerstedt, Ampere, Ohm, Arago und Faraday an elektrische 
Eisenbahnen gedacht haben, als sie den Geheimnissen des 
Elektromagnetismus nachspürten. Aber dem Techniker entgehen 
wir nicht, und — leider ! — oft genug fährt nachträglich die tech- 
nische Besessenheit in uns selbst! In dieser Hinsicht bekenne 
ich mich als mitschuldig. Ja, ich habe praktische Maschinen 
erbaut, und was für welche! Ich habe ausgiebig mitgewirkt an 
dieser vielgepriesenen Zeitersparnis, die in Wahrheit nichts 
anderes ist als der vollendete Zeit-Bankerott ! Das ungeheuerste 
Volksvermögen an Zeit hätte sich doch daraus aufsammeln 
müssen, mit jedem einzelnen als Zeit-Millionär; und nun zeigen 
Sie mir einen, einzigen Zeitkapitalisten, auch nur einen, der an 
Zeit einen Notgroschen übrig hätte ! Die Zeit-Abundanz, auf- 
geblüht aus all den ersparten und auf summierten Tagen, Stunden 
und Minuten, wäre nämlich der einzige Kapitalismus, für den 
es verlohnte, zu arbeiten. W r ir müßten florierende Zeitbörsen 
haben, hochdividendige Zeitaktien, Zeitsparkassen, die gar 
nicht wüßten, wohin mit den vielen Werteinlagen. Statt dessen 
rennen wir mit keuchender Brust und heraushängender Zunge 
hinter der einen Minute her, die wir nicht einholen können. Das 
ist unser Genuß an den großen Erfindungen, das ist der Segen 
der Technik! Und da wir alle gleichmäßig japsen, alle in der- 
selben egalisierten Besinnungslosigkeit, da wir alle innere Be- 
sonnenheit ersäufen in dem einen Triebe der Minutenjagd, so 
verwandeln wir uns aus Individualitäten in unterschiedslose 
Glieder einer Meute, einer Horde. Die Persönlichkeit erlischt, 
wie im Insektenstaat. Der Vergleich reicht noch nicht. Denn die 
Ameisen und Bienen erfinden wenigstens keine neuen Beschleu- 
nigungen, sie wollen nichts überholen. Sie kennen zudem die 

167 



Differenzierung nach Arbeitern, Kriegern, Befruchtern und 
Königinnen. Verfolgen Sie das Tempo der Entwicklung und 
Sie werden erkennen, daß wir in der Egalisierung über jede 
Insektenmöglichkeit hinauswollen. Wir lösen uns in Zellen auf, 
in Moleküle. Noch ein paar solche Erfindungen, wie ich sie gemacht 
habe, und dann spalten sich wie in den Substanzen, so auch im 
Menschenbestand die Atome. Wir werden Kraftfelder, innerhalb 
deren kein Bewußtsein sich mehr sagen wird: „höchstes Glück 
der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit 1" 

„Keine schöne Perspektive. Aber letzten Endes werden Sie 
die Mechanisierung und Egalisierung doch kaum aufhalten 
können. Lassen Sie darüber abstimmen in der Welt, und Sie werden 
die überwältigende Mehrheit bei dem Prinzip der Menschen- 
gleichheit finden. Weil wir darin eine Forderung der Gerechtig- 
keit erkennen, und weil sich unser Gewissen gegen das Prinzip 
der Ungleichheit aufbäumt." 

— Ich werde nicht darüber abstimmen lassen. Und wenn 
ich es könnte, so würde ich eigenwillig erklären : die Minorität hat 
immer Recht. Swift erzählt von einem Idealstaat, der darum 
so vortrefflich gedeiht, weil immer das Gegenteil der durch Mehr- 
heit der Gesetzgeber erzielten Beschlüsse praktisch ausgeführt 
wird. 

„Sie schwärmen also für die Ungleichheit?" 

— Der Ausdruck ist falsch. Sie könnten ebenso fragen, ob 
ich für Tangenten schwärme oder für Logarithmen. Ich nehme 
sie einfach als Gegebenheiten. Von Natur aus ist alles verschieden, 
quantitativ wie qualitativ. Gehen wir einmal auf das Alier- 
elementarste zurück, auf die Reihenfolge der natürlichen Zahlen. 
Jede hat eine unendliche Menge überlegener Vordermänner, 
jede steht an dem Posten, über den Sie nicht hinauskann .... 

„Das betrifft doch nur die Größe, die numerische Rang- 
ordnung; im arithmetischen Wesen sind sie wohl gleich." 

„Keineswegs. Die Primzahl besitzt Qualitäten, die keine 
Nichtprimzahl mit ihr teilt. Eine Kubikzahl offenbart Besonder- 
heiten. Gauss hat gezeigt, daß einzelne Zahlen eigentümliche 
Genialitäten besitzen, so die 17, die 257. Die große Masse der 
Zahlen verliert sich bestimmten Anforderungen gegenüber in 
der Herde, während andere sich auszeichnen. Verändere ich 
die Anforderungen, so treten aus der Herde neue auserwählte 
hervor. Ähnlich ist es bei den Kurven. Was eine Parabel leistet, 
bringt keine andere Kurve zuwege, sei sie auch noch so wenig 

168 



von ihr verschieden. Ich will zu einem bestimmten optischen 
Effekt einen Hohlspiegel konstruieren. Da können Sie dekretieren, 
freie Bahn allen Tüchtigen, aber nur eine vermag sich da zu er- 
tüchtigen, eben die Parabel. Und diese wiederum versagt voll- 
ständig, wenn die Aufgabe so gestellt wird, daß nur der Kreis- 
bogen herankann. Jede Figur hat ihre Talente und Minder- 
wertigkeiten. Nirgends besteht Gleichheit. 

„Aber bei Organismen liegt das doch ganz anders!" 

— Nämlich noch viel unterschiedlicher. In der kleinsten leben- 
den Gruppe Gleichheit vermuten oder gar anordnen, das ist so, als 
wollten Sie zwischen Schwalbe und Mücke Gleichheit ansetzen. 
Wie ungerecht, daß die Schwalbe in einer Stunde fünfhundert 
Mücken verschlingt ! Diese Tyrannei muß aufhören. Aber nach 
Ausmaß der inneren Qualitäten unterscheiden sich Schwalbe und 
Mücke nicht stärker als zwei Lebewesen von derselben Art. Ein 
Kopf, zwei Arme, siebenPaar obere Rippen, zwölf Brustwirbel, das 
bedingt keine Gleichheit. Es kommt auf die Kurven an, welche 
die Elektronen in den Nervatomen beschreiben, und da setzen 
die Verschiedenheiten ein, milliardenweise. Könnte man diese 
Ungleichheiten ins Sichtbare hinaus projizieren, so würde man 
Erstaunliches erleben. Es wäre dann, als ob Mensch und Neben- 
mensch gar nicht derselben Art angehörten. Nehmen wir den 
Herrn Forsankar, der dort drüben seine Sache ganz talentvoll 
macht. Wenn der einen Kopf hat, so besitze ich hundert. 

„Meister, Sie widersprechen sich. Nicht mit den hundert 
Köpfen, die ich Ihnen gern zubillige, aber mit der Anwendung 
des Prinzips. Wenn die Ungleichheit naturgesetzlich feststeht, 
wie könnte dann die Mechanik alles egalisieren?" 

— Sie kann es nicht, aber sie will es, und indem sie ihren Willen 
mit Brutalität verfolgt, wirft sie uns zurück. Ich berufe mich 
noch einmal auf das Kurvenbeispiel: die Parabel als Phänomen 
läßt sich nicht vergewaltigen, aber ein parabolisches Metallstück 
kann man mit der rohen Zange biegen, und es verliert dann seine 
parabolischen Eigenschaften. So verfährt die Mechanik mit 
uns. Sie verändert unsere seelische Figur nach einer Schablone. 
Wir bleiben auch nach der Verbiegung noch ungleich genug, so 
ungleich wie eine Herde von einander sehr verschiedener Schle- 
mihle, die allesamt ihre Schatten, ihre Persönlichkeiten ver- 
loren haben. 

„Soeben sagten Sie, die Mechanik wirft uns zurück. Sie selbst 
aber wollen die Kultur ebenfalls nach rückwärts revidieren." 

169 



— Also wieder eine Inkonsequenz. Nur daß mein Zurück 
anders aussieht als das der Technik. Diese hat das Zeitalter der 
Dampf kraft heraufgebracht, das der Elektrizität, ist jetzt bei 
der Radioaktivität und wird beim Zeitalter der Atomisierung, 
der allgemeinen Vergasung, landen; immer mit dem Vorgeben, 
ein goldenes Zeitalter zu erreichen. Ich stelle mich auf eine ganz 
andere Perspektive ein : Nur die Maschinenkultur will ich zurück- 
schrauben zugunsten der Mcnschheitskultur, die sich zu jener 
verhält wie die künstlerische Freiheit zur Schablone. Ja, auch 
ich will nivellieren, aber nicht die Menschen untereinander, daß 
sie zum uniformen Brei werden, sondern die Hindernisse will ich 
abtragen, die sich der persönlichen Differentiierung entgegen- 
stellen. Mein Zurück ist ein Vorwärts, mein Ideal liegt gar 
nicht in der Vergangenheit. Nur in einzelnen Menschenbildern 
soll es die Züge der Vergangenheit tragen, in Menschenbildern, 
deren Träger stark genug sein sollen, um alle Schlüssel zu den 
Krafttresors der Natur zu erobern, und weise genug, um sie unter 
Verschluß zu lassen. Ich kann also nicht sagen, diese oder jene 
Vergangenheit wünsche ich zurückzukonstruieren ; wohl aber 
einzelne Persönlichkeitsmomente und Bewußtseinsinhalte der 
Vorzeit. Ich denke an das alte Alexandrien, an Smyrna, zur Zeit, 
da der Geist des Hippias dort umging, an das Perikleische Athen, 
an Lionardos Florenz, und wenn ich bis zur Neuzeit vorstoße, an 
das Goethesche Weimar. Wir auf den Inseln haben dergleichen nicht 
erlebt, da wir vom Schwungrad der Erfindungen umhergewirbelt 
wurden, bevor noch Persönlichkeiten sich entwickeln konnten. 

„Und wie müßten die Idealmenschen beschaffen sein, die 
Ihnen vorschweben?" 

— Ganz gewiß nicht antidiluvianisch. Sie müßten etwas vom 
Pythagoras in sich haben und vom Epikur; vom Appollonius 
und vom Galilei; vom Protagoras und Laplace. Ich stelle sie 
mir vor intuitiv veranlagt, mit Antennen des Geistes, die von 
der Achtung des Wirklichen bis zur Schätzung des Unwirklichen 
ragen; befähigt, die ganze Mechanik der Welt zu begreifen, 
ohne sich ihr auszuliefern. 

„Ich freue mich, daß der Wert des Unwirklichen in Ihrer 
Kulturmessung eine Rolle spielt. Mir fällt dabei die elegische 
Betrachtung unseres Dichters ein: Gleich dem toten Schlag 
der Pendeluhr dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere, 
die entgötterte Natur ! Darin steckt der Fluch der Mechanik in 
weitestem Sinne, und es klingt, poetisch gefaßt, nicht viel anders, 
als Ihre Gelehrtenprosa." 

170 



— Es besteht aber ein Unterschied. Dem entgötterten Menschen 
können wir einen Teil der verlorenen Gottheit wieder zuführen, 
schon dadurch, daß wir ihm die Augen öffnen für die destruktive 
Wirkung des Mechanisierens. Freilich genügt es nicht, ihm das 
Chaos im Bilde zu zeigen. Ich habe zu robusteren Mitteln gegriffen, 
nach der Methode Similia similibus. Will ich gegen die Mechanik 
etwas ausrichten, so muß ich mechanisch zu Werke gehen, also 
mit Brutalität. 

„Auf so kleinem Gelände wie hier mag das möglich sein; in 
der großen Welt würde Ihre Gegnerin Sie überrennen." 

— Irgendwo muß der Anfang gemacht werden, und einer 
meiner Zugriffe ist Ihnen ja bekannt geworden. Es war nicht 
mein erster. Hier auf Vorreia konnte ich teilweis etwas milder 
verfahren, sozusagen feinmechanisch, weil ich hier keinen Trotz 
zu befürchten habe. 

„Auch in Sarragalla habe ich nichts von Trotz bemerkt." 

— Man hat Ihnen nicht alles erzählt. Es gab drüben eine kleine, 
einflußreiche Partei, die meine Mineralsperre mit Gewalt brechen 
wollte. Das wäre schlimm ausgegangen. Denn unter uns, ich 
verfüge noch über einige kleine mechanische Hausmittelchen, 
durch die ich im Ernstfalle ihre ganze Insel hätte versenken 
können. Übrigens sind die Leute Idioten, denn sie besitzen in 
ihrer eigenen Erdtiefe Uran und Thorium und wissen bloß nicht 
wo. Ich habe die Minerallager durch meine eigenen fernmesse- 
rischen Beobachtungen festgestellt und werde mich hüten, ihnen 
die Stellen zu verraten. 

„Bleiben wir, bitte, bei der Hauptsache. Sehen Sie denn 
schon irgendeinen Erfolg Ihrer Kulturreform? Können Sie mir 
dafür irgendein Beispiel angeben?" 

— Die Einzelproben sind noch nicht überwältigend, allein 
sie genügen als Symptome und als Anweisungen auf die Zukunft. 
Vorreia hatte nämlich vordem eine sprunghafte Entwickelung. 
So besaßen wir die elektrische Beleuchtung lange vor den Euro- 
päern und Amerikanern, sie folgte bei uns im jähen Satze auf 
die Epoche des brennenden Kienspans, der Fackel und der Talg- 
laterne. Eine der vielen Überrumpelungen, welche die Technik 
zuwege bringt. Vor einiger Zeit nun verordnete ich die Ab- 
lieferung sämtlicher elektrischer Glühkörper. Das gab zuerst 
viel Verdutztheit und Kopfschütteln. Womit sollen wir be- 
leuchten, Algabbbi ? fragten die Insulaner. Mit einem weit besseren 
Apparate, den ich erprobt habe, sagte ich und stellte ihnen die 

171 



Öllampe auf den Tisch. Man fand die Leuchtkraft zwar etwas 
geringer, allein bald hieß es: wie praktisch, wie modern, ganz 
unabhängig von Drähten, von Anschluß, von Stromtücken! 
überall hin transportabel! Ein Kaufmann sagte mir neulich: 
für mich ist das eine wahre Erlösung; heut, da Sie noch leben, 
Algabbi, gehorcht Ihnen ja alles, aber wenn Sie einst tot sind, 
macht mir doch der erste Elektrizitätsstreik alle Räume finster! 
ich wäre ganz in der Hand einer übermächtigen Menge, die über 
mich Licht und Dunkelheit verhängen darf. Jetzt, da wir in die 
Epoche der Öllampe eintreten, ist diese Gefahr glücklich beseitigt. 
Und davon abgesehen, wie traulich wirkt dieses Licht, wie gesellig 
und anheimelnd! Etwas menschlich Intimes strahlt von ihm 
aus, wie vom Herdfeuer im alten Märchen, — ja richtig, Algabbi, 
das müssen Sie uns auch noch verschaffen; statt der kommunalen 
Fernheizung, die bei allem Wärmeeffekt die Gemüter erkältet; 
und die uns frieren lassen wird, wenn die Maschinisten draußen 
einmal Frost beschließen. 

„Worauf Sie natürlich mit der Erfindung des Kachelofens 
eingriffen. Sehr rückschrittlich, an ti kulturell im Kulturzeit alter 
der Lambdakräfte, aber doch dem goldenen Zeitalter um eine 
Idee näher als unsere Zentralheizung, die viel weniger nach meinem 
Temperaturbedürfnis fragt, als nach der sozialen Laune meines 
Hauspförtners." 

— Ich ging zu den Fabriken über und legte einige still. Zuerst 
Anstalten, in denen unnützes Zeug produziert wurde, Flitterkram 
und mechanisierter Tand. Da hatten wir, um ein Beispiel heraus- 
zugreifen, eine Fabrik für selbstspielende Flöten und Klarinetten ; 
wie denn überhaupt unser akusti eher Mechanismus eine Vor- 
probe dessen gibt, was Ihnen in Europa an klingenden Auto- 
maten noch bevorsteht. 

„Sehr gut so weit; aber Sie erzeugten durch die Schließung 
eine Anzahl Arbeitsloser." 

— Die größtenteils in anderen Betrieben Unterkunft fanden, 
besonders in lebenden Orchestern. Nämlich man entsann sich 
der urväterlichen Methode, diese Instrumente nicht durch ver- 
wickelte Apparate, sondern mit den Lippen zu blasen. Das hatte 
in der mechanisierten Umwelt zunächst den Reiz der Neuheit. 
Ein Zug der Modernität wurde spürbar in dem Verfahren, das 
menschliche Regung auf Instrumente überpflanzte, nachdem 
so lange das umgekehrte Prinzip geherrscht hatte. Andere Fa- 
briken mußten auf meinen Befehl folgen, mit dem Ergebnis, 
daß wir jetzt wieder die Anfänge eines Kunsthandwerks erleben. 

172 



Manche Gebrauchsgegenstände, wie Kassetten, Hausgeräte, vor 
allem Bücher, fangen wieder an, uns mit menschlicher Seele 
anzublicken, mit der Seele derer, die sie persönlich fertigen, und 
die vor wenigen Jahren in den uniformen Handgriffen der Fabrik 
zu Maschinen erstarrten. 

„Sagen Sie doch, Meister, wie halten Sie es mit dem Telephon ?" 

— Dem Telephon gegenüber gibt es eigentlich nur ein passendes 
Argument: die Axt! 

„Da wären Sie ja wieder bei der Brutalität. Aber ganz auf- 
richtig gesagt, und mit Verleugnung der Mission, die mich zu 
Ihnen führte, bekenne ich mich zu Ihrer Abneigung; obschon 
ich selbst viel telephoniere und manchmal ohne Telephon ganz 
ratlos wäre." 

— Weil die Generalaxt, die sämtliche Telephone in Splitter 
schlägt, noch nicht in Tätigkeit getreten ist. Nehmen Sie den 
Ausdruck bildlich. Entweder verfällt die Menschheit rettungslos 
der Mechanisierung, dann hat es keinen Zweck, sich bei dieser 
Erfindung aufzuhalten, die nur mitmordet, wo so viele technische 
Wunder den Seelenmord betreiben. Oder ein höheres Bewußt- 
sein bricht durch, ein anscheinend antikulturelles, dann wird 
dieses sich endlich besinnende Bewußtsein die Rolle der Axt 
übernehmen. Und wenn sie das, unwahrscheinlich genug, in 
Europa erleben sollten, dann werden Sie nicht mehr ratlos sein 
ohne Telephon; vielmehr nur ratlos, wieso sich die Menschheit 
diese Tortur hat so lange gefallen lassen. 

„Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Algabbi, so meinen Sie: 
der Einzelne kann sich des Apparates nicht entäußern, wohl aber 
alle zusammen." 

— Wie ich das hier schon durchgesetzt habe, durch generelles 
Schließen des Betriebes. Es wurde gemurrt und geknurrt, das darf 
ich Ihnen nicht verhehlen. Aber nach einiger Zeit befragte ich 
die besten Autoritäten der Volkswirtschaft, die Ärzte, die Juristen, 
und ließ sie bestimmte Statistiken aufnehmen: hat sich das 
Volksvermögen verringert? Ist die Sterblichkeit gestiegen oder 
die Kriminalität? Allgemein gesagt, ist im Gebiet der körperlichen 
und geistigen Güter ein Verschlechterungskoeffizient wahr- 
nehmbar geworden? Und es hat sich ergeben: keine Verschlim- 
merung in irgendeinem Felde, dagegen Verbesserung in vielen; 
Abnahme der Nervositäten, Zunahme an Zeitbesitz. Jawohl, 
Zunahme ! Eben weil alles langsamer ging und die Zeitbedrängnis 
des Einzelnen nachließ. Diese Bedrängnis ist nichts anderes 
als der persönliche Ausdruck der umklammernden Hetze Aller 

173 



mit Allen. Wird diese Klammer gelockert, so verwandelt sich 
die ungefühlte Minutenersparnis in einen deutlich gefühlten 
Stundengewinn. Freilich müßte eine Generation erst völlig 
vergessen haben, daß jemals telephoniert wurde, um die volle 
Segnung des Nicht-Telephons auszukosten. 

„Das will sagen, Sie haben noch jetzt Widerstände zu über- 
winden; sehr erklärlich; denn nichts Härteres kann dem Menschen 
zugemutet werden, als das Durchbrechen einer Gewohnheit." 

— Ich arbeite auf lange Sicht, und treffe Vorkehrungen, die 
mich überleben sollen. So habe ich ein Anti-Patentamt gegründet, 
und an dem Zuspruch, den dieses Institut findet, merke ich die 
wachsende Sympathie für meine Reform. Das Anti-Patentamt 
prüft alle Vorschläge, die eine praktische Abschaffung früherer 
Erfindungen bezwecken, vorwiegend unter dem Gesichtspunkt, 
daß der Ersatz langsamer arbeitet, das Hetzprinzip der Technik 
verleugnet und auf Einzel-, nicht auf Massenproduktion hinzielt. 
Und was glauben Sie, da regen sich neue Kräfte, vornehmlich 
unter den Jüngeren, die meine Kehrwendung mit Überzeugung 
und Intelligenz mitmachen. Ich kann Ihnen sagen, selbst damals, 
als ich die große Entdeckung machte, den Blick-Strahldruck 
des Auges in mechanische Energie zu transformieren, war ich 
nicht so stolz auf meine Errungenschaft, wie jetzt auf diese 
Gefolgschaft jener Leute, die aus der barbarischen Kultur der 
Mechanik herauswollen ! Eben für diese Stunde hat sich eine kleine 
Schar angemeldet, die mir ihre neuverfaßten Schriften über- 
reichen wird. Wenn es Ihnen Recht ist, lasse ich die Stürmer — 
genau gesagt Rückwärtsstürmer — eintreten. 

Da waren sie schon, Jungmannen mit eigenem Persönlichkeits- 
ausdruck; wie Figuren aus der Arena, bei denen sich der körper- 
liche in geistigen Sport umgesetzt hatte. Menschen, deren 
technisches Wissen sich in verschiedenen Richtungen entlud, 
philosophisch, physikalisch, dichterisch, sarkastisch; gesondert 
wie Kreisradien, die alle Punkte der Peripherie aufsuchen, zu- 
sammengehalten durch die Einheit ihres Mittelpunktes, des 
Meisters, von dem sie ausstrahlten. Ihm brachten Sie ihre Gaben 
in schönen, handgebundenen Schriftexemplaren; jeder Autor 
sein eigener Buchbinder. 

Algabbi nahm die Arbeiten entgegen, blätterte darin, lächelte 
befriedigt und reichte sie mir zur Einsicht. Aus ihren Titeln und 
Texten möchte ich einiges erwähnen: 

„Die Mythologie als Hauptdisziplin in der Schule." 
Neubelebung der alten totgeglaubten Symbole. Der Junge soll 

174 






angeleitet werden zu einer Weltauffassung, die den Glauben an 
die starre Mechanik überwindet und alles Erschaffene, Pflanzen, 
Gesteine, Ozeane, Bachqucllcn, Gewitter und Echo mit persön- 
lichen Lebewesen erfüllt. Eine klassische Farbigkeit des Bewußt- 
seins soll wieder anerzogen werden. 

Die Mythologie, so wird ausgeführt, offenbart ihre Hochkultur 
am deutlichsten in ihrer Feindschaft gegen Technik und Erfindung. 
Prometheus wird mit Recht vom Geier zerfleischt, denn er ist 
der Vater der Erfindungen. Wie schon sein Name ausdrückt: 
Prometheus, der Vordenkende, der nichts davon weiß, daß das 
Heil der Seele in der Besinnung auf alle Vergangenheit beschlossen 
liegt; der den Blitz stiehlt und dadurch die metallurgische und 
elektrische Fron über die Welt bringt. In seiner Bestrafung 
liegt Götterweisheit. 

Folgt Nebenexkurs auf Dädalus, den Urheber der Flugtechnik. 
Er selbst kommt mit dem Leben davon, aber sein Sprößling 
Ikaros muß abstürzen und ersaufen. Sinniges Symbol: die 
Sünden der Väter werden heimgesucht an den Söhnen. Dazu 
Hephästos-Vulkan, auch ein Sinnbild der Erzmechanik; der 
einzige mißgestaltete Gott, krumm und humpelnd, betrogen in 
der Liebe, Objekt des homerischen Gelächters. Er, der Hervor- 
bringer technischer Wunderwerke, der sich keine Ruhe gönnt, 
nie aufhört zu vervollkommnen, ist für die höheren Gottheiten 
eine komische Figur. 

Eine andere Schrift brachte die Zeugnisse anerkannter Denker 
über den Unwert der im heutigen Sinne verstandenen Kultur. 
Aus den Schriften von Montaigne und Darwin wurde haarscharf 
gefolgert, daß diese Kultur mit aller Notwendigkeit zur Verschlech- 
terung, ja zur Verelendung der Rasse führen müsse. Sie zitierten 
Stellen aus Ovid und Horaz, die von der Jämmerlichkeit und 
immer steigenden Erbärmlichkeit der nachfolgenden Generationen 
handelten. Genannt wird Lamartine: ,,Der Fortschritt ist eine 
Absurdität"; Fenelon-Rousseau : „Alle Laster entwickeln sich 
mit der Kultur, Gerechtigkeit, Weisheit, — alle Tugenden wohnen 
bei den Halbwilden." Schopenhauer- Hart mann: „Die fort- 
schreitende Intelligenz macht die Menschen unglücklicher." 
Chamisso findet die echte Kultur nur auf den unzivilisierten 
Inseln, dagegen in den Zivilisationskreisen der Fortschrittswelt 
die Barbarei. Dagegen gibt es nur einen Trost und eine Hoffnung: 
die zyklische Wiederkehr alles Geschehens. Nietzsche ? bewahre ! 
Die Theorie bestand schon weit schöner bei den Orphikern und 
Pythagoräern ; Cicero hat sie wiederholt, ähnlich Macchiavell 

175 



und Johannes Bodinus: velut in orbem redire videntur, die mensch- 
lichen Vorgänge sind Umwälzungen, sie scheinen wie in einem 
Kreise wiederzukehren; ist also, wie die Alten mit Recht an- 
nehmen, der Fortschritt eine Verschlechterung, so kann nach der 
Zyklentheorie wiederum eine Verbesserung eintreten, und hieraus 
ergibt sich die einzige menschenwürdige Aufgabe: wie beschleu- 
nigen wir diese Rückkehr? Durch die gesteigerte Intelligenz, 
die in allen Kulturschäden die Mechanisierung aufspürt und diesen 
Despoten niederkämpft. 

„Meister !" sagte einer der Adepten, „Wir sind außerdem 
gekommen, um Sie an ein Versprechen zu erinnern. Sie wollten 
uns doch Ihr neues Lichtbild-Theater zeigen. Wie wäre es, wenn 
Sie dies auf der Stelle täten?" 

— Dazu wäre ich gern bereit, erwiderte Algabbi. Allein ich 
habe hier einen Gast aus Europa, der mich gern auf Widersprüche 
festnagelt, und deshalb müßte ich eine Erklärung vorausschicken. 
— Und zu mir gewandt erläuterte er: Sie werden erstaunt sein, 
daß sich meine Jünger auf eine neue Erfindung von mir berufen. 
Ich, der ich mich auf meine alten Tage zur Antitechnik bekehrt 
habe, dürfte doch wohl selbst nicht mehr erfinden. Allein hier 
werden Sie einen Ausnahmefall erkennen. Diese von mir auf- 
gestellte Novität bezweckt nämlich nur, sinnfällig und körperlich- 
drastisch das Nämliche aufzuzeigen, was wir soeben theoretisch 
entwickelt haben. In ihr schließt sich der Kreis. Sie ist der letzte 
Ausläufer der Mechanisierung, dem ein überletzter nicht mehr 
folgen darf, und sie rechtfertigt sich dadurch, daß sie selbst den 
Beweis unserer Lehre in sich schließt. 

Was wir nunmehr erlebten, war ein dreidimensionales Kino; 
also ein Filmtheater, das sich von den Bedingungen der Flächen- 
projektion losgelöst hatte, um die Vorgänge in vollkommen 
körperlicher Optik darzustellen. Mit Figuren, die sich von le- 
benden Menschen anscheinend in nichts unterschieden, und die 
keine malerischen Perspektive brauchten, da sie im wirklichen 
Räume agierten. Nur dem Tastsinn hätten sie nicht standge- 
halten. Im übrigen bewegten sie sich, handelten und sprachen 
sie wie Menschen, diese körperlichen Schatten; denn in ihnen 
war auch das akustische Problem vollkommen gelöst durch eine 
restlos synchrone Phonographie, die zwar mechanischen Ursprungs 
war, aber in keinem Laut die mechanische Herkunft verriet. 

Der Wohnraum Algabbis verdunkelte sich, eine Seitenwand 
verschwand, zerfloß im Nebel und gab den Ausblick frei in ein 
beleuchtetes Laboratorium, worin mehrere Ingenieure eben 

176 



dabei waren, das äußerste Werk der Technik zu vollenden. Sie 
arbeiteten an einem wundervollen Modell, das die Krönung 
aller Mechanik vorstellte. Das war „der automatische Mensch", 
„der automatische Fabrikarbeiter", der, aus toten Substanzen 
hergestellt, vermöge des feinsten Innenwerkes einen vollkom- 
menen Ersatz für den wirklichen Arbeiter bot. Ja, er funktionierte 
noch weit exakter, als ein lebender, Fehlgriffe kamen bei ihm 
nicht vor, alle automatischen Handgriffe ergänzten einander 
bis zur Höchstleistung. Sie besaßen die mechanisierte Seele, in 
der das Taylor-System bis ins Extrem durchgebildet, mit psychi- 
scher Notwendigkeit herrschte. 

Während der folgenden Szenenbilder sah man diese Auto- 
maten bereits in voller Tätigkeit an den Maschinen, die sie be- 
dienten. Nur bei geschärfter Aufmerksamkeit konnte man er- 
kennen, daß ihrem Menschentum ein minimaler Rest von Un- 
organischem anhaftete. Im Gange hatten sie etwas Synkopiertes, 
in der Rundung ihrer Bewegungen gab es hin und wieder in- 
finitesimale Ecken. Der menschliche Blick ihrer Augen verriet 
auf Bruchteile von Sekunden einen kristallischen Schimmer. 
Ein ganz leises Knarren schien von ihren Muskeln auszugehen, 
und wenn sie sprachen, so schwebte in den Organen ein befremd- 
licher Unterton. 

In bestimmten Zeitintervallen öffneten die arbeitenden Auto- 
maten eine kleine Seitenklappe an ihren Körpern, um eine ölige 
Flüssigkeit einzuträufeln. Dann ging es weiter. An einer großen 
Wanduhr konnte man den Zeitablauf in Beschleunigung ablesen; 
in verkürzten Stunden, Tagen, Wochen, Monaten. Und hieraus 
entnahmen wir den Tatbestand, daß diese Automaten niemals 
ermüdeten. Sie arbeiteten vierundzwanzig Stunden am Tage, 
und ein Tag war wie der andere. 

Ja, sie schienen sich durch ihre Tätigkeit nur immer mehr 
zu vervollkommnen. Wie eine Cremoneser Geige, die doch auch 
nur ein Instrument ist, beständig in den menschlichen Gesangston 
hineinwächst, so überwanden auch diese Menschen-Maschinen 
von Stunde auf Stunde das Instrumentale. Immer seltener wurden 
die kristallischen Reflexe ihrer Blicke, und ihre Sprechstimmen 
gewannen Obertöne, die beinahe rednerische Klangfarben er- 
zeugten. In den mechanischen Seelen ging etwas vor, das über 
die Absicht der konstruierenden Ingenieure hinauswollte. 

Und plötzlich unterbrachen die arbeitenden Automaten ihre 
Beschäftigung, um zu einer Verständigung zusammenzutreten. 
Eben hatten sie noch in ihre Seitenklappen am Körper frisches 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 12 177 



öl aufgegossen, aber schon in dieser Bewegung lag Widerwilligkeit; 
in ihren Augen funkelte Drohung. Über den Vorgang konnte 
ein Zweifel nicht obwalten: Die Automaten organisierten 
sich. 

Die Ingenieure und die Unternehmer stürzten herbei um 
nach dem Rechten zu sehen und den unterbrochenen Betrieb 
wieder herzustellen. Aber das gelang nicht. Die Automaten 
hatten die Mehrheit und die Stärke für sich; und sie übten diese 
Überlegenheit in radikaler Form. Hier erfüllte sich das Schicksal 
des Zauberlehrlings: die ich rief die Geister, werd' ich nun nicht 
los! 

Man versuchte den rebellischen Automaten ihre Minderwertig- 
keit und Gehorsamspflicht klarzumachen: Ihr seid doch nur die 
Geschöpfe der Menschen, die euch ersonnen haben, deren götter- 
gleiches Ingenium doch gerade in eurer Konstruktion so glänzend 
zu Tage trat! 

„Göttergleich wollt ihr sein?!" schrie ein Automat, der kurz 
zuvor an einer Buchdruckermaschine gearbeitet hatte. „Und 
was schreibt ihr selbst über euch, was gebt ihr selbst über euch 
in den Druck?" Er schwenkte ein eben fertiggestelltes Buchblatt. 
„Hier steht es in Lettern: „Die Menschheit ist eine an Größen- 
wahn erkrankte Affenspezies" ! 

Algabbi flüsterte mir zu: „Das Wort ist von einem deutschen 
Philosophen, von dem hervorragenden Vaihingen" 

„Wir aber, wir Automaten" — setzte der Druckmaschinist 
fort — „sind keine Affen, und daß wir nicht an Größenwahn 
leiden, werden wir euch durch die Tat beweisen. Denn hart 
an hart zeigt sich die wirkliche Größe. Nur in uns steckt sie, 
nicht in euch. Kriechet zu Staub, ihr Kleinen, vor der Gewalt 
der Automaten!" 

Das szenische Schlußbild gewährte einen symbolischen Aus- 
blick in die durch jenen Aufstand erzwungene Neuordnung der 
Dinge. Vor den Betrachtern erschien ein Raum, der das oberste 
Staatsamt der mechanisierten Welt darstellte. Einige wirkliche 
Menschen schlichen darin umher als Boten, Aufräumer, Faszikel- 
träger, etliche schrieben in Maschinen nach Diktat. Minister- 
Automaten diktierten, verfügten, befahlen. Gewisse synkopierte 
Rhythmen in den Bewegungen blieben auch hier noch erkennbar. 
Hin und wieder griff eine Regiermaschine sich an den Leib und 
prüfte das Festsitzen der Schrauben. Aber das korrekte Wirken 
des gesamten Staatsmechanismus schien verbürgt, und kein 

178 



Protestlaut hob sich aus den Brüsten der menschlichen Lebe- 
wesen, die als Überbleibsel einer überwundenen Epoche ana- 
chronistisch und spukhaft vorüberglitten. 



„Meister Algabbi," sagte ich beim Abschied, „ich habe mich 
in Ihren Gedankengang einzuspinnen versucht und gestehe, 
daß Ihr Kinospiel bei aller Phantastik auf ziemlich realem Hinter- 
grund steht. Man braucht bloß statt des arbeitenden Automaten 
die neuzeitliche Maschine zu setzen, dann sind wir bei der Wirk- 
lichkeit. Sie, die Dienerin, die wir erschufen, um uns zu ent- 
lasten, tyrannisiert uns, unterjocht unsere Seele, saugt uns das 
Gemüt und die Zeit aus allen Poren, und wenn sie uns dafür als 
Lohn ihre Massenprodukte hinwirft, so sind wir die Lohnsklaven 
der Maschine". 

— Da hätten wir uns ja verstanden; und nun begreifen Sie 
wohl, weshalb ich zur Gegenorganisation aufrufe. Es ist die 
letzte Wehr gegen die Tyrannis der Objekte. Auf unserer Flagge 
darf nur der eine Merkruf stehen: „Besinnung"! 

„Trotzdem wiederhole ich noch einmal meine erste Bitte. Ich 
möchte nach Sarragalla nicht ganz mit leeren Händen zurück- 
kommen. Träger einer fatalen Botschaft zu sein ist ein undank- 
bares Geschäft; und bei den Leuten überwuchert die unmittel- 
bare Gegenwartssorge alle Besinnungsmöglichkeit. Sie ver- 
weisen sie auf eine Zukunft, die von ihnen, wie sie befürchten, 
gar nicht erlebt werden kann. Vielleicht entschließen Sie sich 
bezüglich der Minerallieferung zu einer geringen Konzession. 
Für jede Tonne von ehedem ein einziges Pfund; damit doch die 
Fäden zwischen den Schwesterinseln nicht gänzlich abreißen." 

Auch das setzte ich nicht durch. Es blieb bei der strikten 
Weigerung, und der Bescheid, den ich zurückbrachte, lautete 
bündig: Solange Algabbi lebt, keine Unze! 

Die Stimmung war trostlos, und wir Gäste litten mit unter 
der unheimlichen Spannung. Ich hatte das vorgefühlt, und man 
sagte uns nichts Neues, als man uns mitteilte, die Leiter des 
Staatswesens hätten auf meinen Besuch bei dem großen Gelehrten 
trotz alles Vorangegangenen die allergrößten Hoffnungen ge- 
setzt. Man hatte sogar schon ein Freudenfest geplant, in dessen 
Mittelpunk wir gestellt werden sollten. Jetzt herrschte Trauer, 
und wenn auch nicht aus Worten, so doch aus Blicken war der 
Vorwurf herauszulesen: dieser Deutsche hat es doch wohl an 

12* 179 



Nachdruck und Beredsamkeit fehlen lassen; Algabbi hat ihn 
eingewickelt, und schon beim ersten Motiv lag er wahrscheinlich 
platt am Boden. 

Aber das Bild änderte sich. Wir hatten den begreiflichen 
Wunsch, von der verurteilten Insel je eher je lieber loszukommen, 
und wir bemerkten auch keine Anstrengungen der Leute, uns zu 
längerem Aufenthalte zu nötigen. Nur sollte es nicht wie Flucht 
aussehen; wir setzten daher noch einen zweitägigen Zwischen- 
raum. Als wir am späten Nachmittag abreisten, meldete sich 
Forsankar, um uns bis ans Schiff zu begleiten. Auf seiner Physiog- 
nomie waren alle W T olken verflogen. 

„Also Sie haben sich beruhigt," sagte ich, ,, Recht so! Ihre 
Prognosen waren ja auch viel zu schwarz. Sie werden sehen, 
daß Sie einen Teil ihrer lebenswichtigen Betriebe auch ohne 
Zufuhr von Uran- und Thoriumerzen aufrecht erhalten werden." 

— Sie befinden sich im Irrtum. Die Betriebe wären ver- 
kümmert. Mein Ihnen so unvermuteter Optimismus hat einen 
anderen Grund. Die Sperre wird fallen. 

,, Nicht so lange Algabbi lebt." 

— Er ist tot. 

Ich verstummte in Erschütterung. Eva fragte: „Ein Schlag- 
anfall ?" 

— Wie man's nimmt. Es gibt auch Fernschläge. Und das 
Mittel, solche Schläge auf Distanz auszuteilen, beruht auf wissen- 
schaftlichen Tatsachen, die kein anderer ermittelt hat, als Algabbi 
selbst. Ich persönlich habe damit nichts zu tun. Aber einer 
meiner Kollegen hat sich wohl dieses Verfahrens entsonnen, das 
wir jetzt seit zehn Jahren kennen, ohne es je benutzt zu haben. 

„Dann hat er gemordet, der Schurke !" 

— Sie hatten nicht so viel Entrüstung in Bereitschaft, als 
der Erfinder dieser Tötungsmethode uns durch seine Sperre 
morden wollte. Was ist schließlich geschehen? Ein Menschen- 
leben weniger, ein längst verwirktes. Nicht der Rede wert im 
Vergleich mit so vielen. Dafür hat ja auch Ihre Ethik eigene 
ausreichende Rechtfertigungsgründe. 

Wir wandten uns ab und begaben uns auf die „Atalanta", 
die sich sofort in Bewegung setzte. Vom Lande her wehten uns 
geschwungene Tücher entgegen. Als es dunkel wurde, bemerkten 
wir durchs Teleskop das Aufsteigen zahlreicher Freudenraketen. 
Sie befanden sich offenbar wieder auf der Höhe der Situation, 
die Bewohner der mechanisierten Insel. 



180 



Helikonda 



Die Insel der schönen Künste. 



Ein beneidenswertes Eiland. Es mög~ ununtersucht bleiben, 
welchen Umständen die Insel ihre bevorzugte Stellung ver- 
dankt, ihre Wohlhabenheit und politische Ruhe. Genug, daß 
diese Voraussetzungen erfüllt sind, und daß diejenigen Elemente, 
die wir sonst als Verfeinerungen und angenehme Arabesken des 
Daseins betrachten, von der Bevölkerung als das Wesentliche 
ihrer Existenz mit allem Nachdruck gepflegt und ausgebaut 
wird. Die Kunst als Selbstzweck ist das Kennzeichen dieser 
Insel. 

Ihr leuchtete eines Mediceers Güte, der mit seinen enormen 
Reichtümern das Gefilde der Kunst berieselte. Von großzügigem 
Mäzenatentum erfüllt kannte er keinen anderen Lebenszweck, 
und nachdem er Appollini et Musis reichliche Einzelaltäre erbaut 
hatte, verfiel er auf den Gedanken, eine Stadt zu gründen, die 
durchaus und ausschließlich den schönen Künsten gewidmet 
sein sollte. Die Neigung des Volkes kam seinem Vorhaben ent- 
gegen, und mit der Schnelligkeit, mit der sonst nur in einem 
neuentdeckten Goldlande menschliche Siedelungen aufblühen, 
wuchs diese Stadt empor: Helikonda, deren gesamte Anlage 
vom ersten Plan angefangen als ein t)orado der Kunst gedacht war. 

Ihr war und ist das ganze Land tributär. Was Gewerbe und 
Handel in den anderen Ortschaf ten erzeugen, findet den materiellen 
Abfluß nach Helikonda. Ja, man kann sagen: diese andern Ort- 
schaften stellen das sehende, hörende, genießende und zudem 
zahlende Publikum, während Helikonda, zum Range der Haupt- 
stadt erblüht, den Inbegriff von Theater, Konzert, Museum 
und Kunstschule darstellt. 

In einem Dialog bei Moliere könnte man einen schwachen 
Hinweis auf diese Entwicklung finden. Dort werden der Tanz 
und die Musik der Philosophie übergeordnet und als die höchsten 

181 



Lebensnotwendigkeiten ausgerufen: „Ohne Musik kann ein 
Staat nicht bestehen." Eine etwas weiter reichende Folgerung 
zog Berlioz in seiner ,,Euphonia", die er als imaginäre Kunst- 
gemeinde in den deutschen Harz verlegte. Das war ein gedank- 
licher Versuch mit unzureichenden Mitteln. Tatsächlich ver- 
hält sich jene Skizze zu dem Helikonda, das wir erlebten, wie 
der schüchterne Auftakt eines kompositorisch beanlagten Knaben 
zum Lebenswerk eines Meisters; oder wie der erste Wettlauf 
zweier prähistorischen Wilden zu den olympischen Spielen. 

Es erinnerte an die pythagoreische Vorstellung vom tönenden 
Weltall. Die ganze Stadt klang, wenn man unter Klingen nicht 
etwas rein Akustisches, sondern etwas Kosmisches versteht. 
Schon in ihrer äußeren Anlage gab sie selbst sich als ein durch 
Plan, Ordnung und Programm bestimmtes Kunstwerk. In 
dessen Zentrum und Brennpunkt befindet sich ein ungeheurer, 
mit Kolonnaden im Berninistil eingefaßter, kreisrunder Platz, 
dessen Bauwerke bildnerischen, dramatischen und konzertanten 
Vorführungen dienen. Säle bei Sälen, darunter einer für Monstre- 
Darbietungen, bei denen dreitausend Mitwirkende sich vor zwölf- 
tausend Hörern vereinigen können. Museen, Ausstellungshallen 
Kunstschulen, Meisterateliers und die Paläste der Kunstbehörden 
vervollständigen das Rondell. Von diesem Platz strahlen stern- 
förmig viele Wohnstraßen nach außen hin, die jede für sich 
einen ausgeprägten Berufscharakter aufzeigen; es gibt eine Straße 
der Theaterdichter, der Epiker, der Lyriker, der Komponisten, 
der Sänger, der Instrumentalvirtuosen, der Ästhetiker, der Maler, 
der Bildhauer; und aus der Entfernung ihrer Häuser vom Zen- 
tralplatz läßt sich ein Schluß auf ihr künstlerisches Bekenntnis 
ableiten: die Konservativsten wohnen dem Mittelpunkt zu- 
nächst, die Entfernung von diesem bemißt sich nach dem 
Grade ihrer Sonderbestrebung, so daß die extremsten Vertreter 
der Neukünste bis an die Peripherie der Stadt rücken. Die Radial- 
straßen werden wiederum von konzentrischen Kreisstraßen 
durchschnitten, wonach sich also die einfachste Orientierung 
ermöglicht: Verfolgt man eine gradlinige Straße, so verbleibt 
man im bestimmten Fach und steigt in diesem vom Alten zum 
Modernen; bewegt man sich in einer Kreisstraße, so durchkreuzt 
man alle Berufe auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung. 

So weit hätten wir Fremdlinge uns auch ohne besondere 
Anleitung zurechtgefunden. Es gelang uns aber schon am ersten 
Tage, den Anschluß an einen Prominenten zu erreichen, nämlich 
an den Jahres-Präfekten der Stadt. Dieser wird nach einem fest- 

182 



gelegten Turnus aus den Einzelberufen gewählt, und es fügte 
sich, daß zur Zeit unseres Besuches ein Ästhetiker das oberste 
Amt verwaltete. Herr Spiridon, Kunstforscher und Spezialist 
in tonkünstlerischer Analyse, diente uns fortan als Führer und 
Erläuterer auf Helikonda. 

Die Rolle des Präfekten ist wesentlich als dekorativ auf- 
zufassen, wenngleich er auch administrative Befugnisse besitzt. 
Wir finden sie vorgebildet in Alt-China, das sich nach dem Zeugnis 
der Chinesenbibel, des „Chouking", eines besonderen Musik- 
ministers erfreute. In dessen Händen gediehen nach der uralten 
Überlieferung Akustik und Politik zu einer höheren Einheit, 
so daß er nur sein Spezialinstrument, den „Klingstein", an- 
zuschlagen brauchte, um unter allen Beamtenhäuptern volle 
Einstimmigkeit zu erzielen. Ein gewisser Nachklang dieser 
Einrichtung besteht auch auf unserer Insel, insofern die Musiker 
ihrem numerischen Übergewicht entsprechend, am häufigsten 
für die Präfektur in Betracht kommen. Im Vorjahr war ein 
Trompeter Präfekt gewesen, der wiederum einen Organisten 
abgelöst hatte. Ausnahmsweis kann sogar ein Instrumenten- 
bauer, ja ein einfacher Handwerker zu diesem Posten aufsteigen, 
denn sie werden in sozialem Betracht den Künstlern gleichgestellt, 
bewohnen ihre eigenen Straßen und betreiben ihre Fähigkeiten 
mit künstlerischem Einschlag, wie einst die zünftigen Meister- 
singer von Nürnberg, die mit derTabulatur so gut Bescheid wußten, 
wie mit dem Bügeleisen und dem Schusterpfriem. Wandelt man 
durch die Gassen der Inselstadt, so vernimmt man nicht selten 
Rhythmen schwierigster Gattung, die unsereiner dem äußersten 
Futurismus zuweisen würde; sie entquellen aber den Kehlen 
ortsansässiger Tischler, Spengler und Maurer, die vermöge ihres 
Berufes für das Gemeinwesen unentbehrlich, das allgemeine 
Prinzip der Ortschaft in ihre Persönlichkeiten aufgenommen 
haben. 

Bevor wir noch zum eigentlichen Genuß der klingenden und 
bildlichen Offenbarungen gelangten, hielt es Spiridon für nötig, 
uns historisch-analytisch in gewisse Besonderheiten seines Milieus 
einzuweihen. Er gab uns einen Abriß der hauptsächlichsten 
Entwicklungsstadien: die Insel besaß ursprünglich nur eine 
primitive Eigenkunst, bis die abendländische Kultur, durch 
Sendlinge in gedruckten und getönten Proben heimgebracht, wie 
eine Sturzwelle hereinbrach. Was sich auf europäischem Boden 
im Laufe der Jahrhunderte entfaltet hatte, das alles drang fast 
gleichzeitig in die Insel und stellte an das Auffassungsvermögen 

183 



der Bewohner die stärksten Anforderungen. „Es kam vor," — 
so sagte er — „daß unsere Genossen Böcklin und Leibl — natür- 
lich in getreuen Kopien — früher kennen lernten als Cimabue 
und Giotto; Reger, Korngold, Busoni und Schönberg früher als 
Clcmenti und Mozart; Stefan George vor Rückert und Eichen- 
dorff . Sie lernten nach rückwärts, von der Peripherie zum Zentrum. 
Aber auch für die Mehrzahl, die annähernd in der richtigen 
Chronologie verblieben, ergaben sich Bedingungen einer Men- 
talität, die sich anderswo nicht wiederholen können. Anpassung 
und Fortproduktion vollzog sich in einem Tempo, dessen Rapidität 
jeden Vergleich ausschließt." 

„Danach," meinte ich, „hätten wir in der hiesigen Entwicke- 
lung ein verkürztes Abbild der unsrigen zu erwarten, eine mit 
Siebenmeilenstiefeln absolvierte Kunstgeschichte." 

— In den Hauptzügen gewiß. Ich möchte da noch eine andere 
Parallele heranziehen. Sie kennen das biogenetische Grundge- 
setz: Die Keimt sgeschichte ist ein Auszug der Stammesgeschichte; 
die Entwickelung des Individuums von der Eizelle bis zum fer- 
tigen Menschen ist eine kurze und schnelle Wiederholung aller 
Vorgänge, die in dem langsamen Werden des ganzen zugehörigen 
Stammes enthalten waren. Fassen Sie unser Gemeinwesen als 
eine Person auf, so haben Sie das Gegenbild; es hat in kurzem 
Ablauf den ganzen Werdegang Ihrer europäischen Kunst repetiert. 
Und da es dieses Tempo als eine Lebensfunktion in sich aufnahm, 
so ist es auch befähigt, Kunsterscheinungen zu verwirklichen, die 
bei Ihnen, in der alten Kulturwelt, noch in weiter Zukunft 
schlummern. 

„Sie machen mich neugierig, Herr Präfekt; obschon ich mich 
da gewisser schwarzseherischer Ahnungen nicht entschlagen 
kann. Ich fürchte, uns werden da Schwaden entgegenwehen 
wie aus einem Hexenkessel. Mit Leidenschaft und Genuß blicke 
ich in die Vergangenheit der Künste, und gern flüchte ich aus 
der Gegenwart, um mich im Pantheon des Gewesenen zu ergehen. 
Aber gerade weil ich gewohnt bin, historisch zu fühlen, graut 
mir vor der Umkehrung der Perspektive. Wenn nicht alle An- 
zeichen der von mir erlebten Gegenwart trügen, wird das Pantheon 
der Zukunft stärker von Fratzen als von Götterbildern erfüllt 
sein." 

— Das können wir in Voraussicht kaum entscheiden. Nur 
müssen wir uns als kunstsinnige Menschen auf alle noch so fernen 
Möglichkeiten einrichten. Hätte Ihre Anschauung stets gegolten, 
so wäre die Kunst nie über die Uranfänge herausgekommen, sie 

184 



stünde noch heut bei Amphion und Orpheus, bei den Höhlen- 
malereien der Steinzeitmenschen, und die Welt hätte niemals 
einen Michelangelo, geschweige denn einen Archipenko erlebt. 
Also bleibt uns nichts übrig, als auch im Extremsten die berech- 
tigten Kerne herauszuspüren und sie als entwicklungsberechtigt 
gelten zu lassen. Wichtiger als jeder Rückblick ist die Witterung 
für die lebendigen Genies, die ihre Fühlhörner in die künftigen 
Neuländer strecken." 

„Haben Sie solche Genies auf der Insel?" 

— Sie werden Sie kennen lernen. Ganz offen gestanden, hatte 
ich in mir selbst schwer zu arbeiten, ehe ich mich zur vollen 
Anerkennung ihres Wertes durchrang. Aber ich habe den Läu- 
terungsprozeß bestanden; und jetzt spreche ich nicht nur für mich, 
sondern für die überwältigende Mehrheit meiner Volksgenossen 
wenn ich verkünde, diese Künstler, unsere Vorstürmsr, sind wahre 
echte apollinische Genies. Nicht mehr darauf angewiesen, sich 
wegen einiger Tropfen zum kastalischen Quell zu bücken, da sie 
den kastalischen Ozean entdeckt und für uns erschlossen haben. 
Vor allen sind da drei Größen erster Ordnung, Siriusse am Kunst- 
himmel von Helikonda: der Komponist und ausübende Ton- 
künstler Kakordo, der Dichter Dadalbra und der Maler-Bildhauer 
Patzoha. Schwer genug hat es mir ja die Trias bisweilen ge- 
macht, ihren Spuren zu folgen, und mich in den zahlreichen 
Richtungen ihrer Stile zurechtzufinden . . . 

„Erlauben Sie — es sind doch drei, da kann doch höchstens 
von drei Richtungen die Rede sein?" 

— In diesem Irrtum war auch ich befangen, und viele mit mir. 
Bis uns die eigentliche Natur dieser Bahnbrecher aufgirfg. Deren 
Stärke besteht nämlich darin, daß sie immer wieder neue Rich- 
tungen auffinden, in die sie uns jedesmal durch die Genialität 
ihrer Offenbarungen hineinzwingen. Ja in ihren eigenen Werken 
und Theorien wechseln sie unablässig die Richtung. Und wie die 
neuesten Physiker behaupten, man müsse für jeden Punkt im 
Weltall eine besondere Mathematik in Bereitschaft halten, so 
stellen sie für jeden Punkt ihrer Hervorbringung ein neues künst- 
lerisches Glaubensbekenntnis auf. 

„Ich würde das Zickzack nennen." 

— Das erschien mir ursprünglich ebenfalls so. Allein wenn wir 
abfällig Zickzack sagen, so spricht aus uns ein geometrisches 
Voi urteil. Wir könnten ebenso den Blitz bemängeln, weil er im 
Zickzack dahinfährt. Diese gebrochene Linie gehört eben zum 
Fulminanten, und jene drei Meister verstehen sich aufs Blitzen. 

185 



Übrigens brauchen wir ja nicht mit den kompliziertesten Er- 
scheinungen zu beginnen; wenn es Ihnen beliebt, beschäftigen 
wir uns vorerst mit einfacheren Kunstübungen. 

Wir hatten das Gespräch in der Wandelhalle eines Haupt- 
gebäudes am Zentralplatz geführt. Jetzt betraten wir einen 
Musiksaal von bescheidenen Ausmaßen. Es fiel mir auf, daß 
Spiridon den alten graubärtigen Saalhüter, der uns die Tür öffnete, 
mit „Herr Kollege" anredete. 

— Ein schnurriger Kauz — erzählte unser Begleiter — der 
auf diese Titulatur Wert legt, da er vor zwanzig Jahren Präfekt 
der Ortschaft gewesen ist. Er hatte damals gewisse Verdienste 
um die einheitliche Organisation unserer Kunststadt, nur daß 
er die Sache allzusehr ins stramm Militärische übertrieb. Die 
Zunftordnung genügte ihm nicht, vielmehr betrieb er die Einteilung 
der Künste nach Bataillonen, Kompagnien und Rotten mit 
Uniformen und Gradabzeichen. Es gab komponierende Ritt- 
meister, dichtende Hauptleute, die zu Majoren befördert wurden. 
Die Allegrosätze der Symphonien sollten ein für allemal auf den 
Pendelschlag des auf ioo gestellten Staatsmetronomen gestellt 
werden. Dazu kamen eigensinnige Verbote, zum Beispiel gegen 
Stücke, die von Posaunisten mehr als sieben Kubikmeter Blase- 
luft beanspruchen. Er scheiterte schließlich an den Kabalen 
einer Sängerin von der dritten Sopran-Batterie zu Fuß, die er 
wegen Versagens der hohen Töne zum Altistinnen-Train versetzt 
hatte. Noch heute, als längst Pensionierter, beklagt er die Ver- 
wahrlosung des Ordnungsprinzips und träumt sich in die gute 
alte Zeit zurück, da er noch auf Zucht und ichärfstes Kommando 
im Kunststaate halten durfte. 

Schon durch die geschlossene Tür waren die Töne der Mozart- 
schen „Jupiter-Symphonie" zu uns gedrungen, und als wir den 
Saal betraten, intonierte die Kapelle den letzten Satz, das Meister- 
stück kontrapunktischer Kunst mit der Tripel-Fuge, das uns mit 
allem Glanz eines olympischen Jupiters entgegenstrahlt. Also 
doch auch Pflege der Klassizität in einem so vorgeschrittenen 
Musikstaat ! Und diese erfreuliche Überraschung steigerte sich noch 
durch die Pracht der orchestralen Wiedergabe. Freilich merkten 
wir bald, daß es damit weniger auf die Entzückung, als auf die 
Belehrung der Hörerschaft abgesehen war. Denn nach dem 
Finale betrat ein Theoretiker das Podium, ein Conferencier, der 
in wohlgesetztem Vortrag die eigentliche Bedeutung dieser 
historischen Konzerte erläuterte. Er sprach von Mozart als von 
einem Petrefakt, von seiner Symphonie als von einem fossilen 

186 



Überbleibsel einer antidiluvianischen Epoche. Mit frostigen 
Worten zergliederte er deren Bauart, so wie ein Zoologe das 
Skelett eines Ichthyosaurus erklärt, mit dem Hinweis darauf, 
daß die lebendige Wirklichkeit sich nur noch aus wissenschaft- 
lichen Gründen mit solchen vermorschten Gerippen zu beschäftigen 
hätte. Hierin läge der Sinn dieser historischen Konzerte, welche 
die grauen Schatten der Vergangenheit heraufbeschwören, um 
im Kontrast die Errungenschaften der künstlerischen Neuzeit 
desto heller aufleuchten zu lassen. 

Der Vortragende sprach von diesen Errungenschaften. Vom 
Durchgangsstadium des klingenden Expressionismus, der mit der 
äußersten Zähheit einer gänzlich in geistigem Erleben aufgelösten 
Transzendenz die Innengewendetheit zu einer expressiven Durch- 
schlagskraft umbilde, gleichsam in vorausschauender Exzessivität 
des Aktivismus; sprach noch zahlreiche derartige Erbaulichkeiten, 
die uns Fremdlinge nicht ganz fremdartig anmuteten; erging 
sich in schleierhaft wehenden Redewendungen, um das Ergebnis 
zu gewinnen: man müsse auch von den unbeholfenen Stamme- 
leien eines Mozart, eines Bach Kenntnis nehmen, um die neuesten 
Kunstblüten und Kunsttendenzen, namentlich in den Schöpfungen 
des großen auf Helikonda wirkenden Meisters Kakordo so recht 
würdigen zu können. 

Lebhafter Beifall folgte diesen Ausführungen, während die 
Symphonie vorher kein Zeichen der Ergriffenheit ausgelöst hatte. 
Nur ein vereinzeltes ältliches Fräulein war uns aufgefallen, die 
den Klängen Mozarts mit stiller Verträumtheit und mit beseligten 
Reflexen im Antlitz folgte. „Das ist nämlich eine Unbelehrbare," 
sagte uns der Präfekt; „eine ganz rückständige, die wir in der 
Gemeinde als ein Kuriosum mitschleppen. Sie bedeutet unter 
den Empfangenden ebenso ein Fossil, wie Mozart unter den 
Hervorbringern. In der nächsten Generation werden derartige 
Versteinerungen nicht mehr vorkommen." 

Wir wandten uns einigen Nebensälen zu, die den Ausübungen 
der Virtuosität gewidmet waren. Hier gab es noch die vertrauten 
altertümlichen Instrumente, Pianoforte und andere, während 
für die letzten Ausläufer der Helikondischen Kunst, wie wir 
bald erfuhren, ganz andere Apparate in Tätigkeit treten. „Die 
Virtuosität," erklärte Spiridon, „gilt uns als ein Kunstfaktor 
für sich. Wäre sie nur eine gesteigerte Handfertigkeit, so würden 
wir sie verleugnen. Sie beruht aber auf dem Zusammenwirken 
der Koordinationszentren im Gehirn und muß somit als eine 
geistige Angelegenheit gepflegt werden." 

187 



Bis zu welchem Grade die Materie durch den Geist überwunden 
werden kann, davon erhielten wir eindringliche Proben: Fünfzig 
Pianisten spielten gleichzeitig ein und dieselbe schwierige Toccata 
in vollkommenstem Unisono und absoluter Koinzidenz. Bei ge- 
schärftester Aufmerksamkeit vernahm man tatsächlich nur das 
eine Stück, mit fünfzig multipliziert. Hiernach exekutierte ein an- 
derer Künstler die vollständige Appassionata von Beethoven in vier 
Minuten. Nicht etwa der Zeitersparnis wegen, denn dies Prinzip 
der mechanisierten Insel spielt hier keine Rolle, sondern lediglich 
zum Beweise einer über alle Vorstellung hinausragenden musi- 
kalischen Technik. Der nämliche Virtuos lieferte folgende erstaun- 
liche Zugabe: er meisterte mit der rechten Hand die Paganini- 
Etüden von Brahms und gleichzeitig mit der Linken die spanische 
Rhapsodie von Liszt. Das hatte einen doppelten Zweck. Erstens 
offenbarte sich die magistrale Unabhängigkeit in der Massen- 
disziplin der Finger, zweitens ergaben sich aus diesem unerhörten 
Duo von Rechts und Links Neuklänge mit ungeahnten musi- 
kalischen Offenbarungen. Es war sehr nebensächlich, daß sie 
unseren Ohren übel klangen; wir waren eben nicht vorgebildet 
genug, um in der Kakophonie die klanglichen Schönheiten so 
sicher herauszufühlen, wie die Mehrzahl der Hörer. 

Ein Raum war zur Manege umgeformt und hatte die Bestim- 
mung, einer gewissen Zukunftskunst zu dienen, in der musische 
Elemente mit Sport und Gymnastik zusammenfließen. Hier 
üben parnassische Muskelmenschen. Einer spielte, am Schwebe- 
trapez mit den Zähnen hängend ein vielgriffigcs Geigenkonzert, zu 
dem ein mit Zentnergewichten balancierender Dichter in anapästi- 
schen Dithyramben den dichterischen Kommentar vortrug. Ein 
Reiter auf raschem Pferd stehend entwarf die kubistische Skizze 
einer Landschaft auf festgehaltener Leinwand. Unsere Gefährtin 
Eva vermißte darin die Naturtreue und Perspektive. Allein der zu- 
fällig anwesende Großmeister Patzoha fand zu lobenden Äuße- 
rungen Veranlassung, und gegen das Urteil dieses Ultra-Malers 
gibt es in Helikonda keine Berufung. 

Weiterhingerieten wir an die ,,Opto phonische Abteilung", 
der das Problem zufällt, Sichtbares in Klingendes umzuwandeln. 
Im Prinzip durfte diese Aufgabe schon seit Jahrzehnten als ge- 
löst betrachtet werden, da sich durch Einschaltung verbindender 
Induktionsströme eine Brücke von der Optik zur Akustik schlagen 
läßt. In den einzelnen Vervollkommnungen werden alle Scheide- 
wände zwischen den zwei Welten eingerissen; hier zeigt uns 
die Gilde der Optopho nisten, daß es möglich ist, jeden gegen- 

188 



ständlichen Vorgang, insonderheit jede bildliche Darstellung, zu 
einem tönenden, konzertanten Ereignis umzubilden. 

Man kam uns, den Rückständigen, insoweit entgegen, als 
man uns zunächst verständliche und allgemein bekannte Farben- 
gemälde vorführte. Das Optophon war so montiert worden, 
daß es die Figuren eines Heiligenbildes aus der Renaissance der 
Reihe nach bestrich und in Klangvibration versetzte; wodurch 
wir den Eindruck gewinnen sollten, als ob die gemalten Gruppen 
des Rafaelischen Schinkens den melodiösen Kommentar zu ihrer 
eigenen Existenz lieferten. Unsere Erwartung war auf einen 
kirchlichen Choral gerichtet, allein es erhob sich nur ein summen- 
des, formloses Geräusch. Woraus zu schließen war: das Experi- 
ment hatte seine Schuldigkeit getan, und nur wir mit unseren 
unzulänglichen Organen waren dem Experiment nicht gewachsen. 

Nun wurde das Verfahren umgekehrt. Man spielte die 
Hebriden-Ouverture von Mendelssohn und verwandelte sie 
optophonisch in ein Bild. Wiederum scheiterten wir am Effekt, 
da wir nur einige irre Lichtzuckungen wahrnahmen. Aber 
die mit überlegenen Empfangsnerven ausgerüsteten Nachbarn im 
Saal erklärten, sie sähen ganz deutlich die optisch-landschaft- 
liche Erscheinung der Fingalsgrotte. Vielleicht kommt es auf 
die Stärke der Phantasie an, die der Seh-Hörer oder Hör-Seher 
solcher Veranstaltung entgegenbringt. Und es war ja schließlich 
erklärlich, daß die Kunstinsulaner über eine regere Einbildungs- 
kraft verfügten, als wir im Philistertum dämmernden Fremdlinge. 

Der Direktor der optophonischen Abteilung gab uns noch 
einige wertvolle Winke. Seiner Ansicht nach steht die Opto- 
phonie mit all ihren Mirakeln erst im Anfang ihrer Entwickelung. 
Deren Schluß wird bedeuten: Ersetzung des Komponisten, des 
Malers und schließlich sogar des Dichters durch das Instrument. 
Wir bezweifelten dies, und ich muß anerkennen, daß der Präfekt 
unserem Zweifel zu Hilfe kam. „Gewiß," meinte er, „wird man 
binnen kurzem elektrisch komponieren und farbdichten, nur 
werden sich diese Hervorbringungen an Tiefe und Bedeutung 
niemals mit den Werken unserer Ultra-Genialen zu messen ver- 
mögen." 

Wo waren nun diese Werke ? Wie klangen sie, wie sahen sie 
aus? Darüber blieben wir einstweilen im Dunkeln. Es schienen 
betreffs ihrer Vorführung Schwierigkeiten obzuwalten, die man 
uns nicht erklären konnte oder wollte. Auch die letzte Nummer, 
die uns auf dieser Streife geboten wurde, bewegte sich noch in 
einem Fahrwasser, das uns, wenn auch nicht vertraut, so doch 

189 



nicht ganz außerweltlich vorkam. Sie betraf eine von dem Vorläufer 
Kakordos verfaßte Symphonie in K-Dur. Dies ist eine in unserem 
System nicht existierende Tonart, die sich auf der Skala C, Cis, 
Es, F, Halb-Ges, Dreiviertel-As, Hoch-B, C aufbaut. Sie ist 
für ein Orchester von 3000 Mann geschrieben, und zwar so, 
daß sie eine Minderzahl, etwa von 2800 Musikern, gar nicht 
aufzuführen vermag. Die Gesamtgestaltung des Werkes ging 
über meine Fassung hinaus, indes vermochte ich doch gewisse 
Leitmotive nicht nur zu erkennen, sondern sogar wiederzuer- 
kennen. Ich habe nämlich einmal vor langer Zeit, auf einer Welt- 
ausstellung, ein Orchester von Bantunegern gehört und einige 
Themen in der Erinnerung behalten. Da zeigten sich mir auf- 
fallende Ähnlichkeiten. Die Qualität des Ganzen freilich war 
eine ganz andere und übertraf dynamisch sogar die Höhe der 
Klassizität. Die Eroica zum Beispiel läßt sich mit 50 Mann 
sehr gut aufführen, und man hat nur noch nötig, 50 in 3000 zu 
dividieren, um herauszubekommen, daß jene K-dur-Symphonie 
60 mal stärker wirkt, als die in Es-dur von Beethoven. 



An einem der nächsten Abende befanden wir uns im Heim 
des Präfekten, der uns zu Ehren einen kleinen Empfang veran- 
staltete. Dort lernten wir auch die drei Übergenialen kennen, 
denen die Insulaner nahezu göttliche Ehren erweisen. In 
zwanglosen Gruppen wurden Themen angeschlagen, deren Er- 
örterung mehrfach zu ungeahnten Gipfeln der Ästhetik empor- 
führten. Ich werde die Gesprächspartner nicht durchweg einzeln 
nennen; rechne vielmehr darauf, daß der Leser auch dort, wo 
ich es unterlasse die Stimmen genügend auseinander halten wird. 
Bei künstlerischen Auseinandersetzungen ist das „Was" wichtiger 
als das „Von Wem". Es liegt mir auch nichts daran, die Argu- 
mente in lückenloser Folge wie die Perlen am Faden aufzureihen. 
Denn ich berichte ja aus der Erinnerung, die mir Einzelheiten 
zuträgt, ohne alle Zwischenglieder und Übergänge aufzubewahren. 

Wir sprachen zuerst, um einen Verständigungsboden zu ge- 
winnen, von den Grenzen der Kunst. Hat sie überhaupt Grenzen? 
Ist sie endlich oder unendlich? 

Die ideale Existenz Helikondas hängt an der Beantwortung 
dieser Frage, die besonders vier Kämpen in die Streitarena rief: 
Einen jungen Tonsetzer, mich, Fräulein Eva und einen Bewohner 
der Ästhetiker-Straße, der auf der Insel die Linie des „Exaktismus" 

190 



betreibt. Er hatte kurz zuvor ein Werk herausgegeben mit dem 
Titel: „Die Kunst, eine mathematische Angelegenheit". 

Der Tonsetzer vertrat natürlich das Prinzip der Unendlich- 
keit: „Wir Künstler dürfen nur eine Sendung anerkennen: in 
der schrankenlosen Weite der Kunst das Neue aufzufinden. 
Streng genommen geben wir alle, auch mit verwegenstem Futuris- 
mus, immer nur Anfänge, deren Fortsetzungen sich niemals 
erahnen lassen. Aus dem einfachen Grunde, weil unsere Kunst 
unendlich ist und in alle Ewigkeit die in ihr beschlossenen Mög- 
lichkeiten nur andeuten, aber niemals vollenden kann. 

Der berechnende Ästhetiker widersprach : „Ihr produzierenden 
Künstler wiegt euch alle in einer unhaltbaren Illusion. Ihr haltet 
euer Reich für unbegrenzt, es läßt sich aber beweisen, daß es von 
zahlenmäßig angebbaren, vom Verstände erfaßbaren Grenzen 
umspannt wird. Diese Erkenntnis mag schmerzlich sein, sie 
besteht aber vor der Logik zu Recht, und wer sich ihr verschließt, 
der ergibt sich einer abergläubischen Phantasieschwelgerei." 

Ehe der Angegriffene erwidern konnte, nahm Fräulein Eva 
impulsiv seine Partei: „Verzeihen Sie, wenn ich die zuletzt ge- 
hörte Behauptung absurd finde. Was Sie als Aberglauben zu 
bezeichnen belieben, ist tatsächlich der heilige Glaube ausnahms- 
los aller, die jemals Kunst geschaffen und genossen haben. 
Dieser Glaube trägt seine Evidenz in sich, jede Welle unseres 
inneren Singens und Klingens zeugt für ihn. Und dieser Glaube 
an die Unbegrenztheit ist die Vorbedingung nicht nur alles Schaf- 
fens, sondern auch jeder Kunst betrachtung. Ob Futurist, ob 
Klassizist, das ist hier ganz gleichgültig. Schlagen Sie die Be- 
kenntnisse der Meister auf, wo Sie wollen, überall finden Sie 
diesen Glauben an das Selbstverständliche, aller Diskussion 
Entrückte. Der ganze Richard Wagner ist nichts anderes, als ein 
großer Psalm über die Motive Unendlich, Unermeßlich, Uner- 
gründlich, Uferlos, die wir alle als ganz unabtrennlich vom Wesen 
der Kunst betrachten." 

Der Berechner: „Das meinte ich ja eben. Es ist das Los der 
Künstler, sich in diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zu 
verbeißen, und es hält tatsächlich sehr schwer, irgendeinen von 
seinem Irrglauben zu kurieren. Aber der Exakte, der nicht phan- 
tasiert, sondern überlegt, erkennt die Zusammenhänge anders 
als der Schwärmer, dem die Vielheit der Erscheinungen sogleich 
eine Unendlichkeit vorgaukelt. Der Musiker zum Beispiel operiert 
mit einer bestimmten Vielheit der Töne, chromatisch gerechnet 
mit hundert, und jede auf dieser Basis existierende Komposition 

191 



stellt einen bestimmten Permutationsfall dieser Elemente 
dar. Steht das Werk aufgeschrieben vor uns, so erkennen wir 
leicht, daß sich alles, restlos alles, in Tonfolge, Modulation, Akkord, 
Rhythmik, Stärkestufe, Tondauer und Klangverbindung auf 
auszählbare Grundelemente zurückführen läßt. Das sind End- 
lichkeiten, die allerdings sehr hohe Zahlenwerte erreichen; wie 
ja alle Kombinatorik sich rasch ins Ungeheure auswächst, ohne 
darum jemals die Grenze des Endlichen zu überschreiten." 

Der Künstler: ,,Ihre Rechnung hat ein Loch. Wir sind 
ja über die Halbtöne bereits hinausgegangen zu Drittel- und 
Vierteltönen, und wir werden in der Zerkleinerung der Inter- 
valle noch fortschreiten." 

Der Berechner: ,, Gewiß. Und ferne Jahrtausende werden 
sich vielleicht mit einer Chromatik von Zehnteltönen abzufinden 
haben, falls dann überhaupt noch musiziert wird. Aber auch 
damit gelangen Sie nur zu einer Hinausschiebung, keineswegs 
zur Vernichtung der Grenzen bis ins Uferlose." 

Eva: ,,Sie wären mit Ihrer Deutung schließlich imstande, 
die Zahl aller möglichen Stücke direkt zu berechnen. Also sagen 
Sie wenigstens: unter wie vielen Möglichkeiten haben die Ton- 
schöpfer die Auswahl, wenn sie schon verurteilt sind, das Pensum 
der Endlichkeit aufzuarbeiten?" 

Der Berechner: „Diese Rechnung wäre theoretisch 
möglich, allein ich ziehe es vor, Ihnen eine Grenze zu bezeichnen, 
die jedenfalls sehr viel weiter liegt, als alle jemals erdenklichen 
Werke in allen Künsten zusammengenommen. Wie leicht spricht 
es sich aus: 10 zur millionten Potenz! Nun wohlan, diese Zahl 
ist unabsehbar größer als jede Kombination in der Kunst, und 
diese wird bis in alle Ewigkeit weltenfern hinter ihr zurück- 
bleiben. Und damit gelangen wir an die Hauptsache, nämlich 
an die leidige Gewißheit, daß die Ewigkeit der Zeit gar nicht 
imstande wäre, der Kunst zu helfen; weil bei irgendeinem Zeit- 
punkt alle Möglichkeiten erschöpft sein müssen und selbst der 
genialste Meister gar nichts anderes mehr vermag, als das zu 
wiederholen, was schon vor Aeonen eine längstvergangene Kunst 
hervorgebracht hat. Und Sie ahnen gar nicht, wie rapide wir uns 
diesem Zeitpunkt nähern. Achten Sie auf die atavistischen Rück- 
fälle unseres Kollegen auf Helikonda, wie in der K-dur-Symphonie, 
die Sie ja auch gehört haben !" 

Der Künstler: ,,Wäre Ihr Kalkül richtig, dann müßte ja 
unsereiner die Produktion an den Nagel hängen, und sich selbst 
dazu." 

192 



Ich: „Wenn er richtig wäre ... er ist aber falsch ! Ich habe 
jene Atavismen in dem Schreckenswerk sehr wohl herausgehört, 
und trotzdem, bei allem Widerwillen gegen die Gehirnkrämpfe 
der Futuristen behaupte ich: Ihre Betrachtungen über Endlich 
und Unendlich sind lediglich symbolische Spiele mit Vorstellungen, 
die von einer höheren Warte gesehen, jeglichen Sinn verlieren." 

Der Berechner: „Sie werden doch nicht aussagen wollen, 
daß es jenseits der mathematischen Evidenz noch eine andere, 
übergeordnete gibt?" 

Ich: „Das vertrete ich allerdings. Und die bloße Gefühls- 
sicherheit von der Grenzenlosigkeit der Kunstgestaltung wäre 
schon Beweis genug. Aber auch dem Mathematiker graut bis- 
weilen vor seinen eigenen Abgrenzungen und vor den Paradoxien, 
die auf ihnen wachsen. Wir besitzen Aussprüche vom größten 
aller Mathematiker, von Gauss, in denen der Abscheu vor diesen 
selbstgeschaffenen Paradoxien deutlich zum Ausdruck kommt. 
Ihr Unendlich, mein Herr, ist der Wirklichkeit gegenüber eine 
haltlose Fiktion, des Künstlers Unendlichkeit schöpft aus dem 
Leben, zeigt dessen Puls und offenbart sich ihm als eine unmittel- 
bare, nie zu erschütternde Gewißheit. Sie starren auf arithmeti- 
sche Grundsätze und rufen eine Größe wie 10 zur millionten 
Potenz als begrenzt aus, während Sie tatsächlich allen denk- 
baren Erscheinungen gegenüber mit der vollen Wucht der Un- 
endlichkeit auftritt. Ein Beispiel für viele: Jede wissenschaft- 
liche Wahrheit, so fordert der Entdecker der Spektralanalyse, 
muß so beschaffen sein, daß sie sich auf einem Quartblatt auf- 
schreiben läßt. Die Buchstaben, die sich darauf tummeln können, 
sind begrenzt; sonach stellen alle jemals möglichen wissenschaft- 
lichen Wahrheiten nur endliche Permutationen dar, das würde 
heißen: der Inhalt alles Wissens ist begrenzt, ist vollendbar." 

Der Berechner: „Stimmt vollkommen. Die Wissenschaft 
hat in dieser Hinsicht das Los der Kunst zu teilen, beide er- 
schöpfen sich. Das mag paradox klingen, allein es gibt da 
keinen Ausweg." 

Ich: „Doch, es gibt einen. Man braucht sich bloß zu einem 
radikalen Denk- Akt zu entschließen und zu erklären : Es besteht 
kein Unterschied zwischen dem unfaßbar Großen und dem 
Unendlichen. In diesem Augenblick versinkt Ihre hochge- 
schraubte Kombinatorik, und das wissenschaftliche Weiterdenken, 
wie alles Kunstschaffen triumphiert in voller Freiheit. Mit 
einem Akt des Denkwillens lassen sich die von Ihnen errechneten 
Grenzsteine entlarven als papierne Symbole, als leere und gänz- 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 13 193 



lieh wirkungslose Nummernzeichen. Sie sind Phantasiegebilde 
aus einer Formelwelt, die sich mit der Welt des Erlebens und 
Gestaltens in keinem Punkte berührt." 

Der Berechner: „Dann verleugnen Sie also den Pythagoras: 
Das Wesen aller Dinge ist die Zahl?" 

Ich: „Durchaus nicht. Allein Pythagoras findet eine Er- 
gänzung in Leibniz: Musik ist geheime arithmetische Übung der 
Seele, welche zählt, ohne es zu wissen. Der Künstler darf es nicht 
wissen und er wäre verloren, wenn er es wüßte. Er wirkt im Un- 
endlichen, und sein Universum beginnt dort, wo die numerische 
Geltung der Zahl aufhört." 



Unser Gesprächskreis vergrößerte sich, die Gewaltigen, die 
Ultra-Genies waren mit dem Präfekten herangetreten. Kakordo, 
ersichtlich in aufgeräumter Stimmung, pflichtete mir in der 
Hauptsache bei, vermißte indes bei mir das klare Bekenntnis 
zum Letzten und Überletzten. 

„Sie bewilligen," sagte er, „der Kunst die Unbegrenztheit, 
legen aber doch zugleich Ihrem Geschmack Hemmschuhe an; 
Sie lassen der Zukunft alle Freiheit, allein — reden wir doch 
ganz ehrlich — Sie sind froh, wenn Sie von ihr möglichst wenig 
zu sehen und zu hören bekommen ! Da fehlt der Schwung der 
Konsequenz. In welchem Gesetz steht es geschrieben, daß man 
nicht schon heute in Drittel- und Vierteltönen tondichten darf? 
Von mir gibt es ein Trio in Sechsteltönen, und wie Kenner ver- 
sichern — fragen Sie nur herum " 

Spiridon nickte zustimmend: „Mir war die Sache zwar an- 
fänglich etwas schleierhaft, allein ich fand mich doch allmählich 
hinein, wie viele andere, die den guten Willen mitbrachten, 
den freudigen Entschluß zum Selbstzwang; und dann begann es 
in mir wunderartig mitzuklingen; ich kann nur sagen, das Trio 
ist fabelhaft." 

„Dieser Genuß wird mir versagt bleiben. Und wenn Sie 
nach dem Gesetz fragen, so nenne ich ganz einfach die Verfassung 
unseres Ohres, die mit unserem guten oder üblen Willen nicht 
das Mindeste zu schaffen hat ..." 

— Und die es auch bewirkte, daß noch vor zwei Generationen 
jedes Fortschreiten in parallelen Quinten verpönt war. Heut lacht 

194 



man schon in allen Konservatorien von Europa über dieses 
Verbot. Der erste Grieche, der die kleine Terz aufstellte, ver- 
stieß gegen die Verfassung des Ohres, wie Terpander, als er dem 
Ohr zum Trotz die Kithara mit sieben Saiten bespannte, statt 
mit den verfassungsmäßigen vier Klangfäden. Rousseau, der 
Philosoph und nebenher erfolgreicher Opernkomponist, dazu 
Erfinder des Melodrams, erklärte die Melodie allein für Musik, die 
neuere Harmonie dagegen für eine unnatürliche, barbarische, 
verfassungswidrige Zutat. Alo mit diesem Argument ist es nichts. 

„Aber es heult doch, es quietscht katzenhaft, wenn man die 
Halbtöne spaltet!" 

— Die Katze ist ein sehr wichtiger Musikfaktor. Angefangen 
von Scarlattis berühmter Katze, die über die Klaviertasten 
hinweglief und damit dem Italiener das Thema zu seiner herr- 
lichen Katzenfuge verschaffte. Noch ungleich bedeutender wird 
die Katze in Fragen der Intonation und Modulation. In ihrem 
Gesangsorgan besitzt sie ein Portament, das für unsere eigenen 
Ausübungen richtunggebend zu werden verspricht. 

„Wenn Sie schon an animalische Naturlaute anknüpfen, 
dann wären doch andere empfehlenswerter: die Kadenzen der 
Nachtigall, der Wachtelschlag und Kuckucksruf, nach dem Vor- 
bild der Pastor al-Symphonie ; oder die Melismen der Goldammer, 
die dem Beethoven das Hauptthema seiner fünften Symphonie 
zutrug." 

— Ein Beethoven der Zukunft wird seine Klangmuster nicht 
von den Bäumen, sondern von den Dächern herholen. Übrigens 
richtet sich mein Ehrgeiz gar nicht auf diesen Titel, denn wir 
haben mit Beethoven kaum noch das Substrat gemein. Die Kunst, 
das was wir Kunst nennen, muß überhaupt erst erfunden 
werden; und das ist ein schweres Geschäft. 

— Davon weiß ich ein Liedchen zu singen, bemerkte der 
Dichter Dadalbra. In der Poesie liegt die Sache mindestens 
ebenso schwierig. Eine Dichtkunst wird erst anfangen, zu sein, 
wenn sie von der Sprache vollkommen losgelöst wird. 

— Und erst in unserem Fach ! rief der Maler-Bildhauer Patzoha, 
Wieviel Irrwege sind da erst zu verlassen, ehe es gelingt, die 
Natur zu überwinden. Den europäischen Futuristen schwebte 
ja ein gewisses Ideal vor, als sie anfingen, den menschlichen 
Körper aus Mohrrüben, Gurken und Knackwürsten zu formen, 
aber sie verblieben trotzdem in der nachbildenden Schablone 
und sie begriffen nicht, daß aus der menschlichen Anatomie nie 

13* 195 



und nimmer etwas Kunst brauch bares werden kann, mag man 
sie noch so sehr korrigieren, läutern und stilisieren. Alles Gegen- 
ständliche ist Anekdote, eine Landschaft ebenso, wie eine Historie, 
wie irgendein dinglicher Komplex, und der Mensch, wie die Natur 
ihn schuf, ist sogar eine Anekdote ohne Pointe. Bildet man sie 
nach in Öl, Stein, Holz oder Erz, so verfällt man in die naive Rolle 
eines Kindes, das seinen Fibelvers aufsagt. Noch schlimmer, 
man wird Widerkäuer, man kaut reproduktiv nach, was einem 
die Natur mit den plumpen Mahlzähnen der Schöpfung und der 
Geschichte vorgekaut hat. Auf diesem Wege ist eine Kunst 
überhaupt nicht zu erzielen. 

„Und wie sonst?" 

— Durch Wollungen und Ballungen. Wohl verstanden: das 
was wir an der Peripherie von Helikonda betreiben, ist noch ganz 
etwas anderes. Aber um überhaupt aus dem Kunst-Nichts ein 
Kunst-Etwas her auszuwirken, muß man damit anfangen, Wol- 
lungen zu wollen und Ballungen zu ballen. Andernfalls erdrosselt 
sich die Idee zu einem distanzlosen Phänomenon, während sie sich 
gerade durch antinomische Propädeutik zum infinitesimalen 
Noumenon transsubst anzieren soll." 

— Der Dichter zumal muß sich aus dem Sumpf der Logik 
und der Verständlichkeit herausätherisieren. Jene vordem ge- 
rühmte Hippokrene, der klassische Musenquell, hat sich als ein 
Morast erwiesen, als ein Dreckpfuhl, dem gegenüber alle Pontini- 
schen Sümpfe zusammen wie ein lauterer Tautropfen anmuten. 
Somit ist der Inhalt der Literaturgeschichte etwa von Pindar 
bis zum Anbruch der Neuzeit nichts anderes als der Bericht aus 
einem Malariahospital. Die erste Besserung trat ein, als gewisse 
Dichter sich entschlossen, anstatt zu dichten, ihre internen 
Vorgänge durch Rufe, animistische Gedankenstriche, expansive 
Pausen und Evokationen in die Welt zu projizieren. 

„Diese Methode ist mir nicht ganz unbekannt. Alle Tage liest 
man in Deutschland begeisterte Kritiken über Poeten, die uns als 
kochend, verkrampft, aus ihrer eigenen Hirnwelt herausspringend 
vorgestellt werden. Sie haben das Gestalten aufgegeben, um hin- 
auszubrüllen, hinauszuächzen, hinauszudonnern, hinauszustöhnen, 
hinauszukreischen. Vielen Rezensenten gefällt das, wenigstens 
tun sie als ob, und sie geben Tips aus für das dichtungssportelnde 
Stadion. Ein Teil des Publikums geht mit und entflammt sich 
für diese Poeten mit der nämlichen Bereitwilligkeit, wie für Derby- 
renner, Stafettenläufer oder Meisterboxer. Ich persönlich halte 
dafür, daß es nicht darauf ankommt, wie einer schreit, brüllt, 

196 



ächzt und kreischt, sondern erheblich mehr darauf, was er zu 
sagen hat. Ich mache gern mit fremden Gedanken und Empfin- 
dungen Bekanntschaft, aber ich hasse es, wenn mir der andere 
seine Gedärme um die Ohren schlägt. Solchen Wollungen und 
Ballungen gehe ich in weitem Bogen aus dem Wege." 

— Sie haben dergleichen hier auch nicht zu befürchten, denn 
wir sind über diese Zwischenstadien längst hinaus. Sie waren 
wichtig als Etappen auf dem Wege zur Kunst, die wir nunmehr 
erschaffen, als die einzelnen Signale, die wir selbst errichteten, 
um die Umwelt auf die einzige große Kunst der Zukunft vorzu- 
bereiten. 

„Was verstehen Sie unter diesen Signalen ? Ich vermute, das 
sind die „Ismen", die auch bei uns umgehen, und denen man 
sich auf Leben und Tod verschreiben muß. Die Sakramente, 
auf die man sich verpflichtet, und die alle zusammengenommen — 
wie ich sie beurteile — nur einem höchst komplizierten Götzen- 
dienst und Fetischkult dienen. Also sagen Sie : auf welche Ismen 
muß oder mußte man bei Ihnen schwören? Auf den Im- oder 
Expressionismus ?" 

— Vorübergehend auch auf diese. Und es lag in unserer Me- 
thode, einen Ismus immer so lange als den einzig gültigen zu 
verordnen, bis es uns angezeigt erschien, radikal mit ihm zu 
brechen. Darin offenbarte sich unsere Vielseitigkeit. So schufen 
wir den Extremismus, den Futurismus, und den Plusquamperfektis- 
mus; ferner den Zentrifugismus, den Satanismus, den Vam- 
pirismus, den Echolalismus, den Psychapathismus, Delirismus 
und Paranoiismus." 

— Mit diesen letzten Formen hatten wir schon schwer zu 
ringen, ergänzte Spiridon; bis wir uns klar machten, daß der 
Irrsinn selbst von der Geschichte seine sakramentale Weihe 
empfangen hat. Waren nicht Lenau, Wiertz, Schumann, Courbet, 
Makart, Manet, Overbeck, Rethel, Stauffer-Bern, Nietzsche 
irrsinnig in der psychiatrischen Bedeutung des Wortes? Gehört 
nicht Dostojewski, der Epileptiker, in diese Reihe? Erzählen 
uns nicht die Biographen, daß van Gogh sich ein Ohr abschnitt, 
um es einem Bordellmädchen zu schenken? Sonach Hut ab 
vor den Deliristen! 

„Diese Reverenz mache ich mit, Herr Präfekt, soweit sie den 
Persönlichkeiten gilt. Und ich komme Ihnen sogar noch weiter 
entgegen: in jedem Ismus, als Prinzip, steckt etwas Paranoia. 
Das Reich der Kunst und das der Ismen sind völlig getrennte 

197 



Welten, und wer in der einen die andere vermutet, der begibt 
sich in eine ästhetisierende Faselei. Die Kunst an sich ist rich- 
tungslos ..." 

— Das heißt, sie wartet auf die Kräfte, die ihr die Richtung 
geben. So war es eine große Tat unseres Meisters Patzoha, als 
er sie mit der Richtung des Sphäro-Kubismus beschenkte. Sie 
war um so bedeutender, als es sphärische Würfel in der Natur 
gar nicht gibt. Er aber ging weiter und erfand die Richtung 
des zylindrischen Prismatismus. Nebenbei erweiterte er die 
Maltechnik, indem er eine ideale Landschaft formte, in der er 
sämtliche Objekte aus wirklichen Hosenknöpfen auf die Lein- 
wand nähte und nagelte. Das Gemälde befindet sich im Ehren- 
saal des Museums. 

„Wir werden nicht verfehlen, dieses Werk in Augenschein 
zu nehmen." 

— Davon möchte ich Ihnen eigentlich abraten, sagte der Ur- 
heber, denn es ist schon wieder veraltet. Auf dem Bild kommt 
die Sonne vor, freilich fünfeckig, aber auch in dieser Figur ent- 
spricht sie nicht mehr meinem heutigen Empfinden, denn die 
Sonne ist eine Anekdote. Außerdem wurde meine Methode 
durch Nachahmung allzusehr vulgarisiert. Einer meiner Schüler 
lieferte eine Quellnymphe aus natürlichen Fischgräten ins Museum, 
ein anderer komponierte aus Schuhabsätzen, Zahnstochern und 
Zigarrenstummeln eine Nackttänzerin ohne Unterleib. Sehr 
talentvoll übrigens, als Erhöhung der Flächenmalerei zur Raum- 
kunst. Aber die ganze Richtung ist, wie gesagt, schon wieder 
überholt. 

— Und dies ist auch der Grund, weshalb wir noch zögern, Sie 
mit den letzt]' ährigen Erzeugnissen bekannt zu machen, die doch 
schon wieder der Vorzeit angehören. Noch vor einem Jahre 
wäre es mir ein Vergnügen gewesen, Ihnen meine logarithmische 
Symphonie vorzuführen oder mein Streich-Sextett über das 
Kraftparallelogramm. Beide Kompositionen sind preisgekrönt, 
und dennoch, ich erkenne sie aus dem Gesichtswinkel dieser 
Stunde als unzureichend. 

„Seien Sie nicht allzu bescheiden!" monierte der Präfekt. 
„Die Sachen waren vorzüglich, und unsere Kritiker rühmen sie 
noch heute, wenn sie auch andeuten, daß auf den Bildern der 
Rhythmus und in den Tonwerken das Ultraviolette fehlte." 

Dadalbra erläuterte: Das sind Worte einer futuristischen 
Kritik, Ausdrücke, die ich früher einmal geprägt habe, um der 

193 



Sprache ein bißchen Prägnanz zu verleihen. Ich gelangte dazu 
bei der Betrachtung meiner eigenen Poesien, als ich entdeckte, 
daß Theaterstücke etwas Ovales haben müssen . . . 

„Wie ist das zu verstehen?" 

— Sie müssen es nachfühlen. Eine Szene ohne elliptischen 
Kontrapunkt besitzt keine Entelechie. Nehmen Sie dies als 
gedanklichen Ausgangspunkt, so erfließen die kritischen Folge- 
rungen von selbst. Der Wert eines Gemäldes hängt von seiner 
Parallaxe ab, bei einer Skulptur kommt es auf die polarische 
Dominante an, und ein Konzertstück wird man nur dann richtig 
beurteilen, wenn man es von seiner konkaven Seite auffaßt. 
Allen Künstlern gemeinsam ist schließlich das negativ subsumierte 
Konzentrat, oder noch besser gesagt, die Spirale der paramagne- 
tischen Ubiquität. Das mag Ihnen vielleicht etwas fremdartig 
erscheinen ... 

„Doch nicht so ganz, Herr Dadalbra; mir ist es sogar, als 
hörte ich Heimatsklänge; Ihre Ausführungen berühren mich 
wie der Vorklang der kritischen Stimmen, die wir demnächst 
in Deutschland zu erwarten haben. Und ich erkenne auch ohne 
weiteres: das überlieferte Vokabular kann nicht ausreichen, 
wenn sich erst wirklich eine Notwendigkeit ergibt, die Halbtöne 
zu spalten." 

— Gut, daß Sie auf diesen Hauptpunkt zurückkommen. So 
lange man überhaupt noch in irgendwelchen Ton-Intervallen 
komponiert, liegt die Musik in Regeln und Fesseln; ist sie an die 
Erde geschmiedet, während sie in ihrer Göttlichkeit sich danach 
sehnt, der Linie des Regenbogens zu folgen. 

„Wunderschön gesagt. Nur gestatte ich mir den Einwand: die 
Linie des Regenbogens bietet keine Loslösung von der Regel; 
im Gegenteil; schwingt sich die Tonkunst wirklich wie der Regen- 
bogen, so trotzt sie jeder Willkür und vollzieht im höchsten Grade 
das kosmische Gesetz!" 

— Es war doch nur ein bildlicher Vergleich, der das Unsubstan- 
tielle der Kunst bezeichnen sollte. Aber jedes Intervall ist ein 
Rest von Substanz. Es handelt sich nicht mehr darum, mit 
Sechstel- oder Zehnteltönen zu operieren, sondern den Ton 
überhaupt infinitesimal aufzulösen. Erst das Unendlichkleine 
in der Stufung wird das Unendlichgroße der Kunst herbeiführen. 
Denn dann werden die Permutationen wahrhaft unendlich, und 
der mathematische Ästhetiker verliert das Spiel definitiv. 
Trillionen von Melodien und Harmonien, die jetzt noch unein- 

199 



gefangen in der Luft hängen, steigen zu uns herab, sobald wir nur 
noch eine Tonart mit unendlich vielen und unendlich benachbarten 
Tönen anerkennen. 

„Und was machen Sie mit den Instrumenten, die doch be- 
stimmte Töne liefern von bestimmtem Charakter, mit bestimmten 
Obertönen und Klangfarben? Von denen jedes in seiner eigenen 
Technik lebt, in seiner eigenen Sprechweise und Gestaltungs- 
möglichkeit?" 

— Sehr einfach: Ich schaffe sie sämtlich ab. In der freifließenden 
Komposition sind Geigen, Klaviere, Orgeln, Flöten, Klarinetten 
und wie sie alle heißen, nicht mehr zu brauchen. Statt ihrer 
haben wir jetzt einen transzendentalen Tonerzeuger, der sich 
freimacht vom Primadonnentum der Geige, von der Arroganz 
der Trompete, von der Schmachtlappigkeit des Cello, von all 
dem Gekräh, Gekrächz, Gebrumm, Geschmetter bornierter, 
koketter und rüpelhafter Orchesterinstrumente. 

Darauf hatte ich gewartet. Denn mir kamen hier gewisse 
höchst geistreiche Anregungen hervorragender europäischer 
Meister in Erinnerung. Sollte ihre dämmernde Ahnung auf Heli- 
konda Erfüllung finden? 

Die Herren wechselten Blicke und gaben Zeichen, ihnen zu 
folgen. Wir gelangten von den Wohnräumen in einen Saal, 
dessen Querwand von einem ungeheuren Apparat mir unbekannter 
Konstruktion ausgefüllt wurde. Ein Mittelding zwischen Orgel 
und Dynamomaschine. Telephon-Diaphragmen vermittelten 
zwischen Luft und elektrischen Strömen, die nicht nur das Inter- 
vallproblem lösten, sondern durch beliebige Mischung der Ober- 
töne alle jemals denkbaren Kl mgkolorite hervorzauberten*). 
Die Maschine wurde von einer Klaviatur aus bedient, deren Ein- 
zeltasten je nach dem Fingerdruck das ganze Kcntinuum der 
Schallschwingungen mit Einschluß aller Irrationalzahlen durch- 
liefen. Wenn zum Beispiel das eingestrichene A ursprünglich 
auf 435 Schwingungen eingestellt ist, so braucht sich nur der 
Anschlagsdruck unmerklich verändern, um es nach beliebigen 
Dezimalen zu erhöhen oder zu vertiefen. Kakordo setzte sich 
an das Manual und spielte eine Phantasie über das Thema „Abra- 
cadabra", worin alle Klangstärken vom zartesten Gesäusel bis 
zum betäubenden Gewitter vorkamen. Mit dem, was Unser- 



*) Ein ähnliches Dynamophon ist bereits von dem Amerikaner Dr. Thaddäus 
Cahill im Jahre 1906 konstruirt worden. Busoni erwähnt es in seiner ge- 
dankenreichen Schrift „Entwurf einer neuen Aesthetik der Tonkunst." 

200 



einem als Musik gegenwärtig ist, hatte sie so wenig zu schaffen, 
wie der Wind, wenn er durch den Kamin fährt oder um die Straßen- 
ecke pfeift. Allein wir unterdrückten unser Votum, bis auf Donath, 
der sich als Gast verpflichtet fühlte und „Bravo Dacapo!" riefi 
Zum Glück blieb es bei der einmaligen Spende, denn jede Vor- 
führung auf dem Transzendental-Tonerzeuger ist ein Unikum, 
nicht in Notation festzuhalten und niemals wiederholbar. 
Spiridon strahlte und gab zu verstehen, daß der Meister sich 
soeben selbst übertroffen habe. 

„Wenn das durchdringt," sagte ich, „werden Ihre Kapell- 
meister wenig zu tun haben." 

— An denen liegt nicht viel. Wir rechnen die Orchesterdirigenten 
schon heute zu den Leichtathleten mit einem Anflug von Komik. 
Ihre Bewegungen am Dirigentenpult sind illustrative, nicht 
ernst zu nehmende Turnübungen. Der eine sticht mit dem Takt- 
stock wie mit einer Nadel in die Violinpassagen, der andere 
angelt mit ihm einen imaginären Fisch aus der Kapelle, der dritte 
produziert sich mit Verrenkungen als Schlangenmensch. Unser 
Dynamophon macht diesen Clownerien ein Ende. 



In einem reizenden, von bunten Strahlkörpern erhellten 
Gartenpavillon wurde der Tee eingenommen. Zur Vergnügung 
der Gesellschaft hatte unser Wirt mehrere Tänzerpaare bestellt. 
So konnten wir auch etliche Blüten der Tanzkunst erhaschen, 
ohne unsere Auffassungskraft besonders zu strapazieren. Denn 
zu den Tänzen gab es keine elektrische Tonkunst, sondern die 
Begleitung eines richtigen kleinen Orchesters. Es sah nicht viel 
anders aus, als in einer großstädtischen Diele. 

Jeder Nummer lag sozusagen eine zoologische Idee zu Grunde 
wie ja auch bei uns der Fuchs und der Grislybär die wertvollsten 
choreographischen Grundmotive gegeben haben. Die Kunst 
Insel hat sich natürlich von diesem viel zu engen Schema emanzi 
piert und den Umkreis der Tiermotive wesentlich erweitert 
Sehr sinnig imitierten hier die gleitenden und hüpfenden Dar 
steller eine Mannigfaltigkeit aus allen Gebieten der behaarten 
geschwänzten und gefiederten Welt: den epileptischen Kranich 
den elegisch vibrierenden Moschusochsen, den wirbelnden Polypen 
und eine durch Selbststich zum Tanzorgiasmus erregte Tarantel 
spinne. Die Beziehung des Tanzes zur Begleitmusik bestimmt sich 

201 



dadurch, daß die Taktarten konträr gegenein anderlaufen. Daß 
der Tanz als eine Darstellung seelischer Zustände, durch Menschen- 
bewegung verkörpert, eine gewisse lyrische Übereinstimmung 
mit dem Klangrhythmus bedingt, ist durch die Ästhetiker der 
Insel längst und auf immer widerlegt. 



Zu später Stunde trennten wir uns von der gastlichen Stätte. 
Die drei Gewaltigen begleiteten uns, und Kakordo beantragte 
ein kleines gemütliches Stündchen bei einem Glase Wein in seiner 
Behausung. Meine Gefährten waren zu erschöpft, um dieser 
Einladung zu willfahren, ich allein entschloß mich zu dem weiten 
Weg an die Stadtgrenze. Unterwegs eröffneten mir die Ultra- 
genialen, daß sie seit drei Monaten dabei wären, die definitive 
Neukunst zu erfinden, gegen die alles frühere zum Range von 
Gestammel und Geklexe herabsinken sollte. Die gesamte In- 
telligenz der Insel fiebre schon dieser erlösenden Tat entgegen; 
der Vereinigung aller Künste zu einer einzigen, als deren Träger 
und Empfänger nicht Auge noch Ohr in Betracht komme, sondern 
die Nase. 

Daß die Sinne selbst diese Vereinigung verlangen, sagte 
Dadalbra, das steht außer allem Zweifel; sogar vom Tast- und 
Geschmacksinn läßt sich das behaupten. Man kann ein und dieselbe 
Sonate in gelb, rosa oder grün spielen. Für meine Empfindung 
tragen Sie, mein Herr, eine Krawatte in D-dur und die ameri- 
kanische Dame, die wir eben verließen, trägt einen Hut in As-moll. 
Ich subjektiv empfinde einen Septimenakkord als viereckig 
und eine diatonische Skala als sauer. In einem meiner Dramen 
kommt ein Held vor, der immer ein salziges Echo in der Pupille 
hat, und der sich mit einer spitzigen Fuge ersticht. Jeder Klarinett- 
triller riecht nach roten Nelken und jede Triole nach Moschus. 
Vertieft man sich in diese Phänomene, so erkennt man, daß sämt- 
liche Sinne nur Ausstrahlungen eines einzigen sind, und dieser 
einzige sitzt in der Nase. 

„Warum denn grade dort ? Auge und Ohr sind doch für uns 
wesentlicher?" 

— Es geht nicht nach der physiologischen Wichtigkeit, sondern 
nach der transzendentalen Bedeutung. Diese sublimiert sich 
in der Nase zu einer Höhe, hinter der alle andern Sinne welten- 
fern zurückbleiben. Wir stehen hier durchaus auf dem wissen- 

202 



schaftlichen Boden der Forschungen von Spallanzani, Ribot und 
Lubbock. Dementsprechend schaffen wir die Nasenkunst durch 
die „odorische Symphonie", welche die Dichtung, Musik und 
Bildnerei überflüssig machen wird." 

„Aber, um Himmelswillen, durch welche Instrumente wollen 
Sie denn das bewirken? 

— Durch gar keine Instrumente. Nur durch trajektorische 
Willensakte, die vom Genie ausgehen und die Nasennerven sug- 
gestiv bearbeiten. Dann werden sich im Empfangsapparat des 
Geruchmenschen Schwingungen entwickeln, die ihm das wirk- 
liche Wesen aller kombinierten Künste offenbaren. 

Ich verstummte und verharrte in meinem Schweigen, als wir 
uns schon im Salon des Tonkünstlers zu nächtlicher Runde 
niedergelassen hatten. Vor uns standen die gefüllten Kelche. 
Plötzlich löste sich mir die Zunge in spontanem Durchbruch: 
„Na prost, meine Herrschaften, es lebe der Schwindel ! Den habe 
ich heute in seinem genialen Maximum erfahren, und für dieses 
Erlebnis bin ich Ihnen dankbar." 

Die Ultras wechselten seltsame Blicke. Ich wartete auf Be- 
scheid. Unser Amphitryo sagte zögernd: „Sie sind recht unhöf- 
lich." 

„Sagen Sie lieber: sehr aufrichtig. Und in meiner Aufrichtig- 
keit steckt ein größeres Lob, als in allen Hymnen, die Sie um- 
rauschen. Sie sind für mich die größten Meister, denen ich je 
begegnet bin; Meister der Neukunst, über alle Widerstände des 
überlieferten Kunst Verstandes zu triumphieren. Meinen eigenen 
nehme ich aus. Der ist nämlich auch eines trajektorischen Willens- 
aktes fähig, und er verlangt von Ihnen : Vergelten Sie Gleiches mit 
Gleichem. Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit! Sie haben sich über 
so viele Peripherien hinweggesetzt, überspringen Sie noch die 
letzte, die Ihr vorgespiegeltes Jenseits von meinem bescheidenen 
Diesseits trennt — dann wollen wir uns die Hände reichen." 

Kakordo biß sich auf die Lippen: „Wie lange gedenken Sie 
noch in Helikonda zu bleiben?" 

„Das hängt von Ihrem Bescheid ab. Oder wollen Sie mir 
Bedingungen stellen? Ich akzeptiere jede, die Sie ohne Vorbehalt 
aussprechen. Keine Hintergedanken — das ist meine Bedin- 
gung." 

— Gut. Sie werden morgen mit dem Frühesten die Anker 
lichten. Und Sie geloben mir bei dem Höchsten, was Sie in der 
Kunst kennen, bei Gott, Goethe und Beethoven, daß Sie keinem 

203 



unserer Volksgenossen von dem, was wir Ihnen eröffnen werden, 
eine Mitteilung machen." 

„Mein Wort darauf. Ihre Eröffnung verrät sich danach von 
selbst. Sie werden mir anvertrauen, daß Sie nicht eine Silbe 
von dem Hokuspokus glauben, den Sie der Insel vormachen." 

— Er ist ein Mittel im Kampf ums Dasein; eine Leiter zum Auf- 
stieg; und die Hauptsache: In den Anfangsstadien glaubt man 
selber an ihn. Man gerät in den Bann der Halluzinationen, und 
verfängt sich in Wahngebilden, deren Betörung auf den Urheber 
zurückwirkt. Später gerät man an einen merkwürdigen Punkt, 
wo Erkenntnis, Ironie und Verachtung zusammenfließen. Man 
probiert, wie weit man im Kunstgebiet mit dem Bluff gehen kann, 
und man findet keine Grenze. Folgt erst einer, dann ergeht es 
dem ganzen Troß wie den Hammeln des Panurg; besonders wenn 
ein so tüchtiger Oberhammel vorhanden ist wie unser Präfekt 
Spiridon. Für den Veranstalter der Charlatanerie liegt eine 
psychologische Wollust in dem sicheren Vorgefühl: er darf alles 
wagen, alles bieten, noch so dick auf streichen — die Leute kriechen 
auf die Leimrute. Es ist wie eine Lotterie ohne Nieten. Man setzt 
auf die Verblendung der Betölpelten und kommt immer mit 
Gewinn heraus. Jede Exaltation wird die Mutter einer Horde 
von Gaukeleien. Ja, wir haben die ganze Insel unter Bluff gesetzt, 
und in den nächsten Wochen werden sich alle an unserer Odorischen 
Symphonie berauschen, die gar nicht existiert und niemals 
existieren kann. Wo die Möglichkeit des Erzeugers aufhört, 
fängt die Phantasie der Genießer an." 

„Es wird Ihnen aber schwer fallen, danach noch einen neuen 
Ismus aufzubringen." 

— Gar nicht schwer. Aus jeder Vokabel im Lexikon läßt sich 
ein Ismus destillieren, der besorgt dann allein seine Propaganda. 
Und schließlich, warum soll man der Gemeinde ihre Illusionen 
rauben? Sie würde unglücklich sein, wenn sie erführe, daß es 
in Wahrheit nur zwei Ismen gibt: den Talentismus und den 
Stupidismus! Jeder bezeichnet die ewige Richtung, und ihr 
wollen wir noch eine kleine Huldigung bringen, bevor wir ausein- 
andergehen." 

Er holte drei Pulte herbei und die Extremisten griffen nach 
den alten Instrumenten. Erste Überraschung: richtige Streich- 
werkzeuge waren im Hause des Ultra vorhanden, und richtige 
Notenblätter aus der überwundenen Epoche. Zweite Über- 
raschung: auch der Maler und der Dichter verstanden sich auf 
die tönende Kunstübung, und ich erfuhr, daß sich die drei Ver- 

204 



wegenen hier allwöchentlich bei tiefer Nacht zusammenfanden, 
um heimlich Kammermusik zu machen. 

Und nach wenigen Sekunden intonierten sie Mozarts Streich- 
trio in Es-dur vom Jahre 1788. Alle sechs Sätze wurden gespielt, 
und in blühenden Figuren stiegen sie auf, aus einfachen Motiven 
mit seraphischer Kunst entwickelt. Wie seltsam, daß solcher 
Zauber aufzukeimen vermochte, in den antiquierten Ganz- und 
Halbtönen, ohne elektrischen Transzendentaltonerzeuger, ohne 
Dynamobetrieb, bloß aus einigen mit Schafsdärmen bespannten 
Holzbrettchen ! 

Ich träumte mich in die Rückertsche Gestalt hinein, in den 
ewig jungen Chidher: ,,und aber nach fünfhundert Jahren will 
ich desselbigen Weges fahren". Unausdenkbar, welche Futurismen 
dann auf der Kunstinsel Helikonda umgehen werden. Aber 
vielleicht werden auch dann noch in einer verlorenen Ecke des 
Eilandes solche Töne der Vorwelt auferstehen, um in gänzlich 
zurückgebliebene Ohren ein Glücksgefühl zu träufeln. 



205 



Die Zwischen -Inseln 



Bei den Zweiflern. — Die Relativisten und die Als Ob- 
Leute. — Insula complicatoria. — Die Epikureische Insel. — 
Die Pramiten. — Die Insel des Einsamen. 



Unser jeweiliger Aufenthalt auf den einzelnen Inseln war nicht 
so kurz, als es nach dieser Darstellung manchem Leser scheinen 
möchte. Ich habe mich da eines Verfahrens bedient, das auch 
der Lehrfilm anwendet, wenn etwa das Wachstum einer Pflanze 
in Zeitverkürzung veranschaulicht wird. Gerade durch Über- 
schlagung der zwischenzeitlichen Glieder soll die Deutlichkeit 
des Vorgangs gesteigert werden. Sonach verlief unsere Fahrt, 
chronologisch genommen doch erheblich gedehnter, als dieser 
Bericht verrät, und mancherlei Einzelheiten, die hier als im 
Minutenmaß ausgeführt wurden, haben in Wirklichkeit Stunden 
und Tage beansprucht. Und hieraus erklärt es sich auch, daß 
eine auf's Praktische gestellte Natur wie unser Amerikaner all- 
mählich gewisse Zeichen von Ungeduld aufsteckte. Er wäre nun 
schon so lange unterwegs, das Entdeckungsprogramm sei doch 
im Großen und Ganzen schon vollzogen, und er verspüre Heimweh 
nach seinen heimischen Geschäften ; und wenn er sich auch nicht 
als Despoten der Expedition aufspielen wolle, so wünsche er doch 
bald ein Limitum. 

Das mußten wir ihm schon bewilligen, und zwar derart, daß 
wir eine bestimmte Gruppe als die letzten festlegten, auf der wir 
Aufenthalt nehmen wollten. Ich hatte in meinem Nostradamus 
eine Stelle gefunden, die lose auf sie anzuspielen schien, und 
dieser dunkle Hinweis wurde durch gewisse Mitteilungen er- 
gänzt, die uns unterwegs gerüchtweise angeflogen waren. Ich 
entsann mich einer gelegentlichen Äußerung Forsankars, der 
von „Inseln Ethischer Kultur" gesprochen hatte; und 
durch weiteres Kombinieren mit Hinzuziehung unserer Lage- 
karte ließ sich deren Position auch mit einer gewissen Wahr- 
scheinlichkeit im Süden der Tuskarora-Fläche nautisch be- 
stimmen. 

206 



Dahin hielten wir also den Kurs, mit dem Versprechen, et- 
waige kleinere Inseln, an denen wir nunmehr vorbeikämen, nur 
ganz flüchtig zu berühren. Es sollte uns genügen, wenn wir von 
diesen Objekten nur soviel erhaschten, als nötig war, um das Ge- 
samtbild der Entdeckung abzurunden. Dementsprechend wird 
hier auch der Bericht eine abermalige Zusammendrängung 
erfahren. Nur die äußersten, eindringlichsten Momente will ich 
herausstellen, mit dem Vorbehalt, den Finalsatz der Expedition 
auf den Inseln der Ethischen Kultur wiederum etwas breiter aus- 
zumalen. — 

Die nächste Insel, die wir anliefen, Dubiaxo, liegt klimatisch 
wie geistig in einer Atmosphäre des Nebels. Ich möchte sie die 
„Insel der Zweifler" nennen, nach dem Hauptprinzip, das 
auf ihr Geltung gewonnen hat. Die Bewohner haben sich — wie 
schon manche Philosophen seit Pyrrho — in den Gedanken ver- 
sponnen, daß der Mensch überhaupt in keinem Betracht zu 
einer halbwegs sicheren Einsicht gelangen könne. Die Natur, 
so meinen sie, und besonders unsere Organe und Verstandes- 
apparate befinden sich in einem unaufhörlichen Wechselspiel 
des Täuschens und Getäuschtwerdens, alles was uns als Denk- 
prozeß, als Empfindungsvorgang, als Erlebnis erscheint, ist nur 
Halluzination. Und aus diesem Prinzip ziehen sie logisch ziem- 
lich einwandfrei die Folgerung, daß es im Grunde recht gleich- 
gültig wäre, was der Mensch beginne, wie er plane, arbeite, sein 
Leben gestalte, da er ja nie wissen könne, ob er überhaupt ein 
Leben absolviere. 

Es verlohnt sich nicht, ihnen mit Beweisen beizukommen, 
denn sie halten ihre Argumente für unüberwindlich, und so phleg- 
matisch sie auch diese Argumente vortragen, so merkt man 
doch, daß es ganz unmöglich ist, sie zu entwurzeln. Freilich 
könnte man ihnen zurufen: wenn ihr schon ganz waschechte 
Skeptiker sein wollt, so bezweifelt doch auch euren Zweifel! 
Wo nichts Denkbares gilt, kann doch auch euer Argument der 
absoluten Ungültigkeit nichts gelten! 

Sie haben dagegen nur ein trübes Lächeln. Diesen Fehler- 
zirkel des Denkens, so murmeln sie, haben wir in uns selbst schon 
tausendmal abgehaspelt. Schließlich muß man an irgendeinem 
Punkte dieses Zirkels haltmachen, sonst bliebe man ganz ohne 
Prinzip, und an irgendein Prinzip muß man sich doch klammern. 
Das ist ein Zwang, dem wir nicht ausweichen können, also sind 
wir Skeptiker und leben skeptisch. 

207 



„Also ihr gebt wenigstens zu, daß ihr lebt. Das ist schon ein 
Zugeständnis." 

— Wenn euch an diesem Scheingeständnis etwas liegt, so 
soll es uns scheinbar freuen, in dem Zustand, der uns augen- 
blicklich wie eine reale Existenz vorkommt. Ob dieses wirklich 
der Fall ist, das läßt sich niemals ermitteln, denn zwischen Wachen 
und Tiäumen ist ein zuverlässiges Kriterium niemals auffindbar. 
Sie, Herr, sind fest überzeugt, daß Sie sich auf einer Expedition 
befinden, und daß Sie soeben die seltsame Insel der Zweifler 
entdeckt haben. Hätten Sie sich aus ihrer Heimat nie heraus- 
gerührt und die ganze Fahrt nur geträumt, so wären Sie davon 
genau ebenso überzeugt, so lange der Traum anhält. 

,,Aber das Moment des Erwachens gibt die wirkliche Sicher- 
heit. Ich habe in der verflossenen Nacht geträumt, ich befände 
mich in Berlin. Als ich aufwachte, erkannte ich meinen Irrtum 
mit absoluter Helligkeit. Das Schiff, meine Gefährten, unseie 
Matrosen, der Ozean und der Anblick ihrer Insel gab mir im 
Augenblick die volle Evidenz des wahren Erlebens." 

— Nur die subjektive Evidenz, die auch alle Täuschungen be- 
gleitet. Sie können in der nächsten Minute abermals aufwachen 
und eine ganz neue, völlig ungeahnte Evidenz erleben. Sie können 
sich dann auf einem fernen Stern der Milchstraße vorfinden, 
oder in der Arche Noahs, oder in einem außermenschlichen Zu- 
stand Ihrer Körperlichkeit. Niemals gelangen Sie an eine objektive 
Instanz. Der Stuhl des entscheidenden Richters ist unbesetzt, 
und Ihre eigene Persönlichkeit zerfällt immer in zwei Parteien, 
von denen nur die eine gegenwärtig ist, während die Gründe der 
abwesenden gar nicht gehört werden. Sobald Sie aufwachen 
oder einschlafen, tritt das Gegenspiel ein: die andere Partei 
deklamiert, und die erste ist verschwunden. Es wird also immer 
nur in die Luft hineinplädiert, ohne daß die leiseste Möglichkeit 
vorhanden wäre, ein Urteil zu erzielen. 

„Schließlich bleibt immer noch die Sicherheit des Gefühls. 
Man kneift sich mit aller Gewalt in den Arm, man spürt den 
Schmerz und daran erkennt man, daß der Traum aufgehört hat." 

— Und darauf wollen Sie sich verlassen ? Das ist, mit Verlaub 
zu sagen, kindisch und einfältig. Alle Sinne führen irre, und das 
Gefühl mindestens so stark, wie Auge und Ohr. Nehmen Sie 
eine Flocke von fester Kohlensäure. Sie ist so eisig kalt, daß 
Quecksilber darauf im Augenblick gefriert. Aber wenn Sie sie 
mit dem Finger berühren, erklären Sie sie für kochend heiß, und 
der Schmerz objektiviert sich in einer Brandblase. Wenn einem 

208 



das ganze Bein abgenommen ist, spürt man immer noch die 
Hühneraugen am nicht vorhandenen Fuß; der Verstümmelte 
weiß, und das Auge bestätigt, daß das Glied fehlt, sein Gefühl 
behauptet trotzdem das Gegenteil. Von den übrigen zahllosen 
Sinnestäuschungen ganz zu schweigen. Selbst der gelehrteste 
Mensch steht den Erscheinungen gegenüber, wie das Kind, das 
nach dem Mond greift. Ja, der ganze Inhalt Ihrer europäischen 
Wissenschaft ist doch gar nichts anderes als der fortgesetzte 
und auf ewig unerfüllbare Versuch, den Menschen aus diesen 
Täuschungen her auszuwickeln, wobei immer nur ein alter Sinnen- 
trug durch zehn neue ersetzt wird. Wir auf der Insel Dubiaxo 
verfahren nur konsequent, indem wir ein für allemal den Zweifel 
als den alleinigen Souverän des Denkens erklären. 

„Und wie verhalten Sie sich, wenn einmal alle Sinne aller 
Beteiligten über eine Tatsache genau dasselbe melden? Da 
haben Sie doch eine unumstößliche Kontrolle?" 

— Nicht im Geringsten. Denn das, was Sie eben sagen, kommt 
überhaupt niemals vor. Die Sinne widersprechen einander 
schnurstraks und dauernd, im Größten wie im Kleinsten. Ich 
sehe Sie, mein Herr, was heißt das? Es ist die Umschreibung 
dafür, daß ich von Ihnen ein winzig kleines Bildchen auf der 
Netzfläche meines Auges habe. Und dieses Miniaturbildchen 
steht verkehrt, mit dem Kopf nach unten. Schon haben Sie 
den Krieg zwischen Gesicht und Gefühl, denn der Tastsinn be- 
behauptet ganz etwas anderes. Er führt das Auge ad absurdum, 
er will mit festen Maßstäben messen und verfällt nun seinerseits 
ins Absurde, denn um aus den Maßstäben etwas zu erfahren, 
müssen wir wieder das Auge heranholen, dessen verschrumpfen- 
des Zeugnis wir soeben verworfen haben. Also unlöslicher Wirr- 
warr schon im ersten Anlauf aller Betrachtung. 

„Aus dem die Physik und Mathematik den Ausweg zu finden 
hat." 

— Schöne Auswege haben wir da erlebt. Die Physik soll eine 
mathematische Angelegenheit sein. Ei, wie pompös! Sie hat 
sich mit mathematischer Unfehlbarkeit aufgedonnert, um schließ- 
lich herauszubekommen, daß für jeden Punkt im Universum 
eine andere Geometrie gilt. Wo aber unendlich viele Herren 
mit unendlich verschiedenen Verordnungen Gewalt haben, da 
regiert selbstverständlich gar keiner, das besagt: die Geometrie 
ist ein Phantom, sie existiert überhaupt nicht als reale Brauch- 
barkeit. Selbst die Exakten geben heut zu, daß die mechanisch- 
mathematische Weltanschauung in allen Fugen kracht und nahe 

Mosxkowski. Die Inseln der Weisheit. 14 209 



daran ist, sich in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Und 
nun gar in aller Psychologie, in der Erkenntniskritik, wo sie 
Wunder versprach, was hat die Mathematik geleistet? Ein ein- 
ziges fadenscheiniges Gesetzelchen, einen papierenen Paragraphen, 
eine Lächerlichkeit !*) Nun ist aber — nach Ihrem Kant — in 
jeder Lehre so viel Wissenschaft enthalten, als Mathematik darin 
anzutreffen. Und da in allen Geisteslehren nicht eine Spur von 
zuverlässiger Mathematik steckt, so gibt es gar keine Geistes- 
wissenschaft, und nichts bleibt übrig als die absolute Skepsis 
an allem, was gedacht wird. Der mathematische Siegesrausch 
ist verflogen und hat sich in einen kontramathematischen Katzen- 
jammer verwandelt. . . . 

„Sie wollen sagen, die Menschheit hat ein paar Jahrtausende 
lang regulär mathematisch geträumt und findet sich beim Er- 
wachen in einer irregulären, unmathematisch konstruierten 
Welt?" 

— Beim Erwachen? Wieso denn? Auch davon wissen wir 
ja nichts. Es ist vielleicht nur eine andere Traumphase, die 
Ihnen jetzt, wo Sie sich in unseren Verdacht einzufühlen an- 
fangen, als Wachzustand erscheint. 

„Ihnen aber ebenfalls. Sie sind augenblicklich davon überzeugt, 
daß Sie mir etwas erklären. Was haben Sie zuvor getan und was 
werden Sie nach unserer Abreise tun?" 

— Ich habe ein Amt, das heißt, ich bin in der Illusion befangen, 
ein Amt zu verwalten. Äußerlich betrachtet leben wir ja, und 
Ihnen selbst mag die Wirtschaft auf dieser Insel nicht sehr viel 
anders vorkommen, als Ihre eigenen imaginierten Lebensformen. 
Also was mein Amt betrifft, so bin ich hier „Skeptophylax". 

„Das würde ungefähr dem „Nomophylax" der alten griechi- 
schen Freistaaten entsprechen, also dem Gesetzeshüter, der 
obrigkeitlich über die Beobachtung der Normen zu wachen hat." 

— Daher der Name. Ich sorge dafür, daß das Prinzip des 
Landes, die Skepsis, der Verdacht, der Argwohn, durchweg 
aufrecht erhalten wird; angefangen von den Schulen, deren Lehr- 
plan mir unterstellt ist. Die Knaben, Jünglinge, Mädchen und 
Jungfrauen lernen ihre Fächer, erhalten ihren Unterricht in 
Sprache, Rechnen, Geographie, Geschichte, und so weiter, wie 
vermutlich auch anderswo. Nur daß der Lehrer in jeder Lektion 



*) Der Sprecher meinte offenbar das sogenannte Weber-Fechnersche Ge- 
setz, den ersten und allerdings unzureichenden Ansatz zu einer mathematischen 
Ausgestaltung der Psychophysik. 

210 



ihnen unablässig das größte Mißtrauen gegen den Lehrgegenstand 
einträufelt. Sie erfahren zum Beispiel, daß die Erde sich um 
die Sonne dreht, vorausgesetzt, daß man provisorisch die Existenz 
einer Erde und einer Sonne annehmen will. Der Lehrer erläutert 
dazu, daß auch die gegenteilige Behauptung — Drehung der Sonne 
um die Erde — ihre Berechtigung hat. Ich selbst kontrolliere 
oft den Unterricht und verschärfe die Zweifel: es wäre sehr 
wohl möglich, daß überhaupt gar keine Drehung stattfände und 
daß alles stillstünde. . . . 

„Herr Skeptophylax, das geht zu weit. Sie übertreiben die 
Skepsis. Gewisse Dinge bleiben doch dem Verstand erkennbar." 

— Nicht ein einziges. Muß ich Sie an Ihre eigenen Berühmt- 
heiten erinnern? Parmenides hat jede Bewegung geleugnet. 
Wir folgern das nur weiter aus und halten darauf, daß in den 
jungen Seelen der Zweifel aufsteigt; auch an der Sonne und an 
deren Helligkeit. Anaxagoras lehrte, daß der Schnee schwarz 
sei. Wir tragen das den jungen Leuten vor mit dem skeptischen 
Anhang „vielleicht". Wir können es nicht wissen. Möglicherweise 
ist der Schnee schwarz und die Sonne dunkel. 

„Bei dieser Erziehung wird es Ihnen schwer fallen, irgend- 
welche Definitionen aufzustellen." 

— Brauchen wir auch nicht. Es gibt keine Definitionen, sondern 
nur Infinitionen. Sie unterscheiden zum Beispiel mit anmaßender 
Sicherheit zoologische Arten. Die Natur weiß hiervon nichts, 
und wenn der Mensch Unterscheidungsstriche einträgt, so be- 
trügt er sich selbst. In der Südsee gibt es Inseln, deren Bewohner 
vor anderthalb Jahrhunderten nur Vögel und Fische kannten. 
Danach also hatten sie ihre Definitionen. Als fremde Fahrer zum 
erstenmal Ziegen heranbrachten, erklärten die Insulaner: das 
sind bestimmt keine Fische; folglich müssen die Ziegen zu den 
Vögeln gerechnet werden. Einfältige Leute? Aber genau so 
einfältig verfahren Sie, wenn Sie irgendwelche Abgrenzung für 
möglich halten. Dem Skeptiker fließt alles ineinander, die Arten, 
die Individuen, die Erscheinungen, das Ich und das Nicht-Ich. 

„Damit sind Sie ja nahe beim Solipsismus?" 

— Nahe? Nein. Wir sind längst darüber hinaus. Der Solipsist 
glaubt nur an sein Innenbewußtsein und hält es für unmöglich, 
von diesem auf die Dinge und auf andere Menschen zu schließen. 
Wir glauben auch nicht an das Innen-Ich. Was da innen vorgeht, 
und was ihr andern nach Verstand, Instinkt, Vernunft, Emp- 
findung, Wort, Begriff und griechisch nach Nous, Dianoia, Logos, 

14* 211 



Idea auseinanderlegt, das schwebt für uns in einem gestaltlosen 
Xebelchaos, und wir geben uns gar keine Mühe, da irgendwelche 
Sichtung zu veranstalten. Und dieser Verzicht ist die beste Vor- 
schulung für das Weitere, für den jungen Menschen, der mit 
Zweifel gesättigt aus der Schule ins Leben tritt. Ich muß mich 
schon so ausdrücken, in der Ihnen geläufigen Redeweise, da wir 
uns sonst ganz und gar nicht verständigen könnten. Also er 
handelt sozusagen, er arbeitet, schafft sich eine Existenz und 
pflanzt sich fort. Aber der anerzogene Denk- und Willensverzicht 
bleibt ihm treu. Er quält sich nicht damit, weite Pläne zu bauen, 
lange Veranstaltungen zu treffen und sich in einer Welt der 
Zwecklosigkeiten auf umständliche ^Ermittelung des Zweckhaften 
einzulassen. Ihm genügt das Nächstliegende, zumal auch in 
diesem die Tat beständig von der Täuschung begleitet wird. 
Ein Beispiel: Wir hatten vor zwei Jahren ein Schadenfeuer in 
einem Gäßchen der Stadt. Was tut man in einem solchen Fall? 
Man löscht mit Wasser, weil man eben von der alten eingewurzelten 
Übung nicht los kann. Aber die Skepsis meldet sich auch hier 
mit der Frage: hat dieses Löschen einen Sinn? Wäre es nicht 
vielleicht zweckhafter, mit Spiritus, mit öl oder mit Sauerstoff 
zu spritzen? 

„Es ist anzunehmen, daß Sie diesem törichten Zweifel kein 
Gehör gaben, sondern bei der stets bewährten Wassermethode 
verblieben." 

— Ja, das taten wir aus alter Gewohnheit. Aber eines der 
abgelöschten Häuser war, wie sich später herausstellte, ein 
Seuchenherd. Die Pestilenz griff um sich, und in der Stadt starb 
der vierte Teil der Einwohnerschaft. Hätten wir damals mit 
Spiritus gespritzt, so verbrannte das Seuchenhaus mit allen 
Infektionskeimen in wenigen Minuten, und das wäre sehr viel 
zweckvoller gewesen. Da sind wir wieder bei den Definitionen: 
man sagt Schadenfeuer, wo man Nutzfeuer sagen sollte. Und 
so auch umgekehrt. Sie in Europa haben in einer Welt von 
gescheiten Nutzvorrichtungen gelebt und Sie haben den gräß- 
lichsten Schaden davon gehabt. Ihnen fehlen ein paar Millionen 
Skeptiker. Jetzt blicken Sie nach rückwärts und glauben, die 
Fehler zu entdecken. Aber Ihr ganzes System war ein einziger 
großer Fehler, und wird ein Fehler bleiben, wenn Sie bei der 
vermeintlichen Zweckmäßigkeit und bei weitausschauenden 
Plänen verharren. Weil sämtliche Richtigkeiten von heute lauter 
Falschheiten von morgen sind. Wir auf der Insel Dubioxa sind 
wenigstens von vornherein mit den Enttäuschungen befreundet, 

212 



und diese fallen um so geringer aus, je weniger wir Veranstal- 
tungen treffen, um ihnen zu entgehen. 

„Ich schließe aus alledem, daß Sie eine Art Schattendasein 
führen. Und die Menschen sehen auch danach aus. Ein eigent- 
licher Lebensdrang, ein turgor vitalis, wird in ihrem Äußeren nicht 
ersichtlich. Eine verschwommene Melancholie liegt über ihnen, 
etwas unbestimmt Vernebeltes ..." 

— Sie brauchen uns deswegen nicht zu bedauern. Ein Schatten 
lebt auf seine Weise ganz erträglich. Er stößt sich nirgends, 
er gleitet um alle Ecken, Kanten und Vorsprünge herum, an 
denen der Vollkörper Hindernisse findet und sich wundschlägt. 
Da ist ein Graben, eine Schlucht, ein Abgrund; Sie als Person 
müssen ausweichen, wenn Sie nicht tötlichen Abstuiz erleiden 
wollen, der Schatten fliegt glatt hinüber. Weil der Schatten ein 
zweidimensionales Gebilde ist, das von der Körperwelt nur die 
geometrischen Bedingungen, aber nicht die praktischen emp- 
fängt. Ein Schattendasein ist somit weit unabhängiger und 
ideeller als ein körperhaftes, und wenn es dem zum System er- 
hobenen Zweifel gelingt, uns den Schatten anzunähern, so müßten 
Sie uns darum beneiden. Allerdings sind wir noch nicht ganz 
soweit, das an sich vorzügliche Prinzip hat sich noch nicht voll- 
kommen ausgewirkt. Wir zollen der Körperlichkeit noch manchen 
Tribut, so durch Schmerzempfindung. Ich zum Beispiel werde 
sehr von Gallensteinen geplagt, und habe gerade in diesem Augen- 
blick einen bösen Anfall. 

Unser Doktor Wehner machte sich anheischig, ihm zu helfen, 
eventuell durch einen operativen Eingriff. Aber davon wollte 
der Mann nichts wissen: Skepsis ist besser als Chirurgie. Auch 
beim ärgsten Schmerz verläßt mich nie die Zweifelsfrage: ist 
es denn wirklich nicht bloß eine geträumte Qual? Ich könnte ja 
im nächsten Moment zu einer gänzlich schmerzfreien Existenz 
erwachen, etwa als ein Schatten, dem die zweidimensionalen 
Gallensteine nicht die geringste Beschwerde verursachen. 

Es fiel mir schwer, diese Möglichkeit mitzudenken. Allein 
ich mußte mir gestehen, daß eine derart ins Extreme gesteigerte 
Skepsis ihrem Inhaber tatsächlich einen gewissen Vorteil zu 
gewähren vermöchte. Wie war es denn mit den klassischen 
Skeptikern mit Pyrrhon, Karneades, Ainesidemos, Sextus 
Empirikus? Man muß sie wohl als Vorläufer des auf der Insel 
herrschenden Prinzipes gelten lassen. Und wahrscheinlich ope- 
rierten sie alle mit der Vermutung, daß im Höchstgrad des Zweifels 
eine Wohltat verborgen liegen könnte. 

213 



Auf den Vorstufen eines Hauses bemerkten wir ein paar kleine 
Mädchen, die mit Puppen spielten. Diese noch lange nicht schul- 
pflichtigen Kinder zweifelten nicht. Sie wußten ganz genau, 
daß ihre Puppen lebendige Geschöpfe waren. Es gab also doch 
noch einleuchtende, unbedingte Wahrheiten in dieser vom Miß- 
trauen zernagten Gemeinschaft, die vom Wissen nichts wissen 
wollte. 



Nicht weit von Dubioxa befinden sich etliche Inseln, die wir 
aus dem bereits erwähnten Grunde der Zeitbedrängnis nur von 
fernher mit den Blicken begrüßen durften. Sie wären uns gänz- 
lich verschlossen geblieben, hätte uns nicht unser Gewährsmann 
von der Zweifel-Insel einige Angaben zufließen lassen. Es muß 
späteren Expeditionen vorbehalten bleiben, festzustellen, ob 
diese Mitteilungen den Tatsachen entsprechen, oder ob gerade hier 
das Prinzip des Zweifels ein neues Feld der Betätigung findet. 

Die Bewohner der Insel Tivarela, so erfuhren wir, sind seit 
langer Zeit zur Vorstellung eines besonderen Weltbildes er- 
zogen worden. Während wir in Europa bis in dieses Jahrhundert 
auf die Of f enbarungen der Relativitätstheorie warten mußten, 
besteht diese Lehre dort bereits seit vierzig Dezennien. Ein 
großer ortsansässiger Forscher Namens Olhazen, ein Zeit- 
und Geistesgenosse des Kopernikus, war ihr Begründer. Und so 
kam es, daß die Insulaner fast gleichzeitig das kopernikanische 
und das relativistische System in sich aufnahmen. Hieraus ist 
zu folgern, daß sie in geistiger Hinsicht einen enormen Vorsprung 
vor uns besitzen. Während wir uns noch anstrengen, der ge- 
danklichen Schwierigkeiten Herr zu werden, ist ihnen die Re- 
lativität aller Erscheinungen längst in Fleisch und Blut über- 
gegangen. Wie eine Selbstverständlichkeit hat sie von ihnen 
Besitz ergriffen, und es erscheint sonach angezeigt, das Gebiet 
nach dem herrschenden Prinzip als die Relativitäts-Insel 
zu bezeichnen. 

Die Leute kommen sozusagen mit ererbten relativen Vor- 
stellungen zur Welt. Wenn ein Kind einen Kreisel treibt, so 
fühlt es bereits die Relativität der Rotation. Es macht ihm 
Spaß, den Kreisel als stillstehend und das Weltganze um das 
Spielzeug rotierend zu denken. Oder es läßt einen Drachen 
steigen; sobald es ihn heranzieht, sagt es sich mit innerer Genug- 
tuung: diese Erscheinung bliebe ganz unverändert, wenn der 

214 



Drache hoch in der Luft feststünde und wenn die Erde mit allem 
was darauf an dem Faden heraufgezogen würde. 

Ein derartig organisiertes Bewußtsein verflüssigt natürlich 
auch die Ausdrucksform und verwandelt die starre Rede in eine 
Relativsprache. Die Insulaner sagen mit derselben Leichtigkeit: 
„dieser Wagen fährt auf der Landstraße" und die „Landstraße 
fährt entgegengesetzt unter diesem Wagen". Ganz eingebürgert 
sind Redewendungen wie: „Der Brei geht um die Katze" — 
„der Kork wird entflascht" — „das Haar fährt durch den Kamm" 
— „man rupft die Gans aus den Federn" — „der Park promeniert 
vorüber" — „das Siegel wird entbrieft" — „das Laub bebäumt 
sich" — „man schneidet sich die Füße von den Hühneraugen" — 
was alles übrigens so genau ist wie die Ansage : „die Sonne geht 
im Osten auf". 

In der relativen Welt dieser Insel führen Raum und Zeit 
nur noch das Scheindasein, zu dem sie die neue Erkenntnisphysik 
verurteilt hat. Das heißt, jeder feststehende Maßstab ist ver- 
schwunden, und die Dimension der Zeit ist mit jeder Raum- 
dimension vertauschbar. Und diese Einsicht hat sich dort 
längst in der Praxis des täglichen Lebens durchgesetzt. Auf die 
Frage: wie spät ist es? kann man die Antwort hören: sechs 
Meter; wie groß ist dein Schwesterchen? zwei Sekunden. In 
den Gedankenkreisen der Tivarelaner hat der Begriff der Gleich- 
zeitigkeit seine Prägnanz verloren, zwischen Vergangenheit und 
Zukunft, Vorher und Nachher, Ursache und Wirkung ver- 
fließen die Grenzlinien. Sie führen keine Geburts- noch Sterbe- 
register, weil diese an zeitliche Bestimmungen gebunden sind, 
deren Wesenlosigkeit sie erkannt haben. In ihrem Unterricht 
erscheint die Weltgeschichte relativiert und auf den Grundton 
„Vielleicht" abgestimmt, der ihre Verwandtschaft mit den 
Skeptikern der Nachbarinsel verrät: Es ist „möglich", daß 
Cäsar und Cleopatra zur gleichen Zeit gelebt haben; daß die 
Hinrichtung der Maria Stuart und ihr Tod auf denselben Tag 
fielen; es ist auch möglich, daß Christus im Jahre 7 nach Christi 
Geburt geboren wurde. Vom Standpunkt des Beurteilers hängt 
es ab, ob er die Schlacht von Marathon als die Ursache oder 
als die Wirkung des Griechensieges über die Perser bezeichnen 
will. Und wenn „Entdeckung" definiert wird als das Gewahr- 
werden eines bis dahin Nichtbekannten, so läßt sich behaupten: 
die Amerikaner haben den Kolumbus entdeckt. 

Diesen Anschauungen gemäß finden sich auf der Insel Ein 
richtungen und Gepflogenheiten, in die sich unsereiner kaum 

215 



hineinzudenken vermag. Behörden und Ehen gelten als relativ, 
die Ämter und die Gattinnen sind sonach — wie die Dimensionen — 
vertauschbar. Wenn ich meinem Gewährsmann trauen darf, 
so vollzieht sich dies in Formen, die zwar sehr grotesk auftreten, 
aber doch nicht aller Möglichkeit widerstreiten. Es wird zum 
Beispiel ein Schulmann plötzlich Polizeiminister, während der 
bisherige Polizeipräfekt zur Post, und der Oberpostmeister zur 
Schule versetzt wird. Wir dürfen dagegen nicht einwenden, 
daß solches Hinundher doch üble Folgen haben könnte. Denn 
die Begriffstrennung nach Böse und Gut wird ja nicht anerkannt, 
und zudem hat sich hier gezeigt, daß man ein Amt vorzüglich 
verwalten kann, ohne von dessen Wesen und Obliegenheiten 
die geringste Ahnung zu besitzen. Ja, viele Insulaner behaupten 
sogar, daß sich eine wahre Objektivität in staatlichen Geschäften 
nur bei solchen Beamten einstellt, die nicht eine Silbe von dem 
verstehen, was sie verfügen und unterschreiben. Was nun die Be- 
ziehung von Gatten zu Gattinnen betrifft, so weisen die Leute 
darauf hin, daß auch in den Bereichen des absoluten Denkens, 
also in den alten Kontinenten, relative Ehen vorkommen sollen; 
sie hätten also nur ausgebaut und zum Prinzip verallgemeinert, 
was sich anderswo höchstens in Andeutungen hervorwagt. Un- 
nötig, besonders zu betonen, daß hier eine falsche Information 
mitspricht. Ich weiß wohl, daß sich Perikles einmal auf ein 
verändertes Bezugsystem einrichtete, als er seine legitime Ge- 
mahlin mit Aspasia vertauschte; ich muß aber daran festhalten, 
daß sich ein solcher oder ähnlicher Fall seitdem in Europa nicht 
wiederholt hat. 

Einige Besonderheiten verdienen Erwähnung. Nietzsche 
hat die Frage aufgeworfen und als diskutierfähig bezeichnet, 
ob die Zeit „umkehrbar" sei; ob man retrospektiv empfinden 
könne. Die Bewohner dieser Insel suchen dies dadurch zu er- 
mitteln, daß sie gev/isse Personen zu einem Leben mit umge- 
drehter Zeit anhalten; also wie in einem verkehrt abgerollten 
Film. Einigen Individuen soll dies schon bis zu einem gewissen 
Grade und in engen Zeitspannen geglückt sein. Unterstützt wird 
diese Methode durch äußerst schnell bewegte Karussells, da 
nach der Relativitätstheorie eine rasche Rotation verjüngt. 
Der Technik und dem Willen der Versuchspersonen wird dabei 
natürlich das Äußerste zugemutet. Sollte auf Tivarela das Problem 
des relativen Daseins mit verkehrtem Ablauf gelöst werden, 
so wären die Ergebnisse vorerst ganz unvorstellbar. Denn bei 
der sukzessiven Verjüngung gelangt man doch schließlich an 
den kritischen Punkt des Geborenwerdens, und hier versagt unsere 

216 



Phantasie. Aber die Ultrarelativisten der Insel behaupten, daß 
sie die Aufgabe dereinst auch über diesen schwierigen Punkt 
hinaus bewältigen werden. Und sie fügen zu Ehren des Prinzips 
hinzu, daß gerade hierin der wahre Lebenszweck der Menschen 
begründet liege. Wir fahren im Dasein, so sagen sie, beständig 
gegen den Wind, und aus dieser Anstrengung entspringen all 
die schauderhaften Symptome der Überalterung. Überwältigen 
wir die Zeitgebundenheit, machen wir uns die Zeit tributär, die 
uns so lange vorwärts gepeitscht hat ! Es muß gelingen, den Kurs 
radikal umzustellen, mit dem Winde zu segeln, und dadurch zur 
Jugend des Menschentums überhaupt zu gelangen. Alles ist 
relativ, und nur das Relative ist absolut. Das will sagen, daß wir 
am Ende aller Dinge doch auf etwas Absolutes hinsteuern, aui 
das absolute Glück einer konstanten Verjüngung, die einzig und 
allein durch unser Prinzip der Relativität erzwungen werden 
kann! 



Wenn man sich mit leidlich gebildeten aber nicht gerade 
erleuchteten Menschen über hochwissenschaftliche Leistungen 
unterhält, so stößt man oft genug an die Frage : wozu dient das ? 
was kann man im Leben damit anfangen ? Und man gerät dann 
wirklich in Verlegenheit, weil jene Leistungen eben nur sich 
selbst bezwecken. Hier zum erstenmal auf den entlegenen Inseln 
zeigte es sich, daß rein theoretische Dinge auch einer lebendigen 
Gestaltung fähig sein können. Und so traf uns auch die Kunde 
nicht ganz unvorbereitet, daß in der Nähe von Tivarela sich ein 
anderes meerumspültes Gebiet befände, dessen Kultur sich auf ein 
ursprünglich abstraktes Prinzip gründe. 

Es handelt sich um die Insel Obalsa, deren Bevölkerung 
ein, wie ich glaube, recht lohnendes Studienobjekt darbietet. Denn 
sie verwirklicht bis zu ansehnlichem Grade ein Prinzip, das im 
neuzeitlichen Denken zu immer stärkerer Geltung gelangt. Ich 
spreche von der „Philosophie des Als Ob". 

Wenn wir von ihr reden, so denken wir zunächst an den be- 
rühmten deutschen Weltweisen Hans Vai hinger, der sie zuerst 
systematisch entwickelt und sie zugleich zu einem Instrument 
für künftige Denkforschung geschärft hat. Aber gerade er hat auch 
in Vorläufern, zumal in Kant, gewisse Urquellen des Als Ob 
nachgewiesen, und ich nehme an, daß auf der genannten Insel 
noch andere, uns unbekannte Quellen gerauscht haben mögen. 

217 



Der an sich einfache Grundgedanke zeigt uns das Gesicht 
eines gedanklichen Abenteuers: der denkende Mensch erreicht 
seine Wahrheiten nur auf Wegen, die mit lauter Unwahrheiten 
gepflastert sind. Auf diesen Unwahrheiten spazieren wir dahin, 
„Als Ob" sie selbst Wahrheiten wären. Wir schreiten auf Un- 
möglichkeiten, um bei Gewißheiten zu landen. Man denke an 
den Reiter, der über die dünne Eisdecke des gefrorenen Bodensees 
dahintrabt. Er müßte logischer- und dynamischerweise ein- 
brechen und ertrinken. Trotzdem erreicht er das sichere Ufer. 
Ohne bildlichen Vergleich: in allen Wissenschaften werden 
bewußtfalsche Begriffe und Urteile angewendet, Fiktionen, 
die als solche gänzlich unhaltbar sind, die sich aber in aller Falsch- 
heit als vortreffliche Werkzeuge zur Wahrheitsfindung erweisen. 
In der Physik, Chemie, Mechanik, Mathematik, aber auch in der 
Ethik und Religionsphilosophie wimmelt es von solchen Fiktionen, 
deren wir uns bedienen, ,,Als Ob" sie richtig wären. Sie sind 
sozusagen die Falschschlüssel oder Dietriche, die wir probieren 
müssen, um die Geheimfächer der Natur zu öffnen und die 
darin verborgenen Echtheiten herauszuholen. 

Auf der Insel Obalsa hat dieses Prinzip blühendes Leben an- 
gesetzt. Die Staatsform war vordem konstitutionell-monarchisch, 
und der König hatte sich so zu benehmen, Als Ob er sich durch 
seinen Eid ganz streng an die Verfassung gebunden fühlte. Bei 
einer bestimmten Gelegenheit wurde der Monarch entthront, 
und seine Getreuesten schwenkten von ihm ab, Als Ob sie niemals 
in ihrem Blut einen Tropfen monarchischer Überzeugung ver- 
spürt hätten. Diese Getreuen bekannten sich nunmehr zur re- 
publikanischen Staatsform, und man glaubte an ihr Bekenntnis, 
Als Ob sie niemals vorher das Entgegengesetzte beschworen 
hätten. 

Die Diplomatie und das Rechtswesen sind auf Treu und 
Glauben gestützt, haben unbedingte Ehrlichkeit und Offenheit 
zur Voraussetzung. Man fertigt Aktenstücke mit einem sittlichen 
Ernst, Als Ob man fest entschlossen wäre, jede Zeile in der Aus- 
übung zu bewahrheiten, man unterschreibt sogar unmögliche 
Verträge, Als Ob man an deren Möglichkeit glaubte. Jedes Gesetz 
erhält eine klare Fassung und lautet so präzis, Als Ob es nur 
einer Auslegung fähig wäre und nicht etwa auch einer anderen, 
die seinen Sinn ins Gegenteil verkehrt. 

Im Staatsetat der Insel Obalsa figurieren Summen als Aktiv- 
posten, die arithmetisch so sicher auftreten, Als Ob sie vorhanden 
wären. Der Kämmerer verwaltet den Schatz und er verknüpft 

218 



dabei Finanzkenntnis, Umsicht und Gewissenhaftigkeit derart, 
Als Ob er in seinem Schatze wirkliches Geld vermutete. 

Bezüglich der Unterrichts- und Religionsanstalten möge eine 
Erinnerung das Verständnis erleichtern. Wir besitzen alte Do- 
kumente, die uns darüber belehren, daß schon in grauer Vorzeit 
die bewußtfalsche Fiktion förderlich gehandhabt wurde. Ich 
zitiere aus den Bekenntnissen eines Isis-Priesters zu Memphis: 
Man bekümmert sich nicht darum, uns zu überzeugen, daß Isis 
und Osiris, Horus, Serapis und Typhon wirklich Götter sind; 
aber man gewöhnt uns an, ihnen, ihren Bildern und Allem was 
nur die mindeste Beziehung auf ihren Dienst hat, so zu begegnen, 
„Als Ob" sie Götter wären . . . Wer weiß besser als wir Priester, 
daß dieser Apis, ungeachtet seines weißen Dreiecks auf der Stirn 
ebensosehr ein Stier als irgendein anderer Stier, daß der Ibis 
eine Art von Störchen, und daß es lächerlich ist, einer Katze wie 
einer Göttin zu begegnen oder vor einer Meerzwiebel sich demütig 
im Staube zu wälzen? . . .*) Wenn es also Betrug ist, Wahrheiten 
vor dem Pöbel zu bekennen, deren Glanz er nicht ertragen könnte, 
so ist es ein heilsamer, ein notwendiger Betrug; und eben dadurch 
hört die Sache auf, diesen Namen zu verdienen. Jenes Als Ob 
wird gerechtfertigt, und es macht keinen Unterschied, ob die 
Augurn nach Memphis, nach Rom oder nach Obalsa versetzt 
werden. 

Ihre professoralen Gefährten von den Wissenschaftskanzeln 
ähneln ihnen auffallend. Sie halten Vorlesungen in allen erdenk- 
lichen Disziplinen und dozieren so, als ob sie das wüßten, was 
sie dozieren. Und eben dadurch offenbaren sie ihr Ingenium, 
denn wie schon Montesquieu hervorgehoben hat: man braucht 
viel Geist, um das zu lehren, was man nicht weiß. 

Es wird auf der Insel sehr viel geheiratet und geschieden. 
Und beinahe in jedem Fall von Eheschließung und Ehetrennung 
absolviert der Mann zwei fiktive Erlebnisse; da er zuerst der 
Vorspiegelung unterliegt, er könne nicht ohne, und später, 
er könne nur ohne diese Frau existieren. Genau so, Als Ob an- 
anfänglich nur diese eine in Betracht gekommen wäre, und nachher, 
Als Ob gerade diese eine nicht hätte in Betracht kommen dürfen. 
Ist ein Hausstand begründet, dann gibt das Paar, so lange die 
Ehe vorhält, Gesellschaften, Als Ob nicht ein Dasein zu zweien, 
sondern nur zu sehr vielen einen rechten Sinn hätte. Die einge- 
ladenen Gäste reden über Tische alle gleichzeitig, Als Ob dies das 



*) Von den vergöttlichten Meerzwiebeln berichtet u. a. Juvenal. 

219 



beste Mittel wäre, sich zu verständigen und angenehm zu unter- 
halten. Sobald eine Gesellschaft bis tief in die Nacht dauert, 
sucht man die Teilnehmer mit aller Gewalt am Aufbruch zu ver- 
hindern, Als Ob man nicht froh wäre, daß sie endlich nach Hause 
gehen. 

Kunst und Literatur finden auf Obalsa ausreichende Pflege. 
Romandichter und Bühnenschriftsteller schaffen Werke über 
Werke mit einem Produktionseifer, Als Ob ihnen bei der Nieder- 
schrift etwas einfiele. Die Komponisten entwickeln in Sonaten und 
anderen Konzertstücken wahre Wunderbauten polyphoner Steige- 
rung, Als Ob sie Themen und Motive besäßen, aus denen sich etwas 
entwickeln ließe. Die Autoren empfinden bei ihren Arbeiten 
eine Art Wollust, Als Ob sie die Muse begatteten. Wie ja auch 
die Verschnittenen gewisser sinnlicher Erregungen fähig sein 
sollen, die ihnen ein sexuelles Vermögen vortäuscht. Jene Autoren 
der Insel stellen vielleicht eine Art geistiger Eunuchen dar, die 
ihre Fähigkeiten so anzuwenden wissen, Als Ob durch sie eine 
Befruchtung erfolgen könnte. 

Das Zeichen des „Als Ob" ist das Symbol. Dementsprechend 
verlangt das Prinzip der Insel, daß dem Symbol die allergrößte 
Wichtigkeit beigemessen werde. Die Fahne gilt als bedeutsamer, 
als die Sache, die durch die Fahne symbolisiert wird. Hunderte 
von erfindungsreichen Bürgern zerbrechen sich unablässig die 
Köpfe darüber, welche Veränderungen man an den Farben, an 
den Dimensionen, an den Stellungen der heraldischen Vögel 
auf der Flagge anbringen könnte ; und sie legen größeres Gewicht 
auf die zeichnerische Einzelheit eines Dokuments, eines Akten- 
siegels oder behördlichen Gummistempels, als auf den Inhalt der 
zugehörigen Urkunden. Die Tatsachen, die hinter oder unter 
dem Symbol stehen, mögen ja oft genug unerfreulich sein; allein 
sie wirken doch so, Als Ob sie durch das Symbol gedeckt ihren 
eigenen verdrießlichen Charakter verleugneten. Und das gilt 
den Als-Ob-Leuten genau so, Als Ob die Tatsachen an sich ange- 
nehme Erscheinungen wären. 

Alles in allem genommen gehören also die Bewohner dieser 
Insel zu dem kleinen Bestand der relativ Bevorzugten. Auf dem 
Polynes zwischen Hawai und Aleuten dürften sie in dieser Hin- 
sicht in der vordersten Reihe stehen. Ich glaube aber, daß auch 
wir in den alten Kontinenten ihnen kaum den Rang streitig 
machen können. Weil bei uns das Prinzip des Als Ob noch nicht 
als Lebensnorm durchgedrungen ist, unsere Völker sich vielmehr 
so verhalten, als ob nur die Wirklichkeit, nicht aber irgendwelche 

220 



Fiktion für sie Geltung besäße. Hierfür dient als Grundlage die 
durchgreifende Ehrlichkeit im Bewußtsein unserer Völkerkonzerne, 
und ich hoffe, mit dieser Annahme auf keinen Widerspruch zu 
stoßen. 



Sollte in späterer Zeit ein Leser auf den Gedanken verfallen, 
sich in diesem Archipelagus anzusiedeln, so würde ich es als be- 
sondere Pflicht erachten, ihm den Wohnsitz auf einer bestimmten 
Insel zu widerraten. Ich meine auf Atrocla, einem Staatswesen, 
dessen Beschreibung mir nicht leicht fällt. Es ist ein Gelände 
der Unbequemlichkeit, dessen Hauptprinzip mir darin zu liegen 
scheint, daß die eine Hälfte der Bevölkerung es darauf anlegt, 
der anderen Hälfte das Dasein zu versäuern. Man muß indes 
hier die an der Oberfläche liegenden Erscheinungen und deren 
Gründe auseinanderhalten. Forscht man tiefer, so erkennt man, 
daß hier beachtenswerte Kulturmotive am Werke waren. 

Seit Alters her erfreut sich nämlich die Insel einer rührigen 
Bevölkerung, die es durch Arbeit und Intelligenz zu beträcht- 
lichem Wohlstand gebracht hat. Zudem war der Fiskus mit 
Staatsdomänen, Waldungen und Bodenschätzen so reichlich 
gesegnet, daß er, weit entfernt davon, die Einwohner zu bedrücken, 
diese vielmehr zur Teilnahme an seinem Überfluß einzuladen 
vermochte. Bürgerlich gesprochen: es wurden keine Steuern 
erhoben, sondern ausgeteilt; jedermann erhielt vom Staat eine 
jährliche Menge von Gütern in bar und in Naturwerten. Allein 
in den letzten Jahrzehnten gewannen Gedanken die Oberhand, 
die sich zu dem ursprünglichen Modus in starkem Widerspruch 
setzten. 

Diese Gedanken, wie sie sich im Schöße der Regierung mehr 
und mehr herausbildeten, wurzelten in folgenden Erkenntnis- 
gründen: Wenn es dem Menschen allzugut ergeht, so muß er 
degenerieren. Die allgütige Mutter Natur legt es ersichtlich darauf 
an, Wohltaten in unabsehbarer Zahl auf die Menschheit herabzu- 
schütten, ihr jedes Übel zu ersparen und sie mit so vielen Be- 
glückungen zu überhäufen, daß die Individuen sich in der Fülle 
des Segens kaum noch zurechtfinden. Dies ist eine unausweich- 
liche Folge der (seit Leibniz) allbekannten Tatsache, daß die 
vorhandene Welt die beste unter allen möglichen Welten darstellt. 
Krankheit und Sorge, Not und Tod spielen eine so geringe Rolle 
in der besten Welt, daß man mit der Laterne umhersuchen muß, 

221 



um überhaupt eine Spur von ihnen zu entdecken. Woraus un- 
mittelbar zu schließen, daß es im Haushalt der Natur an dem 
nötigen Gleichgewicht fehlt. Ihre Einrichtungen sind so be- 
schaffen, daß sie durchaus nur verweichlichen, aber nicht im 
mindesten abhärten. Hieraus muß sich früher oder später eine 
Katastrophe ergeben. Der Mensch wird einmal anfangen, unter 
der Überbürdung des nimmermüden Glückes zu stöhnen, ohne 
doch die Kraft zu besitzen, diese Last abzuschütteln. Soll also 
diese beste der Welten nicht etwa unversehens in ihr Gegenteil 
umschlagen, so muß der Mensch selbst korrigierend in die Speichen 
des Weltrades eingreifen. Und dies kann nur auf eine Weise 
geschehen: wir müssen gewisse Annehmlichkeiten hinaus- und 
ein entsprechendes Quantum von Unannehmlichkeiten in das 
Leben hineinschaffen. 

Hierfür ist der Weg vorgezeichnet. Es werden Einrichtungen 
aufgestellt, die es den Menschen ermöglichen, sich wechselseitig 
das Dasein zu vergällen. Und zwar nach einem wohldurch- 
dachten Prinzipe. Dessen Grundwesen ist die Ars complicatoria, 
die staatlich betriebene Kunst, alle Lebensforderungen so zu ver- 
wickeln, daß sie durch kein Genie wieder auseinandergewickelt 
werden können. In dem beständigen Kampfe gegen die Kompli- 
kation müssen die Kräfte der Menschen erstarken, und um so 
sicherer wird man dieses Erfolges sein dürfen, je aussichtsloser 
sich dieser Kampf gestaltet. 

Das Eiland Atrocla ist sonach zutreffend als Insula compli- 
catoria anzusprechen. Sie steht im Zeichen von Verordnungen, 
Erlassen, Vorschriften, Verfügungen und Satzungsparagraphen, 
die aus dem dicken behördlichen Gewölk in wahren Sturzbächen 
herabregnen. Es gibt in diesem Staate nicht einen einzigen 
Menschen, der auch nur zum tausendsten Teile eine Ahnung 
davon hätte, was alles in diesen Verordnungen und Paragraphen 
steht. Dagegen wird von jedem Einzelnen verlangt, daß er sie 
sämtlich befolgt, und daneben noch die Zeit übrig behält, um 
während der Befolgung einer Norm hundert andere auswendig 
zu lernen, die eine Stunde zuvor noch gar nicht existierten. Un- 
kenntnis schützt nicht vor Strafe, denn in der verbesserten 
besten Welt wird die Ignoranz als ein Laster angesehen, das 
unbedingt ausgerottet werden muß. Mit jedem Atemzug schlürft 
man Strafandrohungen wie Luftbazillen. Es gibt nur noch wenig 
Nichtvorbestrafte auf der Insel, und man mißtraut ihnen mit 
Recht, denn da man normalerweise nicht am Gefängnis vorbei 
kann, so hält man die wenigen, die noch nicht darin waren, für 

222 



ganz verschmitzte Verbrecher, die in die gute Gesellschaft keinen 
Zutritt finden dürfen. 

Die Nationalbibliothek enthält in 350 000 Bänden alle bis zum 
Vorjahre erschienenen Gesetze und Verordnungen und wird be- 
ständig von zahllosen Bürgern bestürmt, die sich darin Rat holen 
wollen. Der bloße Katalog dieser Sammlung wiegt 27 Zentner; 
er wird dauernd unter Verschluß gehalten, weil sonst die Gefahr 
obwaltet, daß man etwas finden könnte. Die beamteten Bibliothe- 
kare zerfallen in zwei Kategorieen: solche die überhaupt keine, 
und solche, die prinzipiell falsche Auskunft erteilen. 

Die Statistik, als eine komplizierte Wissenschaft, wird eifrig 
gepflegt. Das statistische Material wird dadurch erlangt, daß 
Jedermann unablässig angehalten wird, Formulare und Frage- 
bogen auszufüllen. Man hat immer etwas zu ermitteln, in den 
Wohnungen, Beständen, Verrichtungen, nach Längeneinheiten, 
Quadratmetern, Kubikfußen, Stückzahl und sonstigen statistischen 
Elementen. Daraus ergeben sich die interessantesten Aufgaben 
als Tagewerk von früh bis abends. So zum Beispiel hat der Normal- 
mensch, — nennen wir ihn Cajus — zu untersuchen, was heraus- 
kommt, wenn er die Zahl seiner Familienmitglieder in den Luft- 
raum der Wohnung dividiert und hiervon die Summe seiner 
Preßkohlen vermehrt um das Doppelprodukt aus Fenster- und 
Türenflächen abzieht. Hat er tagsüber dieses Problem, und einige 
Dutzend ähnliche gelöst, so überträgt er das Resultat in die 
Formulare und bringt sie in neunmaliger Ausfertigung auf neun 
verschiedene Ämter, die zur Stählung der Geduldstugend sämt- 
lich geschlossen sind. Hier darf nun Cajus weiter berechnen, 
binnen wieviel Stunden sich so ein Amt einmal öffnen, und unter 
welchen Ausdrücken bissiger Verdrossenheit man ihm seine Aus- 
arbeitungen abnehmen wird. 

Das komplikatorische Prinzip würde seinen Zweck nur un- 
zureichend erfüllen, wenn es nicht eine besondere Technik der 
Sprachgestaltung zu Hilfe nähme. Es gibt Leute, die Runen, 
Keilschriften und Hieroglyphen entziffern. Hier, auf der Insel 
Atrocla, ist dafür gesorgt, daß auch diese Entzifferer die in den 
Verfügungen niedergelegten Sätze nicht aufzulösen vermögen. 
Schon im ersten Entwurf e erscheinen sie so verwirrt, verschnörkelt, 
konstruktivisch verfilzt, mit solchem Ballast von Umstands- 
wörtern und Partikeln befrachtet, daß keines Menschen Ingenium 
durch all die „insoweit", „wofern", „beziehungsweise", „falls- 
aber" hindurchzudringen vermag. Jeder Paragraph kommt 
zudem vor der Veröffentlichung noch in eine Verkonstruierungs- 

223 



maschine, welche die einzelnen Satzteile abermals verbiegt, zer- 
knittert, verwirbelt, auseinanderschüttelt, wieder verknotet, 
verleimt und in ein Aggregat verwandelt, das eher an die Ex- 
pektorationen eines verkrampften Magens als an eine sprachliche 
Kundgebung erinnert. Ob nun Cajus in schlaflosen Nächten 
den Sinn herausbekommt, das ist Nebensache. Hauptsache ist 
vielmehr, daß er passend und ausreichend beschäftigt wird mit 
den Myriaden von Silbenrätseln, Logogriphen, Anagrammen und 
Rösselsprüngen, worin die Regierung ihre Verwaltungssprüche 
verkapselt. 

Es bedurfte selbstverständlich eines kolossalen Aufgebots von 
Beamten, um all die Verwickelungen zu ersinnen, die den ver- 
weichlichenden Einflüssen des Lebens entgegenwirken. Und es 
stellte sich heraus, daß die zahllosen Beamten von der bloßen 
Ausübung der Schikane nicht satt wurden. Sie verlangten sonach 
ausreichende Löhne, und für die bloße Aufstellung der Gehalts- 
regulative mußte abermals eine Armee von Beamten zur Fahne 
des Bürokratius einberufen werden. Rechnet man hierzu, was 
die Drucklegung der paragraphierten Sphinxrätsel verschlang, 
vergegenwärtigt man sich ferner, daß die Spesen solcher Ver- 
waltung im Kubus ihrer Belästigungskoeffizienten wachsen, 
so begreift man, daß die alte primitive Steuerordnung nicht auf- 
recht zu erhalten war. Zahlte vordem der Fiskus an das Volk, 
so erhob sich nunmehr das umgekehrte Prinzip in aller Kraft 
und Herrlichkeit. 

Es wäre nunmehr das einfachste gewesen, zu dekretieren: 
Cajus zahlt soundsoviel vom Einkommen und Vermögen. Und 
wenn es auch hundert Prozent gewesen wären, so hätte er sich 
damit abgefunden; weil ja auch viele Kühe hundert Prozent 
ihrer Milch und viele Pelztiere hundert Prozent ihrer Felle ab- 
liefern. Aber damit war der Animus complicatorius nicht einver- 
standen. Das Prinzip der Insel wäre durchbrochen worden, 
wenn man irgendetwas einfach handhabte, das sich nach be- 
währtem Schema verwickeln ließ. 

Man versah also einige Schock von Beamten mit Wörter- 
büchern und gab ihnen auf, dauernd mit Nadeln hineinzustechen. 
Jedes gestochene Wort wurde darauf untersucht, ob es steuerlich 
verwendbar wäre. Und da offenbarte es sich tatsächlich, daß die 
Sprache an sich an fiskalischen Einfällen gradezu unerschöpflich 
ist. Auf jeder Seite des Diktionärs öffneten sich Dutzende von 
Fundgruben. 

224 



Daß die konkreten Dinge alle heranmußten, in allen möglichen 
und unmöglichen Verknüpfungen, verstand sich von selbst. Allein 
auch die Abstrakta erwiesen sich als zwecktauglich. Man konnte 
das Laster besteuern und zugleich die Tugend, die Verschwen- 
dung und die Sparsamkeit, die Klugheit ebenso wie die Dummheit. 
Denn wenn einer spart, gelangt er, wenn man die dortigen 
Zeichen in unser Alphabet übersetzt, mit dem Buchstaben Z zu 
Zuwachs, also ergibt sich die Zuwachssteuer ebenso ungezwungen 
wie unter L die Luxussteuer. Und wenn einer dumm ist, so bildet 
er schon persönlich ein vorzügliches Steuerobjekt, da er kraft 
seiner Dummheit im Steuergewebe keine Masche zum Durch- 
schlüpfen entdeckt. So wurde sub litera E die Ehrlichkeit einer 
besonders hohen Steuer unterworfen, da man von der Ansicht 
ausging, die Ehrlichen müßten nicht nur für sich zahlen, sondern 
auch das durch die Defraudanten verursachte Manko ersetzen^ 

Immer, wenn hundert neue Abgaben in Paragraphenform 
herauskamen, wurden sie miteinander verwoben, kumuliert 
und chemisch durcheinandergearbeitet. Man nannte das je nach 
der Materie Veredeln, Ausbauen, Staffeln. Als die Worte im 
Lexikon zu Ende gingen, fand man in dem so ergiebigen Buch- 
staben Z noch einen Ausdruck, der unabsehbare Leistungen 
versprach. Wo man ihn nur ansetzte, zauberte er Gold in belie- 
bigen Mengen hervor. Er hieß „Zuschlag". 

Zu den Veredlungsmethoden gehörte das dauernde „Erfassen" 
und der einmalige „Zugriff". Dieser wurde wiederum zu einem 
„dauernden Zugriff" veredelt. Als ein schätzbares Hilfsmittel 
erwies sich die Einführung der Röntgen-Physik. Alle Cajusse 
wurden mit X-Strahlen durchleuchtet, die in Verbindung mit 
einer eingeführten Schlundsonde das ganze Innere der Zensiten 
transparent machten. Und dennoch! Wenn man am Schluß 
aller Manipulationen und Erhebungen das Ergebnis überzählen 
wollte, fand man zum Zusammenrechnen nur Negativgrößen. 
Die unzähligen Zähne der ungeheuren Zahnradmaschinerie 
hatten das hindurchgegangene Gold ratzekahl aufgefressen. 
Hier hatte der Staat etwas geleistet, was über alle Naturmöglich- 
keit hinausging: ein Minimum des Effektes bei einem Maximum 
des Kraftaufwandes. 

Nichtsdestoweniger verblieb es bei dem Prinzipe, dessen 
Vertreter sich immer wieder auf das spartanische Vorbild beriefen : 
Häufung der privaten Unannehmlichkeiten zum Zweck der Ab- 
härtung und Ertüchtigung. So verstanden sie den Grundzug 
des Lykurgischen Staatswesens, das ihnen als Ideal vorschwebte, 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 15 225 



und das sie auch schon bis zu einem merklichen Grade erreicht 
hatten. Atrocla war wirklich ein neues Sparta geworden und 
hätte mit seiner Beschränkung der individuellen Freiheit und mit 
seiner Losung: dem Einzelnen Nichts — alles dem Staate — 
vor den gestrengen Augen Lykurgs ehrenvoll bestanden. Die 
komplikatorischen Behörden hatten sogar einen Teil der uralten 
Amtsbezeichnungen übernommen; das Hauptamt nannte sich 
Gerusia, die Beigeordneten hießen Ephoroi, und es war natürlich 
das Ziel jedes verständigen Menschen, ein Ephoros zu werden; 
weil man als Nicht-Ephoros gewöhnlich nicht aus dem Gefängnis 
herauskam. 



Wir hatten uns in der Stadt verteilt, um einzelne Betriebe 
genauer kennen zu lernen. Dabei waren zwei unserer Gefährten, 
der Doktor Wehner und Fräulein Eva, in ein Gebäude geraten, 
das sie für eines der vielen Erschwerungsämter hielten, dessen 
Einrichtungen sich indes bei näherer Betrachtung als die eines 
Irrenhauses zu erkennen gaben. Was ja leicht miteinander ver- 
wechselt werden kann. Der Unterschied lag wesentlich darin, 
daß das Personal hier um eine Nuance höflicher war. Zudem 
sprach mir Eva den dringenden Wunsch aus, einem bestimmten 
Insassen der Anstalt meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie 
hätte den Eindruck einer außergewöhnlichen Persönlichkeit 
empfangen. Zweifellos wäre dieser Eingesperrte — er hieß 
Pordoio — kein Irrsinniger in der gewöhnlichen Bedeutung des 
Wortes. Und wir würden uns einen Gotteslohn erwerben, wenn 
wir versuchten, den Zwangsaufenthalt dieses Mannes aufzuheben 
oder abzukürzen. 

Ich erklärte mich hierzu bereit und erbot mich, sofort den 
Weg nach dem bewußten Hause anzutreten. Allein jetzt bat 
mich Eva seltsamerweise, damit noch bis zum nächsten Tage 
zu warten. Und wie ich später merken sollte, benutzte sie die 
Zwischenzeit, um sich allein nach unserem Schiffe zu begeben 
und dort auf der „Atalanta" einiges anzuordnen. 

Am nächsten Vormittag befanden wir uns in der Wohnzelle 
des Irrenhäftlings. Der leitende Anstaltsarzt sträubte sich zwar 
anfänglich dagegen, uns mit ihm allein zu lassen, aber wir wußten 
eindringlich zu bitten, bis wir unser Vorhaben durchsetzten. 
Schließlich war ja Freund Wehner vom Fach, und wir andern 

226 



sahen auch vertrauenswürdig aus, da konnte also nichts ordnungs- 
widriges passieren. 

Ganz so einfach, wie ich vermutete, lag der Fall denn doch 
nicht; denn Pordoio gab selbst zu, daß er mehrfache Tobsuchts- 
anfälle gehabt habe, die äußerlich gesehen seine Unterbringung 
in eine Heilanstalt bis zu gewissem Grade rechtfertigten. Transi- 
torische Manie auf angeborener epileptischer Grundlage ? Keines- 
wegs. Pordoio war jetzt sechsunddreißig Jahr alt und hatte sich 
von Kindheit bis zum Mannesalter stets einer eisenfesten Ge- 
sundheit erfreut. Vielmehr mußten seelische Erschütterungen 
eingewirkt haben, über deren Entstehung er uns Aufschluß gab. 

Er entstammte einem angesehenen K aufm annsh aus als der 
einzige Sohn eines auf Atrocla ansässigen, sehr vermögenden 
Fabrikanten. Der Aufenthalt in Fabrik und Bureau sagte ihm 
auf die Dauer nicht zu, und so entschloß er sich als Dreiundzwan- 
zigj ähriger zu einer Bildungsreise in die weite Welt. Freilich 
reichte diese nach seinen Insularbegriffen nicht über die Grenzen 
des Archipelagus hinaus. Aber er sah doch Land und Leute 
anderer Inseln, machte Bekanntschaft mit fremden Gestaltungs- 
formen und verspürte in seinem Innern deutlich den geistigen 
Gewinn. In seinem Intellekt begannen sich Kräfte zu regen, 
Ansätze zu außergewöhnlichen Gedanken, die vorläufig noch in 
Gärung begriffen waren, aber für die Zukunft Ersprießliches 
versprachen, wenn die Umstände ihnen das Ausreifen ermöglichten. 

Der Segler, dem sich Pordoio auf der letzten Strecke seiner 
Fahrt anvertraut hatte, geriet in einen Taifun, der ihn an einem 
nach Süden treibenden Eisberg zerschmetterte. Der junge Mann 
rettete aus der Katastrophe das nackte Leben, wurde, an eine 
schwimmende Planke festgeklammert, auf eine nie zuvor von 
Menschenfüßen betretene Insel ausgeworfen und absolvierte auf 
dieser eine vollkommene Robinsonade. Aus dem Nichts heraus 
mußte er sich seine Existenz schaffen, sich wehren gegen Nöte 
und Unbilden, die dem Kulturbürger als Feinde kaum bekannt 
sind, er mußte in rohen Gestaltungen Dinge erfinden, die wir 
anderen in letzter Verfeinerung als Selbstverständlichkeiten 
des Daseins vorfinden. Die ersten Jahre waren Kampf, Ent- 
behrung und Angst, verschärft durch das trostlose Gefühl der 
Verschollenheit. In der Folgezeit, als ihm eine Art von Wilden- 
kultur die unmittelbare Not minder fühlbar machte, begannen 
seine aufgestauten Intellektualfähigkeiten neue Auswege zu 
suchen. Die Hoffnung hatte ihn verlassen, allein auch das Ver- 
zweifeln hatte er verlernt, und während ein minder beanlagter 

15* 227 



Mensch in einen Zustand des Hindämmerns verfallen wäre, über- 
wand er die Lethargie durch eine Methode, die sich ihm unbewußt 
aufdrängte. Wie aus einem schweren Traum stiegen ihm Gedanken 
auf, die von Tag zu Tag in klarere Beleuchtung rückten, um 
allmählich ein wirklich denkerisches, philosophisches Gepräge 
zu gewinnen. Er grübelte über Probleme, die mit seiner Lage 
gar nichts zu tun hatten, vielmehr gänzlich der Geistigkeit ange- 
hörten, und er glaubte gewisse Lösungen zu finden, deren be- 
glückender Wert ihm als reine Erkenntnisse aufgingen. Sein ganzes 
Vorleben mit allem, was er einst studiert und auf den Inseln er- 
fahren hatte, stieg aufs Neue in ihm auf, wie befreit von den 
Schlacken persönlicher Erlebnisse, vergeistigt zu unkörperlichen 
Wesenheiten, die sich zu ungeahnten Einsichten zusammen- 
schlössen. Die Einsamkeit ist eine vorzügliche Gesellschafterin 
für einen, der die Triebkraft des Denkens in sich hat; und wie 
man von Voltaire als dem Einsiedler von Ferney spricht, so 
hätte man allenfalls unseren Pordoio den philosophierenden Ein- 
siedler vom Erebos nennen dürfen, wenn diese Insel überhaupt 
schon unter diesem Namen bekannt gewesen wäre. Aber kein 
Mensch auf der Welt wußte etwas von ihr, mit Ausnahme des 
Verschollenen, der mit dem düsteren Recht des ersten Ent- 
deckers seine Klippe also getauft hatte. 

Abermals waren sieben Jahre verstrichen, als die verschüttete 
Heimatssehnsucht in ihm aufflackerte. Er hatte ein Segelfloß 
gezimmert, mit Proviant beladen, und auf ihm eine Fahrt ins 
Uferlose gewagt. Da fand die Robinsonade ihren Abschluß. 
Ein kleiner Kauffahrer, der von Kurawaddi nordwärts steuerte 
und vom Kurse abgeschlagen worden war, erspähte den gänzlich 
Erschöpften und brachte ihn nach Atrocla zurück. 

Man behandelte ihn zuerst als eine Sensation, verglich ihn 
mit Odysseus, und die Neugierigen erdrückten ihn in Teilnahme, 
die ihn für elfjährige Mühsal entschädigen sollte. Er aber hatte 
nur den einen Wunsch: zu arbeiten, um sich von der Bürde des 
in ihm aufgesammelten Gedankenvorrats zu befreien. Dieser 
erschien ihm selbst jetzt recht diffus, ungeordnet, lückenhaft, 
und auf die Mitwirkung gründlicher Bücherstudien angewiesen. 
Er fühlte sich als der Träger ungeschriebener Werke, die nur in 
konzentrierter Arbeit Gestalt annehmen konnten. 

Das Geschäft seines Vaters war in jenen elf Jahren beträcht- 
lich zurückgegangen. Kein Wunder auch, da neun Zehntel des 
Personals dem eigentlichen Betriebe entzogen waren und aus- 
schließlich mit der Bearbeitung der Steuerangelegenheiten be- 

228 



schäftigt werden mußten. Immerhin war der alte Pordoio noch 
vermögend genug, um dem Wunsch seines Sohnes zu willfahren, 
der sich zum Zweck ungestörten Schaffens in ein eigenes Häus- 
chen an der Stadtgrenze zurückziehen wollte. Hier, der städtischen 
Unruhe entrückt, in Stille undFriedsamkeit, von der schweigenden 
Eloquenz seiner schönen Bücherei umgeben, begann der vor- 
malige Robinson die Niederschrift seiner Entwürfe, deren systema- 
tische Vollendung er von den Folge jähren inbrünstig erhoffte. 

Nach den Andeutungen, die wir von Pordoio empfingen, 
handelte es sich hierbei allerdings um mehr als bloß schöngeisternde 
Versuche. Er bewegte sich vielmehr in durchaus originalen 
Gedankenkreisen. In deren Zentren standen Gegenständliches, 
Erfahrungen, sachliche Beobachtungen, allein die ausstrahlenden 
Radien wiesen in ungeahnte Fernen. Es fanden sich darin An- 
flüge von Descartes und Pascal, dichterische Schwebungen 
Tolstoj scher Herkunft, daneben aber auch kräftige Vorstöße in 
jenes Gebiet, wo die Erkenntnistheorie in die Kammern der 
letzten Physik greift, um deren Waffen zu neuen Denkmitteln 
umzuschleifen. Wieviel Ausblicke öffneten sich da, schrift- 
stellerische Hoffnungen, Genugtuungen in einem unabsehbaren 
Lebenswerk ! 

Aber es stand in den Sternen geschrieben, daß es, kaum be- 
gonnen, jäh abgehackt werden sollte. Er hatte noch nicht einmal 
den ersten Schriftbogen ausgearbeitet, als er in den Malstrom 
der komplikatorischen Maschinerie geriet und sich in ihm heil- 
los fortgewirbelt sah. Die Behörden überschütteten ihn mit 
Anfragen, Formularen, und zahllosen wißbegierigen Zetteln auf 
weißem, rotem, gelbem, grünem, hellblauem, dunkelblauem 
Papier, verlangten von ihm Auskünfte in allen Regenbogenfarben. 
Also zuerst bezüglich des Häuschens, in dem er arbeitete. Von 
diesem Schlößchen Ohnesorg sollte ermittelt werden, der Ein- 
standspreis, der allgemeine Wert, der Nutzungswert, der 
Affektionswert, der Bodenwert, der Bauwert, der Verkaufswert 
und noch viele andere Werte zum Zweck eines Systems weit- 
schichtiger Veranlagungen. Die ermittelten und noch zu er- 
mittelnden Beträge wurden auf besonderen mit buntem Linien- 
netzwerk durchwirkten Berechnungsbogen ineinander gestaffelt 
mit Hilfe eines logarithmischen Index und einer Tabelle schwieri- 
ger Formeln, die zur Berechnung exzentrischer Kometenbahnen 
ausgereicht hätten. Hieran schlössen sich weitere Fragen, die 
auf den Beruf gemünzt waren: arbeiten Sie selbständig? be- 
schäftigen Sie Gehilfen beim Philosophieren? Wie viele? Mit 

229 



welchen Verlegern und Druckereien stehen Sie in Verbindung? 
Auf Grund welcher Kontrakte? Welche Erträgnisse erwarten 
Sie im Durchschnitt der nächsten fünf Jahre ? Auf Grund welcher 
Unterlagen? Wieviel Bücher besitzen Sie? in Luxusbänden? 
in gewöhnlichen Bänden? Wert der Bücher? (nach Einzelexem- 
plaren, in achtfacher Aufstellung anzufertigen und einzu- 
reichen). Haben Sie Nebenbeschäftigungen? welche? in Tagcs- 
resp. Nachtstunden? falls nicht, Angabe der Arbeitgeber, die in 
Betracht kämen, falls später noch ein Nebenberuf hinzuträte. 
Ferner : Sind Sie verheiratet ? falls ja, mit wem ? warum mit dieser ? 
Höhe der Mitgift? angelegt worin? Falls nein, warum nicht? 
Steht Heirat noch in Aussicht? wann? mit wem? (beizufügen 
curriculum vitae der event. Braut und der präsumtiven Schwieger- 
eltern) etc. etc. 

Pordoio antwortete zuerst kurz und sarkastisch, er beab- 
sichtigte nicht, seiner Tätigkeit zu entsagen, um sich mit der Er- 
ledigung solcher Scherereien eine neue Hauptbeschäftigung auf- 
zuladen. Allein er hatte die Pressionsmittel des vorgesetzten 
Herrn Komplikatorius unterschätzt. Dieser bewies ihm kurzer- 
hand, daß er ersichtlich der Stärkere wäre und ferner, daß jetzt 
erst das vexatorische Hauptkapitel begänne. 

Pordoio sollte nämlich nunmehr die genauesten schriftlichen 
Auskünfte erteilen über die Insel Erebos, auf der er elf Jahre 
verweilt, und die nach Auffassung des Fiskus ihm als Grund- 
besitz gehörte. Weil kein Grundbuchvermerk auf irgend einen 
anderen Eigentümer verwies. Sonach wurde angenommen, 
daß Pordoio als Inselinhaber für die Latifundien von Erebos mit 
ganz gewaltigen Beträgen herangezogen werden müßte. An 
der Härte der bürokratischen Definition prallten alle Einwände 
ab. Pordoio selbst habe ja von den Kokospalmen des Eilands 
herumerzählt, von den Pisangs mit seinen üppigen, trauben- 
förmigen Früchten und von den reichen Erträgnissen des Fisch- 
fangs in unmittelbarer Nähe des Strandes. Daß die Erträgnisse 
für den Besitzer im Moment nicht greifbar wären, käme nicht 
in Betracht. Hier zur Erörterung stünde nur der Nutzungswert 
an sich, der unter allen Umständen für den Staat realisiert, „er- 
faßt" werden müßte, und zwar an der Quelle, das heißt, an der 
beim Eigentümer vorhandenen Substanz. Der wurde sonach 
angehalten nach Paragraph 71043 B der Katasterordnung die 
erforderlichen Unterlagen zu liefern mit genauer Angabe der Ver- 
hältnisse auf Erebos nach Quadratmetern der Bodenfläche, nach 
Stückzahl und Dicke der Waldungen und nach durchschnittlicher 
Dichtigkeit der Fischschwärme. 

230 



Mit der Arbeit war es vorbei, mit der geistigen Tätigkeit, in 
der für Pordoio der Sinn des Daseins beschlossen lag. All die 
Fragebogen, denen er sich nunmehr zu widmen hatte, waren 
unterhalb ihrer Wortfülle von geheimen Schikanen unterminiert, 
sie wimmelten derart von Schlingen, Fallstricken und Fußangeln, 
daß der Erfaßte sich nur mit gespanntester Aufmerksamkeit 
hindurchzuwinden vermochte. War ein Fragekonvolut durch- 
geackert, so drohten schon wieder neue, die rapider und viel- 
fältiger nachwuchsen als die Köpfe der Hydra. Schon nach vier 
Wochen hatte er allen Zusammenhang mit seiner Schriftstellerei 
verloren. „Das ist um wahnsinnig zu werden!" rief er einmal 
über das andere, und je öfter er es rief, desto deutlicher spürte 
er, daß darin kaum noch eine Übertreibung steckte. Rettungs- 
los von seinen Lebenszielen abgerissen, überließ er sich wirklichen 
Wutausbrüchen, die in die Straße hinausgellten. Bis er eines 
Tages fast besinnungslos in eine Amtskanzlei stürzte und den dort 
herumklexenden Zeiträubern eine fürchtei liehe Szene machte. 
Rache brüllend wie der rasende Telamonier Ajax fuhr er auf Per- 
sonen und Objekte los, verwüstete, zerbeulte, zerspritzte er alles, 
was ihm ins Gehege der Fäuste kam. Hier war der unzweideutige 
Fall der Tobsucht gegeben, Insania praecox, sagten die Amts- 
ärzte, und bald darauf befand sich der tollgewordene Philosoph, 
dem noch der Schaum vor dem Munde stand, in den schützenden 
Mauern des bewußten, mit Gummizellen und ähnlichem Komfort 
ausgerüsteten Gebäudes. 

Doktor Wehner fragte den Inhaftierten, ob er wohl seiner 
Ansicht nach etwas unternehmen könnte, um ihn aus der Zwangs- 
lage zu erlösen. Allein hier kettete sich eine Schwierigkeit an die 
andere. Pordoio selbst versprach sich nur wenig von irgendeinem 
Akt der List oder Gewalt. Denn selbst wenn er herauskäme, so 
ginge doch morgen die komplikatorische Quälerei wieder los. Ich 
wiederum mußte bedauernd erklären, daß wir als Gäste nicht die 
geiingste Befugnis besäßen, in das Verwaltungsgeschlinge des 
Staates einzugreifen. Die Unterredung verlief also resultatlos, 
und wir mußten uns schließlich in tiefer Bekümmerung über das 
unabwendbare Schicksal eines offenbar talentvollen Menschen 
verabschieden. 



Die „Atalanta" hatte sich am folgenden Tage wieder in Be- 
wegung gesetzt, und wir waren eben dabei, uns im Salon zur 
Mahlzeit zu vereinigen, als an der Tür eine überzählige Figur 



231 



auftauchte. Pordoio. Ein fait accompli, in Szene gesetzt von 
Fräulein Eva, die sich nicht ganz so gewissenhaft, aber wesentlich 
geschickter als wir mit den vorgefundenen Tatsachen ausein- 
andergesetzt hatte. 

Zwei Worte genügen zur Erläuterung. Als wir uns in jener 
Anstalt befanden, trug sie in den Falten ihres Handbeutels 
einige Objekte, die sie tags zuvor vorsorglich aus den Schiffs- 
räumen entfernt hatte. Eine kleine, aber höchst wirksame Stahl- 
feile, dazu eine mit Chloroform gefüllte Flasche. Es war uns 
nicht weiter aufgefallen, daß sie sich, während wir schon die 
Treppe herabstiegen, bei dem Irrenhäftling verzögerte, anscheinend 
um ihm noch einige Trostworte zu sagen. In Wahrheit hatte sie 
ihm die Feile und Flasche zu leicht errätlichem Gebrauch zu- 
gesteckt, mit der Weisung, nach geglückter Flucht in tiefer 
Nacht die „Atalanta" zu erreichen, deren Personal verständigt war. 

Gern boten wir ihm Asyl, und volles Einverständnis herrschte 
darüber, daß er nie wieder nach Atrocla zurückkehren dürfte. 
Aber sollte er überhaupt im Bereich des Polynes verbleiben? 
Er legte den Beschluß gänzlich in unsere Hände, und wir ent- 
schieden: er begleitet uns nach Europa! Es gehöre zu einer 
richtigen Argonautenfahrt, daß aus den Fremdvölkern wenig- 
stens ein lebender Zeuge herausgenommen würde, und wir waren 
überzeugt, daß das Schicksal uns hier ein besonders wertvolles 
Exemplar in die Hand gespielt hatte. 

Er schien sich rasch an uns zu gewöhnen und zeigte den 
Willen, unseren Freundlichkeiten entgegenzukommen. Bis- 
weilen überhuschte es ihn aber wie ein Schatten eines Gefühls, 
das ihn von uns abdrängte. Dann vergrub er sich in seine Kabine, 
er las und schrieb, oder er stierte von der Reeling in den Horizont 
mit der Miene eines Menschen, an dem irgendein Fernweh nagt. 
Um die Abendstunden wurde er heiterer, mitteilsam, und unsere 
Unterhaltungen gewannen durch ihn eine besondere Färbung. 
Der Einsiedler von Erebos, der Verfolgte von Atrocla hatte ja 
vordem mancherlei Inseln gesehen, die nicht mehr in unser 
Expeditionsprogramm aufgenommen werden konnten. Aus 
seinen Darstellungen sei hier einiges festgehalten: 

Die Insel Delix scheint nach seiner Beschreibung ein Land 
zu sein, dessen Eigenheiten den Ansprüchen verwöhnter Erden- 
bürger genügen könnten. In der Fülle mancher Naturgaben 
erinnert es leise an Vleha, der Grundzug seiner Bewohner indes ist 
ein ganz anderer, von den asketischen Neigungen der V16ha- 
Leute prinzipiell verschieden. Ihre Nerven sind auf Genuß ge- 

232 



stimmt, sie haben mancherlei in sich aufgenommen, was 
nach üblicher Annahme auf das Register Epikurs zurück- 
geführt werden kann. 

Was ihnen vorschwebt, ist die Verwirklichung der Phantasien, 
die wir in antiken Autoren vorgebildet finden ; zumal im Athenäus, 
Teleklides und Lukian. Vergegenwärtigen wir uns eine derartige 
Beschreibung, eine unter zahllosen, die uns Kunde davon geben, 
daß die Altklassiker niemals aufgehört haben, Schlaraffenbilder 
zu entwerfen: Die ganze Inselflur, so etwa heißt es dort, prangt 
mit Blumen und zahmen Gewächsen aller Art und ist beschattet 
von fröhlichen Bäumen, die ihre eigene Lust in die Welt hinaus- 
jauchzen. Die Weinrebe trägt zwölf mal des Jahres, die Granat- 
bäume noch öfter, da sie in manchem Monat zweimalige Frucht- 
ernte gewähren. Statt des Weizens schießen fertige Brote gleich 
Schwämmen in die Ähren. Zur Ergänzung des Wasserregens 
sprudeln hunderte von Quellen, die Honig und Salböl liefern. 
Sieben Ströme mit Milch und acht mit Wein durchfluten die 
Insel. Quadern von Gold dienen als Baumaterial der Stadt, 
die von einer smaragdnen Ringmauer umgürtet wird. Ihre 
sieben Tore sind sämtlich aus Zimtholz und das Pflaster aller 
Straßen und öffentlichen Plätze aus Elfenbein. Die Tempel 
sind aus Beryll erbaut, deren Altäre aus Amethyst geschnitten. 
Die Bäder sind prächtige Paläste aus Kristall, in den Badewannen 
rieselt eine aus Naturtau gewonnene mit Rosenholz angeheizte 
Flüssigkeit .... 

„Herr Pordoio," unterbrach ich, „ähnelt denn die Wirklichkeit 
der Insel Delix in irgendeinem Punkt diesem ausschweifenden 
Bilde?" 

— Die Delixianer reden es sich ein, denn sie sind Illusionisten 
und sie übertragen gern in die Außenwelt, was ihnen eine über- 
schäumende Einbildungskraft vorgaukelt. Tatsächlich leben 
sie in recht angenehmen natürlichen und städtischen Verhält- 
nissen, deren Reize sie selbstgefällig ins Unermeßliche übertreiben, 
um sich so recht als epikureische Lustempfänger zu fühlen. Wie 
ich die Leute kenne, sind sie dem, was sich ein echter Weltweiser 
unter Lust vorstellt, gar nicht gewachsen, und nach ihrer Ver- 
anlagung gemessen sind sie weit davon entfernt, Epikure zu 
sein oder zu werden. Sie unterliegen nämlich dem Wahne, daß 
man nur recht viele Lustelemente in sich hineinzupumpen brauche, 
um sie als vorhanden und beglückend zu empfinden, während 
das Lebensbeispiel Epikurs zu einem ganz anderen Prinzip hin- 
führt. 

233 



„Man könnte beinahe sagen: zum entgegengesetzten." 

— Ja wahrhaftig. So viel, oder so wenig ich von der Welt 
kennen gelernt habe, Alles hat mich zu der Überzeugung ge- 
drängt, daß von allen Großen der Erde keiner so gründlich miß- 
verstanden wird als eben Epikur. Weil man sich bei ihm an 
das Wort gehalten hat und nicht an die Sache. Über seinem 
Garten in Athen stand die Aufschrift: „Fremdling, hier wird 
dir's wohl sein, hier ist das höchste Gut, die Lust !" Und dieses 
Lustwort wurde schon im Altertum zum Aushängeschild einer 
schwelgerischen Lebensart, die keinem fremder war als ihm; 
denn er lebte von einigen Trauben und Feigen, und sein täg- 
liches Nahrungsquantum erreichte niemals das Gewicht eines 
Pfundes. Und damit vergleiche man die Aussage des Lüstlings 
Horaz, der sich selbst als „ein Schwein von der Herde Epikurs" 
bezeichnet ! 

„Ihre Delixianer also folgen dem saftigen Kommentar des 
Horaz?" 

— Sie versuchten es wenigstens, so schweinisch als nur mög- 
lich. Und sie hätten die genießende Lust bis zur Grundsuppe 
ausgelöffelt, wenn ihnen nicht dabei speiübel geworden wäre. 
Die Insulaner organisierten ein Ministerium der Lustbarkeit, 
das ihnen unter anderem opulente Freßrezepte ausarbeitete; 
auf Grund der Überlieferungen von Lukullus, Apicius, Trimalchio 
und der Küchenkünstler von den italienischen Lusthöfen. Das 
ergab Tafelorgien, wogegen alles aus europäischen Chroniken 
vermeldete verblaßt; selbst das berühmte Gastmahl von 200 
Gängen, das der Kardinal Cornaro zu Anfang des sechzehnten 
Jahrhunderts seinen römischen Gästen vorsetzte. Im Stadt- 
archiv von Delix las ich eine Hymne auf eine Monstrefresserei, 
die der Senat für die Bürgerschaft veranstaltete, als man das 
Denkmal Epikurs auf dem Freudenplatz einweihte. Freilich 
mit dem Beisatz, daß ein Teil der Notabein mitten im Fest ent- 
zweigeplatzt wäre, und daß ein Teil der Überlebenden sich 
entschlossen hätte, ihr Epikureisches Prinzip fortan auf eine 
neue Grundlage zu stellen. 

„Kann mir schon denken. Es wird wohl ein Gesetz gegen 
den Tafelluxus herausgekommen sein, wie in Rom zu Zeiten 
Vespasians." 

— Nein, davon ist mir nichts bekannt. Vielmehr drang die 
Ansicht durch, daß der von Epikur als Lebensmaxime aus- 
gerufene Genuß nur auf Grund einer völlig garantierten Gesund- 
heit zu erreichen wäre. 

234 



„Das läßt sich hören. Freiwillige Abkehr von der ruinösen 
Völlerei, um auf der entgegengesetzten Linie das Maximum 
der Freude auszukosten, — das klingt sogar echt Epikurisch." 

— Gewiß, nur dürfen Sie nicht aus den Augen verlieren, daß 
unsere Insulaner niemals vom Wege eines Prinzips abkommen. 
Kaum hatten die Delixianer begriffen, daß die Gesundheit ihnen 
Lust versprach, als sie sich mit aller Energie auf den Verfolg 
dieser Hoffnung warfen, um sich in Sanität auszuleben. Man 
betrieb die Sache also wiederum systematisch, man infiltrierte 
sich mit hygienischen Maßregeln und hielt jede Sekunde für ver- 
loren, die man diesem löblichen weil lustverheißenden Prinzip 
entzöge 

„Wohl den Menschen, die materiell so gestellt sind, daß 
sie sich diesen Luxus erlauben dürfen!" 

— Diese Insulaner durften es, und sie begannen damit, sämt- 
liche Fachschriften zu studieren, um möglichst viele hygienische 
Tätigkeiten zu einheitlichem Tagewerk zu kombinieren. Aber 
je mehr Reglements sie erfüllten, desto zahlreichere schössen 
vor ihnen auf. Hatten sie zum Beispiel bisher nur mechanisch 
geatmet ohne im mindesten darauf zu achten, so betrieben 
sie nunmehr die Atemkunst und sie berauschten sich bei jeder 
Dehnung und Senkung der Lunge in dem Gefühl : wie gesund ist 
das! Ihre Nahrungsaufnahme nahm die Form von Eßexerzitien 
an, mit vorbesjtimmten zahlreichen Kaubewegungen und Ein- 
speichelungen, und ein Glücksgefühl überkam sie bei der Vor- 
stellung, daß ihr Mund sich in einen makrobiotischen Apparat 
verwandelte. Das Verzehren einer halben Taube dauerte nun- 
mehr länger als sonst das Auffressen eines ganzen Fasans, das 
instinktive Essen erhöhte sich zum Verstandesessen, und eine 
intelligible Wollust wühlte in ihren Zähnen. Jetzt waren sie 
nicht mehr epikurische Schweine wie Horaz, sondern epikureische 
Ärzte, die sich das Leben verlängerten. Ein uraltes Vorurteil 
brach in ihnen zusammen. Gibt es wirklich tausend Krankheiten 
in der Welt auf nur eine Gesundheit? Nein, wir konstruieren 
uns tausend Gesundheiten, denn als Gegenbild jeder Krankheit, 
die wir bewußt ausschalten, erscheint ein besonderes Wohlsein. 
Wir verspüren die Nicht-Kolik als ein wahrnehmbares Lebens- 
gut, ebenso den Nicht- Katarrh, den Nicht-Furunkel, die Nicht- 
Trichinose, die Nicht- Verkalkung. Freilich wird das ein bißchen 
umständlich, wenn man dauernd darauf sinnt, wie man sich gegen 
jede Möglichkeit eines Leidens absperrt, aber eben darin liegt 
ja das Vergnügen des Lebenskünstlers, des wahren Hedonikers. 

235 



Die Gelehrten sagen uns, daß wir pro Tag 2600 Kalorien und 
72 Gramm Eiweiß brauchen, — also messen wir scharf ab, han- 
tieren wir als Chemiker mit der Präzisionswage, damit wir das 
Vorschriftsmaß genau innehalten. Beim Bade kommt es auf die 
Minutendauer an, auf Bruchteile des Temperaturgrades, auf die 
berechnete Frottierungsstärke, auf die exakte Analyse jeder 
Drogue, die wir im Wasser auflösen. Alle Bazillen und Spalt- 
pilze in Luft und Nährsubstanz heischen besondere Abwehr; 
jeder Muskel will eigens geübt werden in allen Formen der Gym- 
nastik, des Sports, der Massage, der Medicomechanik; Auge und 
Gehör, Zähne, Haare und Nägel verlangen dauernde Prüfung 
und Beobachtung. Man muß prophylaktisch gurgeln, inhalieren, 
betupfen, schwitzen, duschen, sich abhärten. Dazu kommen die 
Vorschriften der Bekleidungs-, der Beleuchtungs- und nicht 
zuletzt der Sexualhygiene. Die bloße Warnung „Achtung vor 
Kußbakterien!" umschreibt nur zum tausendsten Teil die Ge- 
fahren, die uns hier umlauern. Sie durchweg vermeiden bedeutet 
für den Hygienefanatiker eine Höhe des Genusses, mit dem sich 
die landfäufigen, im Zeichen Cytheres stehenden Freuden nicht 
zu messen vermögen. 

So weit waren die Neu-Epikuräer der Insel, — allerdings nur 
in der Theorie, denn es stellte sich heraus, daß selbst ein hundert- 
stündiger Tag nicht zum zwanzigsten Teile ausgereicht hätte, 
diesem Lustprinzipe gerecht zu werden. Es eing damit, wie 
zuvor mit der brutalen Gier, das Prinzip ersticlSr an sich selbst. 
Somit mußte abermals für den gepreßten Vergnügungsdrang 
der Delixianer ein Ventil geöffnet werden .... 

„Die Leute sind Idioten !" rief Donath, „sie hatten doch nur 
nötig zuzugreifen, denn das Glück ist immer da!" 

— Nein, Herr, bemerkte Pordoio, ganz so einfach, wie Ihr Goethe 
es ausruft, liegt die Sache doch nicht, und ich hege ein tiefes 
Mißtrauen gegen alle Merksprüche, die uns Glücksrezepte an- 
preisen. Wir sehen nur immer das Glück, und nie über dem 
eigenen Haus, sondern stets wie den Regenbogen, in der Ferne, 
und es hat keinen Sinn, danach zu greifen. Ein geistreicher 
Franzose hat gesagt: es ist sehr schwer, es in uns, und unmöglich, 
es anderswo zu finden; und das kommt der W'ahrheit schon 
näher; denn die Schwierigkeit liegt nicht darin, daß es sich 
versteckt, sondern darin, daß es gar nicht vorhanden ist. Aber 
die Leute von Delix vermuteten es doch irgendwo, und da ge- 
rieten sie auf den kuriosen Einfall, ihr Grundprinzip einfach um- 
zustülpen. War der Glückspunkt auf dem positiven Ast nicht er- 

236 



reichbar, so ging es vielleicht auf dem negativen. Und sie fanden 
in ihrer Mitte Magister, die sie darin bestärkten: Der Epikureis- 
mus ist vielleicht nur eine Verkleidung der stoischen oder sogar 
der zynischen Lehre; und wer sich anstrengt, einen richtigen 
Diogenes vorzustellen, der wird letzten Endes ein richtiger Epikur 
werden. 

„Das läßt sich historisch wie sachlich ganz gut vertreten, 
ist übrigens schon von Montaigne ausgesprochen worden. Bei 
allem Kontrast sind Epikur und Diogenes nur allotrope Modifi- 
kationen einundderselben Persönlichkeit. Und da sich Zyniker 
von Kyon, Hund, herleitet, so hatten ja Ihre epikureischen 
Schweine die beste Gelegenheit, sich synthetisch zu Schweine- 
hunden auszubilden." 

— Das gelang ihnen auch annähernd, und viele fühlten sich 
kannibalisch wohl, als sie aus ihren schönen Wohnungen fort- 
zogen, um in Tonnen Unterschlupf zu finden. Sie vervollkomm- 
neten die Technik der Unanständigkeit, und einige benahmen 
sich auf offenem Markt tatsächlich so säuisch wie das Zyniker- 
paar Krates und Hipparchia. Aber auch diese Sensation wollte 
nicht vorhalten, und als ich die Leute zuletzt sah, bekannten 
sie mir, sie wären mit ihrer Lustbarkeitsweisheit zu Ende; die 
gesamte Hedonik wäre ihnen schließlich in einen stinkenden 
Brei von Ekel, Langeweile und Katzenjammer zerflossen. 

„Schließen Sie nun daraus, daß der Genuß an sich ein Phan- 
tom ist?" 

— Er existiert in Differentialen, welche die Eigentümlichkeit 
besitzen, sich niemals zu einer stetigen Linie zusammenzu- 
schließen. Täte er das, so könnten sich die Genußmomente zu 
einem Glück summieren. Da dieses aber nirgends angetroffen 
wird, andererseits der Genuß in isolierten Punkten nicht fort- 
zuleugnen ist, so folgt, daß kein wie immer geartetes Glücks- 
prinzip die mindeste Probe aushält; weil jedes dauernd zwei 
Dinge vereinigen will, von denen das eine ganz real, und das 
andere gänzlich imaginär ist. 

„Gut, so trennen Sie die Dinge; dann bleibt immer noch 
ein Lustprinzip übrig." 

— Ein negatives. Es lautet : du kannst nur dann Lust ge- 
winnen, wenn du es prinzipiell vermeidest, sie prinzipiell vorzu- 
bereiten. Der Genuß hat keinen schlimmeren Feind, als die 
Veranstaltung zum Genuß. Der Vorsatz erwürgt das Resultat. 



237 



An einem der nächsten Tage ergingen wir uns, Pordoio und ich, 
kurz vor Sonnenuntergang auf Deck. Wiederum war vom Glück 
die Rede, das jener so energisch ins Reich der Phantome verwies, 
und dem er doch mit klammernden Seelenfasern anhing, wie 
irgendeiner von uns. Schon gegen Mittag war am Horizont ein 
sehr eigentümlicher Inselumriß zum Vorschein gekommen, der 
„schlafenden Jungfrau" ähnlich, deren Silhouette wir in die 
Insel Capri hineinträumen. Wir näherten uns der Insel, mit 
der Absicht, an ihr in mehrmeiligem Abstand vorbeizustreichen; 
und diese Absicht verschärfte sich noch in mir, als der andere 
mir eröffnete: „das dort ist Erebos, meine eigentliche Heimat!' 

„Sind Sie dessen ganz sicher?" 

— Vollkommen. Die Figur ist nicht zu verkennen. Außerdem 
hatte ich schon nach unserem Schiffskurse vermutet, daß sie 
heute vor uns auftauchen würde. 

„Wir werden aber nicht landen; unsere Linie ist durch den 
Wunsch Mac Lintocks genau vorgeschrieben, und ich hoffe, 
daß Sie als unser Gast seinen Willen respektieren werden." 

— Es läge mir allerdings viel daran, mein altes Verließ wieder- 
zusehen, wenn auch nur auf wenige Stunden. 

„Nicht auf fünf Minuten. Gerade Ihr Verlangen bestärkt 
mich in dem Vorhaben, den Kurs fortzusetzen und Ihnen eine 
elegische Rückerinnerung zu ersparen. Blicken Sie lieber gar 
nicht hin, oder noch besser, steigen wir in den Gesellschaftsraum 
hinunter." 

— Bitte, bleiben wir auf Deck. Ich werde nicht weiter davon 
reden. Wir können uns ja von anderem unterhalten. 

„Einverstanden. Erzählen Sie mir irgendein Abenteuer 
aus Ihren früheren Fahrten." 

— Meine eigenen Abenteuer haben einen engen Rahmen, und 
den soll ich doch gerade vermeiden. Aber von den Abenteuern 
eines ganzen Volkes will ich Ihnen erzählen. Eines Volkes, das 
auf unseren Inseln eine Rolle spielt. Haben Sie nie von den 
Pramiten reden gehört? 

„Nur ganz gelegentlich in Helikonda und Sarragalla. Auf 
welcher Insel sind denn die Pramiten beheimatet?" 

— Das ist schwer zu beantworten. Sie stammen aus weiter 
Ferne und leben auf unseren Eilanden in der Diaspora. Sie fehlen 
nirgends, sind aber auch nirgends wurzelhaft zu Hause. Man 
hat ihnen dauernd zu verstehen gegeben, sie wären fremdstämmig, 

238 



und hat sich nachher außerordentlich gewundert, daß sie nicht 
vollkommen bodenständig wurden. Man hat sie gedrückt 
und es ihnen zugleich übel genommen, wenn sie nicht aufrecht 
standen. Schritten etwelche trotzdem aufrecht, so verwies man 
sie auf die allein ihnen zukommende Positur der Geducktheit. 
Man versagte ihnen Rechte und murrte, wenn sie ihr Recht auf 
Pflichterfüllung geltend machten. Man verschloß ihnen viele 
Kreise und warf ihnen dünkelhafte Absonderung vor. Man 
schlug sie und empörte sich über die Unschönheit der Striemen, 
die man ihnen geschlagen hatte. 

„Verfuhren denn alle Insulaner also mit den Pramiten?" 

— Bewahre; nur ein geringer Teil. Die Mehrheit war ver- 
ständig genug, um den Vorteil anzuerkennen, den ihnen das 
Fremdvolk gewährte. Aber Sie wissen ja aus der Physik, daß die 
Hemmung immer die Förderung überwiegt. Das ,, Gegen" er- 
scheint überall weit wirksamer als das „Für". Die nämliche 
Kraft, die in fördernder Richtung eine Bewegung nur unwesent- 
lich beschleunigt, kann in hemmender Richtung den Bewegungs- 
effekt vollkommen vernichten. Sie bemerken dasselbe an allen 
Erscheinungen des Lebens. Im Theater sind zwanzig Zischer 
stärker als achthundert Applaudierende; die Erinnerung an eine 
Ohrfeige wirkt nachhaltiger als die an hundert Liebkosungen, 
und ein Mißduft übertäubt alle Wohlgerüche Arabiens. Also 
im vorliegenden Fall: die geringe Zahl der Antipramiten schuf 
eine Verbitterung, der gegenüber die Duldsamkeit der vielen 
anderen gar nicht merklich wurde. Und so blieb dem Fremdvolk 
schließlich nur noch das eine übrig: auf eine Gastfreundschaft 
zu verzichten, die den Pramiten nur noch in der Form der Gast- 
feindschaft fühlbar wurde. Sie gaben ihre zerstreuten Wohnsitze 
auf und organisierten eine große Siedelung auf einer Insel, die 
ihnen ganz allein gehören sollte. Dieses Eiland, Zyunal genannt, 
schien alle wünschenswerten Eigenschaften zu bieten. Sie war 
bis vor kurzem gänzlich unbewohnt, sozusagen herrenlos, besaß 
ertragfähige Weideflächen und gewährte genügenden Raum, 
wenn die Pramiten nur eng genug zusammenrückten. Hierzu 
waren die Pramiten auch fest entschlossen. Ihr Exodus glückte, 
vor etwa fünf Jahren, die neue Gemeinschaft der Zyunalisten 
blühte auf; sie hatten das beseligende Gefühl, daß keiner von 
ihnen in der Diaspora verblieben war, daß sie vielmehr sämtlich 
in nahem Kontakt und unbehelligt von feindlicher Rassen- 
strömung sich nach ihrer Eigenart ausleben durften. 

„Mehr kann man nicht verlangen." 

239 



— Ja, wirklich, das Problem schien gelöst. Nur zeigte sich 
nach Verlauf weniger Jahre ein neues sozialpsychologisches 
Phänomen, auf das keine Vermutung der Vorzeit verfallen wäre. 
Man bemerkte nämlich auf der Insel Zyunal: Antipramiten. 

,,Dann muß sich in Ihrer Erzählung ein Fehler oder eine 
Lücke befinden. Die Antipramiten waren doch auf den früheren 
Wirtsinseln zurückgeblieben und konnten schwerlich das Gelüste 
verspüren, die ihnen so unsympathischen Fernsiedler zu be- 
suchen.'* 

— Gewiß nicht. Das Phänomen hat einen ganz anderen Ur- 
sprung. Nämlich: ein Teil der Ausgewanderten gefiel sich in 
Äußerungen und Gesten, die von den Antipramitischen kaum 
zu unterscheiden waren. Sie trugen sogar die vierblättrige 
,, Zackenblüte" zur Schau, als ein Abzeichen, das vordem auf 
den anderen Inseln symbolisch aufgekommen war. 

„Und wie wollen Sie das erklären?" 

— Wiederum rein physikalisch. Die Einzelkörper gehorchen 
dem Gesetz der Attraktion, sie ziehen einander an, das heißt, 
aus dem körperhaften ins Persönliche übersetzt: sie werden zur 
Geselligkeit gedrängt. Bei sehr großer Nähe indes treten genau 
wie bei den Molekülen und Atomen gewisse Abstoßungskräfte 
hervor. Die Individuen wollen wieder auseinander, und wenn 
ihnen die Enge des Raumes dies verbietet, so äußern sie Unwillen. 
Jeder schiebt seine Unbehaglichkeit auf den andern, mitten in 
der Geselligkeit erhebt sich ein Antiprinzip, und wir erhalten das 
Bild einer Herde von intimen Freunden, die einander nicht aus- 
stehen können. So geschah es in dem Neustaate Zyunal. Nach- 
dem die Repulsionen einige Monate gewährt hatten, bestand er 
aus lauter Pramiten mit antipramitischer Färbung. Und da 
jeder einzelne hier zugleich als Subjekt wie als Objekt der Gegner- 
schaft auftrat, so ergab sich die Unmöglichkeit, die Siedelung 
fortzuführen. Die nächste Generation hätte es einfach gar nicht 
mehr ausgehalten. 

„Mit anderen Worten, die Ausgewanderten wollen wieder 
zurück auf die alten Inseln?" 

— Ja, so stehen die Dinge augenblicklich. Die Verhandlungen 
sind bereits eingeleitet und werden sicherlich zu gutem Ende 
führen. Denn zu den Kennzeichen der Pramiten gehört die 
Konsequenz bis zur Hartnäckigkeit, und wenn sie erst die Losung 
ausgegeben haben: ,,Los von Zyunal!" so trotzen sie allen Wider- 
ständen. Und schließlich: es gibt auch ein Heimweh nach dem 
Schmerzlichen ich selbst weiß davon ein Lied zu singen ! 

240 



„Pordoio, Sie kommen schon wieder auf Ihre alte Melodie. 
Die müssen Sie ein für allemal unterdrücken. Sie fahren jetzt 
mit uns nach Europa ..." 

— Sagen Sie doch, Herr, werde ich dort die Möglichkeit finden, 
mich meiner Neigung entsprechend einer nachdenklichen Ein- 
samkeit zu überlassen? 

„Wir wollen dafür schon sorgen. Später, wenn der erste An- 
sturm überwunden ist." 

— Was für ein Ansturm? 

„Der auf Sie, natürlich. Ihr Erscheinen wird berechtigtes 
Aufsehen erregen. Ein lebender Bürger aus fernen, unbekannten, 
soeben erst entdeckten Welten ! Man wird Sie feiern wie nur einen 
indischen Heiligen, der aus seinen Dschungeln auftaucht, um 
Europa mit okkulter Philosophie zu beglücken. Das ist doch 
sehr ehrenvoll, und Sie werden sich den Huldigungen gewiß nicht 
widersetzen." 

— Eine schauderhafte Aussicht. Ich werde eine linkische Figur 
spielen . . . 

„Ausgeschlossen. Sie brauchen dort nur zu reden wie hier 
zu uns, und der Erfolg kann Ihnen nicht entgehen; sei es nun, 
daß man Sie einlädt, in den Aulen unserer Universitäten Vorträge 
zu halten, oder daß man zu Ihren Ehren Kongresse veranstaltet. 
Es wird Ihnen gewiß auch eine Genugtuung gewähren, wenn sich 
die Interviewer der großen Zeitungen an Sie drängen, um jedes 
Ihrer Worte millionenfach vervielfältigt in die Welt hinauszu- 
depeschieren. Höchstens die ersten Tage oder Wochen könnten 
•eine leise Unbequemlichkeit bringen . . ." 

— Der Himmel behüte mich ! Noch mehr Unbequemlichkeit ? 

„Kaum der Rede wert. Aber sehen Sie, Pordoio, gänzlich 
um alle Formalitäten kommen wir nicht herum. Kurz nach der 
Landung in Europa werden wir Sie anmelden müssen ..." 

— Anmelden?! 

„Lassen Sie uns dafür sorgen. Die Sache liegt zwar insofern 
etwas verwickelt, als Ihre Heimat bei uns keine diplomatische 
Vertretung besitzt. Da kommen andere Instanzen in Frage, 
die wir zu ermitteln haben werden. Vielleicht genügt es, wenn 
wir Sie bei der Polizei, beim Paßamt und beim Magistrat per- 
sönlich vorstellen und dort die anderen Behörden erfragen, 
die für die weiteren Anmeldungen in Betracht kommen, damit 
Sie nachher . . . ." 

Moszkowski, Die Inseln der Weisheit. 16 241 



Der Schluß des Satzes blieb mir im Halse stecken. Pordoio 
rannte geradeaus über Deck; ehe ich ihn einzuholen vermochte, 
warf er die Oberklcidung ab und sauste mit einem gewaltigen 
Salto mortale über die Reeling. 

Ein Schrei gellte mir durch Mark und Bein. Den hatte er 
hinausgebrüllt während des Sprunges: „Erebos!" 

Nach zehn Sekunden war er außerhalb des Blickbereichs. 
Aber in dieser kurzen Zeitspanne wurde es meinen starrenden 
Augen klar, daß der Verwegene mit gewaltigen Schwimmbewe- 
gungen hinüberstrebte nach seiner Insel, nach seiner Einsamkeit, 
von der er niemals hätte abgetrennt werden dürfen. 



242 



Allalina und O-Blaha 



Die Inseln der Pazifisten 

Über die Bedeutsamkeit dieser Inseln waren bereits einige 
Mitteilungen zu uns gedrungen. Wir hatten Ursache, uns auf 
gewisse moralische Erlebnisse vorzubereiten, denn man hatte uns 
gesagt, daß wir in einen Bezirk ethischer Prinzipien geraten 
würden. Hier, so hieß es, sollte vorwiegend die Sittlichkeit re- 
gieren mit all ihren schönen Schwestern, Menschlichkeit, Ge- 
rechtigkeit, Edelmut, Charaktergüte. Wenigstens wurde den 
Bewohnern das Streben zugeschrieben, sich in den Mannig- 
faltigkeiten des Lebens, wo es nur irgend anginge, recht tugend- 
haft zu benehmen. 

Wir hatten bereits angefangen, uns in einem Gasthof auf 
Allalina wohnlich einzurichten, sahen uns indes schon am ersten 
Tage genötigt, unsere Dispositionen zu ändern. Ein peinlicher 
Zwischenfall verleidete uns den Aufenthalt. Unserm Herrn Mac 
Lintock war nämlich seine kostbare Taschenuhr abhanden ge- 
kommen. Er hatte sie nur auf wenige Minuten unbeaufsichtigt 
im Zimmer liegen gelassen, und es schien erwiesen, daß niemand 
anders den Raum betreten haben konnte, als irgendein Individuum 
des Hauspersonals. Der Verdacht konzentrierte sich auf den 
Gasthofsdiener, und der Beraubte zögerte nicht, mit hellen 
Worten der Entrüstung den Wirt in Anspruch zu nehmen. Der 
sollte das entwendete Gut sofort herbeischaffen, den Frevler 
dingfest machen und der verdienten Bestrafung zuführen. 

Allein der Wirt teilte durchaus nicht die zornige Erregung 
des Gastes. Vor allem sei es seine haus väterliche Pflicht, die 
schützende Hand über einen Menschen zu halten, der ihm bereits 
durch Jahre hindurch gegen bescheidenes Entgelt seine Arbeit 
widme. Sollte er unter dem verführenden Zwange einer Sekunde 
gehandelt haben, so wäre es verwerflich, diese eine Sekunde 
mit einem Makel auf Lebenszeit zu kompensieren. Niemand 
könne mit Sicherheit behaupten, daß der Mann just in diesem 

IG* 243 



Moment Herr seiner freien Willensbestimmung gewesen sei. 
Zudem verordne das heilige Buch des Landes, der „Trismagest", 
dem Schuldigen zu vergeben, durchweg Verzeihung zu üben und 
den Nebenmenschen nicht als Objekt der Rache zu behandeln. 
Er, der Wirt, müsse sich sonach höchlich verwundern, wenn er 
auf Anschauungen stoße, die der Gerechtigkeit so scharf wider- 
sprächen. 

„Verschonen sie mich mit Ihren Redensarten!" ereiferte 
sich unser Gefährte; „ich will mit Ihnen nicht Moral disputieren, 
sondern meine Uhr wiederhaben! Sie hat zweitausend Dollar 
gekostet und ist außerdem ein Erbstück schon von meinem 
Großvater her, das ich als teures Familienandenken nicht missen 
möchte." 

— In diesem Falle, — entgegnete der Wirt ruhig — wäre 
erst zu prüfen, ob die Uhr überhaupt noch Ihnen gehört. Nach 
der Einrichtung des Jubel- oder Halljahres verjährt bei uns das 
Eigentum in einem Zeitraum von dreißig Jahren. Darin Hegt ein 
Ausfluß göttlicher Gerechtigkeit, die dem starren Erbbesitz 
eine Grenze setzt zugunsten der Allgemeinheit . . . 

„Das wäre ja noch schöner!" rief Donath dazwischen; „Sie 
verwandeln die Kostbarkeit des Herrn einfach in herrenloses 
Gut, und Ihre Gerechtigkeit will dem Räuber womöglich noch 
ein Recht auf Raub zuschanzen!" 

— Tausend Beispiele der Weltgeschichte bestätigen dieses 
Recht. Hiervon abgesehen lehrt unser heiliges Buch . . . 

In diesem Augenblick betrat der Hausdiener das Zimmer, 
um in die Verhandlung einzugreifen: Machen Sie sich keine 
Sorgen, Herr Wirt. Eine Liebe ist der andern wert. Sie sind 
für mich eingetreten, das war Ihre Pflicht, und jetzt ist es meine, 
den ganzen Handel aus der Welt zu schaffen. Dieser Herr ist 
offenbar fabelhaft reich, und ich bin ein armer Schlucker. Wenn 
er als Fremder die Tugend nicht kennt, auf Überfluß zu ver- 
zichten, so soll er an meiner Bedürftigkeit lernen, daß man sogar 
das Notwendige hingeben muß, um dem Nebenmenschen einen 
Verdruß zu ersparen. Hier haben Sie ihr Zeug wieder! 

Damit schmiß er dem Amerikaner die Uhr vor die Füße und 
entfernte sich mit dem Ausdruck eines Menschen, dem die Pflicht 
höher steht als der augenblickliche Vorteil. 

Wir wollten Weiterungen vermeiden und verließen das Gast- 
haus, um private Unterkunft zu suchen. Nach einer Stunde 
waren wir ganz gut untergebracht. Bei einem Bürger namens 

244 



Branisso, der zufällig über einige freistehende Räume verfügte 
und sich ein Vergnügen daraus machte, uns zu beherbergen. 
Man rückte ein wenig zusammen, man schränkte sich ein, und 
es ging. 

Von Beruf war Branisso nach der Landessprache ein „Waton- 
goleh"; wörtlich läßt sich das nicht übersetzen; nach unseren 
Begriffen ist Watongoleh etwa ein Regierungsrat oder Dezernent 
in einem Landesamt. Hier handelte es sich um das ausschlag- 
gebende Ressort des Ethischen Ministeriums, und Branisso 
hatte die Aufgabe, einen Teil der ethischen Angelegenheiten zu 
sichten und zu analysieren. Zahlreiche Hilfsarbeiter stehen ihm 
zur Seite. In allen Amtsstuben werden die dem Leben entnom- 
menen Tatsachen bearbeitet, zergliedert, nach Gesichtspunkten 
der Tugend und des Lasters zerfasert und katalogisiert. Die 
kommentierten Auszüge aus bergehohen Moral akten werden dem 
Publikum bekannt gegeben und durch Vorträge erläutert. Die 
Zeitungen, Theater und Lichtbildnereien stehen im Dienste 
derselben Sache. Dadurch wird die ethische Kultur dauernd 
verbreitert, die Beziehungen von Mensch zu Mensch immer 
mehr verfeinert. 

„Gerechtigkeit" ist das Schlagwort der Insel und besonders 
ihrer Regierung. Die Richter sind fast ausnahmslos unbestechlich 
und suchen das Recht nach bestem Wissen zu finden, nach dem 
Prinzip der goldenen Mitte zwischen Milde und Strenge. Der 
Grundquell der Justiz erfließt aus dem schon erwähnten heiligen 
Buche „Trismagest", dem die Strafpraxis möglichst getreu folgt. 
Das ist freilich nicht so einfach ; denn in dieser Heilsschrift stehen 
die Ermahnungen zur Milde und zum drakonischen Durchgreifen 
vielfach dicht nebeneinander. Man soll nicht bloß den Neben- 
menschen im allgemeinen lieben, sondern auch seine Feinde, so 
steht es da geschrieben; und auf derselben Seite heißt es: Auge 
um Auge und Zahn um Zahn. Jedermann soll nur für seine eigene 
Tat verantwortlich sein, so lautet ein Grundsatz, mit dem Beisatz, 
daß die Sünden der Väter heimgesucht werden an den Kindern 
und Enkeln. Hier steht, der Mensch soll gerecht richten, darunter: 
er soll überhaupt nicht richten; er soll nach einer geschlagenen 
Wange die andere hinhalten und dabei an den Spruch denken: 
Gießet aus die Schale des Zorns; er soll nicht falsch Eid-Zeugnis 
ablegen, aber richtiges auch nicht, da er überhaupt nicht schwören 
soll; er soll lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun, und allzeit 
„einen guten Kampf kämpfen"; er soll seine Selbstsucht über- 
winden, also aufhören, sich zu lieben, und dabei den Andern 

245 



lieben wie sich selbst, also bis zum Übermaß. Wie findet man 
zwischen diesen Komponenten, in denen Ja und Nein, Verzeihung 
und Anathema durcheinanderwirbeln, die mittlere Linie? 

Die Regierung von Allalina, beraten vom Ethischen Mini- 
sterium, hat versucht eine brauchbare Resultante zu gewinnen. 
Auf der Insel bestehen verschiedene Gerichtskammern, von denen 
die einen so mild, die anderen so drakonisch wie irgend möglich ab- 
urteilen. Damit beide Heilsprinzipe gleichmäßig gewahrt werden. 
Soll nun über einen Angeklagten Recht gesprochen werden, 
so entscheidet das Los, ob er vor eine milde oder vor eine strenge 
Kammer gestellt wird. Das Los hängt vom Zufall ab, der Zufall 
ist unparteiisch und entspricht somit allen Anforderungen partei- 
loser Gerechtigkeit. Für alle Klagefälle — auch in Zivilsachen — 
sind zwölf Instanzen vorgesehen. Über die zwölfte hinaus steht 
dem Beklagten wie auch dem Kläger die Berufung an die Allge- 
meinheit offen; dann bildet das gesamte Volk ein Obertribunal, 
dessen Plebiszit die Angelegenheit wiederum an die erste Instanz 
zurückweisen darf. Sonach kann es sich zwar ereignen, daß ein 
Fall nie zu Ende gelangt, aber das ethische Gewissen findet seine 
Beruhigung darin, daß bei einem unendlichen Prozeß ein Fehl- 
urteil ausgeschlossen erscheint. 

Unser Herbergsvater, der Watongoleh, machte uns mit diesen 
Gerechtigkeiten bekannt und fügte hinzu, daß seine eigene Familie 
zurzeit schwer an einem Rechtsfall zu leiden habe. Trotz aller 
Vortrefflichkeit des Prinzipes habe sich hier ein Unglück zuge- 
tragen, aus dem er selbst mit seiner hochgradigen, amtlich gewähr- 
leisteten Ethik keinen Ausweg wüßte. 

Branissos Tochter Gulpana, eine anmutige Frau in den zwan- 
ziger Jahren, erzählte uns den Hergang. Sie lebte mit ihrem 
Mann, dem Doktor Pordogg, in glücklichster Ehe. Vor drei 
Jahren wurde dieser wegen schwerer Delikte angeklagt und durch 
das Los vor eine strenge Strafkammer gestellt. Der Prozeß 
durchlief alle zwölf Instanzen und endigte beim Volks tribunal, 
das die erste Entscheidung — Verurteilung zu lebenslänglichem 
Gefängnis — bestätigte. Seit fünf Monaten schmachtet er im 
Kerker. 

„Was hat er denn begangen?" 

— Mein Gatte ist Chemiker und Physiologe. Als auf der Nach- 
barinsel eine Epidemie ausbrach, erfand er ein neues Serum, 
dessen Einspritzung nach seiner Überzeugung Wunder bewirkt. 
Er vollzog die Probe an sich selbst, indem er sich zuerst durch 
absichtliche Infektion mit Seuchenbazillen schwer krank machte. 

246 



Als er dann durch seinen Impfstoff „Pordoggan" rasch gesundete, 
faßte er den Plan, die Bewohner von Allalina vorbeugend mit 
diesem Serum zu behandeln, um sie ein für allemal zu immuni- 
sieren. 

Damit stieß er auf den Widerstand des Ministers Pal i nur, 
der eben dabei war, ein ganz allgemeines Gesetz gegen jede Imp- 
fung überhaupt auszuarbeiten und durchzusetzen. Bei dem großen 
Einfluß Palinurs war vorauszusehen, daß dieses Verbot demnächst 
in Kraft treten würde. Pordogg gab sich alle erdenkliche Mühe, 
durch Bitten und Sachgründe den Impfgegner umzustimmen. 
Der aber beharrte schroff auf seinem Vorsatz, dessen Verwirk- 
lichung den sanitären Plan meines Mannes vollkommen ver- 
eitelt hätte. 

Bald darauf fand man Palinur im Ministerium als Leiche. 
Er saß vornübergefallen an seinem Arbeitstisch mit verkohltem 
Kopf und verbrannten Händen. Alle Aufklärungsversuche miß- 
langen . . . 

„Erhob sich da etwa ein Verdacht gegen Ihren Gemahl?" 

— Allerdings; denn man wußte ja, daß ihm der Minister im 
Wege war. Allein der Verdacht fiel zu Boden, denn ich konnte 
beeiden, daß Pordogg an dem fraglichen Tage unsere Wohnung 
nicht verlassen hatte. So blieb nichts übrig als die Annahme 
eines gänzlich rätselhaften Unglücksfalls. Aber das Impfverbot 
kam nun nicht heraus, und mein Gatte konnte sein Verfahren 
beginnen. Man wußte, wie wunderbar sein Serum bei ihm selbst 
angeschlagen hatte, und zweifelte nicht daran, daß es auch pro- 
phylaktisch seuchenfest machen würde. In den folgenden Tagen 
vollzog Pordogg die Einspritzungen an mehreren hundert Per- 
sonen. 

„Ist denn die Epidemie von der Nachbarinsel überhaupt 
herübergekommen r" 

— Nein, keineswegs. Sie erlosch auch dort nach nicht allzu 
langer Zeit. Aber bei uns ereignete sich Entsetzliches. Nach zwei 
Wochen erkrankten sämtliche von Pordogg geimpften Menschen 
an grünen Geschwüren, die den ganzen Körper bedeckten und 
auffraßen. Nie zuvor war ein solches Krankheitsbild beobachtet 
worden. Und ohne Ausnahme gingen die Ärmsten unter fürch- 
terlichen Schmerzen zugrunde, nachdem sie die Luft straßenweit 
mit ihrem Jammergeschrei erfüllt hatten. 

„Ließ sich ermitteln, wie das zusammenhing?" 

247 



— Die Autoritäten haben lange untersucht und folgenden 
Entscheid gefällt: Das Serum an sich ist eine großartige Erfindung 
und kann dereinst vorzügliche Dienste tun. Nur fehlen genügende 
Erfahrungen über die Dosierung; wird die richtige Injektion 
auch nur um ein Milligramm überschritten, so verwandelt sie sich 
aus einer Wohltat in eine Todbringerin. Außerdem darf man sie 
nur bei akuter Erkrankung anwenden, nicht aber prophylaktisch 
bei Gesunden. Mithin liegen Unbedachtsamkeiten vor und 
Kunstfehler, welche die Anklage auf fahrlässige Tötung recht- 
fertigen. 

„Und darauf steht in diesem Lande Lebenslänglich?" 

— Doch nicht. Allein Pordogg erklärte mitten in der ersten 
Verhandlung, man solle ihm gleich noch eine Leiche mehr auf- 
rechnen. Er habe den Minister Palinur mit Vorsatz und Über- 
legung ermordet. 

„Unmöglich! Er war doch nicht aus seiner Behausung fort- 
gekommen !" 

— Das braucht ein solcher Chemiker auch nicht, wenn er jemand 
beseitigen will. Er hatte ihn brieflich getötet: durch ein dring- 
liches Schreiben, dessen Umschlag bei der Öffnung explodierte, 
und zwar mit solcher Gewalt, daß der Empfänger im nämlichen 
Augenblick das Leben verlieren mußte. 

„Das alles ist ja sehr tragisch, und wir haben Ursache, Sie und 
Ihr Haus tief zu beklagen. Allein, um gerecht zu sein muß man 
doch sagen: Unrecht ist Ihrem Manne nicht geschehen. Er 
hat doch gemordet und getötet, und auch die mildeste Straf- 
kammer hätte ihn nicht freisprechen dürfen!" 

Wir wollten uns eben darüber auseinandersetzen, als ein anderes 
Mitglied der Familie aus dem oberen Stockwerk mit dröhnendem 
Gestampf heruntergetapst kam. Das war Branissos Stiefbruder 
Firnaz, seines Zeichens Physikus außer Dienst, der erst kürzlich 
von einer Inkognitoreise durch die Welt zurückgekommen war 
und jetzt auf der Insel eine ähnliche Rolle spielte wie Demokrit 
unter den Thraziern. Nur daß er nicht eigentlich als lachender 
Philosoph auftrat, vielmehr als polternder. Zwischen seiner Aus- 
drucksweise und seinem Äußern bestand eine gewisse Kongruenz. 
Eine Aesopische Figur, schief äugig, rotbrandig, blatter benarbt und 
verwachsen; und doch nicht reizlos mit der Faunennase, die über 
der Robbenschnauze energisch in die Luft stieß. 

— Also man hat Ihnen schon vorgejammert, sagte Fi rnaz, 
und da wären wir ja mitten im Kapitel von der Gerechtigkeit; 

248 



wer spricht denn überhaupt auf dieser Insel von etwas anderem? 
Wir sind allesamt ethisch verlaust, und das Herumkratzen auf 
der Lausehaut ist unsere Hauptbeschäftigung. 

„So sollten Sie sich nicht ausdrücken, Herr Firnaz, aus Anlaß 
eines so tief traurigen Falles, der ja auch Sie als Familienmitglied 
betrifft. Nur von den ethischen Motiven darf man sprechen, die uns 
angesichts dieser Tragödie bedrängen. Denn einerseits müssen 
wir uns vergegenwärtigen: hier hat Gerechtigkeit gewaltet, an- 
dererseits aber können wir Ihrem Verwandten Pordogg eine 
gewisse Sympathie nicht versagen." 

— Einerseits — Andererseits ! Da haben wir schon die Formel, 
mit der wir Moralkrüppel uns das Phantom der Gerechtigkeit 
vorschwindeln. Also Pordogg mußte verurteilt werden. Warum ? 
wegen Mordes. Wo steht das? im Straf kodex und im Trismagest. 
Da steht aber auch, daß nicht die Tat an sich beurteilt werden 
soll, sondern die Absicht. Hier war die Absicht eine edle: der 
Mann hatte sein ganzes Genie darangesetzt, um ein Heilmittel 
für die Menschheit zu bereiten. Nach seiner Überzeugung konnten 
Tausende gerettet werden, wenn nur ein einziger verschwand, der 
Palinur. Darum hat er ihn verschwinden lassen. 

„Das durfte er eben nicht." 

— Durfte! so sagen wir, weil uns das Strafgesetz in den 
Knochen sitzt als ein Wurm, der uns jede höhere Regung aus 
dem Mark herausfrißt. Durfte Brutus den Cäsar ermorden, Teil 
den Landvogt, Charlotte Corday den Marat? Würden Sie den 
Teil verhaftet und eingesperrt haben? Schon biegt sich die 
Gerechtigkeit hin und her, und Sie wissen nicht wohin damit. 
Vereinfachen wir uns die Sache durch ein anderes Beispiel. 
Der Hochverrat ist strafbar; aber nur der Versuch, wenn er 
mißglückt. Glückt er, dann ist er straffrei, weil mit der alten 
Verfassung zugleich der alte Kodex in die Versenkung fällt. 
Dann existiert die Gerechtigkeit A nicht mehr, bloß noch die 
entgegengesetzte Gerechtigkeit B. Und zu hunderten von 
Malen hat die Menschheit das ganz in der Ordnung gefunden. 
Sie weiß es nicht, aber ihrem Unterbewußtsein ist es bekannt, 
daß die ganze Gerechtigkeit nur ein Konvolut von papiernen 
Paragraphen bedeutet, eine Papierwirtschaft, deren Scheine 
Zwangskurs besitzen, ohne daß eine Deckung dahinter steht. 

„Immerhin, wir müssen uns doch an Normen halten." 

— Wir ersaufen in Normen. Und eine Norm widerspricht der 
anderen. Die Absicht soll das Entscheidende sein. Also erforschen 

249 



wir die Absicht mit Virtuosität. Bei uns im Gefängnis von Allalina 
sitzt ein Mädchen wegen Abtreibung der Leibesfrucht. Sie 
hatte aber nie eine Leibesfrucht und ist noch heute Jungfer. 
Ganz egal. Sie redete sich Schwangerschaft ein, versuchte abzu- 
treiben, die schlimme Absicht war erwiesen. Ins Gefängnis! 
In einer anderen Zelle hockt ein Mensch, der hatte mit einer Holz- 
flinte auf eine Strohpuppe angelegt. Doppelter Sinnesirrtum: 
er glaubte einen geladenen Karabiner in der Hand zu haben und 
hielt die Puppe für einen lebendigen Menschen, für seinen Tod- 
feind; den wollte er also erschießen. Man nennt das Versuch mit 
untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt. Aber wir sind 
ethisch so verfeinert, daß wir uns schon gegen die verbrecherische 
Absicht empören, deshalb: ins Loch mit dem Kerl! Das ist die 
Norm. Zum Donnerwetter, so wendet sie doch an, wo es einen Sinn 
hat, die Absicht statt der Tat zu beurteilen. Was geschieht? 
Die Gegennorm schlägt uns mit einem Knüttel auf den Kopf. 
Im Fall Pordogg gilt die Absicht gar nichts. Er hat durch die 
Selbstinfektion sein eigenes Leben drangesetzt, das wird vergessen. 
Er wollte uns vom Übel erlösen — das gilt nicht mehr. Wir 
starren ethisch hypnotisiert auf die unglückselige Tat, und der 
glückselige Wille kann uns sonst was. Wieder ruft uns eine ge- 
heiligte Norm zu : Ne bis in idem — nie zweimal gegen dasselbe ! 
Aber der Mann war ja schon bestraft, bevor er an die Schranken 
geschleppt wurde ! Wenn ihm seine Geimpften in Masse weg- 
starben, so hat er in seiner Seele schon hundertfachen Tod erlitten. 
Gegennorm: wir bestrafen ihn noch einmal und diktieren ihm 
zu seinem Tod noch ein bißchen lebenslänglichen Kerker. Zu 
Hause hat er eine unschuldige Frau und zwei unschuldige Kinder. 
Ethische Norm : die Unschuld darf nicht gekränkt werden. Gegen- 
norm: Frau und Kinder werden aufs schwerste mitbestraft, 
für ein Unglück, von dessen Anrichtung sie nicht die leiseste 
Ahnung besaßen. Und dann setzen sich unsere Staatsweisen 
zusammen und spintisieren über weitere Verfeinerungen der 
ethischen Kultur ! 

„Ja, das sind eben Gewissenskonflikte, die uns vielleicht um 
so mehr bestürmen, je weiter wir auf der Bahn de* Menschlich- 
keit vorschreiten." 

— Woraus ich schließe, daß wir uns dieses Vorschreiten nur ein- 
reden, und daß Menschlichkeit mit allen Annexen nur Phantome 
sind. Ihr Hauptsymbol ist die Frau Justitia, vor der wir besonders, 
wir Insulaner, platt auf dem Bauch liegen. Eine großartige 
Figur! mit einer Augenbinde, wodurch sie ausdrückt, daß sie 
niemals ein Einsehen haben will, niemals Vernunft annimmt, 

250 



denn Einsicht, Vernunft und Erkenntnis des Rechts sind das- 
selbe; mit einem Schwert, womit sie die verknoteten Fäden der 
Rechtsbeziehungen nicht löst, sondern entzweisäbelt; und mit 
einer Wage, auf der sie Imponderabilien wägen will wie Käse 
und Aufschnitt. Sie brauchte bloß noch wie Brennus das Schwert 
auf die Wage zu werfen, dann wäre das Sinnbild der Barbarei 
fertig. Auf dem Sockel müßte entsprechend stehen : Vae victis ! 

Und liebenswürdige Manieren hat die Dame Themis. Sie 
kommt uns mit Unparteilichkeit und Gleichheit aller vor dem 
Gesetz; etwa wie ein Palmbaum, der alle seine Früchte in gleicher 
Höhe aufgehängt hat; mit dem Effekt, daß die große Giraffe 
sie abfressen kann, während die kleine Antilope unten verhungert. 
Das sind ihre unparteilichen Rechtswohltaten. Als Strafgöttin 
schwingt sie ihr Schwert immer mit der gleichen Stärke in der 
gleichen Richtung. Daß ihr das eine Individuum nackt gegen- 
übersteht, das andere gepanzert, das bemerkt sie nicht, denn sie 
ist ja blind. Ihr Streich geht an dem einen vorbei, der andere 
wird geritzt, der dritte mittendurch gespalten, — ganz egal, 
sie hat mit Gleichheit operiert 

— Firnaz, hör auf ! rief Branisso dazwischen. Diese Fremden 
sind hierher gekommen, um die Eigenheiten unseres Landes 
kennen zu lernen, aber nicht um die Heiligtümer der Menschheit 
verlästern zu hören. Und zu uns gewendet ergänzte er: Tat- 
sächlich sind wir ein Justizvolk und wir streben danach, uns in 
diesem Betracht so zu vervollkommnen, daß wir dereinst als 
Muster für die ganze Erde hinausleuchten können. Unsere Ab- 
schließung von der Welt wird ja in absehbarer Zeit aufhören, 
und dann soll die Welt bei uns die wahre Blüte der Sittlichkeit 
studieren. Mit der Gerechtigkeit fangen wir an, und mit ihr 
hören wir auf, mit der höchsten Gerechtigkeit, die aus aller Ge- 
meinschaft ein Volk von Brüdern machen soll. Unser Ideal 
ist der Pazifismus, das Wort im weitesten Sinne genommen; 
die Auslöschung der egoistischen Triebe durch das Prinzip des 
gerechten Denkens und Handelns. Die Gerechtigkeit ist ge- 
wissermaßen der Destillierkolben, aus dem wir die feinste Essenz 
gewinnen. Der mit dieser Essenz durchtränkte Mensch wird das 
wahre Völkerrecht in sich tragen, den ewigen Frieden jenseits 
aller Anfechtungen durch Gier und Neid. 

„Dieses Programm verdient alle Hochachtung. Wenn wir 
Sie recht verstehen, so versuchen Sie aus allen Sittenlehren die 
gerechteste Substanz herauszuholen zum Zwecke eines allgemein 
anerkannten kategorischen Imperativs, der dann natürlich 

251 



den Frieden von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk ge- 
währleistet. Aber die Sittenlehren unter sich bieten doch Differenz- 
punktc!" 

— Bis auf eine auffallende Übereinstimmung — polterte 
Firnaz; weil nämlich eine immer so blöde ist wie die andre. 
Hier auf den zwei Inseln schmarutzen sie alle Kurse durch, und 
keinem fällt es ein zu untersuchen, ob denn die Ethik überhaupt 
einen Sinn hat! ob nicht bei genauer Prüfung ihr Inhalt in 
Wortgewäsche sich auflöst. Das Meisterwerk Mensch wollen sie 
vollenden. Mit einer bevorstehenden Offenbarung durch innere 
Hochkultur des Seins besabbern sie ihr bißchen Intellekt. Aus 
der Physik wissen sie — oder sollten sie wissen — daß wir eine 
Verschrumpfung, Verbiegung, Deformation des gesamten ma- 
teriellen Universums gar nicht bemerken könnten, weil all unsere 
Organe und Meßapparate im gleichen Grade mitdeformiert 
würden. Na dann zieht doch gefälligst die Folgerung auf moralisch 
verschrumpfte, verkrümmte Welten, deren Verbiegung wir als 
mitverbogene Kreaturen nicht wahrnehmen können. Die Wahr- 
scheinlichkeit von Unendlich zu Eins spricht dafür, daß wir uns 
in einer solchen Welt befinden; daß wir sie als Moralkrüppel be- 
völkern; und daß es der blanke Blödsinn ist, in dieser Krummwelt 
von der Sitte und Gerechtigkeit etwas anderes zu erwarten als 
Krummheit und Mißgestalt. Menschentum ! Menschlichkeit ! 
so dröhnt es aus den zottigen Hochbrüsten der Männer, die sich für 
aufrecht halten, und es soll etwas Hohes, Erhabenes bedeuten, 
im Gegensatz zu Niedrigkeiten wie Eseltum, Ochsigkeit oder 
Bestialität. Du lieber Himmel, wo liegt der Koordinaten- Anfangs- 
punkt, von dem aus gemessen wird, was hoch und was nieder? 
Es gibt keinen, und wir beschwindeln uns und die W T elt, wenn wir 
so tun, als wüßten wir was von ihm. Die Frage: wer steht sitt- 
lich höher, der Mensch oder der Pavian ist genau so gescheit und 
genau so albern wie die Frage: was ist edler, verständiger, ge- 
rechter, sittlich vollkommener, der Kölner Dom oder der zweite 
Saturnring? Wir beziehen Dinge aufeinander, für die jeder Maß- 
stab fehlt. Tatsache ist nur eins: Wir finden uns in diese Welt 
hineingesetzt und haben unser Pensum abzuwickeln. Das tun 
wir nach dem unverbrüchlichen Prinzip des Egoismus, der bald 
individual auftritt, bald gattungsmäßig, wie die Sekunde es 
verlangt. Dem einen sitzt Lug und Betrug im Blute, der lügt und 
betrügt, der andere hält mehr zur Wahrheit, weil er gemerkt hat, 
daß er damit durchschnittlich besser fährt. Im Kulturmenschen 
hat sich das Gefühl organisiert, daß der Vorteil der Menge auf 
den einzelnen abfärbt, Folglich erstrebt er aus tiefstem Egoismus 

252 



den Vorteil aller, und er kommt sich dabei edel vor, weil er im- 
stande ist, seine Privatselbstsucht so hübsch zu verkleiden, vor 
andern und sogar vor sich persönlich. Diese Selbstbeschwindlung 
ist dann seine Güte. Dafür hat er sich schockweise Ausdrücke 
erfunden, flatus vocis, oratorische Seifenblasen, an deren Buntheit 
er sich berauscht, die aber allesamt entzweiplatzen, sobald nur 
der Hauch des Intellekts sie berührt: Gerechtigkeit, Ehre, Pflicht, 
Friedenssehnsucht, Weg der Seele-. Überwindung des Selbst, 
neuerdings indische Yoghi-Kultur: der siderische flammenreine 
Mensch soll entstehen; die Durchdringung des Wesens mit der 
sittlichen Harmonie des Alls ; Ausbrennung der letzten Erdenreste 
im Bauchgeschlinge durch Innenkonzentration. Ihr bengalischen 
Phrasenmeister! konzentriert euch doch einmal wirklich nach 
ganz innen und seht zu, was ihr da findet: den kategorischen 
Imperativ des Egoisten in Reinkultur. Da sitzen die ewigen 
Wahrheiten und Erkenntnisse; der Krieg ist der Vater aller 
Dinge, homo homini lupus, Kampf aller gegen alle, denn aus 
Gemeinem ist der Mensch gemacht . . . 

,,Dies soll doch eben überwunden werden!" 

— Von wem ? vom Träger dieser Gemeinheit, der sich vortäuscht , 
er könne eine Gemeinheit durch eine andere neutralisieren. 
Denn andre Substanzen findet er ja nicht in sich. Es ist so, als 
faßte die Schwefelsäure den Entschluß, sich durch Innenkonzen- 
tration in Lawendelwasser zu verwandeln. 

„Dein Gleichnis hinkt, Firnaz. Die Schwefelsäure kann nicht 
überlegen wie der Mensch, der sich selbst zu untersuchen und zu 
prüfen vermag." 

— Das heißt, der Geist nimmt den Geist unter die Lupe, die 
Seele seziert sich selbst. Das ist zwar unmöglich, aber nehmen 
wir an, es ginge. Da findet also die Seele bei der Selbstsektion 
eine üble Gewohnheit, die sie herausreißen und durch eine bessere 
ersetzen will. Wodurch und wie erkennt sie das Übel? 

,,Doch sehr einfach ! sie nimmt es als Symptom einer seelischen 
Krankheit und will gesunden." 

— O diese selbstlose Seele ! ihr ist das Leiden verhaßt, sie will 
ihre Schwären und Ekzeme abschütteln, sie sehnt sich nach 
den Freuden der Heilung. Und die Kur bewirkt sie durch eine 
neue Gewohnheit, ohne von der alten Gewohnheit loszukommen, 
nach welcher sie ihren Vorteil erstrebt. 

„Was redest du immer von Gewohnheit, Firnaz. Wir veredeln 
doch das Ethische mit Verleugnung der Gewohnheiten." 

253 



— Ja, das ist eures Amtes in eurem ethischen Ministerium, 
Schade, daß ihr nicht einen Sprachkritiker unter euch habt. Der 
würde euch sagen, daß beides ein und dasselbe ist. Ethos, mit 
langem E ausgesprochen, ist die Moral, Ethos mit kurzem E 
die Gewohnheit. Und es steht sprachlich fest, daß jenes von 
diesem herstammt. Dadurch wird bekundet, daß einzig die 
Gewohnheit den Kommentar zur Moral liefert. Gewohnheits- 
mäßig schwärmen wir für die kleinen Kinder als für Unschulds- 
engel. Weil das Kind wiederum in unerschütterlicher Gewohnheit 
von Sekunde zu Sekunde seinen unbedingten Egoismus klar zu 
erkennen gibt. Die Gewohnheit des egoistischen Versteck- 
spiels und des altruistischen Getues ist ihm völlig fremd. Was 
ist also unsere Verzückung vor den vermeintlichen Unschulds- 
lämmern ? Nichts anderes als die bewundernde Anerkennung der 
ehrlichen Selbstverständlichkeit. Wir, die wir unseren Egoismus 
fälschen, überschminken und vermummen, empfinden eine himm- 
lische Freude vor einem Wesen, das von dieser Heuchelei gar nichts 
weiß. Wir erblicken also eine Engelstugend im offen zur Schau 
getragenen Egoismus. Ferner : wir sind gewohnt zwischen normalen 
und verrückten Menschen zu unterscheiden. Welchen Gewohn- 
heitsmaßstab legen wir an? Den des Interesses. Wenn einer 
gegen sich wütet, seinen Besitz zertrümmert, oder Stecknadeln 
schluckt, oder sich die Augen aussticht, oder sich ein Schlaflager 
von Brennesseln bereitet, so sagen wir: dieser Mann ist nicht 
imstande, seine Interessen wahrzunehmen, wir stecken ihn ins 
Gefängnis, das wir Irrenhaus nennen, und hoffen, daß er dort 
zu normalem Egoismus kuriert wird. Überall vollziehen wir die 
identische Gleichung: Selbstsucht gleich Gesundheit, und da mögt 
ihr noch hundert ethische Ämter einrichten und darin analysieren 
so viel ihr wollt, niemals werdet ihr auf einen anderen Grund- 
bestand stoßen. 

,,Das ist nicht wahr, Firnaz; wir stoßen auch auf kategorische 
Imperative !" 

— Deren Grundbestand lautet : handle immer nach derjenige 
Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allge- 
meines Gesetz werde. Das ist die Hauptformel Kants, die ihr 
unausgesetzt und in allen Tonarten nachbetet. 

,,Weil wir in ihr das Mittel erkannt haben, unsere Genossen 
zu idealen Menschen zu erziehen." 

— Aber auf die nämliche Formel kann sich ja jeder Schlemmer 
und Wüstling berufen! Wünscht denn der Wüstling nicht, 
daß sein wüstes Genießen allgemeines Gesetz würde? Hat der 

254 



Säufer etwas dagegen einzuwenden, wenn die andern sich auch 
besaufen? Und solches prof essorales Moralgefasel behauptet Welt- 
kurs! Ich stelle mir vor, Kant lebte und nähme teil an unserer 
Unterhaltung. Dann frage ich ihn: Verehrter Moralfex, ist es 
wahr, daß Ihr kategorischer Imperativ das unbedingte Verbot 
der Lüge enthält? — Jawohl, sagt Kant, das steht bei mir in 
klaren, unverrückbaren Worten: denn die Lüge, sagt Kant, 
schadet jederzeit einem andern, wenngleich nicht einem anderen 
Menschen, doch der Menschheit überhaupt, indem sie die 
Rechtsquelle unbrauchbar macht. 

„Und so verordnen wir die Lehre für alle Schulen und Kanzeln ; 
denn die Reinheit der Rechtsquelle geht über alles." 

— Gut, dann frage ich weiter : Ihr Freund, Herr Kant, wird von 
einem Mörder verfolgt und flüchtet sich in Ihr Haus. Der Mörder 
mit gezückter Waffe will wissen, ob der Verfolgte sich bei Ihnen 
befindet. Was antwortet Ihr kategorischer Imperativ ? Jawohl ! 
sagt der, denn er darf nach Ihrer eigenen Erklärung die Wahr- 
heit nicht verleugnen, „es mag ihm oder einem anderen daraus 
auch noch so großer Nachteil erwachsen." Also wird der 
Freund ans Messer geliefert, ein Verbrechen wird ermöglicht, 
und Sie selbst werden dadurch zum Verbrecher, weil Sie im 
Interesse der Menschheit dieses abscheuliche Wahrheitsbekennt- 
nis nicht unterdrücken können ! 

„Ich glaube aber nicht, daß Kant dem Mörder so geantwortet 
hätte." 

— Ich eigentlich auch nicht. Er hätte vielmehr die Magna 
Charta seiner Imperative durchlöchert. Und bei Lichte besehen 
zeigt sie auch wirklich in aller Praxis Loch um Loch. Da habe 
ich gerade ein interessantes Beispiel in meiner eigenen Tätigkeit. 
Sie müssen nämlich wissen, ich bin Stadtphysikus außer Dienst, 
behandle aber noch einige Menschen in privatem Medizinal- 
beruf. Im Nebenhaus liegt eine Patientin meiner Kundschaft, 
— kommen Sie, meine Herrschaften, sehen Sie sich die Frau 
an und geben Sie mir dort einen weisen Rat nach Kantischer 
Moral ! 

Wir folgten ihm und gerieten an folgende Sachlage.*) 

Die Frau war gleichzeitig mit ihrem einzigen Kinde an den 
Pocken erkrankt. Firnaz hatte veranlaßt, daß die beiden Personen 



*) Der Fall wurde theoretisch konstruiert in „Grenzen der Philosophie" 
von W. Tobias, 1875. 

255 



nicht in demselben Zimmer verblieben, und der Mutter ver- 
sprochen, ihr stets wahrheitsgetreuen Bericht über das Kind zu 
geben. Es war ihm bekannt, daß das Leben dieses Kindes einen 
höheren Wert für die Mutter besaß, als irgend etwas auf der Welt 
und daß sie der trostlosesten Verzweiflung anheimfiele, wenn sie 
sich jemals des für sie höchsten Gutes beraubt wüßte. Die Krank- 
heit nahm nun bei der Mutter einen so fatalen Verlauf, daß 
der Arzt jede Hoffnung aufgeben mußte; das Bewußtsein der 
Kranken aber, die jetzt ihrer Auflösung entgegenging, war noch 
erhalten. 

Wir schritten zuerst in das kleine Nebenzimmer, wo Firnaz 
gerade noch die letzte Todeszuckung des Kindes konstatierte. 
Und nun begehrte er von uns zu erfahren, welchen Bericht er der 
Mutter in nächster Minute zu erstatten habe. 

„Wahrheitsgetreu!" meinte Branisso, noch unerschütterlich 
auf Kant fußend. 

„Unmöglich," erklärte ich; „lieber schweigen Sie und geben 
gar keine Antwort. Aber das geht doch auch nicht ! Jede Ver- 
schweigung oder jeder Vorbehalt wäre für den Scharfsinn der 
Zärtlichkeit gleichbedeutend mit der schonungslosen, krassen 
Wahrheit." 

„Also müssen Sie lügen, bewußt lügen!" flüsterte Eva. 

— Branisso, besinne dich ! Mit der Wahrheit töte ich die Mutter 
in der Sekunde; mit der Lüge verlängere ich ihr Leben noch um 
eine kurze Spanne, und in dieser Spanne beseligt sie eine matte 
Hoffnung ! 

Der Bruder wurde schwankend. Es rüttelte in ihm wie mit 
Zangen, um ihm den Glauben an die Kantische Unfehlbarkeit 
herauszureißen. Endlich gab er sich einen Ruck und sagte: „Geh 
hinein, Firnaz, und lüge!" 

Zwei Stunden darauf verschied die Mutter. Firnaz' Unwahrheit 
hatte ihr den letzten Trostbalsam eingeträufelt. Als wir am 
Abend wieder beim Ethiker zusammensaßen, meinte der miß- 
gestaltete Stiefbruder: Hoffentlich hat eure Pazifistenwirtschaft 
noch bessere Stützen als Kant mit seinem ewigen Frieden. Denn 
bei dem ruht alles auf derselben Imperativtafel, und die ist heute 
vor deinen Augen entzweigebrochen. 

„Das war nur ein Ausnahmefall," entgegnete der Watongoleh. 
„Hier mag sich die Rechtsquelle allerdings getrübt haben. Aber 

256 



sie wird wieder rein sprudeln, wenn uns das ethische Hochgefühl 
drängt, uns mit vollen Zügen an ihr zu tränken. Wir bedürfen 
ihrer zu der großen Aufgabe, die wir gerade jetzt im Verfolg 
unserer Prinzipien in Angriff nehmen." 



Diese große Aufgabe bestand, wie schon erwähnt, auf dt-i 
beiden Inseln in der Begründung eines Regulativs für den Frieden 
der Menschheit, welcher nur auf der Grundlage des Rechtes 
und der geläuterten Ethik denkbar ist. Nicht als ob die Bewohner 
das Drohen irgendwelcher Zwistigkeiten unter sich befürchtet 
hätten. Aber gerade weil sie in diesem Betracht gesichert waren, 
fühlten sie sich berufen, die Normen eines allgemein gültigen 
Pazifismus auszuarbeiten; mit aller Unparteilichkeit und Ge- 
rechtigkeit, deren nur ein von Natur friedliches und stets über 
sittliche Probleme grübelndes Volk fähig ist. 

Während über das Prinzip im ganzen allseitige Überein- 
stimmung herrschte, gab es über den Verfolg im einzelnen ver- 
schieden abgetönte Meinungen. Zwei Richtungen wurden er- 
kennbar: die idealistische und die utilitarische, und demzufolge 
zwei Formen der Strebung: die linkspazifistische und die rechts- 
pazifistische. Auf Allalina überwogen die idealen Linkser, auf 
O-Blaha die etwas praktischer gerichteten Rechtser. Im Grunde 
wollte man natürlich auf beiden Seiten dasselbe: die in Grund- 
sätzen, Richtschnüren und Paragraphen festgelegte oberste 
Sittenregel für die Menschheit. 

Gerade in der Zeit unseres Besuches sollte zu diesem Zweck 
eine große Konferenz tagen, beschickt von den Hauptsprechern 
beider Inseln. Eigentlich war dieser Kongreß schon seit Jahren 
in der Schwebe, allein es hatten sich insofern Schwierigkeiten er- 
geben, als man sich über den Ort der Zusammenkunft nicht so 
schnell zu einigen vermochte. Die O-Blaha-Leute bestanden aut 
ihrer Insel, und die anderen betonten es als conditio sine qua non, 
daß die Tagung auf Allalina stattfinden müßte. Denn die 
ideale Ethik hätte früher existiert als die empirisch-utilitarische. 
Sie beriefen sich dabei auf Sokrates, Aristides, Confucius und 
gaben zu verstehen, daß sie nicht im Traume daran dächten, von 
ihren Grundsätzen abzuweichen. Aber die Rechtser führten 
ebenso gewichtige Gründe ins Treffen, und so war die Konferenz 
nahe daran, zwischen beiden Inseln ins Wasser zu fallen. 

Moszkowski. Die Inseln der Weisheit. 17 257 



Schließlich verfiel man auf das bereits mehrfach bewährte 
Mittel, den Zufall anzurufen. Das Los entschied für Allalina. 

Auch das Aufstellen einer Geschäftsordnung war nicht so 
einfach. Es erhoben sich Stimmen für unbedingte, andere für 
beschränkte Öffentlichkeit. Wer sollte Zutritt haben? Alle, 
oder nur bevorzugte Karteninhaber? Aber kein vorhandener 
Saal wäre dem Andrang aller gewachsen gewesen, und welcher 
Behörde hätte man die Kompetenz zur Auslese zuzuweisen? 
Die Schwierigkeit komplizierte sich durch die Frage, ob nur die 
delegierten Sprecher reden dürften, oder ob jedem Zuhörer das 
Recht zustände, in die Debatte einzugreifen und seine Meinung 
zu äußern. Sollte ferner der einzelne unbegrenzte Rededauer 
beanspruchen, oder an eine maximale Redefrist gebunden sein? 
Schließlich aber nahm der Plan in einem Spiel sehr verwickelter 
Kompromisse Gestaltung an. Man entschied sich für möglichst 
weite Zulassung der Hörer, der Redefreiheit und der Sprechfrist; 
und man baute eine Konferenz-Arena, deren Umfang zwischen 
Aula von Toledo und dem römischen Circus Maximus etwa die 
Mitte hielt. Es war ein rasch konstruierter, ungedeckter Holzbau, 
dessen Kosten auf beide Inseln gleichmäßig repartiert wurden. 

Durch unsere Beziehungen zum Watongoleh, der als ethische 
Amtsperson zum provisorischen Büro des Hauses gehörte, er- 
langten wir Fremdlinge leicht Zutritt zu den Verhandlungen. 
Schon in der vorbereitenden Sitzung waren wir zugegen. Und 
da einer von uns, Donath Flohr, dreist und unlegitimiert einen 
Stimmzettel mitabgab, so wurde Branisso mit einer Stimme 
Mehrheit zum leitenden Präses gewählt. Er erteilte das Wort, 
und nunmehr begann die Debatte, in der vor allen die zwei depu- 
tierten Hauptsprecher hervortraten: für Allalina der Links- 
pazifist Purpu, für O-Blaha der Rechtspazifist Kostrubaal. 

Purpu begann mit einer rhetorisch prachtvollen Ansprache, 
in der er die Bedeutung der Konferenz ins hellste Licht setzte. 
Sie würde eine Fülle von Entschlüssen und Motionen gebären, 
die man auf Pergament festhalten wolle : Wir werden sie, so denke 
und heische ich, in einer silbernen Kapsel aufbewahren für eine 
ferne Folgezeit, um sie dereinst zu öffnen, wenn die leidende 
Menschheit in der weiten Welt reif geworden sein wird zum Emp- 
fang unserer Heilswahrheiten. 

Dem widersprach aber Kostrubaal ganz energisch: Unsere 
Tagung hat nicht den leisesten Sinn, wenn wir auf die Zukunfts- 
bank schieben, was der lebendigen Gegenwart angehört. Wir 
auf O-Blaha empfinden schon lange, daß wir viel zu viel in der 

258 



Theorie machen, uns mit ethischem Wortdunst besäuseln, anstatt 
uns auf die Pragmatik zu besinnen. Heraus aus der pontifikalen 
Salbaderei, hinein in die Wirklichkeit ! Wenn wir jetzt das ethische 
Weltrezept ermitteln, — und wir werden es finden ! — so wäre 
es geradezu ein Verbrechen, es zu verkapseln und einzupökeln. 
Wir wissen ja, wie es draußen in den großen Kontinenten zu- 
geht, in Krieg, Kriegsmöglichkeit, Kriegsdrohung und in Zuständen 
eines Friedens, dem die Kriegspcstilenz aus allen Poren dampfti 
Können die Völker der alten Kulturwelt nicht kraft eigenen Ver- 
mögens aus ihrer Hölle heraus, so sind wir berufen, wir ethisch 
Geschulten, ihnen die Erlösung zu bringen; und zwar dadurch, 
daß wir ihnen ohne jeden Aufschub das Programm mitteilen, 
das wir jetzt aufstellen werden. Jetzt ist die Stunde gekommen, 
da wir unsere polynesische Abgeschiedenheit im pazifischen 
Weltwinkel aufzugeben haben. Bei uns ankert ein Schiff, die 
„Atalanta", die unsere Heilsbotschaft hinaustragen kann. Ich 
frage den hier anwesenden Kapitän, ob er bereit ist, sich dieser 
Mission zu unterziehen. 

Unser Herr Ralph Kreyher erhob sich und machte eine nicht 
ganz diplomatische Verbeugung, die soviel bedeuten sollte: 
Selbstverständlich; wird uns eine Ehre sein. 

Aber Purpu stand eisenfest auf der Geschäftsordnung: Der 
Herr Vorredner besitzt nicht den Schimmer eines Rechtes, hier 
Missionen auszuteilen. Ich betrachte es als einen unerhörten 
Übergriff, wenn er sich kaltlächelnd über die Tatsache hinweg- 
setzt, daß von mir ein formulierter Antrag vorliegt. Herr Präses, 
was steht im Protokoll? 

Branisso war in Verlegenheit. Ich muß allerdings konsta- 
tieren, daß Purpu die Verschließung unserer pazifistischen Er- 
gebnisse in eine silberne Kapsel beantragt hat, während der 
Gegenredner deren sofortige Bekanntgabe für die ganze Mensch- 
heit befürwortet .... 

Abstimmen ! Abstimmen ! wurde dazwischengerufen. 

— Meine Damen und Herren, erklärte der Vorsitzende, es 
wäre verfehlt .... er kam nicht weiter, denn ein Deputierter 
von O-Blaha protestierte mit durchdringendem Organ gegen 
die Anrede: Mit welchem Rechte setzt der Vorsitzende die 
Damen voran ? ! Sind wir ethische Inseln oder galante Inseln ? ! 

— Also: meine Herren und Damen, — oder vielmehr, 
um die volle Parität zu wahren: Verehrte Genossen beider Ge- 
schlechter .... 

17* 259 



Bravo ! 

— Ich wollte sagen: es wäre verfehlt, durch Abstimmung 
festzustellen, was mit Ergebnissen geschehen soll, von denen noch 
nicht eine einzige Silbe vorhanden ist. Ich möchte deshalb, wenn 
kein Widerspruch erfolgt, diesen Aktus bis zum Schluß aller 
Debatten vertagen. Ich bitte demnach, zunächst vorzutragen, 
wie Sie sich überhaupt die Begründung unseres schönen Programms 
im einzelnen vorstellen. Herr Kostrubaal hat das Wort. 

Der Aufgerufene begann: Wenn ich es recht überlege, so 
wollen wir hier alle die einfachste Sache von der Welt. Und 
eine einfache Sache muß sich auch in klaren, nicht mißzuver- 
stehenden Worten ausdrücken lassen. Seit Kreaturen existieren, 
bekämpfen sie einander, und seit der homo sapiens auf Erden 
wandelt, ist der Kampf von Mensch gegen Mensch über alle 
Begriffe der Scheußlichkeit hinausgewachsen. Noch nie ward es 
in der Weltgeschichte erlebt, daß der Janustempel auch nur auf 
eine Stunde geschlossen werden konnte. Was sich in den W'asser- 
tropfen begibt, deren Kleinwesen einander verschlingen, was 
im großen Tierreich mit seinem Gewimmel von Raubbestien, 
Schlangen, Skorpionen und Würgern, ist alles zusammenge- 
nommen nur ein Kinderspiel, nur ein Idyll gegen das Vertilgungsbild, 
das uns der Mensch bietet. Denn ganz vereinzelt lebt unter diesen 
ein Numa, ein Solon, ein Epaminondas, ein Epiktet, und zu 
vielen Millionen wüten sie umher, die Teufel in Menschengestalt, 
die ihre Intelligenz nur darum immer höher schrauben, um ihre 
Grausamkeit zu verschärfen. Beinahe sind sie soweit, mit einem 
Druck auf den Knopf ganze Städte zu pulverisieren und mit einem 
Sprengguß ihrer Luftflotten blühende Provinzen in stinkende 
Leichenfelder zu verwandeln. Und aus diesem Grunde sind wir 
verpflichtet, hier als erstes Prinzip eine Forderung niederzulegen : 
Der auf Allalina tagende Kongreß verlangt kategorisch: das 
gesamte Menschengeschlecht muß eine einzige Familie guter, 
glücklicher und friedfertiger Geschöpfe werden. 

Der Redner machte eine Kunstpause, die von beifälligen Zu- 
rufen ausgefüllt wurde. Es war ersichtlich, daß dieses Prinzip 
alle Aussicht hatte, mit überwältigender Mehrheit angenommen 
zu werden. Und damit war das Hauptproblem eigentlich schon 
überm Berg. Ermutigt fuhr der Sprecher fort* 

— Gewiß, liebe Genossen, wenn diese soeben aufgestellte Formel 
schon vor dem trojanischen und peloponnesischen Kriege ge- 
funden worden wäre, so hätte sich die Menschheit viel Trübsal 
erspart. Immerhin wollen wir es mit Freude begrüßen, daß 

26G 



sie nun endlich gesichert dasteht, prädestiniert, eine niemals 
endende Glückseligkeitsära einzuleiten. Sie ist kein Ausfluß 
eleusinischer Mystagogie, kein Destillat aus verzwickten philo- 
sophischen Systemen, sie bietet keine juristische Verschnörkelung, 
sondern — und darin liegt ihr oberster Vorzug — sie gibt sich mit 
offensichtlicher Einfachheit und wird eben darum, kraft ihrer 
einleuchtenden Simplizität eine ungeheure Gewalt ausüben. 
Ja ich gebe mich bestimmt keiner Illusion hin, wenn ich behaupte, 
daß sie allein imstande sein wird, neun Zehntel aller jemals mög- 
lichen Kriege zu verhüten . . . 

„Das ist zu wenig!" unterbrach Purpu mit Leidenschaft. 
,,wenn wir nicht mit zehn Zehntel fertig werden, dann können 
wir überhaupt einpacken!" 

Kostrubaal lächelte ironisch: — der Herr von Allalina ver- 
beißt sich schon wieder in die Theorie einer weiten Zukunft, 
und wahrscheinlich hat er dafür ein phantastisches Rezept in 
Bereitschaft, während ich das Prinzip so forme, daß es schon 
heute von aller Welt mit Begeisterung akzeptiert werden kann. 
Ich habe daher das Prinzip als Generalformel ausgesprochen 
und gehe nunmehr dazu über, sie im Speziellen zu festigen. Sonach 
lautet meine zweite Resolution: Der hier versammelte Kongreß 
fordert von der Menschheit kategorisch die rücksichtslose Unter- 
drückung aller Angriffskriege« 

„Na, da haben wir's ja!" schäumte Purpu auf, indem er zur 
Tribüne stürzte und sich unbekümmert um die Rednerliste zu 
einem Rededuell anschickte. „Er verklausuliert sich schon im 
ersten Anlauf, der Praktiker! Begreift er denn nicht, daß er 
mit seiner zweiten Resolution ein Hinterpförtchen aufsperrt, 
durch das der vorn herausgeschmissene Krieg wieder lustig her- 
einspazieren wird ? Klipp und klar will ich Antwort : Hält er den 
Verteidigungskrieg für zulässig?" 

— Sie fragen wie ein Unzurechnungsfähiger. Selbstverständ- 
lich wird man in Abwehr ungerechten Angriffs an seine eigene 
Stärke appellieren müssen. Soll man etwa mit verschränkten 
Armen dasitzen und sich ruhig abschlachten lassen, wenn es dem 
bösen Nachbar so gefällt? 

„Einen hübschen Pazifismus vertritt der Mensch da! Noch 
nicht einmal die Grundidee hat er begriffen. Zuerst wettert er 
gegen den Krieg, und bei der ersten Querfrage klappt er um. 
Begreift er denn nicht, daß der Raub ganzer Länder weniger 
schwer wiegt, als der Tod eines einzigen Menschen, der leben will 
und leben könnte ? Daß der Angreifer niemals den Tod des An- 

261 



gegriffenen will, sondern nur seine Güter, Territorien, Boden- 
schütze, Bergwerke, Fabriken, Eisenbahnen? Erst durch die 
Verteidigung kommt der Mord herauf, den wir überzeugten 
Linkspazifisten unter allen Umständen ächten und verwerfen. 
Es gibt keinen Fall gerechten Defensivkrieges, vielmehr ist er 
stets ungerecht wie jede blutige Handlung. 

— Also lieber Versklavung als blutige Abwehr? Gipfel des 
Blödsinns ! 

„Gipfel der ethischen Weisheit ! Der Sklave bleibt am Leben, 
und nichts Kostbareres können wir ihm erhalten als eben dieses. 
Wir bekämpfen also jeden Krieg, restlos, radikal, und ich ver- 
lange eine Resolution, die diese Forderung ohne Winkelzüge 
zum Ausdruck bringt." 

Im Publikum wogte Stimmung. Die Konsequenz Purpu's 
imponierte dem ethischen Bewußtsein der Allalina-Leute, die 
sich als Partei zu fühlen anfingen. Um so vehementer regte sich 
der Widerstand der Gegenpartei. Durch die Konferenz ging 
es wie ein Wechselstrom, der zur Entladung drängte. Funken 
sprangen über, als Vorboten einer Explosion, die gewiß bei einer 
Abstimmung eingetreten wäre. Denn dann gab es Sieger und 
Geschlagene, ein Ideal wäre durch Mehrheit erdrosselt worden, 
und das hätten die Träger dieser Idee bestimmt sich nicht ge- 
fallen lassen. 

In dieser Situation entschloß sich der Präsident, die Spannung 
lieber noch hinzuhalten, anstatt die Entscheidung zu provozieren. 
Er ersuchte die beiden Kämpen um eine Pause in ihrem retho- 
rischen Waffengange: Lassen wir doch auch andere Stimmen 
zu Gehör kommen, damit sich die Angelegenheit genügend kläre. 
Im Grunde wollen und meinen wir ja alle dasselbe. 

— Mit kleinen Unterschieden, bemerkte Firnaz vom Platze 
aus. Ich zum Beispiel meine, daß hier nicht ein ideales Motiv 
den Endsieg erstreiten wird, sondern der Biceps. Und wir kämen 
wahrscheinlich eher zum Resultat, wenn die beiden Sprecher 
von vorherein die Sache glatt und ehrlich durch Boxen erledigten. 

Ein Echo von Pfui's erhob sich. 

— Warum Pfui, lieben Brüder ? Noch nie hat der Verfolg einer 
völkerbestimmenden Idee zu etwas anderem geführt, als zu einer 
Boxerei: Gottglaube, Götterglaube, ewige Seligkeit, Sakrament, 
Rassengefühl, irdische Wohlfahrt, sublime Menschenziele, — 
ganz egal, immer ging's aufs knock out los, und aus jedem Match 
wuchsen schon wieder zehn frische Idealmotive zu neuem Ge- 

262 



boxe. Das Register dieser Püffe nennen wir die Weltgeschichte. 
Denn die Waffe in jeder Form ist doch nichts anderes als die 
verlängerte Faust. Wohl den Gegnern, wenn sich einmal das 
Feld der Hiebe verengte, wie einst zwischen Rom und Alba 
Longa: ein paar Horatier gegen eir paar Curiatier, das verein- 
facht die Sache und erspart viel Gemetzel. Also los aufeinander, 
Horatius Purpu und Curiatius Kostrubaal ! Wie, ihr zögert noch, 
obschon es euch bereits in allen Gelenken kribbelt? Weil's nicht 
recht pazifistisch ist? 

Der Präsident rief Firnaz zur Ordnung: Du darfst hier weder 
zur rohen Gewalt auffordern, noch den beiden Delegierten ein 
brutales Gewaltgelüste unterschieben. Vergiß nicht, daß wir 
alle uns hier im Zeichen der großen Ethiker befinden! 

— Und diese, — so meinst du, Bruder — haben sich nie auf die 
Faust verlassen? Geh' in die Klippschule, Branisso, und lerne 
was ! Da habt Ihr den Friedensidealisten Sokrates, der persönlich 
ein vorzüglicher Krieger war, der im Peloponnesischen Krieg 
kämpfte, und nach dem Treffen bei Potidäa den Tapferkeitspreis 
bekommen sollte. Der paßt also nicht zu unseren Resolutionen. 
Da habt ihr den großen Aristides, den Gerechten. Sein Idealismus 
hat ihn nicht verhindert, bei Marathon, Salamis und Platäa krie- 
gerische Lorbeern zu ernten. Und nun gar der Apostel Solon! 
der war ein prachtvoller Haudegen, Held im Heiligen Kriege, 
und geradezu Kriegsherold; er hat den Krieg gegen Megara direkt 
entfesselt, obschon die Regierung bei Todesstrafe die Aufforderung 
zum Krieg gegen Megara verboten hatte! Der paßt also auch 
nicht ins Schema. Wer sonst? Holt euch ein Modell aus den 
Urwäldern ! 

— Zur Sache! schallte es ihm entgegen; schweifen Sie nicht 
ab, bleiben Sie beim Thema Angriff und Abwehr. 

— Bin schon dabei, geliebte Friedensbolde. Also ich gehe im 
Walde, bemerke einen Jaguar, der sich grade zum Sprunge duckt 
und schieße. Da bin ich in der Notwehr. Hätte ich aber geschos- 
sen, bevor er sich zum Sprunge duckte, dann war ich der An- 
greifer. Denn das gute Tierchen hatte mir ja gar nicht gedroht. 
Daß ich seine bloße Existenz in meiner Nähe als eine Drohung 
auffaßte, daß ich dem Angriff zuvorkommen mußte, um mich 
zu retten, das zählt nicht mit. Die einzige Frage bleibt : wer hat 
in dieser Sekunde angefangen, wer hat den Naturfrieden ge- 
brochen. Ich! Die Bestie will ja überhaupt nicht meinen Tod, 
ihr ist es ganz gleichgültig, ob ich lebe oder sterbe, bloß satt werden 
will sie an meinem Blute; während ich, wenn ich schieße, ganz 

263 



ausdrücklich hren Tod herbeiwünsche. Immer kommt es nur 
auf die Anfangssekunde an, und besonders die Politik leistet ihre 
schönste Trottelei darin, daß sie den einen Moment aus den Be- 
gebenheiten heraussticht, um danach die Schuldfrage zu formen: 
Angreifer oder Abwehrer. Wie die Sache vorher aussah, wie sie 
nachher ausgesehen hätte, was kümmert das den Trottel, der 
nicht begreift, daß beide Elemente zusammengehören wie das 
Konkav und Konvex einer Kurve. Du hast zuerst geschossen, 
du hast angegriffen, in diesem kurzdärmigen Schluß erschöpft 
sich die Weisheit dieser Gerechtigkeitspinsel. Modell: der Tro- 
janische Krieg. Wer hat ihn angefangen? Die Achäer natürlich, 
die Ilion überfielen und umzingelten. Aber zuvor war der Tro- 
janer Paris in den griechischen Ehefrieden eingebrochen, der 
war also der Angreifer. Wieder falsch. Der Trojaner hatte nur 
ein göttliches Recht verteidigt, das ihm auf dem Berge Ida zu- 
gesprochen war. Und schließlich waren sie alle zusammen nur 
Werkzeuge eines olympischen Ratschlusses, welcher der Welt 
einen wohltätigen Aderlaß verordnete. Nun kommt der moderne 
Pazifist, runzelt die Denkerfalten über der Nase, tüftelt und findet 
die Erlösung vom Übel : Schiedsgericht, Völkerbund . . . 

Zuruf: „Sehr richtig !" 

— Zweifellos. Wenn die erst einige Jahrzehnte gewaltet haben, 
wird man keine Arsenale mehr bauen, bloß noch Museen. Schön. 
Also stellen wir uns vor, zu jener Zeit wäre ein völkerbündliches 
Schiedsgericht angerufen worden. Resultat: der Friede muß 
unter allen Umständen erhalten werden, der Trojanische Krieg 
darf nicht stattfinden. Welch ein Segen für die Menschheit! 
Keine Ilias, keine Odysee, keine Homerischen Klänge, kein 
Achill, Diomedes, Hektor, Odysseus; und genau so wären auch 
alle andern Kriege verboten worden. Nur möchte ich wissen, 
was für Museen die Menschheit danach gebaut hätte. Keine 
Tempel des Heldentums, sondern Leichenkammern der Lange- 
weile. Und gesteinigt wäre der worden, der sich zu dem Glauben 
bekannt hätte, der eigentliche Führer der Museen sei Mars, nicht 
Apollo ! 

Vielfaches Murren. Auch wir Fremdlinge waren mit diesen 
Ausführungen nicht einverstanden, und besonders Fräulein Eva 
gab lebhaften Unwillen zu erkennen. Firnaz sprach weiter. 

— Sollte ich soeben den Apollo beleidigt haben, so bitte ich 
ihn um Entschuldigung. Übrigens war er ja auch ein Kriegsgott, 
der Fernhintreffer, der mit seinen silbernen Pfeilen die Kinder 
der Niobe erschoß, und dessen Name, Apollo, wörtlich übersetzt, 

264 



Verderber bedeutet. Und was die Apollinischen Gesänge be- 
trifft, so behandeln sie kaum etwas anderes als Kampf, Sieg und 
Heroentum. Jetzt rühren sich die pazifistischen Bilderstürmer 
nicht etwa zum ersten Male. Unsere Thesen von heute sind 
Wiederholungen uralter Beschlüsse. Als Theodosius der Große 
zu Rom regierete, wurde durch eine imperatorische Motion im 
Senat das ganze göttliche Heldengesindel abgesetzt; Ziel der 
brausenden Stürmer war es, die Tempel und Bildsäulen der 
Heroenzeit zu vernichten, die ganze Apotheose der antiken 
Tapferkeit, der virtus, der andreia, auszuräuchern. Tausend 
Jahre später grub die Renaissance all das Verschüttete aus Staub 
und Moder wieder heraus, und die alten Wahrzeichen feierten 
frohe Auferstehung. Der Turnus geht weiter, und wir erleben es 
aufs Neue, daß der Olymp verfehmt wird. Man stürmt Bilder, 
revidiert die Geschichtsbücher und reißt die Seiten heraus, die 
den Kriegshelden feiern. 

„Nieder mit den Eroberern!" 

— Ach, lieben Brüder, ihr wißt gar nicht, wie sehr sie euch im 
Grunde verwandt sind. Hätte nur ein einziger großer Eroberer 
seinen Kriegswillen vollständig durchgesetzt, so hätte er prak- 
tisch geleistet, was ihr theoretisch niemals ausführen könnt. 
Seid ihr imstande, den Plan eines Alexanders des Großen in eure 
Engbrust aufzunehmen? Er sah den Erdboden als eine Einheit 
an; ihm schwebte vor, die Welt zu erobern, ihr einerlei Sprache 
und die Gemeinsamkeit aller Gesetzlichkeit, aller Wissenschaften 
und Künste zu geben. Ausgehend von Mazedonien und Epirus, 
hinweg über Armenien, Syrien, Medien, Indien, über den Erd- 
kreis hinweg, wollte er die große Völkerfamilie schaffen mit einem 
Zentralpunkte, der die Residenz der Amphiktyonen und die fried- 
liche Akademie des Weltalls werden sollte. Ja, durch Blutozeane 
mußte er hindurch, aber diese Meere wären abgelaufen, und ihr 
Grund hätte sich mit Blüten bedeckt. Ein bißchen großzügiger 
als ihr war er schon, der Pazifist Alexander ! 

„Keine Lobgesänge hier auf das Schwert! Das verbitten wir 
uns ! Die Tugend soll in der Welt regieren !" 

— Es gibt zwei Tugenden, die etwas taugen : die der Einsicht 
und die des Willens. Beide besitzt ihr nicht. Eure Tugend ist das 
Geplärr. Euch hat Demokritos gemeint, als er verkündete : Wehe 
dem Volke, wenn seine Tugend ein gravitätisches und aufgedun- 
senes Ansehen gewinnt; ein feindseliger Dämon schwebt mit 
unglückbeladenen Flügeln über ihm; ich weissage solchem 
Tugendvolke mit der zuversichtlichsten Überzeugung : dumm und 

265 



barbarisch wirst du werden, armes Volk! Trebern und Distel- 
köpfe wirst du fressen und Dinge leiden müssen, vor denen Natur 

und Vernunft sich entsetzen sagt Demokrit. So, und jetzt 

könnt ihr ja über eure eminenten Thesen abstimmen lassen. 

Zur Geschäftsordnung! rief Purpu; ich verlange, daß zuerst 
über meinen Antrag mit der silbernen Kapsel abgestimmt wird ! 

Zur persönlichen Bemerkung! schrie Kostrubaal; ich wollte 
dem Delegierten Purpu nur sagen, daß mir jeder parlamentarische 
Ausdruck fehlt, um seine krasse Ignoranz zu kennzeichnen. In 
unseren Statuten steht ausdrücklich, daß der sachlich wichtigere 
Antrag zuerst erledigt werden muß, woraus hervorgeht, daß er 
entweder ein kompletter Hornochse ist, wenn er das nicht weiß 
oder ein Lümmel, wenn er wider besseres Wissen . . . 

Jetzt schien tatsächlich der kritische Moment für den Biceps 
anzubrechen. Purpu streifte bereits den Ärmel hoch, als auf einen 
Wink des Vorsitzenden Saaldiener eingriffen und zwischen den 
Erbitterten einen Zwischenraum legten. 

— Silentium ! kommandierte Branisso. Welch einen beklagens- 
werten Zwischenfall haben wir erlebt, mitten in unseren Arbeiten 
für die höchsten Güter des Universums! Wehe, wenn sich der- 
gleichen wiederholt! — Was nun die Geschäftsordnung anlangt, 
so lege ich sie dahin aus . . . 

„Hier wird nicht ausgelegt, sondern buchstäblich befolgt!" 

— Das tue ich ja auch, zum Donnerwetter! Und demgemäß 
formuliere ich die Hauptthese: „Sämtliche Kriege mit Ein- 
schluß der Verteidigungskriege, sind abzuschaffen," wer 

dafür ist, erhebe die Hand! Ich konstatiere: das ist die 

Mehrheit. 

„Gegenprobe ! Gegenprobe l' 

— Die soll erfolgen. Die Hand möge erheben, wer zwar den 
Krieg an sich verbieten, den Verteidigungskrieg indes erlauben 
will; das ist die Minderheit. 

„Unerhört !" schrien die von O-Blaha. „Jetzt war's doch die 
Majorität! Ein sauberer Präsident, der nicht sehen kann, oder 
nicht sehen will! Außerdem ist ja da drüben gemogelt worden! 
Mehrere von Allalina haben beide Hände hochgehoben!" 

„Infame Verleumdung!" 

„Nein, blanke Wahrheit! Wir sind in eine Falle gelockt! 
Man vergewaltigt uns! W T ir haben die Mehrheit und sollen uns 
ducken? Und die da drüben mit ihrem niedergestimmten Blöd 
sinnspazifismus sollen triumphieren?" 

266 



Der Präsis schwang die Glocke: Ich nehme alle meine Geduld 
und Friedlichkeit zusammen, um diesen empörenden Äußerungen 
gegenüber die Haltung zu bewahren. Das Resultat der Abstim- 
mung ist von mir verkündet und bleibt bestehen. Wir schreiten 
also zur weiteren Probe, betreffs des Antrags mit der silbernen 
Kapsel. . . . 

„Aber nicht mit uns, Sie Karikatur von einem Vorsitzenden ! 
Sie können sich selber verkapseln lassen, in Spiritus! Wir haben 
genug von dieser Komödie! Auf, Brüder und Schwestern von 
O-Blaha, hinaus, zurück auf unsere Insel ! Luft wollen wir schöp- 
fen nach diesen Miasmen der Unmoral, die uns hier umstänkern !'* 

Und in wirrem Tumult löste sich die Konferenz auf, indes die 
Häupter von Allalina in tiefster Depression nach dem Ethischen 
Ministerium eilten, um über die entsetzliche Sachlage zu irgend 
einem Ergebnis zu gelangen. 

Also jetzt offnes Bekenntnis zu dem Hauptgrundsatz unserer 
dreifach rektifizierten Ethik: Liebe deine Feinde! Wir werden 
uns die moralischen Ohrfeigen sokratisch einstecken und mit 
Duldermine selig lächeln, — spottete Firnaz. 

Das ist unmöglich, meinte ein bekümmerter Ratsherr. 

— Warum unmöglich? Wir selbst haben soeben per majora 
das Prinzip der NichtVerteidigung zum Beschluß erhoben. Oder 
solltest du dich doch beim Ausmaß der Händezahl geirrt haben ? 

— Ganz bestimmt nicht; es war wirklich die Mehrheit. Und 

dennoch, dennoch ich ersticke förmlich ! Schließlich gibt 

es doch auch eine Ethik der Ehre, und wenn wir uns nicht rühren, 
bleibt unsere Ehre besudelt! 

So kann man die Sache auch auffassen. Also, rühre dich, 
Bruder ! Hast du bereits mit dem Katekiro gesprochen ? — Er 
meinte die höchste Amtsperson des Landes, die unter diesem 
Titel fungierte und als Träger der Exekutive unbedingtes Ansehen 
genoß. 

Gleich beim Verlassen der Konferenzaula, sagte Branisso. 
Nie in meinem Leben habe ich ihn so aufgeregt gesehen. Aber 
auf seine Weisheit können wir uns verlassen. Wir müssen auf 
ihn warten. 

Die Anwesenden versanken in unheilverkündendes Schweigen. 
Es war wirklich, als flatterte der Demokritische Dämon über dem 
Komplex ihrer Tugend. Nach einer Viertelstunde betrat der 
Katekiro den Raum, mit wallendem Pulse, hochrot im Gesicht: 
,,Ich habe mich bereits zu einer Amtshandlung entschlossen, ge- 

267 



stützt auf den Paragraph vier der Verfassung, der mich in drin- 
genden Fällen des bedrohten Staatswohls hierzu ermächtigt, 
vorbehaltlich Ihrer am selben Tage einzuholenden Zustimmung." 

,, Diese erteilen wir in blindem Vertrauen; ein Widerspruch 
wird nicht vernommen; also was hat der Katekiro veranlaßt?" 

„Ich habe sofort an die Regierung der Schwesterinsel de- 
peschiert : Wir verlangen rückhaltlosen Widerruf der Schmähun- 
gen mit dem reuevollen Ausdruck des tiefsten Bedauerns. Wir 
verlangen ferner das schriftliche Bekenntnis der einseitigen und 
ausschließlichen Schuld an dem Scheitern der Pazifisten-Konfe- 
renz, ausgefertigt von sämtlichen Notabein der Insel O-Blaha. 
Wir fordern schließlich die Entsendung einer Sühne-Deputation, 
die uns das Dokument der Abbitte zur Reparation des Unrechts 
zu überbringen hat." 

— Und wenn sie sich weigern ? Oder wenn sie Ausflüchte 
suchen ? 

„Ausflüchte bei Ethikern? So gut wie ausgeschlossen. Nein, 
sie werden sich erklären. Meine Depesche setzt ihnen eine Frist 
von fünf Stunden." 

— Aber das ist ja ein Ultimatum! 

„So nennt man das wohl völkerrechtlich. Ich befürchte übri- 
gens keine Ablehnung. Denn unsere Forderung ist gerecht, und 
wer Gerechtes ruft, der weckt das Echo der Gerechtigkeit. Binnen 
vier Stunden und fünfzehn Minuten werden wir die volle Befrie- 
digung unseres sakrosankten Anspruchs in Händen haben." 

Das Echo kam herüber, klang aber etwas anders, als erwartet. 
Es war ein Schuß, der die Fahnenstange des Ministeriums fort- 
riß, zugleich die mit dem Bilde der Themis gezierte Flagge. Ein 
Beweis, daß die von drüben gesonnen waren, das Ultimatum mit 
einem drastischen Ultimatissimum zu beantworten. 

Die sprachlose Geisterstarre wurde zuerst von Firnaz durch- 
brochen: Es wäre interessant, genau festzustellen, wer hier an- 
gieift, ob wir mit unserer gepfefferten 'Depesche, oder jene mit 
hrem Geböller. 

Aber auf solche spintisierende, wenn auch völkerrechtlich 
äußerst wichtige Erörterungen konnte man sich nicht einlassen. 
Es galt zu handeln. Denn der Krieg war erklärt, wenn man auch 
nicht recht wußte, von wem. 

Um den ethischen Gepflogenheiten des Staates die Ehre zu 
geben, muß bemerkt werden, daß man auf Allalina wirklich nicht 

268 



recht auf ein solches Vorkommnis eingerichtet war. Die mili- 
tärischen Tugenden der Bevölkerung waren begreiflicherweise 
höchst unentwickelt, und die Waffenmacht beschränkte sich auf 
eine bescheidene Polizeitruppe. Von Alters her ruhten irgendwo 
etliche historisch sehr merkwürdige Geschütze, über deren mo- 
mentane Verwendbarkeit die Ansichten auseinandergingen. Die 
auf der Schwesterinsel waren um eine Idee besser gerüstet. Wie 
man später erfuhr, besaßen sie eine Batterie kleinkalibriger Ka- 
nonen, mit der Metallgravierung „Ultima ratio pacis". Wenn die 
hielten, was sie versprachen, so konnte man damit schon etwas 
anfangen. 

Allein, Not lehrt rüsten, und die Kräfte wachsen mit der Not- 
wendigkeit. Plötzlich erhöhte sich auf Allalina ein neues Prinzip: 
die Organisation erhob ihr Haupt, in dessen Augen Pflicht und 
Opferfreudigkeit funkelten. Branisso sträubte sich zwar zuerst 
mit Händen und Füßen, als ihn der Katekiro zum Kriegsminister 
ernannte. Aber gerade die Prinzipe, denen er zeitlebens gedient 
hatte, drängten ihn schließlich zur Annahme der schweren und 
ungewohnten Amtsbürde. Denn hier war nicht nur das Vater- 
land in Gefahr, sondern die Gerechtigkeit an sich, und namentlich 
das Statut des radikalen Pazifismus. Dies konnte nur dadurch 
gerettet werden, daß die Talmipazifisten der Gegenseite gründ- 
lich niedergeworfen wurden. Jetzt erhielt die Justitia Gelegenheit, 
mit ihrem Schwert vernichtend dreinzuschlagen. 

Eins war von vornherein klar. Man durfte den Austrag der 
Affäre nicht von heute auf morgen erwarten. Das konnte Monate 
dauern, wenn nicht Jahre, denn man schien auf beiden Seiten 
entschlossen, ganze Arbeit zu machen. Ein frischer, fröhlicher, 
lebendiger Haß flutete durch die Gemüter, der sich ganz gewiß 
nicht bei einem kompromißlichen Scheinfrieden beruhigen würde. 
Hier hieß es: Rom contra Carthago, und nur ein Diktatfrieden, 
dem die Erschöpfung aller Möglichkeiten vorangehen mußte, 
konnte zum Heile führen. Es sollte daher höchstens als ein»Vor- 
spiel gelten, daß sämtliche Fischkutter mit Bombardiergerät 
ausgerüstet wurden. Auf Allalina betrachtete man es als einen 
zustimmenden Wink des Himmels, daß die historischen Geschütze 
bei den ersten Proben, bis auf 75 Prozent Versager, tatsächlich 
losgingen. Und in den Kirchen wurden Dankeshymnen ange- 
stimmt, als der Ausguck meldete: Drüben mehrere Hausmauern 
umgefallen. Daß analoge Vorfälle auch hier zu beobachten waren, 
störte die Freude nur wenig. 

Branisso bewährte sich ausgezeichnet als Organisator, und 
weit ausblickende Bürger sahen schon im Geiste sein zukünftiges 

269 



Erzmonument neben der Gerechtigkeitsstatue auf dem Eintrachts- 
platz. Er hatte sich in seiner überströmenden Weisheit mit der 
technischen Insel Sarragalla in Verbindung gesetzt und sechs 
Ingenieure von dorther verschrieben. Die waren auch schon unter- 
wegs, und man versprach sich von ihnen enorme Kulturwunder 
an Lambda-Strahlen, Giftgasen, telekinetischen Perkussionen und 
Lufttorpedos. Jetzt zum erstenmal seit Kriegsbeginn konnte eine 
gewisse Übereinstimmung beider Parteien wahrgenommen werden 
in Rückbesinnung auf verflossene Gefühlsgemeinschaft. Denn 
die O-Blahenser hatten gleichfalls sechs vorzügliche Ingenieure 
von der technischen Insel engagiert. Aber bis deren Mirakel beider- 
seitig durchgreifen konnten, hätte man sich doch noch wochen- 
lang mit dem Kleinkrieg behelfen müssen, der die Menschen auf 
niederem Niveau festhielt. Der Schaden war vorläufig relativ 
unbeträchtlich und entsprach schon nach drei Tagen nicht mehr 
den hohen Erwartungen, die sich auf einen großartigen Feuer- 
zauber gerichtet hatten. Deshalb näherte sich Branisso mir und 
meinen Gefährten mit einem Anliegen. 

— Sie begreifen unsere Lage, sagte er, wir sind in dieses ab- 
wegige Abenteuer hineingeraten, ohne es zu wünschen, ja, ohne 
zu wissen, wie . . . 

„Wie die Jungfer zum Kind," schaltete Firnaz ein. 

— Aber da wir nun einmal drin sind, müssen wir siegen. Ich 
würde Verrat am Vaterland begehen, wenn ich anders dächte 
und wenn ich nicht bis aufs äußerste darauf bedacht wäre, durch 
unsern Sieg die friedliche Durchdringung unserer Ideen zu er- 
möglichen. Da aber die Kräfte vorläufig balancieren, so muß 
alles versucht werden, um der guten Sache einen Vorsprung, ein 
Übergewicht zu verschaffen. Sie sind im Besitz eines Schiffes, 
dessen Stärke unsere gesamte Fischerflottille um das Vielfache 
übertrifft. Ihre Atalanta ist mit modernen Waffen ausgestattet, 
und wenn Sie sich entschlössen, auch nur einen Tag . . . 

„Davon kann gar keine Rede sein, Verehrter," versetzte Mac 
Lintock. „Wir sind hier Gäste und dürfen aus unserer Neu- 
tralität nicht heraustreten. Ich, der Besitzer des Schiffes, bin 
Amerikaner, und Sie wissen zweifellos, daß Amerika es aufs 
Strengste vermeidet, sich auch nur mit einem Schuß an den 
Händeln anderer Völker zu beteiligen." 

„Gewiß, das haben Sie niemals getan," meinte Firnaz; „und 
dies ist ja auch der Grund, weshalb ihre Oberhäupter Wilson und 
Roosevelt zweimal den großen Friedenspreis der Nobel-Stiftung 

270 



bekommen haben. Nur meint mein Bruder, daß jedes Prinzip 
Ausnahmen verträgt." 

— Und diese Ausnahmepflicht ist hier gegeben. Sie waren 
Zeuge der Vergewaltigung, die über uns hereinbrach; und Sie 
müßten nicht fühlende Menschen sein, wenn Sie nicht das zurnige 
Bedürfnis verspürten, der beleidigten Unschuld zum Recht zu 
verhelfen. Ihre Atalanta lagert vorläufig an der sicheren West- 
seite der Insel und befindet sich außer Schußbereich. Aber wer 
verbürgt Ihnen, daß nicht Ihre eigenen Interessen verletzt werden, 
wenn erst die bewußten Ingenieure eintreffen und zu operieren 
anfangen ? Wenn Sie dem zuvorkommen und morgen zu schießen 
beginnen, kann der Krieg in zwölf Stunden beendet sein, und Sie 
würden das erhebende Bewußtsein davontragen, den Triumph 
der heiligen Sache bewirkt zu haben. 

Unser Off zier Geo Rottek schien nicht ganz abgeneigt, der 
Lockung Gehör zu geben. Es war unverkennbar, daß sich der ein- 
gelullte Tatendrang in ihm zu regen begann. Auf eine Demon- 
stration zum mindesten könnte man es ankommen lassen, und 
wenn dabei einige Kernschüsse mit unterliefen, so wäre das auch 
kein Unglück. Im Gegenteil, wenn diese Kernschüsse säßen, — 
und dafür garantierte er — so wären sie nur das Salutgedonner 
eines raschen Friedens, und unabsehbares Blutvergießen könnte 
dadurch verhindert werden. 

Der Kapitän Kreyher fand, daß in diesen Erwägungen ein be- 
rechtigter Kern stecke. Die Atalanta hätte doch im Ganzen wenig 
zu riskieren, wenn sie die Affäre stoppte, die zwar heute noch ein 
Froschmäusekrieg sei, aber binnen wenigen Tagen ein Vernich- 
tungskampf werden könnte. Unser Doktor Wehner verriet Zeichen 
innerer Schwankung. Eva fragte: 

„Gesetzt, unsere Atalanta leistet das Gewünschte, wie wäre 
dann der Fortgang? Ich meine, werden Sie dann einen großen 
Strich unter das Vergangene machen und dem Gegner unbedingt 
verzeihen? Nicht das Geringste von ihm verlangen?" 

— Aber, mein Fräulein, bedenken Sie ! Das wäre doch ethisch 
das Allerschlimmste ! Wenn wir nach gewonnenem Krieg Gleich 
auf Gleich proklamieren, so hätten wir doch gerade den Status 
quo ante, und wohin dieser Status führt, das haben wir doch eben 
schaudernd erlebt. Nein, mein Fräulein, Sie lassen sich von einer 
Utopie umgaukeln, die ganz unmittelbar in einen neuen Krieg 
hineintreiben würde, und eben weil wir diesen als überzeugte 
Pazifisten vermeiden wollen, müssen wir den Gegner so schwä- 
chen, daß er nie wieder am ewigen Frieden zu rütteln vermag. 

271 



Wir wünschen die Mitwirkung Ihres starken Schiffes, aber wir 
wünschen sie nicht um den Preis einer flagranten Ungerecht- 
igkeit ! 

„Und ich werde dir sagen, Bruder Branisso, was die Mehrheit 
unserer Gäste wünscht. Ganz einfach, sie wünscht uns alle mit- 
einander zum Geier ! Und ich wette mit dir um die ganze Kriegs- 
buße, die wir bekommen oder bezahlen werden, daß ihr Schiff 
noch heute verduften wird." 

Er hätte die Wette gewonnen. 

Zwei Stunden nach unserer Abfahrt bemerkten wir hoch in 
der Luft einige bewegte dunkle Punkte, über deren Bedeutung 
uns das Teleskop nicht im Zweifel ließ. Es waren die fliegenden 
Ingenieure aus Sarragalla, die sich ihren Bstimmungsorten 
näherten, um mit technischer Großzügigkeit die Katzbalgerei der 
Inseln zu einem menschenwürdigen Unternehmen zu erhöhen. 
Ihre weitere Tätigkeit entzog sich unserer Beobachtung, denn 
wir bewegten uns rasch nach Süden, und die Flieger brauchten 
doch gewiß einige Zeit, um ihre Wunder zu montieren. Nachdem, 
was wir früher erfahren hatten, waren sie politisch ganz indiffe- 
rent und verfolgten lediglich mechanische Effekte. Rottek ver- 
mutete, daß die Ingenieure die beiden Eilande als Versuchs- 
karnickel für ihre neuen Erfindungen ausprobieren würden; mit 
all der Unparteilichkeit, die zu den schönsten Kennzeichen 
derartiger Technik gehört. Wahrscheinlich würden sie die Ge- 
lände ebenso behandeln, wie man in rückständiger Kultur mit 
Schiffen verfuhr, das heißt also, beide Inseln radikal auf den 
Meeresgrund versenken. Eine zukünftige Expedition wird fest- 
zustellen vermögen, ob diese Vermutung durch die Tatsachen 
gerechtfertigt worden ist. Unser Tagebuch reicht nicht soweit. 
Sollten aber spätere Geographen das Verschwinden von Allalina 
und O-Blaha feststellen, so wäre damit erwiesen, daß das Problem 
des Pazifismus hier durch den ewigen Frieden aller Beteiligten 
restlos gelöst worden ist. 



272 



Die Heimfahrt 

Was folgt daraus? — Das Prinzip der Prinzipe. — Insel- 
Weisheit und Weisheits - Inseln. — Haec fabula docet. 



Und wiederum Honolulu und die übrigen Etappen unserer 
Herfahrt in umgekehrter Reihenfolge. Unsere Beschreibung ist 
zu Ende. Aufzuarbeiten bleiben nunmehr einige gedankliche 
Rückstände; Dinge, die aus dem Unterbewußtsein emportauchen, 
um im Oberbewußtsein einen Platz zu suchen. Wir haben das 
Fazit zu ziehen, das bedeutsamer werden kann als die erlebten 
Tatsachen. 

Ethische Betrachtungen lagen uns zunächst, da wir Ja zuletzt 
Bezirke mit starkbetonten sittlichen Prinzipien verlassen hatten. 
Recht und Gerechtigkeit waren die Leit-Worte und Leit-Motive 
gewesen. Aber im Grunde hatten die Insulaner mit diesen Be- 
griffen nur dasselbe Spiel getrieben, das wir selbst mit ihnen 
treiben. Spiel ? Der Ausdruck ist noch zu schmeichlerisch. Denn 
ein Spiel, als an Regel gebunden, offenbart einen Sinn, und noch 
im kindlichen Spiel steckt bekanntlich ein tiefer Sinn. Aber im 
Gerechtigkeitsspiel der Erwachsenen verflüchtigt sich der Sinn 
zu einem gedanklichen Chaos. 

Wo ein Staatsmann, ein Volksredner den Mund auftut, wo ein 
Leitartikler zu schreiben anhebt, da ergießt sich „Gerechtigkeit" 
in Strömen. Und Millionen von Hörern und Lesern verschlucken 
sie milliardenfach, ohne sich zu fragen, ob sich dabei etwas Denk- 
bares denken lasse. Sie ereifern und entrüsten sich um einen 
Begriff, der findbar sein müßte, um seinen Weltkurs zu verdienen. 
Er läßt sich aber ebensowenig finden, wie die Körperlichkeit eines 
Spiegelbildes hinter dem Spiegel. Man greift ins Leere, und nur 
ein kompletter Narr könnte es dort suchen. Aber der Verstand 
zahlloser Verständiger ergeht sich in der nämlichen Narretei. 

Mo szkowski, Die Inseln der Weisheit 18 273 



,, Immerhin," — so meinte einer unserer Fahrtteilnehmer, 
„immerhin erfassen wir doch den Begriff der Gerechtigkeit etwas 
genauer als jene Insulaner von Allalina und O-Blaha." 

— Das eben leugne ich. Und ich finde weder unser Gerede noch 
die praktischen Folgerungen, die wir daraus ziehen, auch nur um 
eine Spur sinnvoller. Weil man etwas nicht Existierendes über- 
haupt nicht erfassen kann, weder genau noch ungenau. Allen- 
falls ließe ich mich zu dem Zugeständnis herbei, daß die ethischen 
Inselmenschen etwas konsequenter verfahren als wir. In ihrem 
abenteuerlichen Schlußerlebnis steckt wenigstens die Methode 
der Abkürzung. Sie geben uns in übersichtlicher Gedrängtheit 
das Bild unserer eigenen Geschehnisse. Wäre ein Europäer im- 
stande, die Jahrtausende seiner Weltgeschichte mit einem Blick 
zu überfliegen, so würde sie ihm ebenso grotesk vorkommen, wie 
die soeben von uns beobachtete Katzbalgerei mit ihren Gerechtig- 
keitsmotiven. 

,,Sie wollen offenbar darauf hinaus, daß das Fazit unserer 
Entdeckungsreise überhaupt unter diesen Gesichtspunkt ge- 
bracht werden kann?" 

— Ich werde mich damit nicht begnügen. Gewiß, es verlohnte 
sich, die verlebendigte Abkürzung unserer eigenen Schicksals- 
läufe hier wie in kinematographischer Beschleunigung durchzu- 
machen. Aber darüber hinaus ergeben sich noch andere Orien- 
tierungen, wie man sie eben nur in diesen Gebieten gewinnen kann. 
Denn wir alle leben in und von Prinzipien, und deren Beschaffen- 
heit wird uns am klarsten im Verkehr mit Menschen, die ihre 
eigenen Prinzipe offensichtlich und eigensinnig übertreiben. Oder 
zu übertreiben scheinen. 

„Warum sagen Sie „scheinen"?" 

— Weil ein Prinzip, wenn es wirklich vorhanden wäre, gar nicht 
tibertrieben werden könnte. Es müßte sein wie ein physikalischer 
Satz. — Ein Planet verfolgt in seiner Bahn die Linie eines Kegel- 
schnitts, das ist sein Prinzip. Der Planet ist davon völlig durch- 
drungen und kann darin nicht zu viel oder zu wenig tun. Wenn 
aber der Mensch seinem Handeln ein Prinzip vorsetzt, so ver- 
folgt er gar keine angebbare Linie. Von Punkt zu Punkt wird er 
durch Zufälligkeiten des Urteils abgedrängt, von Sekunde zu Se- 
kunde ändert sich das Wesen seines Vorsatzes, das heißt, sein 
sogenanntes Prinzip ist in sich prinziplos. Was ihm als ein stäh- 
lerner Strang erscheint, wird im Gang der Geschehnisse ein 
Zwirnsfaden, der fortwährend abreißt und fortwährend neu an- 

274 



geknüpft werden muß. Wer sehr eifrig knüpft, den nennen wir 
konsequent, prinzipientreu, das ist alles. Aber in Wirklichkeit 
hat er doch nur einen wirr verknoteten Zwirnsknäuel in der Hand, 
und er unterliegt einer fixen Idee, wenn er sich einredet, aus sol- 
chem Knäuel eine Richtung ablesen zu können. 

„Da hätten wir also nicht bloß Inseln der Prinzipe entdeckt, 
sondern noch obendrein ein Grundprinzip: das der allgemeinen 
Täuschung." 

— Damit kommen wir der Hauptsache schon näher. Und das 
Erstaunlichste ist, daß dieses einzig sonnenklare Menschen- 
prinzip noch immer nicht zum Hauptsatz aller Philosophie er- 
hoben worden ist. Ich kenne kein größeres Weltwunder. Selbst 
diejenigen Denker, die sich bis zu ansehnlichem Grade vom Land- 
läufigen befreit haben, selbst solche, die imstande wären, die 
Peripherie zu durchstoßen, verfallen doch auf jeder Seite der 
Täuschung, als könnten sie ermitteln, feststellen, beweisen, sie 
reden von höheren und niederen Lebewesen, von Fortschritt, 
Rückschritt, Stillstand, Kultur . . . 

„Das tun Sie doch auch!" 

— Leider bin ich dazu gezwungen, durch den Dämon der 
Sprache, der mich in den fehlerhaften Zirkel einspannt und darin 
festhält. Aber ich spüre doch wenigstens den Zwang und rede 
mir nicht ein, daß das sprachlich Unvermeidliche sich mit den 
Dingen an sich deckt. Und mehr als das. Ich traue es mir zu, 
in jenem Zirkel hier und da eine Luke zu öffnen; zu eng, um hin- 
durchzukönnen, aber weit genug, um hinauszuschauen. Und ich 
glaube, daß Sie jetzt imstande sein werden, mit mir hindurchzu- 
blicken ; nachdem die Erfahrung auf diesen Inseln Ihre Aufmerk- 
samkeit für das Absonderliche geschärft hat. 

„Sie werden doch nicht am Ende hier ein Lehrgebäude er- 
richten wollen?" 

— Bewahre. Alles Systematische ist mir zuwider. Es handelt 
sich, wie gesagt, nur um einzelne Blicke, die Sie zur Ergänzung 
Ihres Weltbildes benutzen mögen. Also versuchen wir einmal 
eine Luke aufzusperren. Fragen wir uns, ob es möglich ist, ein 
Menschenprinzip und ein Naturprinzip in Vergleich zu setzen. 
Denken Sie zum Beispiel an das Prinzip der mechanisiert n 
Inseln, welches auf bestimmte praktische Zwecke losging, auf 
Kraftausnützung, Zeitersparnis und derlei schöne Dinge. Was 
meinen Sie nun: Läßt sich das, was in dem trefflichen Ingenieur 
Foisankar vorgeht, mit einem Naturprinzip vergleichen ? 

18* 275 



„Wohl kaum. Der Techniker muß sich doch besinnen, greift 
oft fehl. Während ein Naturprinzip unerschütterliche Geltung 
hat." 

— Und dennoch ist eins wie das andere. Ich behaupte nämlich — 
jetzt passen Sie auf: in uns allen arbeitet das Bewußtsein For- 
sankars, und wir haben gar kein anderes Mittel, um die streng- 
sten und allgemeinsten Naturgesetze zu begreifen, als eben dieses 
Bewußtsein. Nehmen Sie zum Beispiel das berühmte „Prinzip 
des geringsten Kraftaufwandes".*) 

Es ist die Grundlage unserer gesamten Naturkunde und damit 
aller Menschenweisheit überhaupt. Hier wird die Natur als große, 
verständige Arbeiterin vorgestellt, die durchweg so verfährt, wie 
ein Ingenieur von unendlicher Genialität. Wir können dies 
Prinzip gar nicht aussprechen, gar nicht denken, ohne die Natur 
in stärkstem Grade zu personifizieren, als ein geschäftiges Wesen, 
das technisch so wirkt, wie wir gern wirken möchten. Somit 
steckt in den Naturgesetzen, wie wir sie verstehen, der mensch- 
liche Willensdrang, und ihre ganze Kette wird zusammengehalten 
durch Ringe unserer eigenen Wünsche und Triebe. Aber 
jede Kette ist genau so stark wie das schwächste ihrer Glieder. 
Zerreißt nur ein einziger Willensring, Wunschring, Triebring, so 
fällt die ganze Kette der Naturkunde auseinander, sie wird un- 
haltbar, wertlos, und wir müssen bekennen, daß wir von allen 
Welterscheinungen auch nicht das geringste begreifen. 

„Das sind ja schöne Aussichten! Wie war es denn auf den 
technischen Inseln? Dort hat uns doch der Meister Algabbi die 
Unhaltbarkeit und Torheit der technischen Wünsche bewiesen? 
Da wäre also doch schon ein Ring zerplatzt?" . . . 

— Und wenn er richtig bewiesen hat, so wäre zu folgern, daß 
die Großmeisterin Natur uns nicht nur beständig foppt, sondern 
daß sie selbst nicht weise, sondern höchst törichte Prinzipien 
befolgt. 



*) In der Physik gewöhnlich bezeichnet als das „Prinzip der kleinsten 
Wirkung". Der Ausdruck ist miserabel und irreführend, er beruht auf einer 
fehlerhaften Uebersetzung von Maupertuis' Benennung „principe de la moindre 
quantit6 d'action". Denn action ist nicht die Wirkung, nicht das Erwirkte, 
sondern der Aufwand, der das Erwirkte erzielt. Newton sagt klar : „Maxi 
mus efTectus minimo sumptu". Dieses Prinzip begreift den Satz von der 
Erhaltung der Kraft (Energie) in sich, reicht aber noch weiter als dieser und 
kann tatsächlich als das Fundament alles Naturerkennens angesehen werden. 

276 



„Undenkbar! Mit einem so entsetzlichen Zeugnis dürfen wir 
weder die Natur noch uns aus dieser Expedition entlassen. Wir 
müssen versuchen, einen Ausweg zu finden. Wie wäre es denn, 
wenn jener Ring nicht platzte? Wenn ein Menschenprinzip so 
unzerbrechlich sein könnte wie ein Naturprinzip?" 

— Dann würde noch Schlimmeres herauskommen. Denn Ihre 
Annahme würde bedeuten, daß wir alle mit unzerbrechlichem 
Zwange der Mechanisierung verfallen müßten. Sollte der tech- 
nische Trieb wirklich so stark sein, wie jenes oberste Naturgesetz 
vom ersparten Kraftaufwand, so führt Ihr Ausweg sofort auf 
den Punkt, wo jede Hoffnung erdrosselt wird. Die Physik hat 
hierfür einen besonders lieblichen Ausdruck: „den Entropie- 
tod", der das Ziel aller Weltmechanik darstellt. Dieser Tod um- 
faßt alle Bewegungen, alle Erscheinungen, körperliche wie geistige. 
Die Bewohner der Insel Allalina sind ihm schon beträchtlich näher 
als Sie und ich. Aber wenn Ihre Voraussetzung zutrifft, so werden 
wir sie bestimmt einholen und wir können uns mit ihnen auf ein 
Stelldichein im Nullpunkt des Daseins verabreden. 

„Aber wie verträgt sich das mit Ihrer Aussage, daß wir uns 
die Natur als unendlich genial vorstellen?" 

— Beides ist wahr, beides richtig nach Menschenlogik, die uns 
unausgesetzt den Widersprüchen ausliefert. Befragen wir doch 
die Geschichte der Wissenschaft. Die ersten Entdecker und Ver- 
künder jener Sätze waren von der Genialität der Natur geradezu 
erschüttert und warfen sich wie berauscht in den Schoß der Gläu- 
bigkeit; mit flammenden Worten erklärten sie solches Prinzip 
für die herrlichste Offenbarung der Weisheit Gottes. Sie beteten 
zu einem Schöpfer, der ihnen als ein göttlicher Ingenieur erschien. 
Wie steht es nun mit seinem Weltwerk physikalisch genommen? 
Es beginnt mit einem Nullpunkt und muß beim Entropietod, 
also wiederum bei einem Nullpunkt enden. Großer Newton! 
Dein berühmter „Maximal-Effekt" ist das blanke Nichts! Und 
um den Weg von Null zu Null mit dem „geringsten Kraftauf- 
wand" zu bewältigen, mußte der ganze Mechanismus des Uni- 
versums mit der ganzen Arbeit von Jahrmillionen in Kraft treten ? ? 
Aber das ist ja der größte unter allen denkbaren Kraftaufwänden ! 
Mithin führt das Prinzip sich selbst ad absurdum, die physikali- 
sche Logik erstickt an ihrem eigenen Widerspruch. War's denn 
überhaupt physikalische Logik? War's nicht vielmehr ein Ge- 
webe von Theologie, Theosophie und Dämonologie? Gleichviel. 
Wenn hier eine Offenbarung auftritt, so offenbart sich nur eins: 
der ungeheure, unentrinnbare Fehlerzirkel! Denn das Natur- 

277 



prinzip zeigt sich von der einen Seite gesehen als unzerbrechlich, 
von der andern Seite als unmöglich. 

„Sagen Sie doch, Herr, wozu dienen diese unheimlichen Be- 
trachtungen?" 

— Sie dienen zur Zerstörung alter Schulweisheit, und das scheint 
mir beträchtlich genug. Wenn wir von unserer Entdeckungsreise 
Destruktivstoffe des Denkens heimbringen, so schaffen wir neue 
Möglichkeiten des Wissens, indem wir altes Denkgestrüpp ent- 
wurzeln und verbrennen. Wir schlagen Lichtungen, und wir 
hätten sie nicht schlagen können, ohne mit diesen Inseln Be- 
kanntschaft zu machen. Die Lebensprinzipe, die uns entgegen- 
traten, zwingen uns, dem Wesen aller Prinzipe nachzuspüren, und 
aus dem Reiseabenteuer gestaltet sich das Gedankenabenteuer, 
ja ich möchte sagen: erst jetzt, da wir glauben, unsere Reise 
durch fröhliche Heimkehr abzuschließen, erst jetzt beginnt sie. 
Vor uns tauchen neue Inseln der Erkenntnis auf, apokalyptische 
Inseln, die man nur mit stillem Schauder betreten darf. 

„Wenn es nach uns ginge, führen wir am liebsten daran vorbei." 

— Das ist sehr erklärlich. Denn wir lieben die Irrtümer, die an 
uns festgewachsen sind, wie die Haut am Leibe, und es tut weh, 
wenn unsichtbare Fangarme nach uns greifen, um sie abzureißen. 
Aber an diese Prozedur haben wir uns ja schon ein bißchen ge- 
wöhnt : durch die Seltsamkeiten, die wir bemerkten, und die uns 
allesamt der Ansicht näherbrachten: die Seltsamkeit steckt in 
uns, nicht in den Dingen selbst. Wir haben uns gewundert über 
Gestaltungen und Denkweisen, wie ein Kirgise sich wundert, 
der nach Rom gerät, oder ein Eskimo, der nach Kairo versetzt 
wird. Jetzt wird Herr Mac Lintock nach Chicago zurückkehren, 
mein Freund Flohr und ich nach Berlin, Fräulein Eva nach irgend- 
einer Universitätsstadt, und wir werden aufhören, uns zu wun- 
dern, in einer gewohnten Umwelt, auf die unser Maßstab so ziem- 
lich paßt. Aber wir dürften auch dort nicht eine Sekunde aus dem 
Erstaunen herauskommen, nämlich über uns selbst und unseren 
Maßstab. Dieser ist das größte aller vorhandenen Welträtsel, 
und wenn wir eine Insel auf dem Monde entdeckt hätten, so wäre 
das nicht entfernt so wunderbar, als die Tatsache, daß wir un- 
ausgesetzt mit diesem Maßstabe operieren und daß die ganze 
Menschheit ihre Existenz danach eingerichtet hat. 

„Ach, Sie übertreiben! Dieser Maßstab, das Meßwerkzeug 
unseres Denkens, paßt doch auf viele Dinge, und wenn auch Fehl- 
schlüsse unterlaufen mögen, so dürfen wir doch behaupten: wir 
gelangen an manches erweislich Wahre, Richtige, Stimmende." 

278 



— Nichts paßt, nichts stimmt, alles bleibt im Anthropomor- 
phismus stecken, in unserer unheilbaren Grundnatur, die uns 
zwingt, alles zu vermenschen, und anderseits aus dem Anthropos, 
aus dem Menschen, Dinge in die Welt hineinzudenken, die an 
sich dort gar nicht vorhanden sind. Der Anthropomorphismus 
ist die Kette am Fuße alles Betrachtens und Denkens, das Höchste, 
was wir leisten können, besteht darin, daß wir uns diese Kette 
ein wenig verlängern, daß wir sie wenigstens klirren hören und 
uns unserer Gebundenheit bewußt werden. 

„Das heißt, Sie wollen einen offenbaren Vorteil gegen einen 
offenbaren Nachteil eintauschen. Frommt's, den Schleier aufzu- 
heben? Frommt's, die Kette klirren zu hören?" 

— Auch diese Frage ist anthropomorphisch, denn unsere Wün- 
sche sind bedeutungslos gegen die Notwendigkeiten, die sich in 
uns vollstrecken. Eine solche Notwendigkeit trieb uns auf unsere 
Entdeckungsfahrt, wo wir Menschen sahen, die gewissen ver- 
meintlichen Idealen nachjagten. Eine zweite Notwendigkeit 
treibt uns zu dem Bekenntnis, daß diese Menschen anthropomor- 
phisch verfahren, aber nicht um ein Haar anthropomorpher als 
wir selbst, wenn wir die Ideale Wahrheit, Gerechtigkeit, Moral, 
Fortschritt, Erkenntnis ausrufen. Die letzte Notwendigkeit 
zwingt uns zur Landung an den geheimnisvollen Inseln, auf denen 
die unfaßbaren, kaum noch in Worten ausdrückbaren Weisheiten 
wachsen. Der Boden ist mit Verzicht gedüngt. Und wenn wir 
trotzdem anzusagen versuchen, was wir dort vorfinden, so be- 
helfen wir uns mit andeutenden Umschreibungen. 

„Immerhin, wir finden doch Weisheiten." 

— Negative, die sich mit den längst erworbenen positiven zu 
Null addieren. Das ist der Kernpunkt. Schon auf der Algabbi- 
Insel haben wir gemerkt, daß der Kulturbegriff nicht standhält. 
Jetzt gehen wir weiter. Es ist gesagt worden: die alte Wissen- 
schaft ist ein Trümmerhaufen, die neue Wissenschaft ein Pracht- 
bau, von dem niemand weiß, worauf er steht. Wir fangen jetzt 
an, es zu wissen: er steht auf der anthropomorphen Illusion; 
in ihr löst sich alles auf, die Wahrheit, die Wirklichkeit, die Geo- 
metrie, ja, alle elementaren Denkmittel bis zu den Begriffen 
Raum. Zeit, Größe, Körper, Lage, Beziehung, Zustandsänderung, 
Prozeß, Ursächlichkeit, Naturgesetz, die allesamt nichts anderes 
sind als Wunsch- Ausdrücke. Ach, glaubet nur, liebe Gefährten, 
das, was ich hier wie im Fluge andeute, wird einmal der Inhalt 
aller wissenschaftlichen Philosophie werden ! Und wenn sich der 

279 



Bericht über unsere Reise in einem Bande niederlegen läßt, so 
werden Bibliotheken notwendig sein, um das zu bewältigen, 
was aus ihr erfließt. Genug vorläufig des Transzendenten. Schrau- 
ben wir unsere Betrachtungen auf das Einfachere zurück. Sagen 
Sie aufrichtig: Kommen Sie heute noch mit der Vorstellung der 
Sittlichkeit so glatt zurecht wie damals, als wir auszogen, um 
Inseln mit fremden Kulturen zu entdecken? 

„Offen gestanden, die Selbstverständlichkeit hat gelitten. 
Aber es bleibt doch die Hoffnung, daß wir das Verwirrende und 
Fragwürdige überwinden, und zu einer Klärung der Moralität 
gelangen können. Sie natürlich mit Ihrer nihilistischen Denk- 
weise . . ." 

— O, ich kann mich auch umstellen und ganz real werden. 
Für mich objektiviert sich das Bild der Gerechtigkeit ganz ein- 
fach in einem Hahnenkampf, und nach den Vorgängen, die Sie 
auf den ethischen Inseln erlebt haben, werden Sie verstehen, wie 
ich das meine. Wenn der Hahn seinen Gegner anspringt, so hat 
er in seinem Bewußtsein offenkundig die Vorstellung: er kämpft 
für eine „gerechte Sache". Für sich, für seine eigne Sache, durch- 
aus egozentrisch, selbstgerecht, — die Gerechtigkeit selbst . . . 

„Aber das ist doch nur eine Vermutung, und außer Ihnen 
wird noch niemand auf die Idee verfallen sein, in der Leidenschaft 
der Hähne etwas derartiges zu wittern." 

— Sie sind im Irrtum. Das ist schon vorgedacht worden, so- 
gar klassisch vorgedacht. Themistokles ließ im Theater zu Athen 
Hahnen kämpfe aufführen als Symbol des gerechten Griechen- 
krieges gegen die Perser. Das Volk identifizierte sich mit einem 
der gefiederten Kämpen und fand in dessen Erbitterung das 
Sinnbild seiner eigenen Erregung für Ehre und Freiheit. Und 
so ähnlich starrten auch unsere Insulaner auf ihre beiden Streit- 
hähne, deren Sache subjektiv um so gerechter wurde, je stärker 
ihnen die Zornesadern schwollen. Nicht das erklärte Motiv war 
das Ursprüngliche, sondern der Kampfeswille und der Sieges- 
wunsch. Dort waren wir die Fremden, wir standen außerhalb der 
Interessen, behielten Distanz, und wir verstanden sonach die 
ganze Tragikomödie. Aber sobald wir in unseren eigenen Inter- 
essen stehen, verläßt uns das Urteil, wir glauben an die Gerechtig- 
keitssubstanz unserer Kämpfe; und nur ein aus fremder Welt 
hereingeschneiter Beobachter vermöchte zu erkennen, daß wir 
subjektiv noch immer als Recht werten, was objektiv gesehen 
Hahnenkampf bleibt. 

280 



„Sie können doch gar nicht beurteilen, was im Bewußtsein 
feines Hahnes vorgeht!" 

— Kommt Ihnen der Verdacht so nebenbei ? Halten Sie daran 
est. Denn damit lüften Sie wieder ein Zipfelchen des Isisschleiers, 
der all unser Wissen bedeckt. Also wirklich, wir wissen nichts 
von der Tierseele, aber wir besitzen zu Tausenden Bücher von 
Autoren, die so tun, als wüßten sie. Hier feiert der Anthropo- 
morphismus wahre Orgien, indem er aus spärlichen Analogien 
Unerschließbares erschließen will und sich in diesem Wollen 
berauscht. Und wenn ich soeben von einem Gerechtigkeitsgefühl 
im Hahnenkampf sprach, so war auch das nur eine Analogie, 
die mir ein Gleichnis ermöglichen sollte. Der Verdacht gegen 
seine Gültigkeit ist nicht nur berechtigt, sondern er muß zum 
Verdacht gegen alle Seelenkunde überhaupt erweitert werden. 
Was wir Psychologie nennen, ist die Summe der Versuche, mit 
einem einzigen Schlüssel an unzähligen Schlössern herumzu- 
schließen, zu denen er absolut nicht paßt. Stellen wir uns vor, 
ein Mensch könnte für die Dauer einer Stunde Vogel werden; 
er würde später zurückverwandelt und hätte die Erinnerung an 
seine Vogelexistenz bewahrt ; was uns dieser Mensch zu erzählen 
hätte, wäre der Anfang einer wahren Psychologie. Bis zur Er- 
füllung dieser Unmöglichkeiten behelfen wir uns mit einem Schul- 
surrogat, das sich für Lehre ausgibt, aus dem aber nichts Anderes 
gelernt werden kann, als eine docta ignorantia. 

„Schließlich bleibt uns doch der gesunde Menschenverstand, 
der uns Auskunft gibt, wo uns eine akademische Lehre im Stich 
läßt." 

— Der gesunde Menschenverstand ist als letzte Instanz der Ein- 
sicht ungefähr ebenso brauchbar, wie die Kanonen von O-Blaha 
als ultima ratio des Friedens. Denn es besteht ein Widerspruch 
zwischen ihm und der vollen Einsicht. Er sagt vielfach Richtiges 
an, allein diese Richtigkeiten sind in der Regel nicht viel wert. 
Denken Sie an die Insel der Perversionen mit ihren Denkgetrieben, 
in denen sich der gesunde Menschenverstand nicht mehr zurecht- 
fand. Die Erinnerung hieran wird Ihnen das Verständnis für Kant's 
schönes Wort schärfen: Meißel und Schlägel können ganz wohl 
dazu dienen, ein Stück Zimmerholz zu bearbeiten, aber zum 
Kupferstechen muß man die Radiernadel brauchen ! Damit will 
Kant sagen: der gemeine, gesunde Menschenverstand ist zu 
feinerer Denkarbeit unfähig. Ja Erasmus bezeichnet ihn geradezu 
als das Werkzeug der Narrheit. Wir hatten Gelegenheit, den 
höheren, den spekulativen Verstand zu üben, in den zahllosen 

281 



Widersprüchen, die uns auf unserer Reise in den Weg traten. 
Und zwei Dinge sind uns besonders klar geworden: erstens: 
jener Verstand läuft mit einem ungültigen Zeugnis durch die 
Welt, denn er selbst, nur er, hat sich sein Gesundheitsattest ge- 
schrieben und gesiegelt; zweitens: wenn irgendwo eine Wissen- 
schaft existiert, so kann sie nur die Kenntnis von dem sein, 
was gegen die Selbstverständlichkeiten des gesunden Menschen- 
verstandes erkämpft werden mußte. 

Und diese Wissenschaft lebt. So großmächtig sie dasteht, 
wird sie doch das Scherflein nicht verschmähen, das wir ihr in 
Form versprengter Kristalle zutragen. Wir fanden sie auf den 
Inseln und entdeckten dabei, daß sie in Struktur und Stellung 
der Facetten Besonderheiten aufweisen. Anders als sonst bei 
Kristallen bricht sich der Lichtstrahl auf ihnen: Er erzeugt ein 
Farbband, dessen Buntheit von der Fahrt erzählt, dessen dunkle 
Linien aber spektral analytisch gedeutet werden können. Dann 
ergeben sie folgenden Sinn: 

Manche Denkpfade erscheinen sehr abwegig, führen aber 
zu Aussichten, die sich in der Wanderung auf gebahnten Heer- 
straßen nicht erreichen lassen. 

Es ist ein Vorurteil, zu glauben, die Wahrheit müsse mit 
der Richtigkeit zusammenfallen. Es gibt im Denken zahllose 
Unrichtigkeiten, die der Wahrheit viel näher liegen, als die exakten 
Ergebnisse. 

Der Verstand kann hypertrophisch entarten und wird vor 
dieser Gefahr nur durch eine besondere Diät geschützt. Die 
grobe Nahrung der Tatsachen und starren Folgerungen verdickt 
ihn; er muß sie durch die Feinkost der Symbole, Bilder, Visionen, 
mystischer Ahnungen unterbrechen. Nicht nur der Maler, auch 
der Philosoph soll inwendig sein „voller Figur". Er muß wahr- 
sagen können in Formeln und weissagen in sibyllinischer, orphi- 
scher, eleusinischer Sprache. 

Die Berufung auf eine vermeintliche Wirklichkeit darf niemals 
den Ausschlag geben, denn sie ist nur die Außenprojektion einer 
inneren Vorstellung und würde, wenn sie mehr wäre, aller Norm 
widerstreiten. Eine gedachte Wirklichkeit kann sich mit dem 
Gesetz vertragen, eine reale Wirklichkeit besitzt die Wahrschein- 
lichkeit Null, das heißt, sie ist unmöglich. Hiermit hängt innig 
zusammen: kein Prinzip ist durchführbar, jedes muß irgendwo 
abbrechen oder bei erzwungenem Fortlauf zur Karikatur um- 
schlagen. 

282 



Dies vor allem ist der Sinn unserer Atalanta-Fahrt auf der 
Tuscarora-Tiefe zwischen Hawai und Aleuten. Sie hat uns zahl- 
reiche lebendige Proben dafür geliefert, und dem Leser dieses 
Berichtes bleibt es überlassen, nach weiteren Proben in seiner 
eigenen Umwelt auszuspähen. 

Dafür, daß er sie finden wird, liegt noch eine besondere Ga- 
rantie vor: in einer Strophe des nämlichen Nostradamus, dessen 
Verheißung uns wie erinnerlich zur Entdeckung der Inseln leitete. 
War seine Ansage richtig, so wird man auch wohl seinem Nach- 
spruch ein gewisses Vertrauen nicht vorenthalten. Ich habe mir 
diesen Quatrain aufgespart und bringe ihn hier, getreu übersetzt, 
als Fazit der Expedition: 

„Durch diese Fahrt wird dir die Wahrheit hell, 
Daß irgendein Prinzip uns stets gebannt hält; 
Und du entdeckst — nur eins gilt prinzipiell: 
Das kein Prinzip lebend'ger Probe standhält." 



283 



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Soeben erschienen I 

FRANZ CERVUL US 

Das Ende des Feuers 

Ein phantastischer Zukunftsroman 

Oktav 284 Seiten / Mit buntem Titelbild 
Grundpreis : Geheftet M. 3.— / Gebunden M. 5.— 
„GENERALANZEIGER FÜR KREFELD": 
"P ine phantastisch-abenteuerliche Erfinder-Geschichte, in der mit grober 
■*— ■ ' Spannung die geniale Entdeckung und Verwertung neuer Naturkräfte 
und die gewaltigen sozialen und politischen Umwälzungen, die dadurch ent- 
stehen, geschildert werden. Es ist ein hochaktuelles Thema, von dem die 
Geschiente ihren Ausgang nimmt, nämlich die Entdeckung eines deutschen 
Ingenieurs, der durch die geniale Konstruktion eines neuen Energie-Erregers 
die Menschheit unabhängig macht vom Feuer, ohne das als Wärme- und 
Kraftspender sie bisher nicht existieren konnte. Hier setzt der Roman mit 
grobem Geschick ein, indem es seinem Helden, einem deutschen Ingenieur, 
gelingt, durch einen glücklichen Zufall und zähe Arbeit eine derartige Er- 
findung zu machen, die er dem deutschen Reiche zwecks Ausnützung über- 
trägt. Schnell fangen die Wirkungen des genialen Werkes an, sich in andern 
Ländern bemerkbar zu machen, und mit köstlichem Humor werden Frank- 
reichs Enttäuschung, Englands und Amerikas Überraschung geschildert über 
den gewaltigen wirtschaftlichen Aufstieg, den das niedergeworfene, längst 
unschädlich geglaubte Deutschland plötzlich nimmt Wie beim Schachspiel 
lösen sich Angriff und Gegenzug ab, aufregende Abenteuer führen bis in die 
Urwälder Amerikas, aber auch zum Siege Deutschlands. Ein Buch voller Span- 
nung und Abenteuerlust, dabei gewürzt mit köstlichem deutschen Humor, 
ein Buch, dem man hunderttausende begeisterte Leser wünschen kann. 



7. bis 13. Tausend! 

FRANCIS G RI B B LE 

FRANZ JOSEPH 

Tragödie eines Kaiserhauses 

Deutsch von EDGAR NEUMANN 
Oktav 224 Seiten / In vornehmer Ausstattung 
Grundpreis: Geheftet M. 3.50 / Gebunden M. 5.50 

Dem deutschen Volke wird hier ein Buch geboten, dessen englische Original- 
Ausgabe gewaltiges Aufsehen erregte. In deutscher Sprache kann es 
erst jetzt erscheinen, weil es mit seinen Enthüllungen und der scharf heraus- 
gearbeiteten Kritik des Engländers früher sofort verboten 
worden wäre. Es trägt mit Recht den Titel „Tragödie eines Kaiserhauses", 
denn es umspannt nicht nur einen der interessantesten und wichtigsten 
Abschnitte der Weltgeschichte, der zu einer der gewaltigsten Katastrophen 
führte, sondern es wirkt mit seiner packenden Darstellung interessanter, 
bisher verschleierter und geheimnisvoll sich abspielender Begebenheiten und 
der ungeschminkten Schilderung der dabei handelnden Persönlichkeiten 
männlichen und weiblichen Geschlechts tatsächlich wie eine machtvolle 
Tragödie, die jeden vom ersten bis zum letzten Akt mit immer wachsender 
Spannung in ihrem Bann hält. 



Verlag: F. FONTANE & Co. in BERLIN 5W68 



Die angekündigten Preise sind Grundpreise. Der in Papiermark tatsächlich zu 

erlegende Ladenpreis ergibt sich aus der Multiplikation des hinter jedem Buch 

angegebenen Grundpreises mit der vom Börsenverein der deutschen Buchhändler 

jeweils festgesetzten Teuerungszahl 



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ALEXANDER MOSZKOWSKi 

An meine Leser! 

£ s hfiite keinen Sinn, mich vor mir selbst zu verstecken 
J^ und mir den Anschein zu geben, als wäre mir die werbende 
^^ Kraft meiner Schriften unbekannt. Ich weife vielmehr - 
und es gereicht mir zur Freude, es zu bekennen — , daß meine 
Bücher eine ansehnliche Gemeinde erworben haben, die in 
ihnen mehr vermutet und findet als die auf Allerweltswegen 
anzutreffende Schöngeisterei. Wenn der Verlag Fontane ®. Co. 
es nunmehr unternimmt, eine Reihe dieser Schriften — Ober 
die Näheres auf den folgenden Seiten angekündigt ist — zu 
vereinigen, so steht zu hoffen, daß er dadurch den Kreis 
meiner literarischen Freunde noch erweitern wird. Denn als 
so verschieden sich auch diese Bücher nach ihrem Inhalt dar- 
stellen, so stützen sie doch einander, und die Anregung, die 
jedes einzelne zu geben vermag, verstärkt sich durch die der 
anderen. In ihrer Vereinigung werden sie geeignet sein, in 
gewisse Grenzgebiete des Wissens, Denkens und Fühlens hin- 
einzuleuchten, für deren Bearbeitung ich mich in der Reife meiner 
schriftstellerischen Tätigkeit eingesetzt habe. Ich kann mich nicht 
dafür verbürgen, daß die hier vorliegenden Betrachtungen und 
Untersuchungen durchweg neue Wahrheiten aufdecken; wohl 
aber dafür, daß sie in einigen Punkten der Wahrheitserschließung 
näher bringen als manche Fachwerke der Literatur; und daß 
ich überall, wo mir mehrere Wege zum Ziele offenstanden, 
den bevorzugte, der mir die größte Farbigkeit in der Darstellung 
verhieß. Wenn darin auch die Satire und der Sarkasmus zu 
Worte kommen, so sind sie Mittel zu dem Zweck, den Horizont 
freizuhalten auch für solche Durchblicke, die sich nur einem 
lachenden Philosophen öffnen. Und ohne mich nur im 
allerentferntesten mit Demokrit zu vergleichen, möchte ich 
doch der Hoffnung Ausdruck geben, daß meine Leser in diesen 
Schriften einige Wesenszüge erkennen werden, die sie für 
Sekunden an Demokrit erinnern könnten. 

Siebe die Anzeigen an! den nadisten Seiten! 



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41. bis 43. Tausend ! 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

EINSTEIN 

Einblick in seine Gedankenwelt 

Gemeinverständliche Betrachtungen über die 

Relativitätstheorie und ein neues Weltsystem, 

entwickelt aus Gesprächen mit Einstein 

Oktav 240 Seiten / Würdige, vornehme Ausstattung 
Grundpreis: Geheftet M. 5.— / Gebunden M. 2.50 
Vorzugsausgabe auf holzfreiem Papier in Halbfranzband M. 12.59 
ps gibt nur einen Einstein, aber viele Erklärer seiner Denkarbeit. Mosz- 
kowski, der berechtigt ist, sich einen Freund Einsteins zu nennen, hat 
Gelegenheit gehabt, mit dem Forscher den ganzen Kreis der Schöpfung 
auszuschreiten. Er gibt in dem Buch den Inhalt zahlreicher Gespräche mit 
Einstein wieder, und damit Äußerungen des Gelehrten, die geeignet sind, 
das höchste Interesse zu erregen. Der überragenden Peisönlichkeit des 
Befragten ist hier ein Frager beigesellt, der es wohl versteht, mit der Wünschel- 
rute eigenen großen Wissens und der hieraus folgenden Lernbegier Quellen 
in den tiefsten Abgründen zu erschließen. Die Gespräche zwischen Einstein 
und Moszkowski sind wahrlich keine Unterhaltungen gewöhnlicher Art, sie 
führen vielmehr fast stets scharf an den Grenzen der letzten Erkenntnis- 
möglichkeiten entlang. 



Neu erschien soeben : 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

Entthronte Gottheiten 

Der wankende Parnaß / Sokraies der Idiot 

Ketzereien 

Oktav 259 Seiten in geschmackvoller Ausstattung 
Grundpreis: Geheftet M. 5.- / Gebunden M. 2.50 
"P\ie beiden Schriften, die sich in diesem Buche unter einem gemeinsamen 
Titel vereinigen, gehören verschiedenen Stoffgebieten an, zeigen aber 
tatsächlich eine innere Verwandtschaft -. beide sind auf ein Ziel der zer- 
setzenden Erkenntnis gerichtet, welche Wahrheit finden will, indem sie 
Grundirrtümer der Menschheit vernichtet. Die eine zeigt einen persönlichen 
Mittelpunkt, den Sokrates als den angeblichen Vater der Philosophie, die 
andere beschäftigt sich mit dem Kunstganzen. Hier wie dort wird in ein- 
dringlicher Betrachtung die Notwendigkeit des Umlernens nachgewiesen und 
die Existenz von Fehlschlüssen, die sich wie eine ewige Krankheit von 
Geschlecht zu Geschlecht fortgeerbt haben. So bietet Moszkowski in seiner 
geistreichen, anregenden Art wieder das Ergebnis hochinteressanter Unter- 
suchungen von größter Tragweite. Eine Fülk belehrender Unterhaltung 
wogt durch das Buch, während ein stets sprungbereiter Humor die Lektüre 
zu einem erlesenen Genuß gestaltet. 



Verlag: F. FONTANE £ Co. in BERLIN SW66 | 



Die angekündigten Preise sind Grundpreise. Der in Papiermark tatsächlich zu 

erlegende Ladenpreis ergibt sich aus der Multiplikation des hinter jedem Buch 

angegebenen Grundpreises mit der vom Börsenverein der deutschen Buchhändler 

jeweils festgesetzten Teuerungszahl. 



11. bis 16. Tausend! 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

Die Welt von der Kehrseite 

Eine Philosophie der reinen Galle 

Oktav 320 Seiten in würdiger Ausstattung 
Grundpreis: Geheftet M. 6.- / Gebunden M. 8.50 

Dr. KRAMER in der „ELEGANTEN WELT": 

"P\as Bild, das uns der geistvolle und sonst so liebenswürdige Spötter ent- 
wirft, ist alles andere als liebenswürdig und liebenswert. Aber es ist 
so überraschend, so neuartig und eindrucksvoll, daß man dieses Buch ohne 
weiteres alsbald unter die bedeutendsten der Weltliteratur einreihen wird. 
Eine rücksichtslose, vor keiner noch so scharfen Folgerung scheuende 
Logik wirft all die Thesen um, die eine schönheits- und fortschrittsfrohe 
Menschheit als unumstößliche Wahrheiten verehrte, und läßt uns erschauern 
in der Erbärmlichkeit eines Götzenkults allerschlimmster Art. — Das Buch, 
das von Geist blitzt und funkelt, aeigt uns den Weg zur neuen Welt- 
anschauung, von der der Verfasser sagt: „So, wie ich die Welt jetzt sehe, sieht 
sie zwar scheußlich aus, aber jetzt steht sie für mich endlich einmal richtig." 



4. Tausend ! 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

Das Geheimnis der Sprache 

Aus Höhen und Tiefen der Ausdrucksformen 

Oktav 363 Seite» in gediegener Ausstattung 

Grundpreis: Geheftet M. 5.- / Gebunden M. 1.50 

Tu außerordentlich fesselnder und ebenso eleganter wie gediegener Form, 
weitab von professoralem Dünkel und kleinlichem Philologengeschwätz, 
durchmißt der Verfasser Tiefen und Untiefen des sprachlichen Ausdrucks. 
Eine Fülle von Perspektiven tut sich auf, von denen nicht wenige neu, fast 
alle fruchtbar sind. Meisterlich die Diktion, schlagend die Beweisführung. 
Es funkelt von Sprachschätzen und Stilwundern auf jeder Seite, von Wissen 
und Witz, wahrem Kunstverstand und echtem Humor in jeder Zeile. Endlich 
einmal ein Buch über unsere Muttersprache, das nicht nur sachlich und 
klug, sondern auch heiter und graziös ist, zwar gelehrt, aber nicht langweilg 
und schwierig, originell, doch nicht verstiegen. 



Verlag: F. FONTANE & Co. in BERLIN SW6Ö 



Die angekündigten Preise sind Grundpreise. Der in Papiermark tatsächlich ru 

erlegende Ladenpreis ergibt sich aus der Multiplikation des hinter jedem Buch 

angegebenen Grundpreises mit der vom Börsenverein der deutschen Buchhändler 

jeweils festgesetzten Teuerungszahl 



Bin Buch von Wellbedeuiung! 
Soeben ertchlen doi 10.bU12.Tausend: 

Die ewigen Worte 

Kronschatz des Geistes 

Herausgegeben und erläutert von 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

260 Seiten /InwürdigerAusstattung 
Grundpreis: Geheftet M 4.50 / Gebunden M. 6.- 
r/"ein Zitatenschatz, wie wir deren schon so viele besitzen, sondern ein 
Brevier des Ungewöhnlichen, des Scharfsinns, des absonderlich Be- 
deutsamen, auch des paradoxen Weltwitzes, kurz, eine Auslese der 
packendsten Worte aus der Weltliteratur, die nicht ihresgleichen hat. 



Ein hochinteressantesBuch 

von 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

erschien ferner unter dem Titel: 

Unglaublichkeiten 

Heitere und ernste Paradoxe 

8° / 200 Seiten in geschmackvoller Ausstattung 

Grundpreis: Geheftet M. 2.50 / Gebunden M. 4,- 

T Tnglaublichkeiten" nennt Mo szkowski dieses Buch, „Heitere 

„und ernste Paradoxe", dargestellt in erlebten und erdachten 

krausen Wunderlichkeiten, in Rätseln und geistigen Abenteuern, die den 

Leser in unausgesetzter Spannung erhalten. Das Unwahrscheinliche, ja 

sogar scheinbar Unmögliche, hier wird es Ereignis. 



Perlen des Humors 

für Vortrag und Unterhaltung finden Sie in 

ALEXANDER MOSZKOWSKI^ 

Witzsammlungen : 

Die unsterbliche Kiste 

Die 333 besten Witze der Weltliteratur. Befür- und bevorwortet von Alexander 

Moszkowski. Mit Buchschmuck von W. Caspari und buntem Titelbild. 

101. bis 106. Tausend / Grundpreis: Mark 1.50 



Der judische Witz 

und seine Philosophie 

399 Juwelen echt gefaßt von 

ALEXANDER MOSZKOWSKI 

23. bis 28. Tausend / Mit buntem Titelbild / Grundpreis: Mark 1.50 



Verlag: Dr EYSLER® Co. AG. in 5ERLIN SWoö 



Die angekündigten Preise sind Grundpreise. Der in Papiermark tatsächlich xu 

erlegende Ladenpreis ergibt sich aus der Multiplikation des hinter jedem Buch 

angegebenen Grundpreises mit der vom Börsenverein der deutschen Buchhändler 

jeweils festgesetzten Teuerungszahl. 






r- 



A 



Alexander Mo§zhowshi 

bildet unter den lebenden deutschen Schriftstellern eine 
Klasse für sich. Seine in feinziselierter Sprache geschrie- 
benen populär-philosophischen Bücher gelten als Meister- 
werke geistreicher Einführung in gewisse Grenzgebiete 
menschlichen Wissens, Denkens und Fühlens. Wie kein 
anderer versteht er es, durch größte Farbigkeit der Dar- 
stellung die behandelten, oft schwierigen Probleme dem 
Verständnis des Lesers nahe zu bringen, gelegentlich aber 
auch durch Satire und Sarkasmus den Horizont freizu- 
halten für solche Durchblicke, die sich nur einem lachenden 
Philosophen öffnen Bisher sind erschienen : 



EINSTEIN 



Einblicke in seine 
Gedankenwelt 

Gemeinverständliche Betrachtungen über die 
Relativitätstheorie und ein neues Weltsystem 
entwickelt aus Gesprächen mit Einstein 



Die Weli von der Kehrseite 

Eine Philosophie der reinen Galle 

Das Geheimnis der Sprache 

Aus Höhen und Tiefen der Ausdrucksformen 

Entthronte Gottheiten 

Der wankende Parnafj • Sokrates der Idiot * Ketzerelen 



Alle Bände in geschmackvoller, würdiger Ausstattung 

Geheftet je M Z30. - • Gebunden je M 400.- 

Preise freibleibend • TeuerungszuschlSge vorbehalten 1 
Nach dem Ausland zuzüglich vorgesduiebenemValutazuschlag 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen! 

Ausführliche S p e z i a 1 p r o s p e k t e kostenlos! 



^.FONTANE & CO. IN BERLIN SW68 



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